SPIEGEL: Herr de Ridder, als Notfallmediziner kämpfen Sie täglich darum, Leben zu retten. Ausgerechnet Sie plädieren jetzt für eine neue Sterbekultur - ist das nicht ein Widerspruch?
SPIEGEL: Wie kommt es dazu?
De Ridder: Einfach so zu sterben ist in unserer Gesellschaft nicht mehr vorgesehen, sogar an Orten, wo man es erwarten könnte. Es stirbt kaum jemand ohne Infusion oder künstliche Ernährung. Das Sterben hat längst seine Natürlichkeit verloren.
SPIEGEL: Was verstehen Sie unter einem natürlichen Sterben?
De Ridder: Ich denke da an eine Dame, Ende achtzig, aber sehr rüstig. Sie kam mit ihrer Tochter in unsere Rettungsstelle, weil sie eine massive Darmblutung hatte. Eine Darmspiegelung ergab einen Tumor als Ursache. Man hätte die Blutung nur mit einer Operation stillen können. Das wollte sie nicht. Sie sagte, sie habe ein erfülltes Leben gehabt und nun wolle sie lieber sterben, als einen unbestimmten Leidensweg anzutreten. Auch die Tochter fand das richtig. Und so starb die Frau noch am selben Tag. Es war eine absolut plausible Entscheidung, gegen die nichts zu sagen war, zumal der Verblutungstod ein sanfter ist. Aber die Ärzte fühlten sich vor den Kopf gestoßen. Es gab erbitterte Diskussionen, ob man das überhaupt zulassen dürfe.
SPIEGEL: Müssen sich Ärzte nicht als Anwälte des Lebens verstehen?
De Ridder: Natürlich ist der Heilungsauftrag das Primäre. Doch der Auftrag, für ein gutes Sterben zu sorgen, ist ethisch gleichrangig. Tatsächlich aber wird die Reanimations- und Behandlungskette oft zum Selbstläufer. Der Mensch, dem sie eigentlich dienen soll, mit seinen individuellen Vorstellungen vom Leben und Sterben, spielt gar keine Rolle mehr. Ein klassisches Beispiel: Eine Ärztin kommt hier mit einem alten Mann aus dem Pflegeheim an, der seit einem Schlaganfall vor zwei Jahren nichts mehr zu sich nahm, nicht mehr kommunizieren konnte, keinen Lebensmut mehr zeigte. Jetzt hatte er eine akute Lungenentzündung bekommen, und im Heim wollten sie die Verantwortung nicht tragen. Just als sie ihn hier in der Rettungsstelle übergab, bekam er einen Kreislaufstillstand. Und dann folgte bei ihr dieser Reflex: Tubus, Sauerstoff, Intensivstation! Ich habe gesagt: "Langsam, Frau Kollegin. Der Mann stirbt gerade, und das lassen wir jetzt zu."
SPIEGEL: Früher blieb dem Arzt nichts anderes übrig. Man sagte: Die Lungenentzündung ist der Freund der alten Leute ...
De Ridder: ... zu Recht. Weil sie den Patienten schnell und weitestgehend beschwerdefrei wegdämmern lässt.
SPIEGEL: ... heute stellt der technische Fortschritt Mediziner vor ethische Entscheidungszwänge. Sind sie darauf vorbereitet?
De Ridder: Schlecht. Es fehlen ihnen eigene Kriterien. Also achten sie zuerst darauf, rechtlich auf der sicheren Seite zu stehen: Ich habe alles gemacht, was möglich war, also kann mir nichts passieren. Das nimmt groteske Formen an. Ich erinnere mich an einen schon deutlich ausgezehrten alten Mann mit einer Sepsis. Vermutlich war es ein perforierender Darmtumor oder Ähnliches - jedenfalls hoffnungslos. Während die Ärzte mit ihm vor dem Röntgengerät warten, bekommt er einen Herzstillstand. Sie verständigen sich darauf: Keine Wiederbelebung, wir machen nichts mehr. Eine absolut verantwortliche Entscheidung. Aber in der Akte steht was anderes: "Wiederbelebung nach 25 Minuten eingestellt." Die Kollegen wollten sich absichern. Weil sie die Hand des Staatsanwalts auf ihrer Schulter zu spüren glauben.
