AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 10/2010

Seuchen Chronik einer Hysterie

Fast ein Jahr lang hielt die Schweinegrippe die Welt in Atem. Eine gigantische Impfkampagne sollte ihr Einhalt gebieten. Dabei handelte es sich nur um einen eher harmlosen Virenstamm. Wie konnte es zu solch einer Überreaktion kommen? Eine Rekonstruktion.

Von , Katrin Elger, , , , , und

REUTERS

Anfangs sieht es wirklich nicht gut aus für Edgar. Der Fünfjährige glüht vor Fieber. Er mag nicht mehr essen, sein Rachen brennt, ihn schmerzt der ganze Körper.

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Rasch stehen für die Leute in dem mexikanischen Dorf La Gloria die Schweine unter Verdacht. Die sind ein Fluch, davon sind sie hier seit langem überzeugt. Allein im nahen Städtchen Perote werden eine halbe Million Schweine gemästet. Von dort bläst der Wind den Gestank durch die Gassen der umliegenden Dörfer. Ist es da ein Wunder, dass Edgar Hernández zu fiebern begann?

Doch dann, nach nur vier Tagen, berappelt sich der Junge wieder. Seine Krankheit ist ebenso plötzlich verschwunden, wie sie aufgetaucht war. Eine Grippe, sonst nichts. Bald schon redet niemand in La Gloria mehr darüber.

Erst Wochen später wird ein Labor in Kanada einen Schleimhautabstrich des Jungen untersuchen. Das Ergebnis macht ihn berühmt: Edgar hatte keine gewöhnliche Grippe. Er war mit einem neuartigen Erreger infiziert - dem Schweinegrippe-Virus. Edgar geht als "niño cero" in die Geschichte ein, als erster Mensch, der an der neuen Seuche erkrankte.

Der Infekt des mexikanischen Jungen verlief glimpflich - ebenso wie bei den allermeisten der Millionen Menschen weltweit, die sich in den folgenden Monaten anstecken sollten. Und deshalb wäre das neue Virus wohl unbeachtet geblieben, gäbe es die moderne molekulare Medizin nicht, mit ihren Genanalysen, Antikörpertests und Referenzlabors. Die Schweinegrippe hätte die Welt erobert, und kein Arzt hätte etwas davon gemerkt.

Doch es kam anders. Denn es gibt sie, die Hightech-Medizin und die Impfstoffindustrie. Ebola, Sars, Vogelgrippe: Systematisch haben Seuchenwächter, Medien, Ärzte und Pharmalobby die Welt mit düsteren Katastrophenszenarien eingestimmt auf die Gefahr neuer, bedrohlicher Infektionskrankheiten.

Und keiner von diesen wird mehr Aufmerksamkeit gewidmet als der Influenza: Verteilt auf 102 Länder lauern Forscher in mehr als 130 Labors weltweit auf neue Grippe-Erreger. Karrieren, ganze Institutionen und sehr viel Geld hängen daran. "Manchmal kommt es mir vor, als hätten manche geradezu Sehnsucht nach einer Pandemie", konstatiert der Grippe-Experte Tom Jefferson von der internationalen Cochrane Collaboration. "Alles, was es jetzt brauchte, um diese Maschinerie in Gang zu bringen, war ein kleines mutiertes Virus."

Nun endlich war es also aufgetaucht, und die Maschinerie setzte sich in Bewegung. Die Forscher machten sich daran, die molekulare Gestalt des Virus aufzuklären. Die Pharmaindustrie begann an Impfstoffen zu tüfteln. Und die Behörden schmiedeten Katastrophenpläne. Nur eines ignorierten sie alle: dass der neue Erreger eigentlich ziemlich harmlos war. Wie nur war so etwas möglich?

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 93 Beiträge
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Seite 1
frubi 10.03.2010
1. .
Zitat von sysopFast ein Jahr lang hielt die Schweinegrippe die Welt in Atem. Eine gigantische Impfkampagne sollte ihr Einhalt gebieten. Dabei handelte es sich nur um einen eher harmlosen Virenstamm. Wie konnte es zu solch einer Überreaktion kommen? Eine Rekonstruktion. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,682149,00.html
Ein sehr schöner Artikel bis auf eine Tatsache: Wo bleibt die Kritik? Ich Sachen Schweinegrippe wurde von vorne bis hinten Mist gebaut. Unsere Politiker haben sich als Schergen der Pharmaindustrie geoutet und es passiert rein gar nichts. Wie kann es sein, dass bei Pandemiestufe 6 automatisch Veträge abgeschlossen werden?
andrew64, 12.03.2010
2. Schweinegrippe - Chronik einer Hysterie
Dieser ganze Hype wurde doch von den Medien, insbesondere der Boulevardpresse, wie auch den einschlägigen Fernsehsendern geschürt ohne Ende. Jeden Tag neue Horrormeldungen. Nur wirklich seriöse Kreise berichteten objektiv über die "Seuche". Meiner Meinung nach sollten die Kosten, die im Zusammenhang mit der durch die Medien geschürten Hysterie entstanden sind, auch druch die Verursacher (Medien) getragen werden.
Flohru 12.03.2010
3. Ich lach mich kaputt
auf Spiegel-Online ein Artikel laut dem "vor allem die Pharmaindustrie" die Angst vor der Schweinegrippe geschürt habe. Waren es nicht viel eher die Medien, also Leute wie Sie, die sage und schreibe 9 (!) Autoren dieses Artikels, die das wochen- und monatelang sensationslüstern, unabhängig und willentlich getan haben??? Wo bleibt da die Selbstkritik? Und erzählen Sie mir nicht, dass alle Medienvertreter hierzulande und im Ausland auf der Gehaltsliste der Pharmaindustrie stehen, weil das tun sie ebensowenig wie die Politiker, denen angesichts der Medien-Hysterie ja gar nichts anderes übrig blieb als auf den Zug aufzuspringen und nach (Massen-)Impfungen zu schreien.
Lion, 12.03.2010
4. Auch Presse/Medien fachten Panik an.....
Die hysterischen Schlagzeilen des letzten Herbstes haben sicherlich zusätzlich zu Ängsten bei vielen Menschen geführt. Dem Speigel ist, ausnahmsweise, hier ebenfalls keine distanzierte und objektive Berichterstattung gelungen. Gleichwohl freue ich mich über diese hier dargestellte Analyse im Nachgang und stimme dem Artikel im Grundton voll zu. Zum Glück bin ich nicht gleich zum Arzt gerannt....
Walter Sobchak 12.03.2010
5.
Und wo bleibt das Robert Koch Institut mit seinem Sprecher hier im Forum der damals 10.000 Tote fuer Deutschland vorhergesagt hat? Und warum ist das ein "Blog" Thema. Ist das dem feinen Journalismus nix mehr wert als ein "Blog"?
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