AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 13/2010

SPIEGEL-Gespräch "Von Völkermord kann keine Rede sein"

Der türkische Premier Recep Tayyip Erdogan, 56, über Ankaras Verhältnis zur EU, die Debatte um den Genozid an den Armeniern und seine Vermittlerrolle im Streit über Irans Atompolitik

Ministerpräsident Erdogan: "Wir versuchen, das Land auf den Stand der zeitgenössischen Zivilisation zu bringen"
Agata Skowronek

Ministerpräsident Erdogan: "Wir versuchen, das Land auf den Stand der zeitgenössischen Zivilisation zu bringen"


SPIEGEL: Herr Ministerpräsident, Ihr Land bietet derzeit ein verwirrendes Bild. Es ist moderner und offener als vor Ihrem Amtsantritt, und es ist gleichzeitig frommer und islamischer. Wohin führen Sie die Türkei: nach Westen, nach Europa oder nach Osten?

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Heft 13/2010
Google gegen China: Der Kampf um die Freiheit im Netz

Erdogan: Die Türkei hat sich in den vergangenen siebeneinhalb Jahren stark verändert und modernisiert. Wir nehmen, anders als die vorangegangenen Regierungen, den Republikgründer Atatürk beim Wort und versuchen, das Land auf den Stand der zeitgenössischen Zivilisation zu bringen. Dabei schauen wir in alle Himmelsrichtungen - wir wenden uns also nicht vom Osten ab, wenn wir nach Westen schauen. Wir sehen das als einen Prozess der Normalisierung.

SPIEGEL: Das Erste, was ein Besucher nach der Passkontrolle am Flughafen in Istanbul sieht, ist die riesige Alkoholabteilung eines Duty-free-Shops und ein Plakat, das für eine Ausstellung der freizügigen Arbeiten des späten Picasso wirbt. In der Mittelmeerstadt Alanya dagegen gibt es Hotels, an deren Stränden Männer und Frauen heute getrennt baden - was vor Jahren undenkbar war.

Erdogan: Was Sie bei Ihrer Ankunft am Flughafen gesehen haben, ist ein schöner Ausdruck von Freiheit. Was Sie aus Alanya erzählen, höre ich zum ersten Mal. Doch wenn es stimmt, dann ist auch das ein Beispiel von Freiheit. Der Besitzer eines solchen Hotels und seine Gäste nehmen ein Recht wahr, das wir respektieren müssen.

SPIEGEL: Diese Woche empfangen Sie Bundeskanzlerin Angela Merkel, die nicht möchte, dass die Türkei auf absehbare Zeit der Europäischen Union beitritt. Was werden Sie ihr sagen?

Erdogan: Die Türkei hat 1959 ihren Antrag auf assoziierte Mitgliedschaft in der EWG gestellt. Das ist 51 Jahre her. Keinem anderen Land ist eine solche Prozedur zugemutet worden. Trotzdem waren wir geduldig. Heute aber sind wir kein Land mehr, das eine Mitgliedschaft in der EU nur anstrebt - wir verhandeln bereits um diese Vollmitgliedschaft. Wenn uns heute Vorschläge gemacht werden, die vom verabredeten Rahmen dieser Verhandlungen abweichen

SPIEGEL: Sie meinen die "privilegierte Partnerschaft", die Frau Merkel einer Vollmitgliedschaft der Türkei vorzieht.

Erdogan: dann ist das genauso abwegig, als wenn Sie mitten in einem Fußballspiel die Elfmeterregeln ändern würden.

SPIEGEL: Ihre Regierung versucht, die Türkei als eine neue Regionalmacht aufzubauen. Wozu brauchen Sie Europa überhaupt noch?

Erdogan: Es geht nicht darum, was wir brauchen, es geht um ein gegenseitiges Bedürfnis. Die Türkei ist keine Last für Europa, im Gegenteil: Sie nimmt der EU eine Last ab. Zusammen mit Spanien führen wir die Uno-Initiative "Allianz der Zivilisationen" gegen den Extremismus, davon profitiert Europa. Wir sind seit 1996 Mitglied der Zollunion, wir erfüllen die politischen Kriterien, die in Kopenhagen festgelegt wurden - ja, wir sind sogar näher daran, die ökonomischen Maastricht-Kriterien zu erfüllen als manche EU-Mitgliedstaaten. Ganz zu schweigen davon, dass wir Gründungsmitglied der OECD und seit 1952 in der Nato sind. Das macht uns zu einer Brücke zwischen dem Westen und 1,4 Milliarden Muslimen.

