AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 11/2010

SPIEGEL-Gespräch "Ich bin chaotisch und faul"

Der norwegische Schachspieler Magnus Carlsen, 19, über seinen Aufstieg zur Nummer eins der Weltrangliste, die Zusammenarbeit mit Garri Kasparow, Fanpost junger Frauen und seine Vorliebe für düstere Rap-Musik

AFP

SPIEGEL: Herr Carlsen, was haben Sie eigentlich für einen Intelligenzquotienten?

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Heft 11/2010
Revolutionäre, Nazis, Staatsmänner: Eine deutsche Familie

Carlsen: Keine Ahnung. Ich will ihn auch gar nicht wissen. Es könnte sonst eine böse Überraschung geben.

SPIEGEL: Wieso? Sie sind 19 Jahre alt und führen die Weltrangliste im Schach an. Sie müssen doch wahnsinnig klug sein.

Carlsen: Und genau das wäre schrecklich. Natürlich ist es wichtig, dass sich ein Schachspieler gut konzentrieren kann, es kann aber auch eine Last sein, wenn man zu intelligent ist. Es kann dich behindern. Ich bin überzeugt davon, dass der Engländer John Nunn nie Weltmeister wurde, weil er zu schlau dafür ist.

SPIEGEL: Wie das?

Carlsen: Nunn hat mit 15 angefangen, in Oxford Mathematik zu studieren, er war der jüngste Student seit 500 Jahren und hat mit 23 in algebraischer Topologie promoviert. Er hat so furchtbar viel im Kopf. Einfach zu viel. Sein enormes Auffassungsvermögen und sein ständiger Wissensdurst haben ihn vom Schach abgelenkt.

SPIEGEL: Bei Ihnen ist das anders?

Carlsen: Richtig. Ich bin ein völlig normaler Kerl. Mein Vater ist wesentlich intelligenter als ich.

SPIEGEL: Ah ja. Wie viele Züge im Voraus können Sie berechnen?

Carlsen: Das hängt von der Spielsituation ab. Manchmal 15 bis 20. Der Trick ist aber, die Stellung am Ende der Kalkulation richtig zu bewerten.

SPIEGEL: Sie sind im Alter von 13 Jahren, vier Monaten und 27 Tagen Großmeister geworden, und noch nie gab es eine jüngere Nummer eins als Sie. Woran liegt das, wenn nicht an Ihrer Intelligenz?

Carlsen: Ich sage ja nicht, dass ich total dumm bin. Mein Erfolg hat allerdings hauptsächlich damit zu tun, dass ich die Möglichkeit hatte, schneller mehr zu lernen. Es ist leichter geworden, an Informationen zu gelangen. Die Spieler aus der Sowjetunion hatten früher einen enor-men Vorteil, ihnen stand in Moskau ein riesiges Archiv zur Verfügung, da waren unzählige Partien sorgfältig auf Karteikarten notiert. Heute kann sich jeder diese Daten für 150 Euro auf DVD kaufen, auf einer Scheibe sind 4,5 Millionen Partien gespeichert. Es gibt auch mehr Bücher als früher. Und dann habe ich natürlich eher angefangen, mit dem Computer zu arbeiten als Wladimir Kramnik oder Viswanathan Anand.

SPIEGEL: Wann genau war das?

Carlsen: Mit elf oder zwölf. Ich habe mich am Rechner auf Turniere vorbereitet und im Internet gespielt. Heute fangen die Kinder noch früher an, einen Computer zu benutzen, sie lernen bereits die Regeln am Schirm. So gesehen bin ich schon wieder altmodisch. Der technische Fortschritt führt zu immer jüngeren Spitzenspielern, überall auf der Erde.

SPIEGEL: Es ist im modernen Schach ein Vorteil, jung zu sein?

Carlsen: Als junger Spieler hat man viel Energie, viel Kraft, man ist sehr motiviert. Aber junge Spieler können oft Stellungen nicht so gut verteidigen, sie kommen nicht so gut damit zurecht, wenn sich das Schicksal gegen sie wendet. Erfahrung ist eben zentral. Mit das Bedeutendste im Schach ist die Mustererkennung - die Fähigkeit, auf dem Brett typische Motive und Bilder zu erkennen, Stellungsmerkmale und ihre Konsequenzen. Das kann man bis zu einem gewissen Grad im Training lernen, es geht aber nichts über Spielroutine. Ich habe immer darauf geachtet. Ich bin erst 19, habe aber bestimmt schon tausend Partien im klassischen Stil hinter mir.

