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Ausgabe 7/2010

Hirnforschung: Rettung für die Verschütteten

Von Manfred Dworschak

Mit Schädelelektroden wollen Neurologen Kontakt zu Menschen im Wachkoma aufnehmen. Testfall: der Belgier Rom Houben, der 23 Jahre lang unentdeckt dahindämmerte.

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Hirnforschung: Rettung für die Verschütteten
Tagein, tagaus klebt Marie-Aurélie Bruno verkabelte Kappen mit Elektroden auf die rasierten Schädel ihrer Patienten. Die Neuropsychologin von der Uni Lüttich sucht nach Signalen in den zittrigen Kurven der Hirnströme. Es könnte eine Nachricht darin verborgen sein.

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Ihre Patienten liegen im Wachkoma. Die meiste Zeit scheinen sie vollkommen entrückt, obwohl ihre Augen offen sind. Nur selten verrät ein Zwinkern oder ein Händedruck, dass sich hier noch schwach ein Bewusstseinsrest regt. Wer direkt an ihrem Gehirn lauschen könnte, hätte einen besseren Zugang. "Wir versuchen, in Einzelfällen sogar über diesen Weg zu kommunizieren", sagt Steven Laureys, Leiter der Lütticher Forschungsgruppe.

Die Technik stammt aus dem Labor des Neurologen Niels Birbaumer von der Universität Tübingen. "Bei uns funktioniert das schon ziemlich gut", sagt Birbaumer. Er behandelt damit Patienten mit dem Locked-in-Syndrom: Sie sind nachweisbar bei vollem Bewusstsein, aber von Kopf bis Fuß gelähmt. Im Labor können einige dank der Elektroden nun bereits einen Computer als Schreibgerät nutzen: Auf einem Bildschirm erscheint rasch nacheinander eine Auswahl von Buchstaben; den gewünschten bestätigen die Probanden, indem sie sich kurz auf "Ja" konzentrieren. Mal gelingt das in wenigen Sekunden, mal dauert es eine Minute.

Die Forscher in Lüttich hoffen, dass diese Methode auch ihrem inzwischen berühmtesten Patienten hilft: Rom Houben, 46, verbrachte nach einem Autounfall 23 Jahre unentdeckt im Wachkoma (SPIEGEL 48/2009). Für ihn könnte es der einzig verbleibende Weg sein, sich seiner Mitwelt verständlich zu machen.

Das Personal im Pflegeheim hatte es bei dem Mann zunächst mit einer Bildschirmtastatur versucht, die er mit seinem rechten, nicht vollständig gelähmten Zeigefinger bediente. Eine Weile lang sah das nach einer guten Idee aus: Mit etwas Übung gelang es Houben, zügig zu tippen; zwar machte er viele Fehler, doch ließen sich seine Mitteilungen entschlüsseln.

Eine Logopädin musste dabei allerdings hinter ihm stehen und seine Hand stützen. Der Neurologe Laureys versicherte, er habe sich zuvor davon überzeugt, dass nicht in Wahrheit die Logopädin schreibt.

Die Überprüfung war aber, wie sich nun zeigt, nicht gründlich genug gewesen. Wer sichere Ergebnisse will, muss die Patienten einer langwierigen Prozedur unterziehen. Menschen mit einem schweren Schädel-Hirn-Trauma sind nicht immer bereit, anstrengenden Anweisungen zu folgen; auch schlafen sie viel, und gelegentlich versinken sie in längere Delirien. Um fälschlich negative Befunde auszuschließen, sind deshalb wiederholte Testläufe über mehrere Wochen hinweg nötig.

Das hat Laureys jetzt nachgeholt. Resultat: Houben schrieb wohl doch nicht selbst; er hat nicht genug Kraft und Muskelkontrolle in seinem rechten Arm, um Zeichen anzusteuern. Die Logopädin, im Bemühen, dem Mann zum Ausdruck zu verhelfen, übernahm also unbewusst die Führung - solche Selbsttäuschungen kommen bei der Methode immer wieder vor. Auch die Auskünfte, die Houben Ende vorigen Jahres dem SPIEGEL gab, stammten demnach nicht von ihm.

Im aktuellen Test bekam Houben nun der Reihe nach ein Wort vorgesprochen oder einen von 15 Gegenständen gezeigt; die Logopädin war nicht dabei. Danach sollte der Mann jeweils den richtigen Begriff aufschreiben - es gelang kein einziges Mal.

