AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 13/2010

Klima Die Wolkenschieber

Schlampereien, Fälschungen, Übertreibungen: Die Klimaforschung steckt in einer Vertrauenskrise. Wie zuverlässig sind die Vorhersagen über die globale Erwärmung und ihre schlimmen Folgen? Droht wirklich der Weltuntergang, wenn die Temperaturen um mehr als zwei Grad steigen?

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Von Marco Evers, Olaf Stampf und


Für Phil Jones ist das Leben "furchtbar" geworden. Vor Monaten noch war er ein Mann mit hoher Reputation: Chef der Klimaforscheran der Universität von East Anglia im engli-schen Norwich; ein Meister seines Fachs; der Vater der alarmierenden Weltfieberkurve.

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Heft 13/2010
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Vorbei.

Jetzt findet Jones ohne Pillen keinen Schlaf mehr. Immerzu spürt er eine Enge in der Brust. Nur Betablocker helfen ihm über den Tag. Er ist abgemagert. Seine Haut wirkt fahl. Er ist 57, sieht mittlerweile aber viel älter aus. Der Forschungsskandal, in dessen Mittelpunkt er steht, traf ihn so unvorbereitet wie ein Auffahrunfall auf der Autobahn.

Untersuchungskommissionen der Universität und des britischen Parlaments prägen neuerdings seinen Alltag. Wie ein Haufen Elend hockt er bei den Befragungen auf seinem Stuhl, zitternd manchmal. Das Internet ist voll von Spott über ihn, es hagelt Beschimpfungen und Morddrohungen: "Wir wissen, wo du wohnst."

Jones ist fertig - seelisch, körperlich, beruflich. Mehrfach hat er in letzter Zeit erwogen, sich umzubringen. Er schreckte dann doch davor zurück; vor allem, weil er sehen will, wie seine fünfjährige Enkelin aufwächst.

"Ich habe keine Daten manipuliert"

Zwischen 1975 und 1998, so eine Kernaussage seiner berühmten Klimastatistik, ist die Mitteltemperatur auf der Erde pro Jahrzehnt um 0,166 Grad Celsius angestiegen. Dies sei das eindeutige Resultat seiner Forschung und der vieler anderer Wissenschaftler. "Zu 100 Prozent bin ich sicher, dass es auf der Welt wärmer geworden ist", sagt Jones beschwörend. "Ich habe keine Daten manipuliert oder fabriziert."

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Sein Problem: Die Öffentlichkeit traut ihm nicht mehr. Seit Unbekannte 1073 private Mails seiner Forschergruppe heimlich kopiert und im Internet veröffentlicht haben, ist seine Glaubwürdigkeit dahin - und auch die der ganzen Zunft, die bisher auf Grundlage seiner Arbeiten zu Werke ging.

Genugtuung verspüren nun all jene, welche die globale Erwärmungschon immer als globale Verschwörung von Wirtschaftsfeinden gesehen haben. Die sogenannten Klimaskeptiker fühlen sich nun bestätigt; denn in seinem Schriftverkehr mit Kollegen, allesamt Hohepriester der Klimaforschung, wirkt Jones eben nicht wie ein objektiver Forscher, sondern wie ein Aktivist oder Missionar, der "seine" Daten als persönliches Heiligtum betrachtet und sie vor kritischen Blicken Andersdenkender schützen will.

"Wir müssen unseren Lebensstil ändern"

Die "Climategate" getaufte Affäre ist ein Sturzbach auf die Mühlen der Skeptiker. Vor allem in den angelsächsischen Ländern verzeichnen sie regen Zulauf. Was mit den gehackten E-Mails in Großbritannien begann, hat sich zur Krise einer ganzen Forschungsdisziplin ausgewachsen. In den Mittelpunkt rückt dabei vor allem jene wissenschaftliche Elitetruppe, die so einflussreich ist wie kaum eine andere: der Weltklimarat IPCC.

Im Auftrag der Vereinten Nationen erstellen die darin organisierten Forscher - vornweg Phil Jones - regelmäßig Prognosen über das drohende Treibhausklima. Ohne die Berichte des Weltklimarats würden die Regierungen nicht so leidenschaftlich über den Ausstieg aus dem Öl- und Kohlezeitalter streiten.

Ende 2007 wurde dem Weltklimarat sogar der Friedensnobelpreis verliehen. Bei der Entgegennahme der Auszeichnung trat IPCC-Präsident Rajendra Pachauri als das personifizierte Weltgewissen auf. "Wir müssen unseren Lebensstil ändern", beschwor der Inder seine Zuhörer. "Die Zeit der Zweifel ist vorbei."

Was für ein Absturz! Nicht einmal drei Jahre nach diesem Triumph tauchen immer neue Fehler, Schlampereien und Übertreibungen im aktuellen IPCC-Bericht auf: die umstrittene Temperaturkurve von Phil Jones; die auf einem simplen Zahlendreher beruhende Unsinns-Prognose, wonach schon 2035 alle Himalaja-Gletscher abgeschmolzen sein würden; die angebliche Zunahme von Naturkatastrophen, für die es keine Quelle gibt.

Aufpasser für den Weltklimarat

Mitte März zog Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon die Notbremse und bestellte einen Aufpasser für den Weltklimarat. Der Inter Academy Council, ein Zusammenschluss von 15 nationalen Akademien der Wissenschaften, soll bis zum Herbst die Arbeit des IPCC überprüfen.

Schon jetzt besteht Einigkeit: Der Weltklimarat muss tiefgreifend reformiert werden. Die Auswahl seiner Autoren und Gutachter war nicht unparteiisch genug, die Arbeitsgruppen sprachen zu wenig miteinander, fragwürdige Quellen wurden verwendet, und es gab keine Mechanismen, wie mit Fehlern umzugehen ist.

Und es geht auch um den Kopf von IPCC-Präsident Pachauri, einem "führenden globalen Denker" (wie er sich in seiner offiziellen Biografie feiern lässt). Der gelernte Eisenbahningenieur, der während seiner Rettungsflüge fürs Weltklima einen erotischen Roman schrieb und den Menschen Fleischverzicht empfahl, hat in der Krise eine miserable Figur gemacht. Begründete Einwände am IPCC-Bericht kanzelte der Klima-Guru als "Voodoo-Wissenschaft" ab.

Als erste Fachorganisation fordert jetzt die deutsche Leibniz-Gemeinschaft, der mehrere Klimaforschungsinstitute unterstehen, personelle Konsequenzen. Leibniz-Präsident Ernst Rietschel sieht die Klimaforschung "in einer schwierigen Situation", weil man den Skeptikern "eine offene Flanke hingehalten" habe. Rietschel zum SPIEGEL: "Rajendra Pachauri sollte dafür die Verantwortung übernehmen und zurücktreten."

Unterm Strich bleibt für die gesamte Zunft ein gewaltiger Schaden. "Wir erleiden gerade eine massive Erosion des Vertrauens", konstatiert der deutsche Klimatologe Hans von Storch. "Durch die Politisierung ist die Klimaforschung ähnlich korrumpiert worden wie zuvor die Atomphysik, die uns vor Tschernobyl weismachen wollte, Kernkraftwerke seien absolut sicher."



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