SPIEGEL: Wann haben Sie mit Schach angefangen?

Carlsen: Ich muss fünfeinhalb, sechs Jahre alt gewesen sein. Mein Vater hat meiner ältesten Schwester Ellen und mir die Regeln beigebracht. Im Gegensatz zu Ellen hat es mich aber nicht besonders interessiert, ich war schlecht und habe schnell wieder aufgehört. Erst mit acht habe ich mich wieder mit Schach beschäftigt.

SPIEGEL: Wie denn?

Carlsen: Ich habe mir ein Brett genommen und Partien rekapituliert, die mein Vater mir damals gezeigt hatte. Warum wurde dieser und jener Zug gemacht? Ich habe mir die Geheimnisse des Spiels selbst erschlossen. Es war faszinierend. Nach einigen Monaten habe ich dann begonnen, Fachbücher zu lesen.

SPIEGEL: Wo kam die plötzliche Begeisterung her?

Carlsen: Ich weiß es nicht. Genauso wenig, wie ich Ihnen sagen kann, warum ich mit noch nicht mal zwei Jahren Puzzle aus 50 Teilen legen wollte. Warum wollte ich mit zweieinhalb alle gängigen Automarken wissen? Warum habe ich mit fünf Bücher über Geografie gelesen? Ich weiß nicht, warum ich alle Länder der Erde mit Hauptstadt und Einwohnerzahl auswendig gelernt habe. Wahrscheinlich war Schach bloß eine weitere Beschäftigung.

SPIEGEL: Es gab kein Schlüsselerlebnis?

Carlsen: Ich habe gesehen, wie Ellen, meine Schwester, gespielt hat. Ich denke, ich wollte sie gern besiegen.

SPIEGEL: Und?

Carlsen: Sie hat nach der Partie vier Jahre lang kein Brett angefasst.

SPIEGEL: Wann haben Sie angefangen, Turniere zu spielen?

Carlsen: Wenig später. Mein Vater sagte, wenn ich noch ein bisschen trainieren würde, könnte ich eventuell bei den norwegischen Meisterschaften der unter Elfjährigen mitspielen. Ich dachte: Oh, das macht vielleicht Spaß. Mein Resultat war ganz okay. Im nächsten Jahr habe ich das Turnier gewonnen.

SPIEGEL: Ihr Vater ist ein ambitionierter Clubspieler. Wann haben Sie ihn zum ersten Mal bezwungen?

Carlsen: Kurz vor meinem neunten Geburtstag. In einer Partie Blitzschach.

SPIEGEL: Sie haben später eine Sportschule besucht. Haben die Eishockeyspieler, Handballer und Radfahrer dort Sie oft gehänselt?

Carlsen: Guck mal da, der Schach-Freak? Das gab es nicht! Im Gegenteil. Vergangenen Sommer haben sie mich zum Schüler des Jahres gewählt.

SPIEGEL: Sind Sie ähnlich systematisch ausgebildet worden wie all die ehemaligen russischen Wunderkinder?

Carlsen: Nein. Ich bin kein disziplinierter Denker. Organisation liegt mir nicht, ich bin chaotisch und neige dazu, faul zu sein. Mein Trainer hat das erkannt und mich in der Regel das üben lassen, wozu ich gerade Lust hatte.

SPIEGEL: Sie sind ein schlampiges Genie?

Carlsen: Ein Genie bin ich nicht. Schlampig? Vielleicht. Es ist so: Wenn ich mich gut fühle, trainiere ich viel. Fühle ich mich schlecht, lasse ich es bleiben. Arbeiten nach Stundenplan macht mir keinen Spaß. Systematisches Lernen würde mich umbringen.

SPIEGEL: Wie haben Sie es dann im Mathe-Unterricht ausgehalten?

