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Ausgabe 6/2010

Berlinale: Der Geisterfilm

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Diese Woche feiert Roman Polanskis neuer Thriller "Der Ghostwriter" in Berlin Weltpremiere - ohne den Regisseur, der Ende September wegen eines alten Sexualdelikts verhaftet wurde. Der Film könnte als Kommentar in eigener Sache verstanden werden.

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Polanskis Polit-Thriller: Der Geisterfilm
Kein roter Teppich, keine Fans, keine Fotografen. Die Uraufführung von Roman Polanskis neuem Film war eine eher stille Angelegenheit. Sie fand statt am 17. Januar, einem Sonntag, in Polanskis Schweizer Chalet, einem Holzhaus am Ortsrand von Gstaad. Milky Way, Milchstraße, steht in Frakturschrift an der Fassade. Polanski hat sich in dem Chalet eine Heimkinoanlage installieren lassen, Leinwand, Beamer, perfekter Sound, perfektes Bild.

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Sein Produzent hatte ihm ein paar Tage zuvor aus Paris die DVD mit der Endfassung geschickt. Aber Polanski wollte den Film, seinen Film, nicht allein gucken und lud einen Freund, den britischen Schriftsteller Robert Harris, nach Gstaad ein. Harris hat Bestseller wie "Vaterland" und "Pompeji" geschrieben und war in den vergangenen drei Jahren Polanskis wichtigster Mitarbeiter. Von ihm stammt die Romanvorlage zum "Ghostwriter", und gemeinsam mit Polanski schrieb er auch das Drehbuch. Harris reiste extra aus England an für diesen Abend, er brachte eine Flasche Champagner mit. "Als der Film zu Ende war, haben wir die Flasche aufgemacht. Wir hatten allen Grund dazu", sagt Harris. "Weil unter denkbar schwierigen Umständen etwas geschaffen wurde."

Am Freitag dieser Woche wird Harris wieder zu einer Feier für den "Ghostwriter" fahren, diesmal nach Berlin, zur offiziellen Weltpremiere bei der 60. Berlinale. "Der Ghostwriter" läuft im Wettbewerb um den Goldenen Bären, allerdings nicht als Eröffnungsfilm. "Das wäre vielleicht als Statement zu etwas verstanden worden, in das wir uns nicht einmischen wollen", sagt Berlinale-Chef Dieter Kosslick. Mehr als 2000 Gäste werden zur Vorstellung am Potsdamer Platz erwartet, darunter die Hauptdarsteller Ewan McGregor und Pierce Brosnan, der pensionierte James Bond. Polanski aber wird nicht dabei sein.

Am 26. September ist er auf dem Flughafen Zürich verhaftet worden. Die Geister der Vergangenheit hatten ihn eingeholt, in Gestalt eines mehr als 30 Jahre alten amerikanischen Haftbefehls. 1977 hatte Polanski, damals 43 Jahre alt, in Los Angeles die 13-jährige Samantha Gailey sexuell missbraucht. 42 Tage lang wurde Polanski zur psychologischen Untersuchung ins Staatsgefängnis von Chino gesperrt. Am Ende sprachen sich alle Verfahrensbeteiligten, auch der Anwalt des Opfers, für eine Bewährungsstrafe aus. Nur der Richter machte einen Rückzieher. Am 31. Januar 1978, einen Tag vor der Urteilsverkündung, stieg Polanski in Los Angeles in ein Flugzeug nach Europa, one way.

In die USA kehrte Polanski nie zurück, auch nicht, als er 2003 für sein Holocaust-Drama "Der Pianist" den Oscar bekam. Dass sein Opfer ihm öffentlich verzieh und wiederholt die Einstellung des Verfahrens forderte, half ihm nicht.

Lange galt der Sex-Skandal als nur eine weitere bizarre Episode im unglaublichen Leben des Roman Polanski, 1933 in Paris geboren, in Krakau aufgewachsen, Regisseur von Meisterwerken wie "Rosemaries Baby" und "Chinatown", eines der größten Genies in der Geschichte des Kinos, ein Überlebenskünstler. Polanskis Mutter wurde von den Nazis in Auschwitz ermordet, seine zweite Frau Sharon Tate wurde, hochschwanger, 1969 mit ihrem ungeborenen Kind von Anhängern des Satanisten Charles Manson umgebracht.

Seit der Verhaftung in Zürich ist der Fall Polanski zum Politikum geworden, ein Kulturkampf, der die halbe Welt polarisiert. Politiker schalteten sich ein, aber auch viele prominente Kollegen aus der Filmbranche. Sympathisanten unterzeichneten, oft ohne mit den Details des Falls vertraut zu sein, Petitionen pro Polanski, seine Gegner diffamierten ihn, meist ebenso blindwütig, als Kinderschänder. Polanski lebe in "einer Scheinwelt der Selbstgefälligkeit" und müsse endlich in den USA vor Gericht gestellt werden, urteilte das "Wall Street Journal".

Mehr als zwei Monate verbrachte Polanski in einem Schweizer Gefängnis. Seine Anwälte, Juristen in der Schweiz, in Frankreich, in den USA, versuchen, seine Auslieferung zu verhindern. Seit Anfang Dezember lebt er nun, nach Zahlung einer Kaution in Höhe von 4,5 Millionen Franken, in seinem Chalet in Gstaad. Eine Polizeieskorte brachte ihn dorthin, empfangen wurde er von mehr als hundert Fotografen, Kameraleuten und Journalisten, einige von ihnen mieteten sogar Hubschrauber, um einen Schuss von oben zu bekommen. "Schakale", so nennt Polanski die Meute draußen vor seinem Haus. Er spricht nicht mit Journalisten, auch nicht mit dem SPIEGEL. Wenn man Glück hat, schreibt er eine E-Mail: "Es tut mir leid, aber ich möchte nicht interviewt werden."

Statt seiner spricht Robert Harris, der Schriftsteller und Freund. Harris lebt in einem alten Pfarrhaus in der Grafschaft Berkshire, hundert Kilometer westlich von London. "The Old Vicarage" sieht aus wie ein kleines Schloss in einer Jane-Austen-Verfilmung. Im Hof parken vier Autos, darunter ein Aston Martin. Harris ist 52 Jahre alt, er hat inzwischen die Aura eines Landadeligen, früher einmal war er ein Politikjournalist. In der "New York Times" schrieb er im vergangenen Jahr einen wütenden Gastkommentar, für Polanski natürlich: "Warum verhaftet man ihn gerade jetzt?", fragte Harris. "Wenn er so eine Gefahr und ein moralischer Affront für die zivilisierte Welt ist", hätte man ihn längst verhaften müssen. Das sei, aus guten Gründen, nicht passiert.

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