AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 12/2010

Archäologie Rätsel der heiligen Huren

"Weihedirnen" in Jerusalem, Tempelsex im Dienst der Aphrodite - viele antike Autoren beschreiben in drastischer Form sakrale Prostitution. Alles nur Legenden? Historiker suchen nach dem wahren Kern der Berichte. Der Verdacht: Es gab einst Götterstätten, die nebenbei Bordelle betrieben.

Corbis

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Die "hässlichste Sitte" in Babylon, meinte der Historiker Herodot (um 490 bis 425 vor Christus), sei die massenhafte Kuppelei im Ischtar-Tempel. Einmal im Leben müssten alle Frauen des Landes dort niedersitzen und sich - gegen Geld - "einem Fremden preisgeben".

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Heft 12/2010
Ausleihen, befristen, kündigen: Die neue Arbeitswelt

"Reiche und hochmütige" Damen, lästerte der Altgrieche, fahren im "verdeckten Wagen" vor.

Ähnlich schändlich trieben es angeblich die Perser am Schwarzen Meer. Dort würden "jungfräuliche Töchter" - kaum zwölf Jahre alt - der Kultprostitution geweiht, behauptete Strabon: "Sie behandeln ihre Liebhaber so freundlich, dass sie sie sogar bewirten."

Zuhauf liegen derlei Berichte aus dem klassischen Altertum vor: Von Sizilien bis Theben sollen Völkerschaften perversen religiösen Bräuchen gefrönt haben.

Auch die Juden: Rund ein Dutzend Stellen im Alten Testament kreisen um "Kedeschen". Der Name steht für weibliches und männliches Kultpersonal. Die Bibel nennt sie "Weihebuhlen" und "Lustknaben". Im 5. Buch Mose wird Strichjungen verboten, ihr "Hundegeld" dem Haus des Jahwe zu stiften.

Forscher des 20. Jahrhunderts griffen die - oft dunklen - Hinweise begierig auf. Bald galt es als Tatsache, dass die Priester im Morgenland Zwangsdeflorationen durchführten; es habe "Mitgift-Prostitution" gegeben und eine "geschlechtliche Vereinigung am Kultort".

Tempelsex, so hieß es im "Lexikon für Theologie und Kirche", sei die "sittliche und gesundheitliche Pestbeule am Leibe der Völker" gewesen.

Aber stimmt das? Immer mehr Wissenschaftler stoßen sich an den Erotikfabeln der Altvordern.

Denn neuentdeckte Keilschriften zeigen ein entschärftes Bild. Immer klarer wird: Die Forscher früherer Jahrzehnte haben das Thema aufgebauscht. Für den Ritus der Zwangsentjungferung zum Beispiel findet sich in Wahrheit nicht ein einziger Beleg.

Eine Fraktion von Gender-Forscherinnen sieht nun alles noch radikaler. Sie streitet die heilige Prostitution in Gänze ab. Die Sache sei erstunken und erlogen.

Erst hätten einige griechische Schriftsteller fremden Völkern ehrabschneidende Schmuddelbräuche angedichtet, um deren sittliche "Verwerflichkeit" herauszustellen, heißt es in einem neuen Buch zum Thema(*1). Aus diesem Schlamm sei dann in der Moderne ein "Forschungsmythos" entstanden.

Die US-Altorientalistin Julia Assante, Wortführerin der Bewegung, ist sicher: Heilige Huren gibt es nur in der "Männerphantasie".

Gemäßigten Gelehrten geht diese Deutung jedoch auch wieder zu weit. Zwar zweifeln sie ebenfalls an manchen der schwülstigen Lehrmeinungen der Vergangenheit. An der Existenz des Phänomens aber halten sie fest. Demnach gab es einst

  • Heiligtümer, die nebenbei Bordelle führten;
  • Tempel, in denen Mädchen - noch vor ihrer ersten Menstruation - höchste Priesterämter ausübten;
  • Profi-Dirnen, die aus eigener Tasche Kultorte stifteten - etwa für eine Göttin "Aphrodite Porne".

Eine erbitterte Debatte wogt da. Feministisch gesinnte Assyriologinnen kabbeln sich mit Lehrstuhlinhabern alten Schlages. Während die einen stets "Alles gelogen!" rufen, versuchen die anderen, unter Verweis auf die sumerische Grammatik, ihre vermeintlich "patriarchalische Sichtweise" zu verteidigen.

Immerhin: Einigkeit besteht über den normalen Straßenstrich im Altertum. Grell geschminkt und mit gelbem Schal standen Athens Dirnen am Fuß der Akropolis. Spezielle "Flötenmädchen" boten den Freiern zuerst Musik auf dem Aulos an, ehe sie keck zur Tat schritten.

