AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 10/2010

Libyen Eine unmögliche Familie

DPA

Von , , Volkhard Windfuhr und

2. Teil: "Der verrückte Hund des Nahen Ostens"


Im Jahr 2006 ermittelte die Münchner Staatsanwaltschaft gegen den 27-jährigen Saif al-Arab, den zweitjüngsten der Gaddafi-Söhne, weil der einen Türsteher der Disco "4004" verprügelt haben soll. Saif al-Arab und seine Begleiterin waren aufgefordert worden, das Lokal zu verlassen. Die Dame hatte sich beim Tanzen angeblich ihr T-Shirt und ihren Büstenhalter ausgezogen. Später prüfte die Staatsanwaltschaft den Vorwurf einer "versuchten Anstiftung zu einem Verbrechen", denn Saif al-Arab soll einen seiner Bodyguards aufgefordert haben, dem Türsteher das Gesicht zu verätzen. Im August 2007 wurde das Verfahren mangels Tatnachweis eingestellt, es stand Aussage gegen Aussage.

Saif al-Arab war an der TU München eingeschrieben, als Studentenbude diente ihm zunächst eine Suite im "Bayerischen Hof". In der Tiefgarage stand die Wagenflotte, ein Hummer, ein Bentley und ein Ferrari F430. Den konfiszierte die Münchner Polizei, als Saif al-Arab zum zweiten Mal mit 110 Dezibel durch die Innenstadt röhrte.

Im Sommer 2009 erwarb der libysche Staat, offenbar für Saif al-Arab, in München-Bogenhausen die frischgebaute Villa des Ex-Vorstandsvorsitzenden der Hypo Real Estate, Georg Funke. Auf acht Millionen Euro schätzte die "Süddeutsche Zeitung" das Anwesen.

Sachverständige und Anwälte der libyschen Botschaft reisten an, um den Kauf abzuwickeln. Und obwohl die Farbe an den Mauern der Villa noch kaum getrocknet war, ordnete Saif al-Arab gleich die nächsten Umbauten an. Der Vorgarten wurde umgepflügt und die Garage abgerissen, um einer Tiefgarageneinfahrt samt Lastenaufzug für die Nobelkaros-sen des Studenten Platz zu machen. Kaum war der Umbau beendet, entschieden sich die Gaddafis anders. Es war ihnen alles zu klein, Saif al-Arab zog gar nicht ein.

Inzwischen sei Saif al-Arab etwas ruhiger geworden, heißt es in Münchner Sicherheitskreisen. Allerdings bewege er sich "in einem sehr problematischen Umfeld", zu dem Dealer aus der Türsteherszene gehörten.

Gaddafi lädt 100 schöne Italienerinnen zur Islamkunde

Gaddafi senior ließ sich bei seinem letzten Italien-Besuch im November einige hundert schöne Römerinnen bestellen, alle bitte mindestens 1,70 Meter groß und zwischen 18 und 35 Jahren alt. Zur Überraschung seines Gastgebers Silvio Berlusconi beglückte Gaddafi sie dann nur mit einer Belehrung über den Islam.

Feste Größen des internationalen Jetset sind Gaddafis Söhne Saadi, 36, und Mutassim, 34. Saadi buchte 2006 , für 500.000 Dollar, die Pussycat Dolls für eine Party in St. Tropez. Für eine "Libysche Nacht" in Venedig ließ "der sympathische Wüstensohn" (so Klatschreporter Michael Graeter) sich den Rapper 50 Cent aus New York einfliegen. Im Übrigen ist Saadi Chef des libyschen Fußballverbands, wozu ihn die Tatsache qualifizierte, dass er als Profifußballer sein Gehalt aus eigener Tasche zahlte. Er spielte bei AC Perugia, Udinese Calcio und Sampdoria Genua und brachte es zusammengerechnet auf nicht einmal 90 Minuten Spielzeit.

Gaddafis Ältester Mohammed, 39, ist Chef des Olympischen Komitees und kontrolliert die staatlichen Telekommunikationsunternehmen. Weil seine Mutter in Ungnade gefallen ist, rechnet Mohammed sich keine Chancen auf eine Nachfolge aus und meidet die Öffentlichkeit.

