AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 12/2010

Kino Hollywoods Aschenputtel

Sie ist schwarz, dick und ungeheuer talentiert: Gabourey Sidibe wird seit ihrer Oscar-Nominierung für den Film "Precious" als Jungstar gefeiert. Der Erfolg der 150-Kilo-Frau entfacht eine Debatte um Schönheitsideale.

Von Lars-Olav Beier

Getty Images

Was soll ich jetzt nur mit den ganzen Kleidern machen?", fragt Gabourey Sidibe, lacht und blickt durch das Fenster auf den Central Park, in dem der letzte Schnee des Winters taut. Sie ist hier aufgewachsen, in New York, aber ein paar Kilometer weiter nördlich, in Harlem, in einer Gegend, in der man nur davon träumen kann, eines Tages aus dem achten Stock eines Luxushotels auf den Central Park zu schauen.

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Doch in den vergangenen Wochen ist sie einige Kilometer über rote Teppiche gelaufen, bei all den Preisverleihungen, bei denen sie nominiert war für die Darstellung einer schwer übergewichtigen Analphabetin in dem Film "Precious - Das Leben ist kostbar", der in dieser Woche in die deutschen Kinos kommt. Sidibe, 26, wird als schauspielerische Sensation gefeiert, denn vor "Precious" hatte sie noch nie vor der Kamera gestanden. Sie wiegt mehr als 150 Kilo.

Die Kleider für die vielen Verleihungen mussten ihr auf den Leib geschneidert werden, damit sie sich darin halbwegs anmutig und elegant bewegen konnte. "Ich sollte sie verschenken." Nun hält sie inne, wirkt für einen kurzen Moment fast etwas wehmütig. Die Party, das weiß sie, ist bald vorbei. Und kein Mensch vermag zu sagen, ob sie jemals weitergeht.

Die Oscar-Verleihung vor zwei Wochen, bei der Sidibe als beste Hauptdarstellerin nominiert war, am Ende aber der Konkurrentin Sandra Bullock applaudieren musste, war der bisherige Höhepunkt ihrer steilen Laufbahn. Strahlend, charmant und selbstbewusst zeigte sie sich der Welt. Doch wie viele Rollen hat Hollywood einer Frau wirklich zu bieten, in deren Körper ein schlanker Star wie Keira Knightley dreimal hineinpasst?

"Man hätte ihr den Oscar geben sollen, denn die Arme wird nie wieder eine Rolle kriegen", höhnte das berüchtigte New Yorker Lästermaul Howard Stern in seiner Radiosendung. Die "allerfetteste Tussi" Sidibe habe bei der Verleihung kaum in die Sitzreihe gepasst, fügte er hinzu, eigentlich hätte sie zwei Plätze gebraucht. Daraufhin wurde Stern von zahlreichen Internet-Bloggern als Rassist bezeichnet, die Schauspielerin Whoopi Goldberg verteidigte Sidibe vehement.

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"Precious": Leid, Mut, Hoffnung

Sidibes Erfolg hat in den USA eine heftige Debatte um Fettleibigkeit, Schönheit und Gesundheit ausgelöst, sie schwelte schon monatelang, nach der Oscar-Verleihung ist sie offen ausgebrochen. Es geht um Diskriminierung, Rassismus und um die Frage, ob jeder Amerikaner so sein darf, wie er will - vor allem so dick. Es geht also um den American Way of Life. "Ich weiß nur eines", sagt Sidibe, "ich möchte kein Symbol sein, für nichts und niemanden. Ich passe gut in mein Leben, aber ich passe in keine Schublade."

"Ich suchte einen halbwegs spannenden Job"

Die Tochter eines Taxifahrers aus dem Senegal und einer Sängerin, die durch Auftritte in der New Yorker U-Bahn die Familie ernährte, hatte kaum schauspielerische Erfahrung, als sie zum Casting für den Film "Precious" ging. "Ich hatte einfach keine Lust mehr zu studieren und suchte einen halbwegs spannenden Job", sagt Sidibe. Sie hatte angefangen, Psychologie zu studieren, um Therapeutin zu werden, und finanzierte das Studium über die Arbeit in einem Callcenter.

Der Regisseur Lee Daniels hatte zuvor schon rund 500 Frauen für seinen Film "Precious" gecastet, professionelle Schauspielerinnen und Laien. Sein Film beruht auf dem Roman "Push" der New Yorker Schriftstellerin Sapphire, spielt im Harlem der achtziger Jahre und erzählt von der jungen Schwarzen Claireece Jones, genannt Precious, die von ihrem Vater missbraucht und von ihrer Mutter verprügelt wird. Sie hat ein behindertes Kind und bekommt am Ende Aids.

Doch Daniels wollte keinen Film machen, der den Zuschauer in tiefe Depression stürzt. Er wollte, dass die Zuschauer Precious für ihre Würde bewundern, statt sie zu bemitleiden. So suchte er nach einer Darstellerin, die glaubwürdig vermitteln kann, wie eine Frau aus Leid Stärke entwickelt. Wie "von Gott gesandt" sei ihm Sidibe erschienen, als sie sich ihm beim Vorsprechen entschlossen und witzig präsentierte, erzählt Daniels.

"Precious" ist Fett-affin

"Wir zeigen all das Leid, das sie erdulden muss, als etwas Alltägliches", erzählt Sidibe. "Precious wird von ihrem Vater missbraucht, aber das ist für sie nichts Besonderes, es passiert jeden Tag. Wenn ihre Mutter auf sie einschlägt und sie mit Essen bewirft, ist das ein ganz normaler Tag. Wir wollten nicht, dass die Zuschauer anfangen zu weinen, denn Precious tut das auch nicht. Für Sentimentalität ist in ihrem Leben kein Platz."

