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Ausgabe 12/2010

Gastronomie: "Schikane und Manipulation"

Von John Goetz, Andreas Wassermann und

Bei McDonald's war ein Ex-Stasi-Spitzel über Jahre in leitender Position. Er soll einen Restaurantbetreiber ausspioniert haben. Um Gründe für eine Kündigung zu finden?

Spionage bei McDonald's: "Schickane und Manipulation" Fotos
DDP

Vor der McDonald's-Filiale riecht es nach McDonald's, und das darf eigentlich nicht sein. "Die Filter", sagt Ulrich Enzinger, "sie müssen mal wieder gewechselt werden." Es ist kein strenger Bratfettgeruch, nur ein Hauch. Aber der 49-Jährige hat eine feine Nase, geschult in 18 Jahren, als McDonald's noch seine Welt war.

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Eines seiner Restaurants lag in Lindau am Bodensee, ein Eins-a-Standort gleich an der Autobahnauffahrt nach München. Vor einem Jahr gab er entnervt auf.

Das Lokal ist gut besucht an diesem Montagvormittag, als Enzinger seinen Lancia in einer der wenigen freien Parkbuchten abschließt und auf den Eingang zusteuert. Plötzlich stoppt eine dunkle Limousine, das Fenster der Beifahrerseite surrt herunter. "Sie haben Hausverbot, bitte verlassen Sie das Gelände."

Noch am selben Tag wurde in der Münchner Deutschland-Zentrale von McDonald's der Vorfall gemeldet. Schon wieder Ärger mit der Basis - so ergeht es den Konzernmanagern derzeit oft.

Zahlreiche Restaurantbetreiber liegen im Streit mit der Geschäftsleitung. Sie fühlen sich ausspioniert und unter Druck gesetzt oder, wie es der Münchner Rechtsanwalt Horst Becker formuliert, "systematisch herausgedrängt". Allein Becker hat in den vergangenen Jahren zwei Dutzend McDonald's-Partner vertreten.

Die Liste der Vorwürfe ist lang: Manipulationen bei Restaurantkontrollen, Schikanen, gezieltes Bespitzeln. Auf einen missliebigen Filialisten aus Frankfurt setzte der Konzern gar Detektive an. In einem Fall ermittelt die Staatsanwaltschaft München. Nachdem das Filialnetz in Deutschland inzwischen dichter ist als in den USA, setzt der Konzern nun eher auf Effizienz als auf Wachstum.

Rechtsanwalt Becker vermutet, dass McDonald's Franchise-Nehmer kostengünstig loswerden will - also jene selbständigen Geschäftspartner, die gegen eine Gebühr ein oder mehrere Lokale betreiben. Das Ziel sei eine Marktbereinigung. Weniger Franchise-Nehmer sollen mehr Filialen bewirtschaften, so steht es zumindest in Firmenunterlagen.

Billiger wären außerordentliche Kündigungen

Aber so einfach geht es nicht. Die Verträge mit den Geschäftspartnern sind langfristig, in der Regel über 20 Jahre, die Unternehmer haben oft Millionen investiert - Herauskaufen ist teuer. Billiger wären außerordentliche Kündigungen.

Im Jahr 2005 machte Enzinger Bekanntschaft mit dem Marktleiter Süd des McDonald's-Konzerns: Bernd R., verantwortlich für alle Franchise-Nehmer in Bayern, hat einschlägige Erfahrungen. Schon als Koch bei der Nationalen Volksarmee spionierte er ab 1980 Kameraden aus, die Obstkonserven aus Regimentsbeständen abzweigten. Die Stasi war so begeistert von dem Soldaten, dass sie ihn als Inoffiziellen Mitarbeiter anwarb; das Kennwort für die Kontaktaufnahme lautete "Goullaschkanone". "Vom Intellekt her", urteilte sein Führungsoffizier, sei R. geeignet, "operative Aufgaben zu lösen".

IM "Roland" machte Karriere, erst als Mitarbeiter im Zentralrat der FDJ, dann als Restaurantleiter beim DDR-Ministerrat. Auch von dort gab es viel zu berichten. "Der Kandidat erklärte sich ohne Zögern bereit, das MfS auch weiterhin zu unterstützen", heißt es in einem Vermerk. Regelmäßig meldete "Roland" fortan Interna aus dem Kellnerkollektiv. Am 23. November 1989, zwei Wochen nach der Maueröffnung, traf er sich noch mit seinem Führungsoffizier.