Saif al-Islam genießt als Einziger ein gewisses Respekt im Westen

Ganz anders der Zweitälteste, der Architekt, Ingenieur und Ökonom Saif al-Islam, 37. Er hat es als Einziger der Gaddafis zu einem gewissen Respekt im Westen gebracht. Er steht der "Gaddafi-Stiftung" vor, die im Jahr 2000 im Geiseldrama auf der Philippinen-Insel Jolo vermittelte und das Lösegeld auch für die deutsche Familie Wallert zahlte.

Saif al-Islam ist ein eleganter Schlaks, er ist das Fashion Model seiner Generation: geschorener Schädel, blaues Hemd, blauer Anzug, spitz zulaufende Schuhe. In traditioneller Berbertracht, die sein Vater trägt, sieht man ihn selten, auch farblosen Nagellack verwendet er nicht.

Sein Kosmos ist nicht der von Abuja, Lagos und Dakar, in dem sein Vater kreist, es sind auch nicht die Hotelsuiten in Genf, Rom und London, wo seine Brüder ihre Sommer verbringen. Saif al-Islam fährt zu seinen eigenen Kunstausstellungen nach Berlin und Sydney, zum Opernball nach Wien und zum Weltwirtschaftsforum in Davos.

Dort hat er vor ein paar Jahren den Harvard-Ökonomen Michael Porter kennengelernt und ihm den Auftrag erteilt, den libyschen "Volksmassenstaat" mit den Mitteln moderner Unternehmensberatung zu untersuchen. Worauf Porter herausfand, dass die 3 Prozent der Libyer, die im Ölsektor beschäftigt sind, 60 Prozent des libyschen Bruttoinlandsprodukts erwirtschaften. Im Übrigen sei das Land unproduktiv und stünde, könnte es kein Öl exportieren, unmittelbar vor einem Desaster.

In der eigenen Familie muss ein Gaddafi sich beherrschen können

In der Affäre um fünf bulgarische Krankenschwestern, die acht Jahre lang in einem libyschen Gefängnis saßen, weil sie Hunderte Kinder angeblich mit HIV infiziert hatten, brüskierte Saif al-Islam seinen Vater öffentlich. Er hatte zugegeben, dass die Unschuldigen gefoltert worden waren. Danach verschwand er für einige Zeit von der Bildfläche.

Denn in der eigenen Familie muss ein Gaddafi sich beherrschen können. In Europa aber führt sich der Clan auf, als könne er sich alles erlauben - und westliche Regierungen üben sich in Appeasement. Auf dem libyschen Öl scheinen alle Prinzipien ins Rutschen zu geraten.

Im Jahr 1984 wurde aus der libyschen Botschaft in London heraus eine britische Polizistin erschossen. Der Mord wurde nie aufgeklärt.

Im August 2009 wurde der zu lebenslanger Haft verurteilte Lockerbie-Attentäter Abd al-Bassit al-Mikrahi freigelassen. Angeblich, weil er an Prostatakrebs im Endstadium erkrankt war. Heute lebt er auf einem Anwesen am Rande von Tripolis. Die Freilassung habe aus "überwältigendem Interesse des Vereinigten Königreiches" zu erfolgen, hatte der britische Justizminister Jack Straw formuliert. Monate vorher hatten, wie Saif al-Islam zugab, Libyen und Großbritannien über einen Öl-Deal verhandelt.

Berlusconi habe von dem "großen Weisen" aus Tripolis viel gelernt

Tony Blair war der erste europäische Regierungschef, der Gaddafi nach seiner Ankündigung, künftig auf Massenvernichtungswaffen verzichten zu wollen, besucht hatte. Ein halbes Jahr später folgte der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder, später lud Frankreich den Alleinherrscher zum "Tag der Menschenrechte" nach Paris ein.

2006 nahmen die USA wieder volle diplomatische Beziehungen mit Libyen auf. Bereits 2004 lobte selbst Präsident George W. Bush den einstigen Gottseibeiuns der amerikanischen Außenpolitik, den "verrückten Hund des Nahen Ostens" (Ronald Reagan). Da hatte Gaddafi gerade den Dissidenten Fathi al-Dschahmi aus dem Gefängnis entlassen. Später verschwand der Mann wieder, diesmal in einer psychiatrischen Anstalt.