Carlsen: Als ich 13 war, haben meine Eltern mich für ein Jahr von der Schule beurlauben lassen. Sie sind mit meinen Schwestern und mir durch die Welt gereist, unterwegs haben sie uns unterrichtet. Das war traumhaft, viel effektiver, als in der Schule zu sitzen. Ich verstehe, dass es ein Problem für einen Lehrer ist, wenn er 30 Schüler betreuen muss. Aber das langsame Tempo war frustrierend für mich. Ich habe die Schule nicht vermisst.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 24 Beiträge
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Seite 1
senfa, 19.03.2010
1. Sehr sympatisch
Zitat von sysopDer norwegische Schachspieler Magnus Carlsen, 19, über seinen Aufstieg zur Nummer eins der Weltrangliste, die Zusammenarbeit mit Garri Kasparow, Fanpost junger Frauen und seine Vorliebe für düstere Rap-Musik http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,683764,00.html
Ich habe das Interview mit großem Interesse durchgelesen (obwohl ich mit Schach nichts am Hut habe), der Kerl kommt unglaublich sympathisch rüber. So stelle ich mir jedenfalls ein Vorbild für die Kinder vor!
Christiane Schneider 19.03.2010
2. Ist das der Sieg des Körpers über den Geist?
Schach ist besser als jmd. für 20 ct zu treten und dann wg. Mord vor Gericht zu stehen. Carlsen zeigt, das man sich als Jugendlicher auch anders um Anerkennung bemühen kann. Man sollte Schach weiter fördern und ich finde es gut, das der Spiegel sich einer solchen Randsportart annimmt. Im Vergleich zu Fussball, Tennis etc. (oder Poker) ist aber die Entlohnung der Schachspieler zu schlecht. Wieso eigentlich? Warum verdient Heidi Klum Millionen und ein Schachweltmeister Bruchteile davon? Ist das der Sieg des Körpers über den Geist?
nernst 19.03.2010
3. Popularität
Zitat von Christiane SchneiderSchach ist besser als jmd. für 20 ct zu treten und dann wg. Mord vor Gericht zu stehen. Carlsen zeigt, das man sich als Jugendlicher auch anders um Anerkennung bemühen kann. Man sollte Schach weiter fördern und ich finde es gut, das der Spiegel sich einer solchen Randsportart annimmt. Im Vergleich zu Fussball, Tennis etc. (oder Poker) ist aber die Entlohnung der Schachspieler zu schlecht. Wieso eigentlich? Warum verdient Heidi Klum Millionen und ein Schachweltmeister Bruchteile davon? Ist das der Sieg des Körpers über den Geist?
nein, es liegt daran, dass Schach zu schnell, zu spektakuär, zu aufregend und zu telegen ist. DIe Zuschauer sind überfordert, wenn zwei Menschen sich stundenlang gegenüber sitzen und dann 1 figürchen verschieben. Da kann man auch gleich beim Angeln zugucken. und was ist das überhaupt für ein Vergleich: Schach ist besser als Mord. ich kann Ihnen aus dem Stegreif 200000 Sachen aufzählen, die besser als Mord sind (und ich bin KEIN GENIE!)
gigamesh 19.03.2010
4. Titel
Zitat von Christiane SchneiderSchach ist besser als jmd. für 20 ct zu treten und dann wg. Mord vor Gericht zu stehen. Carlsen zeigt, das man sich als Jugendlicher auch anders um Anerkennung bemühen kann. Man sollte Schach weiter fördern und ich finde es gut, das der Spiegel sich einer solchen Randsportart annimmt. Im Vergleich zu Fussball, Tennis etc. (oder Poker) ist aber die Entlohnung der Schachspieler zu schlecht. Wieso eigentlich? Warum verdient Heidi Klum Millionen und ein Schachweltmeister Bruchteile davon? Ist das der Sieg des Körpers über den Geist?
Ein, gelinde gesagt, sehr komischer Verlgleich, den Sie da anführen. Als ob ein junger Schachspieler je auf so eine schiefe Bahn geraten würde - und umgekehrt. Wie kommen Sie bloß darauf? Vielleicht verdient man mit dem professionelen Schachspiel keine Millionen, aber schlecht entlohnt werden die Herren trotzdem nicht. Nur um ein paar konkrete Zahlen zu nennen: Preisgeld beim Superturnier in Linares (http://www.chess-international.de/?p=404). 100.000 Euro für den Gewinn *eines* - zugegeben hochkarätig besetzten - Schachturniers sind auch nicht unbedingt Peanuts.
peterbruells 19.03.2010
5. Sim sintibus sintis esse
Zitat von Christiane SchneiderSchach ist besser als jmd. für 20 ct zu treten und dann wg. Mord vor Gericht zu stehen. Carlsen zeigt, das man sich als Jugendlicher auch anders um Anerkennung bemühen kann. Man sollte Schach weiter fördern und ich finde es gut, das der Spiegel sich einer solchen Randsportart annimmt. Im Vergleich zu Fussball, Tennis etc. (oder Poker) ist aber die Entlohnung der Schachspieler zu schlecht. Wieso eigentlich? Warum verdient Heidi Klum Millionen und ein Schachweltmeister Bruchteile davon? Ist das der Sieg des Körpers über den Geist?
Belohnt wird die Generierung von Mehrwert, nicht die Anstrengung. Und das ist auch richtig so.
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