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Ausgabe 8/2010

Luftfahrt: Gehirnschlag im Cockpit

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Der Absturz von Air France AF 447 ist eines der rätselhaftesten Unglücke in der Geschichte der Luftfahrt. Inzwischen aber lassen sich die letzten Minuten an Bord genau rekonstruieren - ein Protokoll des Schreckens, das Sicherheitslücken im Flugverkehr offenbart.

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Von Rio nach Paris: Untersuchung eines rätselhaften Flugunglücks
Eine winzige technische Störung kündigt die Katastrophe an. So unauffällig ist der Messfehler, dass die Piloten im Cockpit des Airbus A330 ihn wohl kaum bemerkt haben.

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Drei Stunden und 40 Minuten ist die Air-France-Maschine mit der Flugnummer AF 447 seit ihrem Start am Abend des 31. Mai 2009 in Rio de Janeiro schon in der Luft. Seit einer halben Stunde rütteln heftige Turbulenzen an dem Flugzeug; und nur die abgebrühtesten Vielflieger schlafen noch.

Plötzlich klettert die Außentemperatur auf der Anzeige um etliche Grad nach oben. Dabei ist es in elf Kilometer Höhe nicht wirklich wärmer geworden. Der Messfehler entsteht, weil sich dicke Eiskristalle auf dem Sensor sammeln, der an der Außenhaut des Flugzeugs angebracht ist. Die Kristalle isolieren den Fühler gegen die Kälte hoch oben in der Erdatmosphäre. Das war offenbar der Anfang.

Immer mehr Eis wird in den Gewitterwolken über dem Atlantik emporgeschleudert. Nun legt es auch weit wichtigere Sensoren lahm: Die röhrenförmigen Geschwindigkeitsmesser, sogenannten Pitot-Sonden, geben ihren Geist auf.

Eine Warnmeldung nach der anderen flammt nun auf den Monitoren des Cockpits auf. Kurz hintereinander schalten sich ab: der Autopilot, die automatische Regelung des Triebwerksschubs, die Flugcomputer. "Das war wie ein Gehirnschlag", sagt Gérard Arnoux, Chef der französischen Pilotengewerkschaft SPAF.

Die letzten vier Minuten von AF 447 sind angebrochen - vier Minuten vom Ausfall der Geschwindigkeitsmesser bis zum Aufprall auf den Ozean, vier Minuten bis zum Tod von 228 Menschen.

Mulmiges Gefühl

Kaum ein Absturz der letzten Jahre hat Flugpassagiere derart verunsichert. Wie konnte es passieren, dass ein Airbus einer so großen, vermeintlich sicheren Fluglinie einfach so verschwindet?

Noch immer herrscht ein mulmiges Gefühl unter den Passagieren auf der Strecke Rio-Paris. Die Flugnummer wurde nach dem Unglück umbenannt in AF 445.

Manch ein Vielflieger bucht seither lieber Tagesflüge über den Atlantik, weil die Piloten tagsüber Gewitterzonen besser erkennen können.

In den kommenden Wochen soll erneut eine großangelegte Suchaktion nach den Flugschreibern der Unglücksmaschine starten. Noch einmal sollen 2000 Quadratkilometer gebirgiger Ozeangrund abgesucht werden - unter anderem mit einem U-Boot aus Kiel. "Bevor wir diese Suche nicht abgeschlossen haben, sollte man zum Unfallhergang nicht spekulieren", erklärt Jean-Paul Troadec, Direktor der französischen Flugunfalluntersuchungsbehörde BEA.

Andere Experten sind weniger zurückhaltend. "Wir wissen inzwischen recht genau, warum das Unglück geschah", konstatiert Pilotengewerkschafter Arnoux.

Im Laufe der mehrmonatigen Untersuchungen haben Experten Beweisstücke zusammengetragen, um die letzten vier Minuten an Bord verhältnismäßig genau rekonstruieren zu können. Dabei wurde eine Sicherheitslücke offenbar, die alle derzeit zugelassenen Düsenflugzeuge betrifft. "So ein Unfall wie dieser könnte jederzeit wieder passieren", warnt Gewerkschafter Arnoux.

Für ihr Katastrophen-Puzzle rekonstruierten die Sachverständigen Dutzende Zwischenfälle mit anderen Airbus-Maschinen. Wrack- und Leichenteile lassen Rückschlüsse zu, wie die Maschine abgestürzt ist. Im Detail wurden auch jene 24 automatischen Pannenmeldungen analysiert, die das Flugzeug kurz vor dem Ende über Satellit an die Pariser Zentrale funkte. Vor allem eine Nachricht könnte jetzt das Rätsel um Flug AF 447 lösen - und zwar die letzte vor dem Aufprall.

In der Nacht zum ersten Juni stand der Halbmond über dem Atlantik - keine so schlechte Voraussetzung für einen Flug durch die gefährliche innertropische Konvergenzzone. Dort toben schwere Gewitter, Wolkentürme versperren den Weg wie bei einem Hindernisparcours. Neben dem bordeigenen Radar hilft ein heller Mond, die riskanten Wolkenformationen rechtzeitig zu erkennen.

Andere Maschinen flogen in der Unglücksnacht um die Unwetter herum und nahmen damit einen Umweg in Kauf.

