AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 13/2010

Debatte Euphorie der Freiheit

Islamkritikerin Kelek: Es geht ihr darum, dass Muslime europäische Staatsbürger werden - mit einem Sinn für Freiheit und Säkularität
Christian Thiel / DER SPIEGEL

Islamkritikerin Kelek: Es geht ihr darum, dass Muslime europäische Staatsbürger werden - mit einem Sinn für Freiheit und Säkularität

2. Teil: Die Gesellschaft muss um jedes Einwandererkind kämpfen


Kelek ist so angetan von den Deutschen, dass sie sogar deren ewiger Zerknirschung etwas abgewinnen kann. "Ich habe inzwischen verstanden, dass sie diese Selbstzweifel weiterbringen." Aus dem ewigen Bezweifeln werde der Diskurs, die Grundlage aller Demokratie. In zwei langen Gesprächen kommt ihr nicht ein böses Wort gegen ihre Kritiker über die Lippen. Sie verteidigt sich, begrüßt aber den Streit.

Ihre Helden sind Leute wie Ludwig Börne und Heinrich Heine, die Anfang des 19. Jahrhunderts geistige Kämpfer für die Freiheit waren. "Zu ihrer Zeit hätte ich gern gelebt", sagt sie.

Die zweite Irritation im Gespräch mit Necla Kelek entsteht daraus, dass sie die Verhältnisse in manchen türkischen Familien oder Gemeinden kritisiert, ohne sich dafür zu entschuldigen, ohne permanent zu sagen, dass es viele Türken in Deutschland gebe, die für Freiheit, Demokratie und Aufklärung seien, und ohne dieses eingeübte Unbehagen, als Kritiker anderer Lebensweisen stehe man mit einem Bein im Lager des Rassismus.

Aus zwei Gründen also sind Deutsche oft schlechte Verteidiger ihrer eigenen Werte: Abgeklärtheit und Angst vor dem Vorwurf der Intoleranz. Aber eine freiheitliche Gesellschaft braucht auch Freiheitseuphoriker wie Kelek, sonst wird sie zur zynischen Gesellschaft.

Allerdings steckt auch Kelek in einem Dilemma, das jeder Verteidiger von Freiheit und Toleranz kennt. Freiheit kann nie totale Freiheit sein, Toleranz nie totale Toleranz. Deshalb ist ein vernünftiger Kämpfer für Freiheit und Toleranz immer auch ein Kämpfer für Unfreiheit und Intoleranz. Anders gesagt: Ein Kämpfer für Toleranz muss intolerant sein gegenüber den Intoleranten.

Deshalb geht dieser Vorwurf gegen Necla Kelek ins Leere. In einem Diskurs, wie er jetzt läuft, ermittelt eine demokratische Gesellschaft die Linie zwischen dem, was sie toleriert und nicht toleriert.

Kelek sagt: Solange Kopftücher Ausdruck weiblicher Unterdrückung sind, sind sie nicht tolerabel. Die Scharia darf in Deutschland nicht gelten. Das Zwangsverheiraten junger Mädchen ist schändlich. Was in den Moscheen und Koranschulen passiert, muss transparent sein und auf dem Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung stehen. "Religion", sagt sie, "ist ein Teil der Freiheit, sie steht nicht über der Freiheit."

Natürlich ist "Himmelsreise" ein einseitiges Buch, das herauspickt, was aus westlicher Sicht gegen einen schrankenlosen Islam in Deutschland spricht. Es ist eben ein Debattenbeitrag, ein wichtiger. Andere können es erwidern, aber Diffamierung verdient Necla Kelek nicht.

Wie wichtig ihre Position ist, zeigt ein Ereignis von Anfang März. Die Partei AKP des türkischen Ministerpräsidenten Tayyip Erdogan hatte 1500 Auslandstürken zu einem Gespräch nach Istanbul eingeladen. Ali Ertan Toprak, stellvertretender Vorsitzender der Alevitischen Gemeinde in Deutschland, sagte hinterher: "Sie wollen, dass wir uns in Europa integrieren, aber nur mit dem Ziel, türkische Interessen zu vertreten."

Zudem ist es nicht gelungen, sich in der Islamkonferenz auf gemeinsame Grundwerte mit Repräsentanten türkischer Verbände zu einigen. Kelek war dabei, sie findet, die Konferenz sei "erfolgreich gescheitert". Es sei deutlich geworden, dass diese Repräsentanten keinen Wert legten auf gemeinsame Grundwerte.