Sidibe spielt diese junge Frau als völlig verschlossenen Menschen, der sich in seinen massigen Körper zurückgezogen hat wie in ein sicheres Versteck. Das Fett ist für Precious eben keineswegs nur eine Last, sondern auch ein Schutzwall in einer Welt, die sie von allen Seiten attackiert, ob zu Hause oder auf der Straße. Unter dem Fett verschwindet auch ihre Mimik weitgehend, verbirgt ihre Regungen vor fremden Blicken. Niemand weiß, was in ihr vorgeht. "Precious träumt davon, unsichtbar zu sein", sagt Sidibe.

Das menschliche Gesicht, dessen Ausdruckskraft Hollywood in seinen Großaufnahmen so gern feiert, wirkt bei Sidibe oft leer. Deshalb geht die Kamera in dem Film ganz nah an sie heran, bis auf wenige Zentimeter, um jede noch so kleine Regung in ihrem Gesicht aufzuspüren - und entdeckt plötzlich die Schönheit darin. Selten zuvor hat Hollywood seine Berührungsangst mit dem Stoff, aus dem seine Alpträume sind, so konsequent hinter sich gelassen. Dieser Film ist Fett-affin.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 53 Beiträge
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Seite 1
silenced 25.03.2010
1. <->
Zitat von sysopSie ist schwarz, dick und ungeheuer talentiert: Gabourey Sidibe wird seit ihrer Oscar-Nominierung für den Film "Precious" als Jungstar gefeiert. Der Erfolg der 150-Kilo-Frau entfacht eine Debatte um Schönheitsideale. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,684974,00.html
Schön ist, was gefällt. Da Geschmäcker bekanntlich verschieden sind, sich aber manche Leute anmaßen das Alpha und das Omega für diese Definitionen zu sein und zusätzlich der Meinung sind, daß Abweichler nicht Gesund sein können, entstehen eben solche absurden Debatten. Intoleranz ist Geil!
Bala Clava 25.03.2010
2. Kompletter Blödsinn
Zitat von sysopSie ist schwarz, dick und ungeheuer talentiert: Gabourey Sidibe wird seit ihrer Oscar-Nominierung für den Film "Precious" als Jungstar gefeiert. Der Erfolg der 150-Kilo-Frau entfacht eine Debatte um Schönheitsideale. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,684974,00.html
Was für ein dämliches Journalisten-Geschwätz. Ich habe noch nirgendwo den geringsten Hinweis darauf gefunden, dass jemand im Zusammenhang mit dieser Frau das Wort "Schönheitsideal" auch nur gedacht hätte. Geschweige denn "Debatte" um dieses. Sie ist kurzfristig erfolgreich, wird an und ab noch ein paar Nebenrollen bekommen. Sie mag auch ein ganz sympatisches Wesen haben. Mit Schönheit hat das alles nichts zu tun. Kein Mensch, ob Frau oder Mann, mit 150 Kilo Schlachtgewicht kommt auch nur in die Nähe von etwas, das als schön, hübsch oder ästhetisch angesehen würde.
Hypocrist 25.03.2010
3. .
Guter Artikel, den Film muss ich mir unbedingt anschauen. Auch wenn ich dieses starke Übergewicht problematisch & wenig ästhetisch finde - der Vergleich mit A. Jolie trifft voll ins Schwarze. Fand sie ursprünglich wunderschön, aber in letzter Zeit passen die Proportionen irgendwie nicht mehr. Ich hoffe, Gabourey Sidibe noch in der einen oder anderen Rolle zu sehen und wünsche ihr für die Zukunft alles Gute!
dick_&_durstig 25.03.2010
4. Dazu kann ich nur sagen:
Zitat von Bala ClavaWas für ein dämliches Journalisten-Geschwätz. Ich habe noch nirgendwo den geringsten Hinweis darauf gefunden, dass jemand im Zusammenhang mit dieser Frau das Wort "Schönheitsideal" auch nur gedacht hätte. Geschweige denn "Debatte" um dieses. Sie ist kurzfristig erfolgreich, wird an und ab noch ein paar Nebenrollen bekommen. Sie mag auch ein ganz sympatisches Wesen haben. Mit Schönheit hat das alles nichts zu tun. Kein Mensch, ob Frau oder Mann, mit 150 Kilo Schlachtgewicht kommt auch nur in die Nähe von etwas, das als schön, hübsch oder ästhetisch angesehen würde.
Lieber am Fett ersticken, als Knochen fi....
Spinatwachtel 25.03.2010
5. Ansichtssache
Es gab Zeiten, da galt dick sein als schön. Ein dicker Mensch bedeutete Reichtum. Heute ist es ein Muss: Hungerhaken. In unseren Köpfen macht sich der Fitness und Wellness Wahn breit und schwingt die Peitsche der Zensur. Wer`s mag? Wenn's schee macht? Dass wir aber immer noch nicht tolerant genug sind, auch dicke Menschen als das zu sehen was sie sind, Menschen nämlich, ist ein Armutszeugnis für unsere aufgeklärte Welt. Sicher ist dick sein im Übermass nicht gesund. Sich halbtot oder ganz tot zu hungern auch nicht. Ich halte mich an den Spruch Cäsara: Lasst dicke Männer um mich sein! Sie sind zumindest besser zu ertragen als spindeldürre Weledaasketen, die den Rest der Menschheit verdammen, weil sie keine Körner frisst.
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