R. räumt die Stasi-Tätigkeit ein, beteuert aber, von "Vorgesetzten und Mitarbeitern des MfS unter Druck gesetzt" worden zu sein. Er habe seinem Führungsoffizier "lediglich Banalitäten" erzählt. Seit über einem Jahr wusste auch McDonald's von der Spitzeltätigkeit - durch ein anonymes Schreiben. Das Unternehmen habe dann, sagt ein Sprecher, mit R.s Einverständnis Akteneinsicht genommen und Anwälte mit der Prüfung beauftragt. Die seien zu dem Schluss gekommen, dass seine Stasi-Vergangenheit kein Problem sei.

Das störende Familienmitglied

R. kümmerte sich offenbar um Mitarbeiter, die der Zentrale missfielen. Zum Beispiel Ulrich Enzinger, der seinerzeit fünf Restaurants betrieb. Sein Geschäft florierte, der Zentrale in München überwies er jedes Jahr Millionenbeträge. Trotzdem störte er anscheinend in der McDonald's-Familie.

Deshalb waren R.s Kontrolleure, intern "Field Consultants" genannt, wohl auch besonders genau, wenn sie Enzingers Filialen heimsuchten. Mal waren es die Menüfotos, die über dem Kassentresen durcheinandergeraten waren und damit nicht den Konzernvorgaben entsprachen. Mal kritisierten die Prüfer die Wartezeiten an der Kasse.

Um eine Restaurantleiterin von Enzinger soll sich R. höchstpersönlich gekümmert haben. Für die erste Kontaktaufnahme nutzte der ehemalige Stasi-Mann eine McDonald's-Kreuzfahrt im westlichen Mittelmeer. Der Konzern hatte ein Aida-Schiff gebucht, um verdiente Restaurant- und Gebietsleiter für ihren Einsatz zu belohnen - für R. offenbar eine gute Gelegenheit, einen vertrauensvollen Kontakt zu Enzingers Führungskraft aufzubauen.

In der Folge soll sich R. öfter mit der Frau getroffen haben. Enzinger ahnte davon zunächst nichts, er setzte weiter auf seine wichtigste Angestellte. "Ich habe ihr uneingeschränkt vertraut, in geschäftlichen Dingen hatten wir keine Geheimnisse", sagt er heute.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 22 Beiträge
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    Seite 1    
1. Ist das wahr?
BardinoNino 24.03.2010
Zitat von sysopBei McDonald's war ein Ex-Stasi-Spitzel über Jahre in leitender Position. Er soll einen Restaurantbetreiber ausspioniert haben. Um Gründe für eine Kündigung zu finden? http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,684783,00.html
Was sollen wir jetzt nur tun? Bei Würger King essen?
2. hmmm
Ephemeris 24.03.2010
Wird Zeit das ein Paar leute geköpft werden
3. Einfach boykottieren
kasch010 24.03.2010
so unersetzlich ist McDon ja auch nicht. Frittenbuden gibt es wie Sand am Meer. Und wie weh ein Kundenboykott wg. schlechtem Image tut, das kann McDon ja mal bei Drogerie Anton erfragen. Wie schon meine Oma sagte: "Was du nicht willst was man dir tut, das füge keinem anderen zu..."
4. Immer das Gleiche..
tollytolly 24.03.2010
"Offenkundig aufgeschreckt durch die SPIEGEL-Recherchen, ging McDonald's-Deutschlandchef Bane Knezevic kürzlich in die Offensive. In einem Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen" räumte Knezevic Fehler ein. Dass Detektive auf einen Franchise-Nehmer angesetzt wurden, sei ein "absoluter Einzelfall" gewesen, "von dem ich erst im Nachhinein erfahren habe". Den Vorwurf der Manipulation von Prüfergebnissen wies Knezevic mit dem Hinweis zurück, es habe sich bei diesen Beschwerden "um Probleme bei der Kommunikation und nicht um vorsätzliche Manipulation" gehandelt." Ich kenn mich da nicht so aus. Gibt´s für obere Positionen eigentlich eine Art Buch mit den dümmsten Ausreden ? Sowas haben wir doch schon von der Bahn, Schlecker, Lidl, Netto, etc. gehört. Immer sind es Einzelfälle, und keiner hat etwas gewusst.
5. Appetit vergangen
CHANGE-WECHSEL 24.03.2010
Zitat von sysopBei McDonald's war ein Ex-Stasi-Spitzel über Jahre in leitender Position. Er soll einen Restaurantbetreiber ausspioniert haben. Um Gründe für eine Kündigung zu finden? http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,684783,00.html
Da ist mir der Appetit auf McDonalds vergangen! Werde da nie mehr etwas essen, so lange dieser R. und Knezevic da noch tätig sind. Großkonzerne gehören weltweit viel mehr von Nichtregierungsorganisationen kontrolliert. Allen voran die amerikanischen, die schlimmer sind wie jede Geheimpolizei!
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