AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 14/2010

Terrorismus Die dritte Generation

Eine neue Reisewelle aus Deutschland in die Ausbildungslager militanter Dschihadisten alarmiert die Sicherheitsbehörden. Die Rekruten radikalisieren sich im Schnelldurchlauf, ganze Familien setzen sich ab. In den Camps am Hindukusch entstehen deutsche Kolonien.

Von Yassin Musharbash, und


Der Tag, an dem die Eltern ihren Sohn Jan* verlieren, ist ein Sonntag im September. Eine besonders innige Umarmung sei es gewesen, erinnert sich der Vater. Lang und intensiv. Er habe gespürt, dass dies kein normaler Abschied werden würde. Dass es um mehr gehe als die angebliche Urlaubsreise zum ersten Hochzeitstag, von der Jan, 24, und seine Ehefrau Alexandra* ihm erzählt hatten.

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Heft 14/2010
Die gescheiterte Mission des Joseph Ratzinger

Es ist der Tag der Bundestagswahl 2009, in Berlin scheint die Herbstsonne, aber Jan und Alexandra interessieren sich heute nicht dafür, wer dieses Land künftig regiert. Sie werden Deutschland verlassen, sie lehnen diese Gesellschaft und diesen Staat ab. Jan und Alexandra packen ihre Sachen in einen Mietwagen, holen ein befreundetes Pärchen ab und fahren los - zwei Ehepaare auf dem Weg ins Exil. Die Reisegefährtin ist 17 Jahre alt und im sechsten Monat schwanger, ihr Mann ist gerade 20 geworden. Das Kind wird nicht in Deutschland zur Welt kommen.

Die zwei Ehepaare fahren nach Budapest, steigen dort in ein Flugzeug nach Istanbul. Aus einem Hotel ruft Jan noch einmal seine Eltern an.

Seither gibt es nur noch ein paar E-Mails. Es sind liebevolle Botschaften an Vater und Mutter, aber auch solche, die den Eltern Angst machen. Er lebe jetzt unter Brüdern und brauche nicht viel Geld, schreibt Jan. Nein, man könne ihn nicht besuchen, das sei zu gefährlich. Und nein, er könne sich eine Rückkehr nach Berlin nicht mehr vorstellen, ein Leben umgeben von den Kuffar, von den Ungläubigen.

Im Dezember schreibt er dann, er wisse nicht, ob er den nächsten Sommer noch erlebe. Seitdem schauen die Eltern jeden Morgen in ihr Postfach. Jeden Morgen dasselbe: nichts. Sie halten die Ungewissheit kaum noch aus.

Jan und Alexandra, davon gehen die deutschen Sicherheitsbehörden aus, leben jetzt im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet. Es ist eine Welt, in der al-Qaida und die Taliban stark sind und der Staat schwach ist, wo Konflikte nach den Regeln der Scharia und der Stammesführer gelöst werden, mutmaßlich das vorerst letzte Refugium für Osama Bin Laden.

In der unwegsamen Bergregion ist eine Kolonie von Deutschen entstanden, die alle Wurzeln gekappt und am Hindukusch eine neue Heimat gefunden haben. Das Bundeskriminalamt (BKA) führt eine Liste von Verdächtigen, die sich in den vergangenen Jahren Richtung Afghanistan abgesetzt oder das versucht haben. Fast hundert Namen stehen auf dieser Liste, es ist ein Verzeichnis der dritten Generation nach den Todespiloten vom 11. September und der Sauerlandgruppe. Wie ihre Vorgänger schwärmen sie vom Heiligen Krieg und dem Märtyrertod. Die Sicherheitsbehörden bewegt nun die Frage, wer aus dieser Generation der nächste Mohammed Atta, der nächste Fritz Gelowicz sein wird. Oder wer dem ehemaligen Bosch-Mitarbeiter Cüneyt Ciftci aus dem beschaulichen Ansbach nacheifert, der sich im März 2008 in Afghanistan als Selbstmordattentäter in die Luft sprengte und vier Menschen tötete.

Auf der Liste stehen Jan und Alexandra aus Berlin, steht Michael W. aus Hamburg, der im vorigen Frühjahr wegwollte, aber in Pakistan festgenommen und zurückgeschickt wurde, steht der 19-jährige Berliner Omar H., der mit seiner Freundin Ende Januar verschwand. Sie treibt der Traum von einem Leben, das sie für die reine muslimische Lehre halten. Sie wollen die Welt des Westens gegen einen archaischen Alltag in kargen Hütten tauschen, in dem es mal Strom gibt und mal nicht und in dem über allem der Koran steht.

Die ersten beiden Generationen bestanden aus zornigen jungen Männern, die in den Kampf ziehen wollten, und dabei ihre Frauen zurückließen. Die dritte Generation ist anders: jünger, ethnisch buntgemischt, oft sind es Männer und Frauen, die Deutschland gemeinsam nach oder sogar kurz vor der Geburt ihrer Kinder verlassen, auf dem Weg vom Wedding nach Waziristan.

Was Behörden wie den Verfassungsschutz und das BKA besonders besorgt, ist die Geschwindigkeit, mit der die jungen Männer und Frauen bereit sind, ihr bisheriges Leben hinter sich zu lassen - meist ohne Rückfahrkarte. Manchmal, wie im Fall von Jan und seiner Frau, dauert es nur wenige Monate, bis sie unerreichbar werden. Zuerst für Argumente, dann ganz real, im Wortsinn.

