AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 11/2010

Erinnerungen Sprachloses Kind

Was damals im Internat wirklich geschah.

Schriftsteller Kirchhoff: "Ein loderndes Rätsel zwischen den Beinen"
Gaby Gerster

Schriftsteller Kirchhoff: "Ein loderndes Rätsel zwischen den Beinen"

Von Bodo Kirchhoff


Ich bin missbraucht worden - ein Wort, das nicht viel taugt, das nicht weiterhilft, das nur die ganze Misere der Sprachlosigkeit zeigt. Was ist geschehen? Ich war zwölf, ein hübsches Internatskind, und der Heimleiter und Schulkantor, ein Mann wie Winnetou (der meiner Phantasie, bevor es die Filme gab), Anfang dreißig, langes Haar (1960!), Roth-Händle-Raucher, Cabrio-Fahrer, führte mich, weil ich über Kopfweh geklagt hatte, am späten Abend auf sein Zimmer. Dort zog er mir einen gepunkteten Schlafanzug aus - man merkt sich auch das kleinste Detail -, nahm meinen Kopf in die Hände und küsste mich, seine Zunge schmeckte nach Rauch und Odol, unvergesslich. Ich war noch nie so geküsst worden und erwiderte den Kuss, um nicht unhöflich zu sein, aber es war auch ein Bedürfnis, frisch geweckt; und ich dachte, es sei seine Art, Kopfweh zu heilen. Dann streichelte er mein kindliches Ding, es wurde groß und hart, glühend gegen meinen Willen, also schämte ich mich auch glühend, und Winnetou flüsterte mir in den Mund "Dem Schwein ist alles Schwein, dem Reinen ist alles rein." Das waren seine einzigen Worte in dieser ersten Nacht von vielen.

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Heft 11/2010
Revolutionäre, Nazis, Staatsmänner: Eine deutsche Familie

Aber mit Streicheln war es nicht getan, er wollte mehr, ich sollte das Stigma der Lust tragen, von ihm empfangen. Er küsste das Harte, er streichelte es, er machte immer weiter, gnadenlos zärtlich, und ich hatte den ersten Orgasmus - von diesem Wort noch viele Jahre entfernt. Ich wusste nicht, was da unten los war, es war der Wahnsinn, wie man heute sagt, damals ein loderndes Rätsel zwischen den Beinen. Aus dem kindlichen Ding war innerhalb einer Nacht ein Schwanz geworden - ich war ein sprachloses Kind mit Schwanz. Und mein Stigmatisierer war ein großartiger Kantor und verdammter Päderast, ein so verdammter Knabenlutscher wie all die Patres, die jetzt auffliegen. Und für ihn galt kein Zölibat; die Internatsschule (Gaienhofen am Bodensee) ist evangelisch - und seit langem nicht mehr mit dem zu vergleichen, was mir dort zugestoßen war. Schon Mitte der achtziger Jahre ging ich, vor einer Lesung an der Schule, in das Zimmer, in dem mir Ältere jahrelang übel mitgespielt hatten (nicht sexuell), und drei Mädchen saßen auf dem Boden und kochten Tee.

Die Gewalt lasse ich hier weg; sie haut nur rein, und später gibt man damit an. Man erzählt davon, weil von vornherein eine Sprache dazu existiert hat - die gab es im Bett nicht. Der Päderast flüstert geilen Unsinn, seine Sprache ist so verklärt wie versaut, ein gebildetes obszönes Delirieren. Winnetou hat Scheiße geflüstert, die ich für Gold hielt; alles im Leben des Päderasten dreht sich um hilflosen Sex, ohne dass es eine geklärte, mit anderen teilbare Sprache dazu gibt, wie auch. Winnetou war in der Schule mein Religionslehrer; er hat von Jesus geredet und an meine Seufzer unter seinen Händen gedacht, das hat er mir später gestanden. Er holte mich unter immer neuen Vorwänden auf sein Zimmer, mal um meine Gitarre zu stimmen, mal um mir den 23. Psalm zu erklären. Er war der Hirte meiner Lust, es mangelte mir an nichts; das finstere Tal kam, als die Sonne aufging. Und böse war ich ihm erst, als auf einer Konzertreise durch Finnland in langen weißen Sommernächten herauskam, dass ich bei weitem nicht der Einzige war. So was haut auch rein.

