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Ausgabe 12/2010

Ethik: "Was ist so schlimm am Sterben?"

Der Rettungsmediziner Michael de Ridder über seine Erlebnisse mit Todkranken, die Lebenserhaltung um jeden Preis und die ärztliche Beihilfe zum Suizid.

Rettungsmedizin: Erlebnisse mit Todkranken Fotos
Corbis

SPIEGEL: Herr de Ridder, als Notfallmediziner kämpfen Sie täglich darum, Leben zu retten. Ausgerechnet Sie plädieren jetzt für eine neue Sterbekultur - ist das nicht ein Widerspruch?

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De Ridder: Gerade in meinem Bereich erlebe ich oft, wie die Grenzen des Lebens immer weiter ausgedehnt werden, ohne Rücksicht darauf, ob das dem Wohl und dem Willen des Patienten entspricht. In manchen Rettungsstellen kommt mittlerweile die Hälfte aller Einweisungen aus dem Pflegeheim. Bekommt ein chronisch Schwerstkranker dort einen Herzstillstand oder eine Lungenentzündung, wäre es das Sinnvollste, dafür zu sorgen, dass er nicht leidet, und alles Weitere zu unterlassen. Aber das passiert immer noch zu selten. Stattdessen reißt man sterbende alte Menschen aus ihrer gewohnten Umgebung, verfrachtet sie mit Blaulicht ins Krankenhaus, reanimiert und beatmet sie - und wenn sie Pech haben, sterben sie im Aufzug. Das sind schreckliche, unwürdige Situationen.

SPIEGEL: Wie kommt es dazu?

De Ridder: Einfach so zu sterben ist in unserer Gesellschaft nicht mehr vorgesehen, sogar an Orten, wo man es erwarten könnte. Es stirbt kaum jemand ohne Infusion oder künstliche Ernährung. Das Sterben hat längst seine Natürlichkeit verloren.

SPIEGEL: Was verstehen Sie unter einem natürlichen Sterben?

De Ridder: Ich denke da an eine Dame, Ende achtzig, aber sehr rüstig. Sie kam mit ihrer Tochter in unsere Rettungsstelle, weil sie eine massive Darmblutung hatte. Eine Darmspiegelung ergab einen Tumor als Ursache. Man hätte die Blutung nur mit einer Operation stillen können. Das wollte sie nicht. Sie sagte, sie habe ein erfülltes Leben gehabt und nun wolle sie lieber sterben, als einen unbestimmten Leidensweg anzutreten. Auch die Tochter fand das richtig. Und so starb die Frau noch am selben Tag. Es war eine absolut plausible Entscheidung, gegen die nichts zu sagen war, zumal der Verblutungstod ein sanfter ist. Aber die Ärzte fühlten sich vor den Kopf gestoßen. Es gab erbitterte Diskussionen, ob man das überhaupt zulassen dürfe.

SPIEGEL: Müssen sich Ärzte nicht als Anwälte des Lebens verstehen?

De Ridder: Natürlich ist der Heilungsauftrag das Primäre. Doch der Auftrag, für ein gutes Sterben zu sorgen, ist ethisch gleichrangig. Tatsächlich aber wird die Reanimations- und Behandlungskette oft zum Selbstläufer. Der Mensch, dem sie eigentlich dienen soll, mit seinen individuellen Vorstellungen vom Leben und Sterben, spielt gar keine Rolle mehr. Ein klassisches Beispiel: Eine Ärztin kommt hier mit einem alten Mann aus dem Pflegeheim an, der seit einem Schlaganfall vor zwei Jahren nichts mehr zu sich nahm, nicht mehr kommunizieren konnte, keinen Lebensmut mehr zeigte. Jetzt hatte er eine akute Lungenentzündung bekommen, und im Heim wollten sie die Verantwortung nicht tragen. Just als sie ihn hier in der Rettungsstelle übergab, bekam er einen Kreislaufstillstand. Und dann folgte bei ihr dieser Reflex: Tubus, Sauerstoff, Intensivstation! Ich habe gesagt: "Langsam, Frau Kollegin. Der Mann stirbt gerade, und das lassen wir jetzt zu."

SPIEGEL: Früher blieb dem Arzt nichts anderes übrig. Man sagte: Die Lungenentzündung ist der Freund der alten Leute ...