SPIEGEL: Die Türkei ist sehr selbstbewusst geworden - und Sie gelten als der einflussreichste Politiker, den das Land seit Atatürk hatte. Sehen Sie sich in der Rolle eines "Sultans", wie manche Anhänger aber auch Kritiker Sie bezeichnen?

Erdogan: Ich bin der Vorsitzende einer Volkspartei - und würde mich deshalb nie mit Atatürk vergleichen, jenem Mann, der die Republik gegründet hat. Ich habe keine Absicht, ein Padischah, ein Sultan, zu werden. Es reicht mir, wenn die Leute gut über mich sprechen.

SPIEGEL: Warum erkennt die moderne Türkei den Völkermord des Osmanischen Reichs an den Armeniern nicht an? Der Auswärtige Ausschuss des US-Repräsentantenhauses hat eine Resolution zu diesem Genozid gebilligt

Erdogan: Wenn ein Journalist das Wort Völkermord verwendet, dann sollte er vorher genau hinsehen. Von einem Völkermord an den Armeniern kann keine Rede sein, Völkermord ist ein juristischer Begriff. Ich habe 2005 dem damaligen Präsidenten Armeniens, Robert Kotscharjan, einen Brief geschrieben und ihm darin mitgeteilt, dass dies keine Angelegenheit für uns Politiker ist - sie muss von Historikern erforscht werden. In türkischen Archiven gibt es dazu Millionen Dokumente, mehr als eine Million davon wurden seither durchgesehen. Wenn es in Ihrem Land Archive gibt, schrieb ich Kotscharjan, dann machen Sie die zugänglich. Und wenn Historiker nicht ausreichen, dieses Thema zu klären, dann lasst uns Juristen daran beteiligen, Politikwissenschaftler, Archäologen.

SPIEGEL: Historikerkommissionen seien ein ideales Mittel, solch einen Streit endlos zu vertagen, sagen die Armenier. Und dass Politiker nicht von Völkermord sprechen sollen, sehen wir anders. Einer, der dieses Wort verwendet hat, ist der heutige amerikanische Präsident.

Erdogan: Wenn er dieses Wort benutzt hat, dann war das auch von ihm ein Fehler. Ein Wort wird nicht dadurch richtiger, dass es ein Präsident verwendet. Im Übrigen sind die USA in dieser Angelegenheit keine Partei. Amerika sitzt, wie die anderen Länder, in dieser Sache nur auf der Tribüne. Beteiligt sind nur wir und Armenien. Das ist unsere Geschichte. 1915 war die Türkische Republik noch nicht gegründet, es war die Zeit des Osmanischen Reichs, das damals mit Deutschland verbündet war.