Kelek geht es darum, dass aus Muslimen europäische Staatsbürger werden können, mit einem Sinn für Demokratie, Freiheit und Säkularität. Gerade angesichts des wachsenden Anteils der Muslime in der Bevölkerung muss die Gesellschaft um jedes Einwandererkind kämpfen. Man kann sich ja nicht darauf verlassen, dass bei allen aus der Unterdrückung heraus eine freiheitlich-demokratische Gesinnung entsteht wie bei Kelek. Die Demokratie braucht eine kritische Masse von Demokraten, sonst geht sie zugrunde. Das ist ein Aspekt, den der Multikulti-Ansatz zu wenig bedacht hat.

Was Necla Kelek macht, ist der Kampf für eine islamische Aufklärung in Deutschland. Als gläubige Muslimin hat sie jedes Recht dazu. Das Ziel ist: viele Religionen, aber ein Staats- und Gesellschaftsverständnis.

Im Rahmen dieses Konsenses bleibt genug Platz für kulturelle Eigenheiten. Zum Beispiel hat die aufgeklärte Deutsch-Türkin Necla Kelek etwas getan, das für einen Europäer nicht leicht zu begreifen ist. Sie war am Grab ihres Vaters in der Türkei und hat es verwahrlost vorgefunden. Sie hat es mit ihrem Geld herrichten lassen, und zwar so, dass sie und ihre Geschwister einen letzten Platz neben dem Mann finden können, der sie unterdrückt und misshandelt hat. Woanders will sie nicht begraben sein.



insgesamt 205 Beiträge
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Seite 1
mexi42 30.03.2010
1. Weil einige ...
Zitat von sysopSie verteidigt vehement die Demokratie. Weil sie auch den Islamismus anprangert, irritiert die Publizistin Necla Kelek einige Intellektuelle. Warum? http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,686385,00.html
Intellektuelle auch nur in Schubladen denken.
Koda 30.03.2010
2. Man könnte auch versuchen...
erstmal "bestimmten Regionen" keinen mehr rein zu lassen, um erst mal den Druck auf die deutsche Bevölkerung zu nehmen, dauern mit diesem Problem konfrontiert zu werden. Dieses Problem ist nämlich die Furcht, eines Tages eine Minderheit oder eine politisch unbedeutende Mehrheit im eigenen ÖLand zu sein. Egal, wie unrealistisch das klingt, Emotionen sind nun mal sehr mächtig.
fallobst24 30.03.2010
3. vielleicht weil jeder von selbsthass geplagte und/oder linke deutsche
sich für einen intellektuellen hält? ein anderes argument, was mit dem selbsthass eigentlich einhergeht, ist die berühmt berüchtigte nazikeule und die angst vieler deutschen davor... obwohl die nazikeule schon längst mehr "kunden" hatte, als alle leichten mädchen auf der reeperbahn. deshalb, und eben NUR deshalb, wird geradeso geduldet, dass jemand mit nicht-deutschen wurzeln den islamismus und die damit verbundene unterdrückung der frauen bzw. kinder kritisieren darf.
Prof.Gutmensch 30.03.2010
4. Viel zu umständlichj
Nett, was sich Herr Kurbjuweit da an umständlichen und mühsam zurechtgebogenen Gründen einfallen lassen hat. Eine viel einfachere Erklärung ist die folgende: Frau Celek ist fast die einzige Deutschtürkin, die auf rechtsradikalen Internetseiten sehr beliebt ist. Gerne werden dort ihre Thesen so umgedeutet, bis sie in völkische Weltbild passen und erwiesen scheint, dass Islam und Grundgesetz nicht zusammengehen (obwohl Frau Celek genau das Gegenteil postuliert und lebt). Manch einer mag Frau Celek daher verdächtig finden, womöglich kennt er ihre eigenen Aussagen auch gar nicht, sondern nur das, was die PI-dioten davon verstanden zu haben glauben, und hat dadurch einen falschen Eindruck. Wer Frau Celek jedoch einmal selbst gelesen hat, weiß es besser, auch und gerade als linker bildungsnaher Mensch mit Tageszeitungsabonnement.
ruplanb 30.03.2010
5. frei nach HMB
Zitat von sysopSie verteidigt vehement die Demokratie. Weil sie auch den Islamismus anprangert, irritiert die Publizistin Necla Kelek einige Intellektuelle. Warum? http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,686385,00.html
Weil, nach Broder, die Intellektuellen eine Affinität zu totalitären Regimes haben. Als Beispiel hat er den P.E.N Club während des kalten Krieges gebracht.
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