AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 5/2010

Fernsehfilm Operation Scientology

Mit großem Geheimniskrämer-Tamtam hat die ARD das wahre Schicksal eines Aussteigers verfilmt. Das TV-Team fürchtete schon während des Drehs Ärger.

Von


Fotostrecke

2  Bilder
Fernsehfilm: Operation Scientology
Heiner von Rönn könnte eine ziemlich erschütternde Liste erstellen mit Menschen und Werten, die er an Scientology verloren hat: Abertausende Euro, zehn Jahre seines Lebens, seine damalige Frau und seine beiden Kinder.

Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 5/2010
Finanzkrise - Jagd auf die Kapital-Verbrecher

15 Jahre nach seinem Ausstieg aus dem Psycho-Imperium stand er kürzlich wieder mittendrin in seiner eigenen Vergangenheit, den Begriffen und Bedrohungen von einst. Seine Geschichte ist echt, die Kulisse war es nicht: In den nachgebauten Räumen einer Scientology-Niederlassung drehte ein Filmteam ein TV-Drama über eine Familie, die letztlich an der Organisation zerbrach. Die Story lehnt sich an Rönns Leben an, die gesamte Mannschaft des federführenden Südwestdeutschen Rundfunks (SWR) ging mit seltener Heimlichtuerei zu Werke.

Auf den Schildern, Drehbüchern, selbst auf der Regieklappe - überall stand als Titel "Der Tote im Sund". Es war ein Tarnname, weil die Dreharbeiten für diesen ARD-Film absolut geheim gehalten werden sollten. Erst diese Woche wollen die Verantwortlichen an die Öffentlichkeit gehen: Am Dienstag möchten sie das fertig gedrehte Projekt präsentieren, das schließlich am 31. März unter dem Titel "Bis nichts mehr bleibt" gezeigt werden soll.

Zum ersten Mal wird es also einen Spielfilm geben, in dem es um Scientology geht. Glaubensterror als Abendunterhaltung. Ist die ARD mutiger geworden? Oder Scientology schlichtweg harmloser?

In den vergangenen Jahren hat das Erste immer wieder Filme über sensible gesellschaftliche Themen gesendet wie etwa Contergan. Nun hat man sich einer Organisation gewidmet, die für ihr rücksichtsloses Verhalten gegenüber Kritikern und Journalisten bekannt ist. Doch war die ARD-Paranoia im Vorfeld wirklich begründet?

Carl Bergengruen, Fernsehfilmchef des SWR, verteidigt die Geheimhaltung: "Scientology hat permanent versucht, auf unterschiedlichsten Wegen Details über das Projekt zu erfahren. Wir mussten befürchten, dass die Organisation alles tun würde, um mit juristischen Mitteln die Ausstrahlung des Films zu verhindern." Daher habe man "aus Sicherheitsgründen" das Projekt "so lange wie möglich unter Verschluss gehalten". Leise Anflüge von Verfolgungswahn erwischten das Team trotzdem schon beim Dreh.

Am Set erzählte man sich, eine Art Pressesprecher von Scientology sei gesichtet worden. Ein andermal fand ein Informant des Regisseurs Niki Stein den Kofferraum seines Autos aufgebrochen vor.

Erst dachte er sich nichts dabei, bis Steins Telefon klingelte und er sich an die Notizbücher im Kofferraum erinnerte. "Wir wissen, dass Sie einen Film über Scientology drehen", sagte die Stimme am Telefon und legte wieder auf. Scientology dementiert auf Anfrage jede Beteiligung. Sonst wurden keine Vorfälle aktenkundig.

Immerhin: Während der Dreharbeiten spürte auch Aussteiger Rönn wieder altes Unbehagen. Er ist ein schweigsamer Mensch, der zwischen seinen Erzählungen oft hilfesuchend seine jetzige Frau Astrid ansieht. "Meiner Meinung nach war das so", sagt sie dann und übernimmt für ihren Mann das Antworten.

Auch sie war einst bei Scientology und stieg dann mit Rönn aus, während dessen erste Frau mit den Kindern dabeiblieb.

Astrid von Rönn kann Jahreszahlen, Episoden und Namen besser ordnen. Ihr Mann Heiner wirkt in diesen Momenten wie jemand, der leicht den Überblick übers eigene Leben verliert. Das erklärt vielleicht auch ein wenig, wie erwachsene Menschen anfangen können, an Thetane zu glauben und Zehntausende Euro für Vitamine oder Auditing auszugeben.

Bevor Rönn 1984 von Scientology zu einem "Kommunikationskurs" überredet wurde, hatte er von der Organisation nie gehört. Seine damalige Frau war bereits ein paar Monate dabei, überzeugt vom eigenen Bruder. Erst mehr als zehn Jahre später schaffte Rönn den Absprung, hochverschuldet und sozial isoliert; seine Familie war zu diesem Zeitpunkt nur mehr ein Fall fürs Familiengericht. Das alles solle wenigstens im Nachhinein einen Sinn bekommen, als Warnung helfen, findet er. So sei er bei dem TV-Projekt gelandet.

89 Minuten lang erzählt die Fiktion nun bemerkenswert unaufgeregt in Rückblenden, wie ein Mann in die Arme von Scientology gerät und hinterher um das Sorgerecht für sein Kind kämpft. Zu sehen ist auch eine Fahrt in eine Art Straflager in der Europazentrale der Psycho-Organisation, das plötzliche Verschwinden der Ehefrau zur Zentrale in Florida und die Kasernierung der Tochter in einem geheimen Internat.

2,5 Millionen Euro hat die ARD in den Film gesteckt. SWR-Mann Bergengruen hat das Geld in eine penible Recherche, gute Schauspieler und eine ziemlich genaue Rekonstruktion investiert.

