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Ausgabe 12/2010

USA: Dämonen im Kopf

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Im Irak-Krieg rettet der US-Obergefreite Joe Dwyer einen Jungen. Das Foto macht ihn zum Nationalhelden. Fünf Jahre später tötet er sich mit Chemikalien. 2009 starben mehr US-Soldaten durch Suizid als auf dem Schlachtfeld im Irak.

Joe Dywer: Dämonen im Kopf Fotos
AP / Warren Zinn, The Army Times

Am Nachmittag eines Sommertages wird die Polizei von Pinehurst im US-Bundesstaat North Carolina zu einem weißen Farmhaus gerufen. Pinehurst ist eine idyllische Kleinstadt mit Wäldern, Plantagen-Architektur und acht Golfplätzen. Es gibt viele Rentner, die Polizei hat meist nicht viel zu tun. Aber zu dieser Adresse sind die Beamten in den vergangenen Monaten immer wieder gekommen. Der Eigentümer, ein junger Mann, hatte sich in seinem Haus verschanzt, mit seinen Pistolen und seinem Gewehr.

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Diesmal brechen die Polizisten die Tür auf. Der Mann liegt auf dem Boden und ringt nach Luft. Er ist besudelt mit Kot und Urin. Um ihn herum liegen Dutzende leere Sprühdosen, Marke "Dust-Off". Mit dem Spray kann man Computer reinigen. Man kann sich auch damit betäuben. Nur irgendwann schädigt die Chemikalie das Herz und die Lunge. "Hilf mir, ich kann nicht atmen", fleht der Mann einen der Polizisten an.

Eine Taxifahrerin hatte die Beamten gerufen. Sie fuhr den Mann seit Monaten jeden Tag zu Geschäften in der Umgebung, wo er sich die Sprühdosen kaufte. Sein eigenes Auto hatte er zu Schrott gefahren, als er einem Gegenstand am Straßenrand auswich. Er hielt ihn für eine irakische Bombe.

Der Mann hieß Joseph Dwyer, er war ein Hüne mit rotbraunem Haar.

Er stirbt an diesem Junitag 2008, gerade 31 Jahre alt, auf dem Weg ins Krankenhaus. Ein paar Tage später wird er beerdigt, mit militärischen Ehren. Am Ende fällt ein Offizier vor Dwyers Ehefrau Matina auf die Knie. Er überreicht ihr die gefaltete Flagge von Joes Sarg - eine Ehrenbezeugung der Armee der Vereinigten Staaten von Amerika.

Denn Joe Dwyer, allein und kläglich umgekommen, war ein Held der USA. Es gibt ein Foto von ihm, auf dem er einen kleinen irakischen Jungen in Sicherheit bringt, gleich nach einem Feuergefecht. Zeitungen in ganz Amerika druckten im März 2003 die Aufnahme auf ihrer Titelseite. "Es war das Bild des Krieges, das jeder sehen wollte", sagt Warren Zinn, der Fotograf. Denn so wollte Amerika sich selbst sehen: mutig, mitfühlend, helfend und mit besten Absichten im Nahen Osten. Vielleicht hat Joe Dwyer den Irak-Krieg nicht überlebt, weil er wirklich so war, wie Amerika gern sein wollte.

Matina, Joes Witwe, trägt ihre braunen Haare kurz, um den Hals baumelt ein filigranes Silberkreuz. "Joseph hat nicht Selbstmord begangen", sagt sie. "Er ist an seinen Kampfwunden im Kopf gestorben." Sie sitzt in einem Restaurant in Pinehurst, stochert in ihrem Hühnersalat und sagt Sätze, um die sie lange ringt. "Es gibt mir Frieden, dass er nicht mehr jeden Tag mit seinen entsetzlichen Erinnerungen kämpfen muss", zum Beispiel, oder: "Ich kann nur deshalb ertragen, dass er tot ist, weil das vielleicht seine Art war, anderen zu helfen."