Die Eltern von Jan, die vor mehr als 20 Jahren aus Osteuropa nach Berlin kamen, bemerkten im Mai 2008 die erste Veränderung, als der einzige Sohn plötzlich kein Schweinefleisch mehr anrührte. Der Mutter hatte er vorher erzählt, er habe sich eine Koranausgabe gekauft.

Die Eltern machten sich keine Sorgen, denn Jan hatte ja sein Abitur gemacht und wollte Berufssoldat werden. Und er hatte Alexandra, seine zwei Jahre jüngere Freundin, sie wollten heiraten. Es sah nach einem Leben aus dem Bilderbuch aus, friedlich, fröhlich, unspektakulär.

Die Hochzeit war im September 2008, ein schönes Fest, mitten im Ramadan. Gegessen wurde erst nach Sonnenuntergang, aber es gab Musik, und die Braut heiratete ganz in Weiß, sie hatte sich das gewünscht. Im November heirateten die beiden dann noch einmal, muslimisch, und von da an ging es sehr schnell. Schon im März 2009 bekamen die Eltern ihre Schwiegertochter nur noch voll verschleiert zu Gesicht. Nun gab es immer häufiger Meinungsverschiedenheiten.

Jan versuchte, seinen Vater zum Islam zu bekehren. Der ging mit in die Moschee, um zu sehen, mit wem sein Sohn sich traf. Selbst die betagte Großmutter, eine tiefgläubige Katholikin, wollte der Sohn überzeugen zu konvertieren.

Seinen ursprünglichen Berufswunsch, Berufssoldat, möglichst im Auslandseinsatz, ließ Jan sausen. Womöglich, erklärte er den Eltern, müsse er sonst gegen Glaubensbrüder kämpfen. Auch die Berufsschule brach er ab.



insgesamt 99 Beiträge
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Seite 1
MoonofA 04.04.2010
1. Ein Aspekt zu dieser Geschichte
Die CIA hat Überlegungen angestellt wie man uns Deutsche zu mehr Einsatz in Afghanistan anregen könnte. Das Dokument dazu gibt es bei Wikileaks http://file.wikileaks.org/file/cia-afghanistan.pdf Zitat: "Messages that dramatize the consequences of a NATO defeat for specific German interests could counter the widely held perception that Afghanistan is not Germany’s problem. For example, messages that illustrate how a defeat in Afghanistan could heighten Germany’s exposure to terrorism, opium, and refugees might help to make the war more salient to skeptics." So könnte man also die Meldung verstehen. Ich sehe das allerdings etwas anders. Erst der Einsatz in Afghanistan macht uns zur Zielscheibe. Ein Beenden des Einsatzes kann die Gefahr für uns verringern.
reinhard_m, 04.04.2010
2. Ich bin ein alter Mann
und physisch wohl nicht mehr so für Abenteuer aller Art geeignet, aber wenn ich mir so anschaue, was mir in meiner Heimat Deutschland nach einem arbeitsreichen Leben so bleibt - und vor allem so blüht - könnte auch ich in Versuchung geraten über einen völlig neuen Lebensstil nachzudenken und völlig neue Wege zu gehen. Mich würde es nicht wundern, wenn in den kommenden Zeiten des Umbruchs vieles Alte in sich zusammenbricht und vieles völlig Neue entsteht. Die Menschen sind viel kreativer, viel flexibler, viel ungeduldiger und viel weniger fest verwurzelt als früher.
carlosabdullah 04.04.2010
3.
Wir dürfen unsere Jugend nicht an diese Terrorsekten verlieren. Ich plädiere für deutschprachigen Islamunterricht und für in Deutschland aufgewachsene und ausgebildete Imame für die Moscheen. Hinterhofmoscheen müssen durch offene und kontrolierbare Räume ersetzt werden. In diesem Sinne sollten "Großmoscheen" wie in Köln nicht abgelehnt, sondern unterstützt werden. Für die Erforschung und das Kennenlernen des wirklichen Islams empfehle ich folgende Seite:
farang 04.04.2010
4. Das schlimme daran ....
Zitat von sysopEine neue Reisewelle aus Deutschland in die Ausbildungslager militanter Dschihadisten alarmiert die Sicherheitsbehörden. Die Rekruten radikalisieren sich im Schnelldurchlauf, ganze Familien setzen sich ab. In den Camps am Hindukusch entstehen deutsche Kolonien. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,687011,00.html
.... sind nicht die zu erwartenden Anschläge. Das schlimme, und auch traurige an der Sache ist, dass junge Leute in diesem deutschen Lande keine andere Alternative für ihr Leben finden, als den Radikalislam. Warum ist das so? Liegt es an dem zunehmenden Verfall von Menschlichkeit in diesem kapitalistischen System? Diese Leute sind nicht als Islamisten geboren worden, sie wurden von der Gesellschaft enttäuscht, und fanden Ersatz im Islam. Ich finde das erschreckend. Aber nachvollziehbar.
arialds_blog 04.04.2010
5. Noch ein Grund mehr: Sofort raus aus Afghanistan!
Deutschland macht sich mehr und mehr zum Ziel islamischer Attentäter, zunehmend anscheinend nun auch aus den eigenen Reihen. Alarmierend! Diese jungen Leute, das sollte man auch einmal kapieren, sind auch Opfer der hyperlibertären westlichen Gesellschaft, die sie ablehnen und der sie entkommen wollen. Der Islam bietet Halt, Geborgenheit und Struktur. Traditionelle Werte. Die 68er sind nicht nur mitschuldig an Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche, sondern auch am Abdriften deutscher Jugendlicher in den Extremismus!
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