Nach dieser Reise habe ich ihn nie wieder gesehen, er ist mit Billigung der evangelischen Landeskirche davongekommen, und ein Menschenleben lang habe ich daran gedacht, wie es wäre, ihn noch einmal zu treffen. Im Internat gab es keinen Skandal, es gab nur Verhöre durch Leute, die alles ganz genau wissen wollten, um sich darüber, eher aber daran zu erregen. Ich musste über etwas sprechen, zu dem es keine Sprache gab, ich musste mir eine erfinden, auch so wird man Schriftsteller. Und diese Arbeit an einer Sprache der Sexualität ist noch immer nicht beendet; weder die Aufklärungswelle der späten Sechziger und schon gar nicht die Flut der Pornografie in den Jahrzehnten danach und das unendliche libertäre Geschwätz in Talkshows und im Internet haben daran irgendetwas geändert. Der ganze Sex-Sprachmüll hat die Sprachnot der Betroffenen nicht gelindert, im Gegenteil: Für die schlichte Wahrheit gab es jetzt gar keine Worte mehr. Und lieber behält man intimen Schmutz für sich, als ihn einer schmutzgierigen Welt auszusetzen, die sich nur respektlos erschüttert zeigt.



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insgesamt 36 Beiträge
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Seite 1
hanspeda 15.03.2010
1. Wow...
In der ganzen Diskussion war das, der bisher aufschlussreichsteb und reflektierteste Artikel, den ich gelesen habe. Er ist dennoch extrem ernüchternd...
heinrichp 15.03.2010
2. Eine kranke Gesellschaft
Zitat von sysopWas damals im Internat wirklich geschah. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,683572,00.html
Hier erkennen wir wie krank diese Gesellschaft ist, gerade studierte Pädagogen und Priester, es ist der Abgrund der Hölle in uns, kein Tier würde so verhalten. Wer nicht bereit ist sein Verhalten zu ändern, sich nicht helfen lassen will, hat sich selbst der Hölle überlassen. Schlimm ist, dass wir nicht mehr wissen was falsch oder richtig ist, unser Gewissen ist schon zu krank um auf den gesunden Menschenverstand in uns zu hören und dementsprechend zu handeln.
a.kühne 15.03.2010
3. Dito: Wow!
Zitat von hanspedaIn der ganzen Diskussion war das, der bisher aufschlussreichsteb und reflektierteste Artikel, den ich gelesen habe. Er ist dennoch extrem ernüchternd...
Volle Zustimmung.
Klartext007 15.03.2010
4. Suche nach Worten
Herr Kirchhoff findet sehr schöne Worte für das Unsagbare. Auch der differenzierte Blick in Richtung Täter erstaunt, wenngleich dies vielleicht eine Möglichkeit ist, den Wahnsinn ein wenig zu verarbeiten. Es klingt teiweise so etwas wie Verständnis oder fast Gefühle der Liebe gegenüber dem Täter an. Aber das Recht hat der Autor. Das berührt doch sehr.
Anton 100 15.03.2010
5. Und Hartmut von Hentig?
Ein erschütternder Text. Mich würde interessieren, wie Hartmut von Hentig, der jüngst in seiner grandiosen Verdrängung (als Lebenspartner des Ex-Direktors der Odenwaldschule) das Hohelied des pädagogischen Eros angestimmt hat, über Kirchhoffs Bericht denkt. Wo bleibt, da es hier erwiesen ist, wie einsam dieses "sprachlose Kind" bis heute ist, die hehre Forderung nach der Hinwendung zum Einzelnen in der Erziehung? Oder ist dies alles nur Verbrämung für etwas anderes, wirklich Schmutziges...? Ich werde die Schriften des Pädagogik-Papstes von Hentig wohl nie mehr vertrauensvoll in die Hand nehmen können.
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