Roms Billighuren kosteten vier Asse (was der Kaufkraft von kaum zehn Euro entspricht). Das Callgirl Messalina hurte sich bis zur Kaiserin hoch.



insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
delta058 26.03.2010
1. Sinnvoll?
Mal ehrlich das Historiker sich mit Genderideolginnen über Prostitutionsgeschichte streiten ist in etwa so sinnvoll wie Geologen, die sich mit Radikaltheologen über das Alter der Erde streiten. Wobei selbst die radikalsten Theologen Fakten und Indizien offener gegenüber stehen als Genderiten. Nix Besseres als Thema gefunden?
the_flying_horse, 26.03.2010
2. ist schon Sommerloch?
Kaum wird es etwas wärmer, kommen schon die Themen zu Sommerloch...
frubi 26.03.2010
3. .
Zitat von sysop"Weihedirnen" in Jerusalem, Tempelsex im Dienst der Aphrodite - viele antike Autoren beschreiben in drastischer Form sakrale Prostitution. Alles nur Legenden? Historiker suchen nach dem wahren Kern der Berichte. Der Verdacht: Es gab einst Götterstätten, die nebenbei Bordelle betrieben. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,684975,00.html
Während ich am Montag den Bericht in der Printausgabe gelesen habe kam mir andauernd nur ein Gedanke: Der Mensch ist halt ein Tier. So what? Geschlechtsverkehr gemixt mit altertümlichen Aberglaube und schon hat man prepubertäre Huren. Wenn man wissen will wie "crazy" unsere frühen Vorfahren waren dann sollte man mal einen Blick auf die damaligen Folterwerkzeuge werfen.
Zero Thrust 26.03.2010
4. re
Zitat von frubiWährend ich am Montag den Bericht in der Printausgabe gelesen habe kam mir andauernd nur ein Gedanke: Der Mensch ist halt ein Tier. So what? Geschlechtsverkehr gemixt mit altertümlichen Aberglaube und schon hat man prepubertäre Huren. Wenn man wissen will wie "crazy" unsere frühen Vorfahren waren dann sollte man mal einen Blick auf die damaligen Folterwerkzeuge werfen.
Dieser Zusammenhang muss einem jetzt hoffentlich nicht einleuchten... Keine Ahnung. Aber zwei Dinge gelten wenigstens als gemeinhin bekannt. A) Was eine Legende ausmacht, ist ihr wahrer Kern. B) Das Geschäft der Freuden ist das wohl älteste Gewerbe der Menschheitsgeschichte. Dass es i. w. S. etwas in der Art religiös motivierter Prostitution in Teilen Indiens gab, gilt, meine ich, als vergleichsweise akzeptiert. Darüber hinaus jedoch ist und bleibt das Thema umstritten. Es fehlt an Belegen. Ich kann mir eher schwer vorstellen, dass es so etwas je im Sinne eines Massenphänomens gegeben hat, bei dem die Akteure (sowohl Kunde als auch Dienstleisterin) den sakralen Hintergrund tatsächlich ernst nahmen. Wahrscheinlicher halte ich es, dass so etwas beizeiten primär als Vorwand genutzt (oder, so man will, missbraucht) wurde, vielleicht auch als eine Art der Tarnung (des Geschäftsbetriebs). In Form von vereinzelten Randphänomenen halte ich es dann schon für denkbarer, vielleicht so im Rahmen gewisser Kulte; dann aber abseits und isoliert von der gemeinen Gesellschaft und eher in einem "elitären" Rahmen. Das ist aber wilde Spekulation, sonst nichts.
Dschinny, 26.03.2010
5. Was ist daran neu?
Prostitution is global und ein uraltes Geschäft. Daraus folgten bisher immer Verbote oder Regulierungsversuche durch die Machthaber. Die Liberale Haltung wie wir sie zur Zeit in Deutschland praktizieren ist dagegen ziemlich neu und selten. Wenn ein Kult zu einem Staat im Staate mutiert, ist es nur natürlich dass er entweder Verbote aufstellt (s. Islam) oder mitmischt. (s. Shiva-Kult in Indien) Das es ähnliche Zustände wie heute, damals NICHT gegeben hätte, ist schon eine steile Behaputung. Dazu kommt noch, dass religiöse Reisen der Tourismus früherer Zeitalter waren. Daher sind viele Kultstätten von Vergnügungsvierteln umgeben. Gibt es kein Verbot, gehört Prostitution selbstverständlich dazu: Angebot und Nachfrage. (Andernfalls wird es in einem etwas größeren Abstand unter den Teppich gekehrt)
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