Denn ein Psychologe der US-Armee begann, nachdem er Dwyer traf, neue Therapien zu entwickeln, um verstörten Kriegsheimkehrern zu helfen.

300.000 US-Veteranen leiden an Posttraumatischer Belastungsstörung

Joe Dwyer litt an Posttraumatischer Belastungsstörung, PTBS. Immer mehr Soldaten kehren mit dieser Krankheit heim nach Amerika, aber auch nach England und Deutschland. Etwa jeder fünfte US-Uniformierte, der den Krieg am Hindukusch oder am Euphrat überlebt, quält sich mit traumatischen Neurosen. Schätzungsweise 300.000 US-Veteranen leiden an PTBS, viele trauen sich nicht zum Arzt, aus Angst, für verrückt erklärt zu werden. Nur die Hälfte derer, die ihre Scham überwinden, werden bisher wenigstens "minimal ausreichend" behandelt, so das Ergebnis einer Studie der US-Denkfabrik Rand Corporation.

Im Jahr 2009 starben mehr US-Soldaten durch Suizid (334) als auf dem Schlachtfeld im Irak (149). Schon 2008 stellten Militärärzte fest, dass jeden Monat 1000 Veteranen versuchen, sich das Leben zu nehmen. Weit über 100 Ex-Kämpfer aus dem Irak und aus Afghanistan sind durchgedreht und haben Menschen getötet; ein Drittel der Opfer waren Freundinnen, Ehefrauen oder andere Familienmitglieder.

Die ersten Zeichen dieser Epidemie bemerkt John Fortunato vor fünf Jahren. Der Psychologe der US-Armee arbeitet auf der Basis Fort Bliss in El Paso, Texas. Die jungen Irak-Heimkehrer, die damals vor seinem kleinen Praxiszimmer warten, sprechen von Schuld, Panik, Wut und Gedanken, die sie Tag und Nacht verfolgen.

Er verschreibt Pillen, ebenso wie die anderen Armee-Psychologen. Wenn er Zeit hat, redet er auch mit den Soldaten. Meist aber schreibt Fortunato am Ende nur Gutachten. Er entlässt die Soldaten aus der Armee, untauglich für den Krieg, aber auch untauglich fürs Leben.

Als Fortunato 2006 ein solches Gutachten für seinen Patienten Joe Dwyer schreiben muss, geht ihm das nah. "Dwyer war ein feiner Kerl mit viel Humor", sagt Fortunato. Sein langsamer Verfall bewegt den Psychologen, selbst ein Behandlungszentrum aufzubauen, um aus den Kriegswracks wieder Menschen zu machen. 2007 werden die Baracken feierlich eingeweiht, Offiziere halten Reden, ein General durchschneidet das Band.

"Warum schickt ihr nicht mich?"

Joe Dwyer ist 24 Jahre alt, als er sich zur Armee meldet. Er wird in El Paso stationiert und sitzt mit vier Kameraden in einem fensterlosen Zimmer, Sanitätsdienst. Die vier - Joe Dwyer, Dionne Knapp, Angela Minor und ihr Chef Jose Salazar - mögen sich. "Wir haben über das gesprochen, was uns berührt, das tiefgehende Zeug", sagt Dionne Knapp, eine junge, ernste Frau mit Locken und einer kleinen Zahnlücke. "Joe war der kleine Bruder, den ich nie hatte." Die anderen Soldaten nennen sie die "vier Musketiere".

Dann bekommt eine von ihnen, es ist Dionne, ihren Marschbefehl in den Irak. Sie sagt zu Joe, sie könne ihre beiden Kinder nicht alleinlassen. Sie würde eher desertieren, als in den Krieg zu gehen. Am nächsten Tag meldet sich Joe bei seinem Vorgesetzten. "Warum schickt ihr nicht mich?"

