Plötzlich klettert die Außentemperatur auf der Anzeige um etliche Grad nach oben. Dabei ist es in elf Kilometer Höhe nicht wirklich wärmer geworden. Der Messfehler entsteht, weil sich dicke Eiskristalle auf dem Sensor sammeln, der an der Außenhaut des Flugzeugs angebracht ist. Die Kristalle isolieren den Fühler gegen die Kälte hoch oben in der Erdatmosphäre. Das war offenbar der Anfang.
Immer mehr Eis wird in den Gewitterwolken über dem Atlantik emporgeschleudert. Nun legt es auch weit wichtigere Sensoren lahm: Die röhrenförmigen Geschwindigkeitsmesser, sogenannten Pitot-Sonden, geben ihren Geist auf.
Eine Warnmeldung nach der anderen flammt nun auf den Monitoren des Cockpits auf. Kurz hintereinander schalten sich ab: der Autopilot, die automatische Regelung des Triebwerksschubs, die Flugcomputer. "Das war wie ein Gehirnschlag", sagt Gérard Arnoux, Chef der französischen Pilotengewerkschaft SPAF.
Die letzten vier Minuten von AF 447 sind angebrochen - vier Minuten vom Ausfall der Geschwindigkeitsmesser bis zum Aufprall auf den Ozean, vier Minuten bis zum Tod von 228 Menschen.
Mulmiges Gefühl
Kaum ein Absturz der letzten Jahre hat Flugpassagiere derart verunsichert. Wie konnte es passieren, dass ein Airbus einer so großen, vermeintlich sicheren Fluglinie einfach so verschwindet?
Noch immer herrscht ein mulmiges Gefühl unter den Passagieren auf der Strecke Rio-Paris. Die Flugnummer wurde nach dem Unglück umbenannt in AF 445.
Manch ein Vielflieger bucht seither lieber Tagesflüge über den Atlantik, weil die Piloten tagsüber Gewitterzonen besser erkennen können.
In den kommenden Wochen soll erneut eine großangelegte Suchaktion nach den Flugschreibern der Unglücksmaschine starten. Noch einmal sollen 2000 Quadratkilometer gebirgiger Ozeangrund abgesucht werden - unter anderem mit einem U-Boot aus Kiel. "Bevor wir diese Suche nicht abgeschlossen haben, sollte man zum Unfallhergang nicht spekulieren", erklärt Jean-Paul Troadec, Direktor der französischen Flugunfalluntersuchungsbehörde BEA.
Andere Experten sind weniger zurückhaltend. "Wir wissen inzwischen recht genau, warum das Unglück geschah", konstatiert Pilotengewerkschafter Arnoux.
Im Laufe der mehrmonatigen Untersuchungen haben Experten Beweisstücke zusammengetragen, um die letzten vier Minuten an Bord verhältnismäßig genau rekonstruieren zu können. Dabei wurde eine Sicherheitslücke offenbar, die alle derzeit zugelassenen Düsenflugzeuge betrifft. "So ein Unfall wie dieser könnte jederzeit wieder passieren", warnt Gewerkschafter Arnoux.
Für ihr Katastrophen-Puzzle rekonstruierten die Sachverständigen Dutzende Zwischenfälle mit anderen Airbus-Maschinen. Wrack- und Leichenteile lassen Rückschlüsse zu, wie die Maschine abgestürzt ist. Im Detail wurden auch jene 24 automatischen Pannenmeldungen analysiert, die das Flugzeug kurz vor dem Ende über Satellit an die Pariser Zentrale funkte. Vor allem eine Nachricht könnte jetzt das Rätsel um Flug AF 447 lösen - und zwar die letzte vor dem Aufprall.
In der Nacht zum ersten Juni stand der Halbmond über dem Atlantik - keine so schlechte Voraussetzung für einen Flug durch die gefährliche innertropische Konvergenzzone. Dort toben schwere Gewitter, Wolkentürme versperren den Weg wie bei einem Hindernisparcours. Neben dem bordeigenen Radar hilft ein heller Mond, die riskanten Wolkenformationen rechtzeitig zu erkennen.
Andere Maschinen flogen in der Unglücksnacht um die Unwetter herum und nahmen damit einen Umweg in Kauf.
Warum flog ausgerechnet AF 447 geradewegs hinein ins tödliche Gewölk? Beginnt die Tragödie vielleicht schon vor dem Start der Maschine?
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© DER SPIEGEL 8/2010
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