Von Bruno Schrep
Die Vorderfront, vor Jahresfrist neu verputzt, sieht blendend aus. Freundliche Farben, beige und weinrot, ein paar Balkone, unten gepflegter Rasen. An der Ecke ein nettes griechisches Lokal, die Taverna Mykonos.
Einige Mieter wollen deshalb weg, ganz schnell. Andere sind heilfroh, überhaupt hier zu sein. Sie haben keine Alternative.
Das vierstöckige Gebäude im Hamburger Stadtteil Eilbek steht inmitten einer unauffälligen Wohngegend, weit weg von den sozialen Brennpunkten der Metropole. Doch die meisten Bewohner leben am Existenzminimum, von Sozialhilfe oder von Hartz IV, mit anderen Gescheiterten Tür an Tür. Ein modernes Armenhaus.
Mehr als die Hälfte der Apartments gehört Thorsten Kuhlmann, Ende 40, kurze Haare, sportliche Figur, energisches Auftreten. Die Wohnungen sind Teil einer ausgekochten Geschäftsidee. Kuhlmanns Grundstücksgesellschaft hat sich auf die Vermietung an Hartz-IV-Empfänger spezialisiert. 500 Wohneinheiten besitzt der gelernte Automechaniker in und um Hamburg.
Kuhlmann ist der einzige Gewinner im Haus der Verlierer.
Die Apartments in Eilbek hat er billig ersteigert. Das Gebäude, um 1915 als Schule erbaut, hatte den Vorbesitzern kein Glück gebracht. Dutzende kleine Kapitalanleger, die nach der Aufteilung des Häuserblocks einzelne Wohnungen kauften, waren auf Versprechungen über garantiert hohe Mieten hereingefallen - und sahen am Ende ihre Illusionen vom lukrativen Immobilieneigentum zerstört.
Kuhlmann kalkuliert anders. Um seine Einnahmen muss er sich keine Sorgen machen; in den meisten Fällen zahlt die Miete der Staat, mithin der Steuerzahler. Und der Renovierungsaufwand ist gering: Die meisten Mieter - dankbar, eine Wohnung zu haben - trauen sich kaum, Mängel massiv anzumahnen.
Nicole U. und Arne S. sind vor eineinhalb Jahren mit viel Elan in das Ein-Zimmer-Apartment im dritten Stock gezogen. In der Entzugsklinik, in der sie sich kennenlernten, schworen sie sich, nie mehr Heroin zu spritzen, ganz neu anzufangen. Da hatte Nicole U. bereits eine gescheiterte Ehe und zwei Geburten hinter sich und Arne S., gelernter Buchbinder, schon die Träume von einer erfolgreichen Musikerkarriere begraben.
Sie strichen die Wände knallrot an, besorgten sich ein paar Möbel, stellten sie zu den beiden Käfigen mit den zahmen Ratten aus ihrer Punk-Vergangenheit. Doch hohe Dosen der Ersatzdroge Methadon, verschrieben gegen die Heroinsucht, ließen ihren Anfangsschwung schnell erlahmen.
Fortbildungskurse, Bewerbungstraining, Jobsuche? Morgen, bestimmt. Den Müll wegbringen, der sich schon von der Küchenzeile im Flur bis ins Wohnzimmer ausbreitet? Morgen, auf alle Fälle. Die Rattenkäfige säubern? Morgen, ganz sicher. Das war vor sechs Monaten.
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© DER SPIEGEL 7/2010
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