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cha cha 29.03.2010
1. die Türkei und ihr Staatsvolk
Zitat von sysopDer türkische Premier Recep Tayyip Erdogan, 56, über Ankaras Verhältnis zur EU, die Debatte um den Genozid an den Armeniern und seine Vermittlerrolle im Streit über Irans Atompolitik http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,686135,00.html
Letztlich ist es egal, ob man diesen Mord an hunderttausenden oder Millionen von Armeniern nun als Genozid einstuft oder als irgend eine andere Art von unmenschlichem Gemetzel und Gemeuchel. Die türkische Regierung könnte viel Sympathie gewinnen, wenn sie sich, anstatt immer wieder von ihrer historischen Schuld abzulenken und sich vermeintlich unberechtigter Angriffe zu erwehren, endlich mal der Opfer gedenken würde. Dabei kann die Türkei die historische Einordnung des Massenmords ja gerne offen halten. Und wenn die Türkei dann mal erwägen sollte, ihre bisherige Politik zu revidieren, dann möchte ich ganz bescheiden auch an die anderen Massenmorde und Verfolgungen hinweisen: die an den Griechen, den Kurden und Arabern, oder auch an religiösen "Minderheiten" wie den Aleviten. Das Staatsverständnis des Kemalismus beruht auf aggressivem Nationalismus und der Vision eines ethnisch reinen Staatsvolks, das es in der Türkei aber nie gegeben hat. Mit andreen Worten: der Kemalismus ist im Kern eine faschistische Ideologie.
Hilfskraft 29.03.2010
2. Türkischer EU-Beitrittswunsch?
Zitat von sysopDer türkische Premier Recep Tayyip Erdogan, 56, über Ankaras Verhältnis zur EU, die Debatte um den Genozid an den Armeniern und seine Vermittlerrolle im Streit über Irans Atompolitik http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,686135,00.html
so rotzig sich Egomane Erdogan uns gegenüber benimmt, so ungebührlich wird er sich gegenüber ALLEN EU-Mitgliedern verhalten. Nur ER, nur Seine Meinung zählt!ER alleine bestimmt, was Völkermord ist. ER alleine bestimmt, wie Integration zu funktionieren hat.Dazu reicher Lohn aus EU-Kassen! Man wird ihm wohl in einer, ihm verständlichen Sprache erklären müssen, daß Hetzer, wie ER unerwünscht sind.Wir setzen uns nicht freiwillig wieder Läuse in den Pelz. Das hatten wir alles schon mal vor knapp 80 Jahren. H.
Theodred81 29.03.2010
3. Warum?
Zitat von cha chaLetztlich ist es egal, ob man diesen Mord an hunderttausenden oder Millionen von Armeniern nun als Genozid einstuft oder als irgend eine andere Art von unmenschlichem Gemetzel und Gemeuchel. Die türkische Regierung könnte viel Sympathie gewinnen, wenn sie sich, anstatt immer wieder von ihrer historischen Schuld abzulenken und sich vermeintlich unberechtigter Angriffe zu erwehren, endlich mal der Opfer gedenken würde. Dabei kann die Türkei die historische Einordnung des Massenmords ja gerne offen halten. Und wenn die Türkei dann mal erwägen sollte, ihre bisherige Politik zu revidieren, dann möchte ich ganz bescheiden auch an die anderen Massenmorde und Verfolgungen hinweisen: die an den Griechen, den Kurden und Arabern, oder auch an religiösen "Minderheiten" wie den Aleviten. Das Staatsverständnis des Kemalismus beruht auf aggressivem Nationalismus und der Vision eines ethnisch reinen Staatsvolks, das es in der Türkei aber nie gegeben hat. Mit andreen Worten: der Kemalismus ist im Kern eine faschistische Ideologie.
Warfum soll die Türken etwas anerkennen was so nicht stimmt? Die Konsequenzen wären dann Forderungen seitens der Armenier. Warum soll die Türkei so etwas zulassen? Das wäre mehr als unklug. Ob nun der Westen sich von der Lobby der Armenier kaufen lässt oder nicht, ist total irrelevant.
Meckermann 29.03.2010
4. Hah!
Na da hat der Spiegel Erdogan aber hübsch demaskiert. Er muss sich seiner Sache ja schon sehr sicher sein, um so ein Interview zu geben: offener poltert nur noch Ahmadinedschad...
Theodred81 29.03.2010
5. :d
Zitat von Hilfskraftso rotzig sich Egomane Erdogan uns gegenüber benimmt, so ungebührlich wird er sich gegenüber ALLEN EU-Mitgliedern verhalten. Nur ER, nur Seine Meinung zählt!ER alleine bestimmt, was Völkermord ist. ER alleine bestimmt, wie Integration zu funktionieren hat.Dazu reicher Lohn aus EU-Kassen! Man wird ihm wohl in einer, ihm verständlichen Sprache erklären müssen, daß Hetzer, wie ER unerwünscht sind.Wir setzen uns nicht freiwillig wieder Läuse in den Pelz. Das hatten wir alles schon mal vor knapp 80 Jahren. H.
Sie wissen aber schon was für Leute in der jetzigen EU sitzen oder?
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