Obwohl einiges verfremdet wurde, bleibt erstaunlich, wie offensiv das reale Vorbild Rönn mit seiner eigenen Geschichte umgeht. Dafür hat er jetzt Angst, dass sein Hund vergiftet werden könnte oder man ihm zu Hause die Scheiben einschmeißt.

Bislang galt der Stoff schon aus rechtlichen Gründen als schier unverfilmbar. Unter Filmleuten war man sich nahezu gewiss, dass Scientology Ausstrahlungen gerichtlich untersagen lassen würde. So übte sich die Öffentlichkeit in Debatten um die Verfassungsmäßigkeit des Imperiums, oder man erzählte sich Schauergeschichten über Gehirnwäschen der obskuren Glaubensgemeinschaft. Dazwischen gab es nichts.

SWR-Mann Bergengruen hat nun die Lücke geschlossen. Den Anstoß dazu gab ausgerechnet der Schauspieler und Star-Scientologe Tom Cruise. Im November 2007 wurde ihm mit allerlei Ehrenbezeugungen der Medienpreis Bambi des Burda-Verlags überreicht. Da reichte es Bergengruen.

Dass das dramatische Thema nun zur TV-Abendunterhaltung taugt, hat aber wohl noch einen anderen Grund: Erst mit einem bestimmten Abstand eignen sich reale Sujets bisweilen als Fiktion. Die härtesten Auseinandersetzungen zwischen deutscher Öffentlichkeit und Scientology sind schon etliche Jahre her.

Andererseits hat die Organisation laut einer Analyse des Verfassungsschutzes angeblich nichts an Gefährlichkeit eingebüßt. Viel spreche dafür, dass sie "sinnvollerweise auch und gerade mit geheimdienstlichen Mitteln beobachtet werden" müsse, urteilte das Verwaltungsgericht Köln.

Es sind nur noch ein paar Wochen, bis der Film im Fernsehen zu sehen sein wird. Kürzlich wurde Heiner von Rönn mit Frau und Hund vom Team noch mal in einen Vorführraum gebeten, um ihn vorab zu sehen. Rönn setzte sich mit seinem Hund in die erste Reihe. Als er sah, wie der Mann im Film an einem Geländer steht und sein Kind zum letzten Mal sieht, da weinte er.

Das TV-Drama endet mit dieser Szene. Das Leben der Rönns geht weiter. Nach der Vorführung fuhren sie zurück in ihre Dreizimmerwohnung am Hamburger Stadtrand. Im Kinderzimmer bewahrt Astrid von Rönn nun die Wäsche auf. Das ist die Realität ihres Lebens.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 85 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
wilczynski 02.02.2010
1. Gratulation zum Mut!
Man kann nur hoffen, daß es dieser kriminellen Sekte nicht gelingt, die Ausstrahlung dieses Filmes zu verhindern! So viele Menschen, wie möglich, sollten diesen Film sehen, damit sie nicht auch noch in die Fänge dieser abartigen kriminellen Organisation geraten!
Huuhbär, 02.02.2010
2. ...
Das das Thema endlich zur Sprache kommt finde ich gut. Hoffentlich wird bei HaF anschließend mit kompetenter Runde weiter aufgeklärt.
Arubeto 02.02.2010
3. Interesse geweckt
Alleine durch diesen Artikel ist hoffentlich das Interesse bei vielen Leuten geweckt. Die Bedrohung, die von dieser Organisation ausgeht, muss mehr Leuten stärker ins Bewusstsein rücken. Dadurch hat der Film mit Sicherheit schon ein Etappenziel erreicht.
maipiu 02.02.2010
4. Jetzt wird es sich zeigen...
wie einflussreich Scientology wirklich ist. Jeder Zuschauer vor der Glotze wird ein kleiner Sargnagel für Scientology sein, denn informierte Menschen gehen dieser Terrorsekte nicht so einfach auf den Leim. Ich fand es auch widerlich, wie dieser hirngewaschene Tom Cruise (bei Gottschalk) hofiert wurde. Aber Hysterie und Aufgeregtheit sind in dieser Angelegenheit schlechte Ratgeber. Bleiben wir also wie die Filmemacher beim SWR unaufgeregt und rational. Ich bin übrigens sehr gespannt auf den Film.
wilde Socke 02.02.2010
5. Cool!
Cooler Film! Muss vielleicht doch mal GEZ zahlen. Leider nervt die GEZ ihre Aussteiger ähnlich wie Scientology, deshalb zahle ich nicht. Zu Scientology: yo, den Kommunkationskurs habe ich auch mal gemacht. Fand ich ziemlich langweilig. Befehlen lernen. Cool bleiben unter Druck. Deshalb kann mir auch der GEZ-Schnüffler nix wollen. Klingel doch mal wieder, Alter, es ist immer ein Freude, so einen dumm blökenden adolf-artigen Blockwart-Typen zu sehen, wie er den Schwanz einzieht :-) Bei mir genügt es nicht, den Ausweis zu zeigen, die süßer Schnuckel-Fratz :-) Einfache Gemüter auf Sinnsuche werden leider leicht zum Opfer der Sekte. Selbst erlebt im Bekanntenkreis. Hinterher schieben sie noch 'ne Menge Verfolgungswahn bzw. leiden unter echten Nachstellungen. Nicht gut. Wer besseren Umgang mit Menschen lernen will, der ist mit den Klassikern von Dale Carnegie besser bedient. Scientology wird meiner Meinung nach auch deswegen verfolgt, weil sie ähnliche Ziele haben wie die Sekte, der wir alle brav folgen: Kapitology :-) "Mach Geld! Mach mehr Geld!!"
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© DER SPIEGEL 5/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.