Fotografie: Lichtpunkt im Auge
Ein US-Informatiker hat sich darauf spezialisiert, Fotofälschungen zu entlarven. Jetzt entzauberte er eine kühne Theorie um den Kennedy-Mord.
Die Arme des Diktators hängen schlaff herunter, die Gesichtszüge sind leer, die Augen verborgen hinter einer Sonnenbrille, doch immerhin: Der "Liebe Führer" lebt!
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Hier war er also plötzlich wieder, im grauen Anorak und inmitten von Militärs. Westliche Medien bekundeten umgehend Zweifel an der Authentizität der Aufnahme. "Gefälschtes Foto belebt Gerüchte um Kim", meldete "BBC News". Und die Londoner "Times" spottete: "Hat Photoshop auf dem Kim-Bild versagt?"
Kundigen war aufgefallen, dass der kleingewachsene Kim einen anderen Schatten warf als die Militärs um ihn herum, und interpretierten dies als Indiz für eine Fälschung.
Nun aber offenbart ein amerikanischer Informatiker: Das Foto ist echt. "Unser Auge ist bisweilen kolossal unfähig, wenn es darum geht, Geometrie richtig zu deuten", meint Hany Farid vom Dartmouth College in New Hampshire. Er entwickelte neue Methoden, um manipulierte Fotografien zu entlarven, und schuf dafür sogar einen eigenen Fachbegriff: die Digitale Bildforensik.
Auf dem Treffen der Vision Sciences Society in Florida will der Fotokriminalist das Thema nun neu aufrollen: "Wir können heutzutage keinem veröffentlichten Bild mehr trauen", warnt er, "aber unseren eigenen Augen eben auch nicht."
Überrascht registrierte Farid, dass die Öffentlichkeit nicht nur auf krude Fälschungen hereinfällt. Auch um einwandfreie Ablichtungen ranken sich hartnäckig Verschwörungstheorien. Immer wieder werden Details fehlinterpretiert und falsche Schlüsse gezogen. Prominentestes Beispiel ist ein Foto des Kennedy-Attentäters Lee Harvey Oswald.
Das Bild wurde als Cover des "Life"-Magazins weltberühmt. Es zeigt Oswald in einem Hinterhof, posierend mit marxistischen Zeitungen und einem Gewehr. Diese Selbststilisierung als linksradikaler Desperado stützte das Bild vom Einzelgänger, der die Bluttat von Dallas allein ausgetüftelt und ausgeführt habe.
Skeptiker gehen hingegen bis heute von einer Verschwörung gegen Kennedy aus und halten Oswald nur für einen Sündenbock. Die Aufnahme mit der Gewehrpose erklärten die Zweifler mittels einer gewagten Theorie zur Fälschung.
Irritierend sind in der Tat zwei scheinbar gegensätzliche Schattenwürfe auf dem Foto: zum einen jener dunkle Schein, den Oswalds Körper wirft und der schräg von seinen Beinen wegläuft; und andererseits der dunkle Fleck, der senkrecht von der Nase des Attentäters abfällt wie ein Hitlerbärtchen. Hatte ein Fälscher Oswalds Kopf auf einen fremden Körper montiert?
Farid entwickelte eine Software, mit der er Kameraposition und Sonnenstand berechnen kann. Dazu muss er einen Algorithmus mit Informationen füttern, etwa der Lage eines Lichtpunkts im Auge oder der Schattenverteilung auf einem Gesicht. Mit dem Ergebnis kann Farid dann die Lichtverhältnisse simulieren, wie sie zum Zeitpunkt der Aufnahme herrschten.
So auch im Fall Oswald. Von dessen Kopf und Körper erstellte der Experte ein dreidimensionales Modell - mit eindeutigem Ergebnis: Simulation und Foto stimmen verblüffend gut überein. Die vermeintlich widersprüchlichen Schatten können mithin durchaus von einer einzigen Lichtquelle stammen.
Die Auswertung von Lichtreflexionen gehört zu Farids wichtigsten Instrumenten bei der Fotofahndung. Doch auch geklonte Bildelemente können verräterisch sein - wie etwa bei der Aufnahme eines israelischen Luftangriffs auf die Stadt Beirut, die im Jahr 2006 von der Nachrichtenagentur Reuters veröffentlicht worden war.
Farids Algorithmus erkennt in solchen Fällen auffällige Muster in der Pixelstruktur - ein eindeutiger Hinweis darauf, dass die Rauchwolke nachträglich massiv bearbeitet wurde. Gleiches gilt für die Schrumpfung oder Vergrößerung von Bildelementen - wie bei jenem von der Zeitung "USA Today" publizierten Konterfei der damaligen US-Außenministerin Condoleezza Rice: Ein digitaler Falschmünzer hatte ihren Schlafzimmerblick korrigiert und ihre Augen vergrößert.
Prompt meldete sich das Weiße Haus in der Redaktion. Doch nahm man nicht an der Fälschung an sich Anstoß, sondern erhob nur geschmackliche Einwände: "Ihr lasst Rice aussehen wie einen Dämon."
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