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Ausgabe 12/2010

Eine Meldung und ihre Geschichte: Nackt und frei

Von Uwe Buse

Warum ein Neuseeländer unbekleidet Rad fahren darf

Nackt-Fahrradfahrer (bei einer Demonstration in Madrid): In Neuseeland kein Problem Zur Großansicht
REUTERS

Nackt-Fahrradfahrer (bei einer Demonstration in Madrid): In Neuseeland kein Problem

Es war Sonntag, die Sonne schien, und Nick Lowe, 40, Bauarbeiter in Wellington, Neuseeland, beschloss, den Tag für ein Training zu nutzen, Lowe ist begeisterter Hobby-Radrennfahrer. Er holte sein Rad aus der Garage, zog T-Shirt und Hose an, setzte den Helm auf und steckte den G-String ein, für den Fall, dass es Ärger geben sollte. Lowe radelte zunächst Richtung Nordosten. Upper Hutt, eine kleine Stadt an der Nationalstraße 2, von dort sollte es nach Westen gehen, zur Küste, dann wieder zurück nach Wellington. Fünf, sechs Stunden kalkulierte Lowe für die gesamte Strecke ein.

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Nach ungefähr einer Stunde hatte er die Stadt hinter sich gelassen, er fuhr nun über spärlich befahrene Nebenstraßen, und er hielt den Zeitpunkt für gekommen, um einen angenehmen Tag in einen wirklich guten zu verwandeln. Lowe stieg vom Rad, nahm den Helm ab, zog sein T-Shirt aus und band es an den Lenker. Dann streifte er seine Shorts ab und verstaute sie unter dem Sattel. Er war nun nackt, von seinen Schuhen abgesehen, und wie immer genoss er diesen Zustand.

Lowe ist nicht nur ein begeisterter Radfahrer, er ist auch ein begeisterter Nudist. Er mäht seinen Rasen nackt, jätet Unkraut nackt, ist nackt in seinem Haus. Lowe legt Wert auf die Feststellung, dass es ihm nicht um Sex gehe oder um Exhibitionismus, es gehe um einen Lebensstil. Er fühle sich einfach nicht besonders wohl in Kleidern. Sie engten ihn ein, er schwitze sie voll, ohne sie fühle er sich immer besser, lockerer, in jeder Hinsicht.

"Natürlich" sagt Lowe, er sitzt in seinem Haus am Telefon, "bin ich Mitglied einer Minderheit", und er wisse, dass er Rücksicht nehmen müsse. Deshalb kaufe er bekleidet ein, gehe angezogen zur Arbeit und sei bemüht, die Mehrheit nicht zu brüskieren. Aber dies dürfe nicht bedeuten, dass er seinen Lebensstil aufzugeben habe. Ein Kompromiss sei nötig, und nach Lowes Meinung schließt dieser Kompromiss nacktes Radfahren auf Nebenstraßen an einem Sonntag ein.

Eine Frau, die Lowe während seiner Trainingsfahrt überholte, war anderer Ansicht. Sie saß in einem Auto, hatte ihr Handy am Ohr und sprach aufgeregt in das Gerät, als Lowe sie bemerkte. Die Frau überholte Lowe sehr, sehr langsam, dann fuhr sie zum Straßenrand, stoppte, ließ Lowe passieren, um ihn dann wieder sehr langsam zu überholen, das Handy immer noch am Ohr.

Insgesamt wurde Lowe von der Frau fünfmal überholt, und Lowe fand das irritierend. Man sieht ihm die Stunden an, die er auf dem Rad sitzt, und er fragte sich, ob die Frau vielleicht einfach nur gucken wollte. Aber diese Möglichkeit verwarf er, ihr Gesichtsausdruck passte nicht dazu. Wahrscheinlich sprach sie mit der Polizei.

Wenig später hielt ein Streifenwagen neben Lowe, zwei Polizisten stiegen aus. Lowe wusste, was kommen würde, er kannte das alles schon.

"So können Sie nicht weiterfahren", sagte einer der Beamten.

"Ja, ja", sagte Lowe und kramte den G-String hervor. Er zog ihn über.

"Besser?"

"Sie werden wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses angeklagt und vor Gericht erscheinen."

Das war neu für Lowe, bislang waren alle Beamten mit einer mündlichen Ermahnung zufrieden gewesen.

Lowe verstand die Welt nicht mehr. Er hatte hosenlos und ohne Probleme an ganztägigen Sportwettkämpfen teilgenommen, und es gab in Neuseeland wie in anderen Ländern auch Veranstaltungen für Nackte, Brüste auf Rädern beispielsweise, oder eine Radtour für Nackte auf dem Otago-Central-Wanderpfad, für Sportler zwischen 12 und 80 Jahren. Wenn das alles akzeptabel war für die Öffentlichkeit, wieso war sein nackter Hintern ein öffentliches Ärgernis?

Ein paar Wochen später stand Lowe vor seinen Richtern, bekleidet und ohne Anwalt. Er glaubte, sich die Kosten sparen zu können, hatte sich eingelesen in das Thema, aber er konnte seine Richter nicht überzeugen. Sie waren der Meinung, dass die Empörung der Autofahrerin ausreichend sei für einen Verstoß gegen Sitte und Moral. Sie verurteilten Lowe wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses zu einer Geldstrafe von 200 neuseeländischen Dollar, rund 100 Euro, und er hatte die Gerichtskosten zu tragen.

Lowe fand das Urteil ungerecht. Er engagierte einen Anwalt, einen Spezialisten für Bürgerrechte, und legte Berufung gegen das Urteil ein. Vor kurzem stand Lowe nun wieder vor einem Richter, und der war dezidiert anderer Meinung als seine Kollegen.

Die Autofahrerin habe selbst gesagt, dass sie die Genitalien von Lowe nicht habe sehen können, so der Richter. Sie habe zugegeben, "ziemlich empört gewesen zu sein", aber keinesfalls traumatisiert, und selbst wenn dies anders gewesen wäre, hätte das nicht zwangsläufig zu einer Verurteilung führen müssen, denn das Empfinden einer einzelnen Person sei in einem solchen Fall nicht allein ausschlaggebend.

"Genau", sagt Lowe an seinem Telefon, "denn dann könnte ich alle dicken Neuseeländer vor Gericht bringen, über deren Anblick freue ich mich nicht."

Lowe trainiert jetzt wieder, nackt natürlich. Unter dem Sattel eine Kopie des Freispruchs.

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