Warum flog ausgerechnet AF 447 geradewegs hinein ins tödliche Gewölk? Beginnt die Tragödie vielleicht schon vor dem Start der Maschine?

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 351 Beiträge
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1. noch mehr Spekulationen...
skytec 23.02.2010
Warum schreibt spiegel online wie so viele Magazine immer mehr über AF 447? Es sind in der zwischenzeit keinerlei weiteren Informationen bekannt geworden, die Daten, die über das ACARS vor dem Totalverlust gesendet wurden, lassen keinerlei endgültigen Schlüsse zu, die FDRs liegen weiterhin irgendwo zwischen 4000 und 6000 Metern Tiefe, und dennoch fühlen sich die Medien verpflichtet, noch mehr Halbwahrheiten über die Absturzursache zu veröffentlichen. Dabei sind es die Medien selbst, die voreilige Schlüsse fordern und die wahre Ursachenforschung verzerren, indem sie die PR-Abteilungen aller großen Airlines dazu zwingen, sich gegenseitig in Dementi bezüglich eventuell installierter oder nicht installierter Pitotröhren zu übertreffen. Die Berichterstattung über den Absturz von AF 447 ist eines der größten Armutszeugnisse moderner Nachrichtenberichterstattung.
2. Tempo
72%Edelcacao 23.02.2010
Vielleicht weiß es ein Techniker? Warum nutzt man nicht GPS-Technik als Backup? Vielleicht nicht supergenau, aber besser als nichts?
3. GPS bringt nichts
MartinHa 23.02.2010
GPS bringt nichts, da die entscheidende Geschwindigkeit die gegenüber der umgebenden Luft ist. Da gerne mal 200 km/h Gegen- oder Rückenwind herrschen, ist die GPS-Geschwindigkeit quasi nutzlos.
4. x
mmueller60 23.02.2010
Ich habe nur wenig Wissen über die Fliegerei, vor allem aus früheren PC-Flugsimulatoren. Für mich bleibt offen: Warum müssen die Piloten hilflos zuschauen, wenn die Strömung abreißt? Man muß doch auch bei großen Flugzeugen die Nase nach unten lenken können, so daß man in über einen Sturzflug wieder an Geschwindigkeit gewinnt und das Flugzeug wieder lenkbar wird. Wäre schön, wenn das für uns Nichtflieger erklärt werden könnte.
5. GPS ermittelt die Ground-Speed...
Sergeij 23.02.2010
Zitat von 72%EdelcacaoVielleicht weiß es ein Techniker? Warum nutzt man nicht GPS-Technik als Backup? Vielleicht nicht supergenau, aber besser als nichts?
Weil diese nur die Geschwindigkeit über Grund angibt, die für ein Flugzeug unwichtig ist. Das Flugzeug lebt einzig und alleine von der Airspeed, d.h. der Geschwindigkeit relativ zur umgebenden Luft. Kann diese Geschwindigkeit nicht mehr korrekt ermittelt werden, so kann der zulässige Geschwindigkeitsbereich des Flugzeuges über- oder unterschritten werden. Dieser Geschwindigkeitsbereich hängt vom Gewicht des Flugzeuges und der Luftdichte, d.h. der Flughöhe ab. Wird die Maximalgeschwindigkeit überschritten, so droht die Beschädigung von Trag- oder Steuerflächen - und damit der Absturz. Wird die Minimalgeschwindigkeit unterschritten, so reißt die Strömung ab und das Flugzeug ist nicht mehr flugfähig. Bei den Flughöhen, in denen moderne Passagierflugzeuge heutzutage fliegen, liegen die Maximal- und Minimalgeschwindigkeit nur knapp 100 Knoten auseinander, d.h. eine genaue Kontrolle der Fluglage (Angle-of-Attack) und der Geschwindigkeit (Indicated Airspeed) ist lebenswichtig... cu/ Sergeij
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Fotostrecke
Air-France-Flug 447: Katastrophe über dem Atlantik
Protokoll: Die letzten Signale des Unglücks-Airbus
23 Uhr (Ortszeit)
Der Pilot meldet der Zeitung "O Estado de S. Paulo" zufolge, dass er durch "CBs" fliege - schwarze, elektrisch aufgeladene Wolken, die mit starken Winden und Blitzen einhergehen. Satellitendaten haben gezeigt, dass Gewitterwolken zu dieser Zeit bis zu 160 Kilometer pro Stunde schnelle Sturmböen gegen die Flugrichtung der Maschine schickten.
23.10 Uhr
Eine Flut automatischer Meldungen deutet auf Probleme hin: Autopilot ausgeschaltet, Kontrollen zur Stabilisierung des Flugzeugs ausgefallen, Flugsysteme beeinträchtigt.
23.13 Uhr
Überwachungssysteme, die Geschwindigkeit, Höhe und Flugrichtung angeben, sind ausgefallen. Der Hauptflugcomputer und die Tragflächenklappen funktionieren nicht mehr.
23.14 Uhr
Die letzte Meldung deutet auf einen Druckabfall in der Kabine und einen kompletten Systemausfall hin - katastrophale Ereignisse, als das Flugzeug womöglich bereits in den Ozean stürzte.