Silvio Berlusconi rühmt sich seiner Freundschaft zu Gaddafi und erklärte in vollem Ernst, er habe von dem "großen Weisen" aus Tripolis viel gelernt. Italien hat Argumente für seinen Opportunismus. Das Land hängt nicht allein am Öl seiner ehemaligen Kolonie. Gaddafi bestimmt maßgeblich, wie viele afrikanische Flüchtlinge halbtot an den Stränden Lampedusas und Siziliens landen.

In der arabischen Welt ist der Dschihad-Appell von Bengasi weitgehend verhallt. Man kennt die libyschen Launen, und tatsächlich fällt auf, dass die Geschäfte mit der Schweiz insgeheim weiterlaufen. Schon im Januar wurde wieder Gaddafi-Öl im Wert von 71 Millionen Franken an die Schweiz geliefert. Das ist mehr als doppelt so viel wie im Vorjahr.

Auch das Embargo gegen Schweizer Produkte war nicht von Dauer. Im Januar exportierte die Schweiz schon wieder Pharmazeutika, Uhren und Maschinen nach Libyen, wie vor der Krise. Und die Raffinerie in Collombey am Ostufer des Genfer Sees produziert weiter, trotz Minarett-Verbot und Kränkung des Hannibal. Sie ist in libyschem Besitz.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 55 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Realo, 13.03.2010
1. Ein BLAM...
...oder ZONK BENG DONK aus der Comic-Sprache würde vielleicht helfen ? Sicher bin ich mir dabei aber ehrlich gesagt nicht, keine Ahnung welcher Spinner nach "Gaga-Gaddafi" kommen würde. Ernste Leute, die ihre Haaare nach weiblichen und männlichen Läusen trennen, wie den Herrn Ahmadinedschad aus dem Iran, will ja auch keiner, oder ? Also lieber einen Clown ! Ich war gerade wieder ein paar Tage bei den Eidgenossen. Einige wunderschöne Tage >> Danke in die Schweiz
Barbapapa, 13.03.2010
2. Ich kann mir nicht helfen, ...
... der Artikel reist mich stimmungsmäßig nicht wirklich in die von den Autoren anvisierte Richtung, und irgendwie können mir die Schweizer auch nicht so richtig Leid tun. Sie bunkern ganz gerne das Geld der Tyrannen, verrichten ihre Bankgeschäfte, sobald ihnen selber der grausige Odem der willkürlichen Macht um die Nase weht, werden sie unterwürfig wie jenes sprichwörtlich treue Haustier des Menschen, und dann fangen sie an, in der internationalen Gemeinschaft um menschlichen Beistand und Zuspruch zu flehen, und finden natürlich sofort ein paar Willige, die immer dabei sind, wenn es gegen Araber, Muslime oder sonstige Lieblingsfeinde des "moralisch überlegenen" Westens geht. Der Artikel hat so viel hetzerischen Beigeschmack, dass man leicht ahnen kann, dass einige der Exemplare der Autorenschaft, wenn sie ähnliche Machtfülle hätten, ähnlich verantwortungslos damit umgehen würden.
quartz75 13.03.2010
3. Vorurteile
Leider bestätigt dieser Artikel meine Vorurteile gegen Lenker unser moralisch so überlegenen Wertegemeinschaft. Solange das Konto von Gaddafi stimmt und das Öl fließt, interessiert es keinen, wieviel Leichen im Keller liegen. Ehrenwerte Menschen würde anders handeln.
Haio Forler 13.03.2010
4. .
Ich find den Ghaddafi niedlich. Mein Gott, wenn wir den nicht hätten ... Ratatouille, Ice Age, ok, auch sehr gute Comics, aber ohne Ghaddafi geht schon mal gar nix. Laßt den Mann mal machen, der ist allemal besser als Westerwelle.
poitiers732 13.03.2010
5. Der Zusammenhang
"Misshandelte Dienstboten in Genf, Prügeleien in Paris: Der Clan der Gaddafis führt sich auf, als könne er sich im Westen alles erlauben. Und genau so ist es auch: Europa übt sich in Appeasement." Und direkt über diesem Artikel der Bericht über die Regionalwahlen in Frankreich. Sieht SPON da keinen Zusammenhang? Ich schon. Ich werde bei jeder Wahl diejenigen wählen, die gegen den Islam als faschistoide Ideologie sind.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© DER SPIEGEL 10/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.