De Ridder: ... zu Recht. Weil sie den Patienten schnell und weitestgehend beschwerdefrei wegdämmern lässt.

SPIEGEL: ... heute stellt der technische Fortschritt Mediziner vor ethische Entscheidungszwänge. Sind sie darauf vorbereitet?

De Ridder: Schlecht. Es fehlen ihnen eigene Kriterien. Also achten sie zuerst darauf, rechtlich auf der sicheren Seite zu stehen: Ich habe alles gemacht, was möglich war, also kann mir nichts passieren. Das nimmt groteske Formen an. Ich erinnere mich an einen schon deutlich ausgezehrten alten Mann mit einer Sepsis. Vermutlich war es ein perforierender Darmtumor oder Ähnliches - jedenfalls hoffnungslos. Während die Ärzte mit ihm vor dem Röntgengerät warten, bekommt er einen Herzstillstand. Sie verständigen sich darauf: Keine Wiederbelebung, wir machen nichts mehr. Eine absolut verantwortliche Entscheidung. Aber in der Akte steht was anderes: "Wiederbelebung nach 25 Minuten eingestellt." Die Kollegen wollten sich absichern. Weil sie die Hand des Staatsanwalts auf ihrer Schulter zu spüren glauben.

SPIEGEL: Eine verständliche Angst?

De Ridder: Nein, das ist eine Perversion ärztlichen Denkens. Wenn ich so jemanden noch reanimiere, verfehle ich meinen Auftrag. Angesichts solcher Fehlentwicklungen muss man doch mal fragen: Was ist eigentlich so schlimm am Sterben? Es geschieht sowieso, und unerträglich sind doch vor allem die Umstände. Eigentlich haben wir mit der Palliativmedizin heute alle Möglichkeiten, das Sterben so zu gestalten, wie Menschen es sich wünschen, nämlich friedlich. Stattdessen arbeiten wir allzu oft dagegen und bereiten unzähligen Menschen ein schreckliches Ende.

SPIEGEL: Um das abzuwenden, legen immer mehr Menschen in einer Patientenverfügung fest, was sie nicht wollen.

De Ridder: Und wer keine Verfügung hat, wird automatisch mit allem traktiert, was technisch machbar ist? Das ist doch eine verkehrte Welt, in der Leute mit Zetteln im Portemonnaie herumlaufen: "Bitte keine Schläuche!", weil Mediziner dem technologischen Imperativ folgen, anstatt nach dem Wohl des Patienten zu fragen und nach dem, was medizinisch angezeigt ist.

SPIEGEL: Was schlagen Sie vor?

De Ridder: Wir brauchen ein Konzept der aussichtslosen Therapien. Wir können etwa mit Dialyse, Beatmung und Sondenernährung den Todeszeitpunkt beinahe beliebig hinausschieben. Aber ab wann dient das nicht mehr dem Wohl des Kranken? Ich selbst habe als Intensivmediziner Patienten behandelt, bei denen ich im Nachhinein gesagt habe: Das war keine gute Entscheidung. Ich habe die langfristigen Folgen von sinnloser Medizin miterlebt.

SPIEGEL: Was meinen Sie konkret?

De Ridder: Zum Beispiel die vielen Reanimierten, die im Wachkoma zurückbleiben. Mittlerweile bringt die Medizin jedes Jahr 3000 bis 5000 Menschen in diese schreckliche Lage, in der sie dann hängenbleiben, wenn sie nicht zufälligerweise eine entsprechende Patientenverfügung haben. Das war früher anders: In den sechziger Jahren verließ etwa jeder zweite Patient nach einer Reanimation die Klinik halbwegs gesund - und die anderen sind gestorben, auch weil man Menschen ohne Bewusstsein noch nicht dauerhaft ernähren konnte. Heute überlebt gerade mal einer von 20 die Wiederbelebung. Zieht man davon all diejenigen ab, die als dauerhaft Schwerstpflegebedürftige die Kliniken verlassen, dann ist der Erfolg noch viel kleiner.

SPIEGEL: Woran liegt das?