SPIEGEL: Eine verständliche Angst?
De Ridder: Nein, das ist eine Perversion ärztlichen Denkens. Wenn ich so jemanden noch reanimiere, verfehle ich meinen Auftrag. Angesichts solcher Fehlentwicklungen muss man doch mal fragen: Was ist eigentlich so schlimm am Sterben? Es geschieht sowieso, und unerträglich sind doch vor allem die Umstände. Eigentlich haben wir mit der Palliativmedizin heute alle Möglichkeiten, das Sterben so zu gestalten, wie Menschen es sich wünschen, nämlich friedlich. Stattdessen arbeiten wir allzu oft dagegen und bereiten unzähligen Menschen ein schreckliches Ende.
SPIEGEL: Um das abzuwenden, legen immer mehr Menschen in einer Patientenverfügung fest, was sie nicht wollen.
De Ridder: Und wer keine Verfügung hat, wird automatisch mit allem traktiert, was technisch machbar ist? Das ist doch eine verkehrte Welt, in der Leute mit Zetteln im Portemonnaie herumlaufen: "Bitte keine Schläuche!", weil Mediziner dem technologischen Imperativ folgen, anstatt nach dem Wohl des Patienten zu fragen und nach dem, was medizinisch angezeigt ist.
SPIEGEL: Was schlagen Sie vor?
De Ridder: Wir brauchen ein Konzept der aussichtslosen Therapien. Wir können etwa mit Dialyse, Beatmung und Sondenernährung den Todeszeitpunkt beinahe beliebig hinausschieben. Aber ab wann dient das nicht mehr dem Wohl des Kranken? Ich selbst habe als Intensivmediziner Patienten behandelt, bei denen ich im Nachhinein gesagt habe: Das war keine gute Entscheidung. Ich habe die langfristigen Folgen von sinnloser Medizin miterlebt.
SPIEGEL: Was meinen Sie konkret?
De Ridder: Zum Beispiel die vielen Reanimierten, die im Wachkoma zurückbleiben. Mittlerweile bringt die Medizin jedes Jahr 3000 bis 5000 Menschen in diese schreckliche Lage, in der sie dann hängenbleiben, wenn sie nicht zufälligerweise eine entsprechende Patientenverfügung haben. Das war früher anders: In den sechziger Jahren verließ etwa jeder zweite Patient nach einer Reanimation die Klinik halbwegs gesund - und die anderen sind gestorben, auch weil man Menschen ohne Bewusstsein noch nicht dauerhaft ernähren konnte. Heute überlebt gerade mal einer von 20 die Wiederbelebung. Zieht man davon all diejenigen ab, die als dauerhaft Schwerstpflegebedürftige die Kliniken verlassen, dann ist der Erfolg noch viel kleiner.
SPIEGEL: Woran liegt das?
De Ridder: Man ist damals nach sehr viel strengeren Indikationen vorgegangen: Man hat nur Patienten behandelt, die einen Herzinfarkt mit Kammerflimmern hatten, ansonsten aber gesund waren. Ich selber gehöre übrigens zu diesen Patienten. Ohne die Hochleistungsmedizin säße ich jetzt nicht hier. Trotzdem würde ich die Indikationen von damals auch heute noch vertreten. Mittlerweile hat man den Einsatz medizinischer Technik uferlos ausgeweitet, auch auf chronisch kranke Menschen und solche, die bereits an den Grenzen ihres Lebens angekommen sind. Im Extremfall schockt man jemanden mit einem Tumor im Endstadium ins Leben zurück.
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© DER SPIEGEL 12/2010
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