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Ausgabe 11/2010

Literatur: Mehr als verdient

Von Volker Hage

Wenn Schriftsteller sich bescheiden: Immer mehr deutsche Autoren entdecken den Charme von Kurzgeschichten und Erzählungen.

Literatur: Mehr als verdient Fotos
Markus Schädel

In den Berliner Ämtern ist man verunsichert. Zeiten des Übergangs: Das "Allgemeine Zuzugsverbot für Berlin" ist nach dem Mauerfall gegenstandslos geworden. Wohnungen stehen leer, ganze Häuser. Die Bewohner sind in den Westen gezogen. Bisweilen haben sie Möbel oder Geschirr einfach zurückgelassen.

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Wenn ein Unbekannter an der Tür einer dieser verlassenen Wohnungen hantiert, fragen die Nachbarn lediglich danach, ob er "für länger" bleiben wolle. Dann helfen sie auch gern mit einem Brecheisen aus. Die Parole der Stunde lautet: "Bekämpfung des Leerstands".

So kommt der Ich-Erzähler aus der Titelgeschichte in Lutz Seilers Erzählungsband "Die Zeitwaage" zu einer neuen Behausung in der Rykestraße am Prenzlauer Berg. Seiler, 46, der aus Thüringen stammt, hat sich bisher vor allem als Lyriker einen Namen gemacht.

Einige seiner 13 Erzählungen veranschaulichen die Situation jener Menschen, die eben noch DDR-Bürger waren und plötzlich in einen Zustand der Ungewissheit und zugleich Neugier verpflanzt werden. Westreisen stehen an, nach Metz, San Francisco, durch das Death Valley, auch Trennungen, weil plötzlich nicht mehr zueinanderpasst, was früher zusammengehörte. "Seit es für sie möglich geworden war, zu reisen, hatten sie sich mit jedem Ziel weiter hinausgewagt und, wie ihm schien, weiter voneinander entfernt", heißt es in der Erzählung "Im Geräusch" von einem Ehepaar.

Seilers stilistisch anspruchsvoller Erzählband steht auf der Belletristik-Shortlist des Preises der Leipziger Buchmesse, der an diesem Donnerstag vergeben wird. Erfreulich, dass gerade dieses bis in die Details stimmige Buch nominiert ist (es konkurriert mit vier Romanen) - und dass in Leipzig überhaupt dem Genre Erzählung eine Chance eingeräumt wird. Der Deutsche Buchpreis, der auf der Frankfurter Buchmesse verliehen wird, ist dagegen stur auf Romane beschränkt.

Nach dem Vorbild der amerikanischen Short Story

In der deutschen Literatur hat sich, das zeigt sich gerade in dieser Saison, die epische Kurzform nach dem Vorbild der amerikanischen Short Story bestens etabliert. Manche Romanciers pflegen eine heimliche Vorliebe für die Form der Erzählung, ihr Fleiß wird oft erst offenkundig, wenn umfangreiche Bücher alle bisher publizierten Geschichten versammeln.

Auch das Publikum ist dieser Form gegenüber längst nicht mehr so ablehnend, wie immer behauptet wird. Das zeigt sich auch daran, dass die Wahl der Leser, die sich beim Online-Voting für den Leipziger Preis beteiligt haben, auf Lutz Seilers Buch gefallen ist.

"Gesichertes" heißt der Titel des Debüts der jungen Autorin Hanna Lemke, 28, die in Wuppertal geboren wurde, am Literaturinstitut in Leipzig studiert hat und heute in Berlin lebt. Tatsächlich ist in diesen 18 "Stories" kaum etwas gesichert, im Gegenteil: Das Leben der Protagonisten, die noch nicht recht erwachsen sind, es vielleicht auch gar nicht werden wollen, ist eher ein Vorwärtstasten als ein Vorwärtsdrängen, ein passives Gewährenlassen.

Freunde treffen sich, Paare finden zusammen, gehen wieder auseinander, Sex kommt vor, dezent angedeutet. Das alles bedeutet wenig für Stella, Julia, Tanja, für Boris, Matthes, Oliver und all die anderen. Sie lassen sich treiben. "Ich dachte vage daran, dass ich den Abgabetermin meiner Arbeit weiter würde verschieben müssen", sagt die Ich-Erzählerin, ohne nähere Angaben zu machen.

Es kann auch vorkommen, dass einer den anderen gar nicht wiedererkennt, wenn er zufällig auf ihn trifft. "Schon gut", sagt Wolf dann, "es kann sich nie jemand an mich erinnern."

So geht es dem Leser bisweilen auch mit diesen Geschichten: Sie sind flüchtig, laden geradezu zum Vorübergehen ein. Dabei ist das alles ohne Frage gefällig und begabt erzählt. Doch selbst die Ich-Erzählerin, die durchgängig in diesen Geschichten auftaucht, erscheint farblos, ohne eigene Stimme. Es erzählt eine - auch sich selbst gegenüber - unbeteiligte Chronistin. Die Eintönigkeit mag hier stimmig sein, animierend wirkt sie nicht.

Stimmen, Farben und Situationen mischen

Naturgemäß ist die Wahl des literarischen Sujets auch eine Frage des Alters und der Erfahrung. Annette Pehnt, 42, die vor allem mit ihrem - auch als Theaterstück erfolgreichen - Roman "Mobbing" (2007) auffiel, vermag ihren Figuren mehr Stimme, mehr Spielraum zu geben und sie der sozialen Realität auszusetzen.

Da ist der innere Monolog einer ICE-Zugbegleiterin auf der Strecke von Zürich nach Frankfurt am Main. Oder das Gedankenspiel einer Mutter von zwei Kindern, die sich - allein in Singapur - bei Frau Meng Woh eine Schönheitsmassage gönnt und sich der Fremden gegenüber als erfolgreiche Managerin ausgibt, die gewöhnlich von Termin zu Termin hetzt.

Da sind die Geschwister, die zu spät ins Krankenhaus kommen: Ihre alte Mutter liegt schon im Sterbezimmer, unansprechbar. Oder zwei Kinder, die mit ihren Eltern in Schweden Urlaub machen wollen, aber beim ersten Versuch wegen einer plötzlichen Erkrankung der Mutter darauf verzichten müssen, dann - im nächsten Jahr - wegen einer Autopanne, die der Vater ungeschickt zu beheben versucht, auf halber Strecke liegenbleiben.

Sechs längere Geschichten vereint dieser erste Erzählungsband von Annette Pehnt, der einen bizarr-monströsen Titel trägt: "Man kann sich auch wortlos aneinander gewöhnen das muss gar nicht lange dauern". Die Texte selbst sind sehr viel einladender. Die Autorin vermag die Balance zwischen der nötigen Information über ihre Figuren und der Kunst, ihnen ein Geheimnis zu lassen, hervorragend zu halten. Besonders gekonnt mischt ein anderer Romancier in seinen Erzählungen Stimmen, Farben und Situationen.

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Annette Pehnt: "Man kann sich auch wortlos aneinander gewöhnen das muss gar nicht lange dauern"

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