De Ridder: Man ist damals nach sehr viel strengeren Indikationen vorgegangen: Man hat nur Patienten behandelt, die einen Herzinfarkt mit Kammerflimmern hatten, ansonsten aber gesund waren. Ich selber gehöre übrigens zu diesen Patienten. Ohne die Hochleistungsmedizin säße ich jetzt nicht hier. Trotzdem würde ich die Indikationen von damals auch heute noch vertreten. Mittlerweile hat man den Einsatz medizinischer Technik uferlos ausgeweitet, auch auf chronisch kranke Menschen und solche, die bereits an den Grenzen ihres Lebens angekommen sind. Im Extremfall schockt man jemanden mit einem Tumor im Endstadium ins Leben zurück.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 326 Beiträge
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1. ..
tetaro 23.03.2010
Zitat von sysopDer Rettungsmediziner Michael de Ridder über seine Erlebnisse mit Todkranken, die Lebenserhaltung um jeden Preis und die ärztliche Beihilfe zum Suizid. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,684976,00.html
Das Christentum hat die Sterbekultur auf dem Gewissen. Das Klammern am Leben, wie man es gewohnt ist, am besten ewig im Himmel, im selben Job im selben Haus und mit demselben Hund, ist nur die Angst vor der Veränderung. Die Angst, sich dem Lauf der Dinge zu überlassen, der wesentlich größer und gewaltiger ist als jeder unserer Gedanken, Ängste und Hoffnungen. Ich bewundere die östliche Philosophie, die das Leben ganz anders angeht, und zwar als etwas, was in seiner - im kleingeistigem menschlichen Verständnis - ewigen wuchernden Unruhe eher lästig ist und die Befreiung aus dieser Mühle sucht. Auch die Antike hatte noch diese Anständigkeit, den Menschen beim Scheitern einen Ausgang aus dem Leben zu gestatten. Nur das Christentum hat den Versuch unternommen, den Ausgang unter vielen Drohungen abzuschließen, möglicherweise mit dem Hintergrund, dass man sich einer angeblichen göttlichen oder kirchlichen Autorität nicht durch Flucht entziehen können soll.
2. .
Haio Forler 23.03.2010
Zitat von sysopDer Rettungsmediziner Michael de Ridder über seine Erlebnisse mit Todkranken, die Lebenserhaltung um jeden Preis und die ärztliche Beihilfe zum Suizid. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,684976,00.html
Das wird ein Religionsforum hier ... ich bin dann mal weg ...
3. Dann Tschüß, wenn es nicht mehr geht!
grauer kater 23.03.2010
Zitat von sysopDer Rettungsmediziner Michael de Ridder über seine Erlebnisse mit Todkranken, die Lebenserhaltung um jeden Preis und die ärztliche Beihilfe zum Suizid. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,684976,00.html
Der Tod ist der Weltuntergang des Individuums, dennoch sollte Lebenserhaltung nicht um jeden Preis erfolgen, schon gar nicht mit der leidvollen Verlängerung des Sterbeprozesses verbunden sein. Unterhalb einer Stufe von Lebenqualität, die keine Hoffnung auf Besserung verspricht und keine Teilnahme am aktiven Leben mehr ermöglicht, wäre für mich Leben nicht mehr lebenswert und eine Hilfe, sanft ins "Jenseits" zu gelangen, wohl erwünscht!
4. Bravo!
jenau 23.03.2010
Ich kenne die Situation der Notfallmedizin, ebenso wie die der geriatrischen Pflege. Friedliches Sterben ist in Deutschland wirklich kaum einem Patienten gegönnt! Vielen Dank für diese deutlichen, ehrlichen Worte Herr de Ridder.
5. 100%ige Zustimmung
maipiu 23.03.2010
Respekt vor diesem Mediziner. Alle seine Argumente sind absolut überzeugend. Und dabei hat er Gott sei Dank überhaupt nicht über die Kosten gesprochen, die eine fehlgeleitete Intensivmedizin verursacht. Sicher kennt jeder solche Fälle, wo Menschen gegen ihren Willen (falls sie denn noch einen haben) am Sterben gehindert werden. Ich denke, ich werde mir jetzt eine Patientenverfügung zulegen.
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Zur Person
Amin Akhtar
Michael de Ridder, 62, leitet die Rettungsstelle des Urban-Krankenhauses in Berlin-Kreuzberg. Er ist Buchautor und ein profilierter Kritiker von Missständen in der Pflege.

Buchtipp

Michael de Ridder:
Wie wollen wir sterben?
Ein ärztliches Plädoyer für eine neue Sterbekultur in Zeiten der Hochleistungsmedizin.

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