Hirnforschung: Rettung für die Verschütteten
Mit Schädelelektroden wollen Neurologen Kontakt zu Menschen im Wachkoma aufnehmen. Testfall: der Belgier Rom Houben, der 23 Jahre lang unentdeckt dahindämmerte.
Tagein, tagaus klebt Marie-Aurélie Bruno verkabelte Kappen mit Elektroden auf die rasierten Schädel ihrer Patienten. Die Neuropsychologin von der Uni Lüttich sucht nach Signalen in den zittrigen Kurven der Hirnströme. Es könnte eine Nachricht darin verborgen sein.
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Ihre Patienten liegen im Wachkoma. Die meiste Zeit scheinen sie vollkommen entrückt, obwohl ihre Augen offen sind. Nur selten verrät ein Zwinkern oder ein Händedruck, dass sich hier noch schwach ein Bewusstseinsrest regt. Wer direkt an ihrem Gehirn lauschen könnte, hätte einen besseren Zugang. "Wir versuchen, in Einzelfällen sogar über diesen Weg zu kommunizieren", sagt Steven Laureys, Leiter der Lütticher Forschungsgruppe.
Die Technik stammt aus dem Labor des Neurologen Niels Birbaumer von der Universität Tübingen. "Bei uns funktioniert das schon ziemlich gut", sagt Birbaumer. Er behandelt damit Patienten mit dem Locked-in-Syndrom: Sie sind nachweisbar bei vollem Bewusstsein, aber von Kopf bis Fuß gelähmt. Im Labor können einige dank der Elektroden nun bereits einen Computer als Schreibgerät nutzen: Auf einem Bildschirm erscheint rasch nacheinander eine Auswahl von Buchstaben; den gewünschten bestätigen die Probanden, indem sie sich kurz auf "Ja" konzentrieren. Mal gelingt das in wenigen Sekunden, mal dauert es eine Minute.
Die Forscher in Lüttich hoffen, dass diese Methode auch ihrem inzwischen berühmtesten Patienten hilft: Rom Houben, 46, verbrachte nach einem Autounfall 23 Jahre unentdeckt im Wachkoma (SPIEGEL 48/2009). Für ihn könnte es der einzig verbleibende Weg sein, sich seiner Mitwelt verständlich zu machen.
Das Personal im Pflegeheim hatte es bei dem Mann zunächst mit einer Bildschirmtastatur versucht, die er mit seinem rechten, nicht vollständig gelähmten Zeigefinger bediente. Eine Weile lang sah das nach einer guten Idee aus: Mit etwas Übung gelang es Houben, zügig zu tippen; zwar machte er viele Fehler, doch ließen sich seine Mitteilungen entschlüsseln.
Eine Logopädin musste dabei allerdings hinter ihm stehen und seine Hand stützen. Der Neurologe Laureys versicherte, er habe sich zuvor davon überzeugt, dass nicht in Wahrheit die Logopädin schreibt.
Die Überprüfung war aber, wie sich nun zeigt, nicht gründlich genug gewesen. Wer sichere Ergebnisse will, muss die Patienten einer langwierigen Prozedur unterziehen. Menschen mit einem schweren Schädel-Hirn-Trauma sind nicht immer bereit, anstrengenden Anweisungen zu folgen; auch schlafen sie viel, und gelegentlich versinken sie in längere Delirien. Um fälschlich negative Befunde auszuschließen, sind deshalb wiederholte Testläufe über mehrere Wochen hinweg nötig.
Das hat Laureys jetzt nachgeholt. Resultat: Houben schrieb wohl doch nicht selbst; er hat nicht genug Kraft und Muskelkontrolle in seinem rechten Arm, um Zeichen anzusteuern. Die Logopädin, im Bemühen, dem Mann zum Ausdruck zu verhelfen, übernahm also unbewusst die Führung - solche Selbsttäuschungen kommen bei der Methode immer wieder vor. Auch die Auskünfte, die Houben Ende vorigen Jahres dem SPIEGEL gab, stammten demnach nicht von ihm.
Im aktuellen Test bekam Houben nun der Reihe nach ein Wort vorgesprochen oder einen von 15 Gegenständen gezeigt; die Logopädin war nicht dabei. Danach sollte der Mann jeweils den richtigen Begriff aufschreiben - es gelang kein einziges Mal.
Die Methode des "Gestützten Schreibens" an sich ist damit aber nicht unbedingt diskreditiert. Ein anderer gelähmter Proband mit vergleichbarer Hirndiagnose, den Laureys ebenfalls untersuchte, lag bei den Kontrollfragen 15-mal richtig: "Das bedeutet, man muss wirklich jeden Einzelfall prüfen."
Die Arbeit mit Houben beginnt nun von vorn. Sicher ist nur: Die Aufnahmen seines Gehirns zeigen Aktivitäten, die sich von denen eines Gesunden nur wenig unterscheiden. Dass er bei Bewusstsein ist, halten die Forscher somit für ziemlich sicher. Sie sind in der verzweifelten Lage eines Rettungstrupps, der versucht, einen Verschütteten auszugraben.
- 1. Teil: Rettung für die Verschütteten
- 2. Teil: Haben Sie Brüder?
© DER SPIEGEL 7/2010
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