Die Methode des "Gestützten Schreibens" an sich ist damit aber nicht unbedingt diskreditiert. Ein anderer gelähmter Proband mit vergleichbarer Hirndiagnose, den Laureys ebenfalls untersuchte, lag bei den Kontrollfragen 15-mal richtig: "Das bedeutet, man muss wirklich jeden Einzelfall prüfen."

Die Arbeit mit Houben beginnt nun von vorn. Sicher ist nur: Die Aufnahmen seines Gehirns zeigen Aktivitäten, die sich von denen eines Gesunden nur wenig unterscheiden. Dass er bei Bewusstsein ist, halten die Forscher somit für ziemlich sicher. Sie sind in der verzweifelten Lage eines Rettungstrupps, der versucht, einen Verschütteten auszugraben.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 9 Beiträge
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1. Ableitung an Ort und Stelle?
marasek, 12.02.2010
Wenn der Zeigefinger noch bewegt werden kann, warum dann nicht die dort vorhandene Aktivität ausnutzen?
2. Brennende Frage
Bala Clava 12.02.2010
Zitat von sysopMit Schädelelektroden wollen Neurologen Kontakt zu Menschen im Wachkoma aufnehmen. Testfall: der Belgier Rom Houben, der 23 Jahre lang unentdeckt dahindämmerte. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,677599,00.html
Erste Frage des Arztes (in Deutschland): "Privat oder Kasse?"
3. Blicksteuerung...
hel0815 12.02.2010
Irgendwie wundere ich mich immer wieder, warum in so einem Fall nicht die Möglichkeit der Blicksteuerung genutzt wird. Diese Systeme sind zwar immer noch sehr teuer, funktionieren aber und in Deutschland übernimmt dafür aber sorgar die Kasse die Kosten. Dieses Verfahren ist berührungslos und viel schneller als die Steuerung über Hirnaktivität.
4. Großartige Forschung
frau trallala 13.02.2010
Zitat von Bala ClavaErste Frage des Arztes (in Deutschland): "Privat oder Kasse?"
Ich finde es einfach fürchterlich, diese an sich wunderbaren Forschungsergebnisse gleich wieder dazu zu benutzen, sich über irgendetwas zu beschweren In erster Linie sollte man natürlich daran denken, wie sehr jeder Fortschritt in dieser Richtung den Betroffenen und ihren Angehörigen in dieser schlimmen Situation hilft und das ganze als Grund zur Freude und nicht als Einladung zum Meckern auffassen. Zweitens: Bevor man solche pauschalen Behauptungen in den Raum stellt, sollte man sich erst einmal informieren, denn Privat ist nicht automatisch besser als Kasse. Beispielsweise werden bei Patienten mit Amylotropher Lateralsklerose (einer schweren degenerativen Nervenerkrankung, die zur vollständigen Lähmung führt) von den gesetzlichen Kassen mit den Augen steuerbare Computer anstandslos bezahlt. Hingegen haben haben Privatversicherte in dieser Situation, die im Endstadium der im Artikel beschriebenen gar nicht unähnlich ist, wesentlich schlechtere Karten. Sie bekommen die teuren Computer, die einzige Möglichkeit der Kommunikation, wenn überhaupt oftmals nur nach langwierigem Rechtsstreit mit ihrer Kasse. Der Grund ist, dass private Kassen genau aufführen, welche medizinischen Geräte bezahlt werden während die gesetzlichen allgemeiner gefasste Bedingungen haben und bezahlen, solange es medizinisch sinnvoll und notwendig ist. Also bitte erst informieren anstatt jede noch so gute Nachricht als Aufforderung zu sehen, seinen Pessimismus zur Schau zu stellen. Wie gut ein Patient versorgt wird, hängt auch viel davon ab, wie sehr sich ein Arzt für seinen Beruf und seine Patienten interessiert und einsetzt. Dabei kann man auch großes Pech haben, auch mit Privatversicherung.
5. #
myspace 13.02.2010
Zitat von sysopMit Schädelelektroden wollen Neurologen Kontakt zu Menschen im Wachkoma aufnehmen. Testfall: der Belgier Rom Houben, der 23 Jahre lang unentdeckt dahindämmerte. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,677599,00.html
Darf man das Leben eines Menschen, der jahrelang im Wachkoma vegetiert ohne Kommunikation mit der Außenwelt, überhaupt künstlich verlängern? *Das* nenne ich ein ethisches Dilemma.
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