Im Februar 2003 bringt Matina ihren Mann zum Bus. Er erzählt ihr, dass er in ein Krankenhaus in Kuwait abkommandiert werde. Das stimmt nicht.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Besser Auswahl des Humankapitals?
Ursprung 25.03.2010
Der Artikel ist eindringlich, offenbar auch recherchiert und stellt berechtigte Fragen allein schon durch die textliche Darstellung. Man wuenscht sich mehr dergleichen auf spon. Wie ist es mit Antwortversuchen? Hier ist einer: nach glaubhaften Berichten von Persoenlichkeitsforschern soll es rund 30 % Menschen in der Bevoelkerung geben, die genmaessig eher "Kampfmaschinen" seien. Einige Privatbeobachtungen in Kindergaerten, Schule, Fussballstadien (Spieler und Publikum) stuetzen subjektiv diesen Eindruck. Diesen "besonderen" Menschen, wenn sie nicht straffaellig werden, gelingt es nur mit Geschicklichkeit und lebenslanger erfolgreicher Unterdrueckung ihrer Intentionen, glimpflich durchs Leben zu kommen. Doch sie koennen sich so gar nicht echt selbst verwirklichen. Wenn dem so waere, gaebe es hier einen Ansatz: Methoden entwickeln, diese Leute herauszufiltern und Ihnen eine Spezialausbildung mit entsprechenden Berufsmoeglichkeiten eroeffen, auch die militaerische. Sie waeren die effizienteren Kaempfer, mustmasslich mit besserer Selbstdisziplin, weil profimaessig gelernt und nicht aufoktroiert, weniger anfaellig fuer eigene seelische Traumata oder leichter und erfolgreicher behandelbar. Damit letztlich auch finanziell effizienter fuer das Unternehmen Krieg. Die anderen 70 % sorgen dann fuer ein funktionierenderes Gemeinwohl zu Hause, um sich die "Kaempfer" und deren Ausbildung und Kontrolle lockerer leisten zu koennen. Auch die Gefaengnisse koennten leerer werden duch solche Konzepte.
2. Mitleid mit den Dämonen?
fantomas99, 25.03.2010
Soll man etwa auch noch Mitleid mit diesen Mördern und primitiven Vergewaltigern haben? Die sollen möglichst alle zum Teufel....wer braucht die schon?
3. Schade, schade
Lehrer, 25.03.2010
Zitat von fantomas99Soll man etwa auch noch Mitleid mit diesen Mördern und primitiven Vergewaltigern haben? Die sollen möglichst alle zum Teufel....wer braucht die schon?
Tja, wenn die Welt so einfach wär...
4. Primitive Verallgemeinerung
bürgerschreck 25.03.2010
Zitat von fantomas99Soll man etwa auch noch Mitleid mit diesen Mördern und primitiven Vergewaltigern haben? Die sollen möglichst alle zum Teufel....wer braucht die schon?
Was eine primitive Verallgemeinerung. In den USA ist die Armee oft die einzige Möglichkeit für so etwas wie einen sozialen Aufstieg. Es ist doch immer das gleiche alte Lied: Kriege werden von alten Männern angezettelt und von den jungen Männern der niedrigen Stände oder der unteren sozialen Schichten ausgetragen. Jeder der mal einen Menschen mit schwerem Trauma kennengelernt hat, weiß was diese Menschen durchmachen. Ihre Bemerkung ist unangemessen und geradezu hirnlos. Menschen wie Joe Dwyer sind das Kanonenfutter für die Washingtoner Eliten. Wem sollte man die Schuld geben?
5. ..
jungzdar 25.03.2010
Zitat von fantomas99Soll man etwa auch noch Mitleid mit diesen Mördern und primitiven Vergewaltigern haben? Die sollen möglichst alle zum Teufel....wer braucht die schon?
sehr intelligenter beitrag. ein mensch wird durch seine umwelt geprägt und sie scheinen mir da viel wert drauf zu legen das ihre umwelt funktioniert. perverse und gewalttätige gibt es und man muss ihnen helfen. wegschauen, beleidigen verachten. man könnte sie auch alle sofort umbringen. dann hätte man keine kosten. ./ironie off
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