Von Philip Bethge, Katrin Elger, Jens Glüsing, Markus Grill, Veronika Hackenbroch, Jan Puhl, Mathieu von Rohr und Gerald Traufetter
Anfangs sieht es wirklich nicht gut aus für Edgar. Der Fünfjährige glüht vor Fieber. Er mag nicht mehr essen, sein Rachen brennt, ihn schmerzt der ganze Körper.
Doch dann, nach nur vier Tagen, berappelt sich der Junge wieder. Seine Krankheit ist ebenso plötzlich verschwunden, wie sie aufgetaucht war. Eine Grippe, sonst nichts. Bald schon redet niemand in La Gloria mehr darüber.
Erst Wochen später wird ein Labor in Kanada einen Schleimhautabstrich des Jungen untersuchen. Das Ergebnis macht ihn berühmt: Edgar hatte keine gewöhnliche Grippe. Er war mit einem neuartigen Erreger infiziert - dem Schweinegrippe-Virus. Edgar geht als "niño cero" in die Geschichte ein, als erster Mensch, der an der neuen Seuche erkrankte.
Der Infekt des mexikanischen Jungen verlief glimpflich - ebenso wie bei den allermeisten der Millionen Menschen weltweit, die sich in den folgenden Monaten anstecken sollten. Und deshalb wäre das neue Virus wohl unbeachtet geblieben, gäbe es die moderne molekulare Medizin nicht, mit ihren Genanalysen, Antikörpertests und Referenzlabors. Die Schweinegrippe hätte die Welt erobert, und kein Arzt hätte etwas davon gemerkt.
Doch es kam anders. Denn es gibt sie, die Hightech-Medizin und die Impfstoffindustrie. Ebola, Sars, Vogelgrippe: Systematisch haben Seuchenwächter, Medien, Ärzte und Pharmalobby die Welt mit düsteren Katastrophenszenarien eingestimmt auf die Gefahr neuer, bedrohlicher Infektionskrankheiten.
Und keiner von diesen wird mehr Aufmerksamkeit gewidmet als der Influenza: Verteilt auf 102 Länder lauern Forscher in mehr als 130 Labors weltweit auf neue Grippe-Erreger. Karrieren, ganze Institutionen und sehr viel Geld hängen daran. "Manchmal kommt es mir vor, als hätten manche geradezu Sehnsucht nach einer Pandemie", konstatiert der Grippe-Experte Tom Jefferson von der internationalen Cochrane Collaboration. "Alles, was es jetzt brauchte, um diese Maschinerie in Gang zu bringen, war ein kleines mutiertes Virus."
Nun endlich war es also aufgetaucht, und die Maschinerie setzte sich in Bewegung. Die Forscher machten sich daran, die molekulare Gestalt des Virus aufzuklären. Die Pharmaindustrie begann an Impfstoffen zu tüfteln. Und die Behörden schmiedeten Katastrophenpläne. Nur eines ignorierten sie alle: dass der neue Erreger eigentlich ziemlich harmlos war. Wie nur war so etwas möglich?
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© DER SPIEGEL 10/2010
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