AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 14/2010

Musik Lenaismus

Nachdem die 18-jährige Abiturientin Lena Meyer-Landrut die Castingshow "Unser Star für Oslo" gewonnen hat, steht sie nun mit gleich drei Stücken in den deutschen Top Five. Das gab es noch nie. Die Geschichte eines bürgerlichen Pop-Wunders.

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Die Fernsehshow "Wetten, dass ...?" ist wie ein Raumschiff am Stadtrand von Salzburg gelandet und hat ihre Hundertschaften von Mitarbeitern und Technikern hinausgeschickt. Wachleute laufen herum, am Eingang zur Halle stehen die Zuschauer Schlange, hinter der Bühne herrscht höchste Unterhaltungsindustrie-Alarmstufe.

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Heft 14/2010
Die gescheiterte Mission des Joseph Ratzinger

Die Operndiva Anna Netrebko hat gerade ihre Probe beendet und die zweifache Oscar-Gewinnerin Emma Thompson sich einen Backstage-Pass ausstellen lassen. Stefan Raab hockt auf einer Treppe und fummelt an seinem Handy herum. Und Lena Meyer-Landrut wartet auf dem Sofa in ihrer Garderobe auf ihren Auftritt, in den Räumen nebenan werden gerade Shakira, Andrew Lloyd Webber und Beth Ditto geschminkt. Lena hat etwas von einer Praktikantin, schwarzes Cocktailkleid, graue Strickjacke und dazu ein staunender Blick durch eine sehr große, schwarze Nana-Mouskouri-Brille.

Lena Meyer-Landrut ist 18 Jahre alt, bis vor ein paar Wochen hat sie vor allem unter der Dusche gesungen. Nun wird sie Ende Mai in Oslo beim Eurovision Song Contest antreten. Mit drei Songs stieg sie diese Woche, nach dem Sieg beim nationalen Aussscheidungswettbewerb, auf den Plätzen eins, drei und vier in die deutschen Single-Charts. Seit 1959 gibt es in Deutschland wöchentliche Charts, aber das haben weder die Beatles noch Michael Jackson und auch nicht Roy Black geschafft. Ihre Vorstellung bei "Wetten, dass ...?" soll der letzte große Auftritt vor Oslo sein. Danach geht es zum Lernen, die Abiturprüfungen stehen an.

Sie hat eine Saite angeschlagen, die das Land in mächtige Schwingungen versetzt hat, und das hat nichts damit zu tun, dass der lange Zeit ziemlich dämliche Songwettbewerb hier wieder Bedeutung hat. Wahrscheinlich hat es eher damit zu tun, dass sich dieses Land in ein 18-jähriges Mädchen aus Hannover verliebt hat.

Das wenige, das über Lena Meyer-Landrut bekannt ist, lässt sich in ein paar Sätzen zusammenfassen. Ihr Großvater war Chef des Bundespräsidialamts unter Richard von Weizsäcker, deutscher Botschafter in Moskau. Über ihre Eltern weiß man kaum etwas, ihre Mutter erwähnt sie oft, ihren Vater nie. Sie ist Einzelkind, ihre Prüfungsfächer sind Biologie, Geschichte, Sport, eine durchschnittliche Schülerin mit durchschnittlich bürgerlichem Doppelnamen.

"Mein Leben ist doch total langweilig"

Sie spielt kein Instrument und kann keine Noten lesen. Sie ist weitsichtig, hat eine Tätowierung auf dem linken, inneren Oberarm und ist in Wirklichkeit noch schmaler als im Fernsehen. Vergangene Woche war sie im Kino und hat sich die Verfilmung von Stieg Larssons "Verdammnis" angeschaut, die sie "toll" fand. Wenn Reporter Freunde von Lena fragen, wie sie denn so sei, ist die Antwort häufig: "ein bisschen crazy".

Das ist es schon. Ein paar Sachen kann man sich dazudenken. Etwa, dass eine Mutter, deren einzige Tochter gerade kurz davor steht, ihre Schule erfolgreich abzuschließen, nicht nur jubelt, wenn es wenige Monate vor dem Abitur auf einmal heißt: Ich werde Kandidatin bei der Fernsehshow "Unser Star für Oslo", und ich will da auf jeden Fall hin. Und dass Lena, als sie ihren Freunden nicht sagte, dass sie sich beworben hat, bestimmt blöden Kommentaren ausweichen wollte. Das sagt sie wenigstens. Es lässt sich aber auch anders verstehen: Hier hat jemand genug Selbstbewusstsein, seine Entscheidungen zu treffen, ohne vorher groß Rücksprache zu halten.

Einen nicht unbeträchtlichen Teil ihres Charmes macht es aus, dass Lena manche Fragen über ihr Leben gar nicht beantwortet. "Es geht doch um die Musik", sagt sie dann. "Ich sitze hier, weil ich die Castingshow 'Unser Star für Oslo' gewonnen habe. Und damit haben Personen aus meiner Familie nichts zu tun. Außerdem ist mein Leben doch total langweilig."

Lena Meyer-Landrut ist ein eigenartiger Star. Sie hat zwar schon als Kind Ballettunterricht bekommen, wenn sie sich auf der Bühne bewegt, erinnert das aber eher an Joe Cocker als an Tanz. Ihre Stimme ist ausdrucksstark, das aber eher ungesteuert - einer der vielzitierten Lena-Momente in "Unser Star für Oslo" war ihre Antwort auf Stefan Raabs Bemerkung, ihre Atemtechnik sei "weit ab von allem": "Ich hab gar keine." Wie gelangt so jemand an die Spitze der Charts?

Der Erfolg von Lena Meyer-Landrut ist auch das Ergebnis einer konzertierten Aktion einiger Großer des deutschen Unterhaltungsgeschäfts. Vergangenes Jahr verabredeten sich die ARD und die Firma Brainpool, die Stefan Raabs "TV total" produziert, es für den Eurovision Song Contest 2010 einmal anders zu probieren; man einigte sich auf eine Castingshow, die einen Künstler hevorbringen sollte, der "authentisch" ist, wie man das in der Industrie nennt - nicht formatiert, jemanden, der seinen eigenen künstlerischen Vorstellungen folgt und sich darin nicht beirren lässt.

"Einen Star wie Lena kann man nicht machen, den kann man nur finden", sagt Universal-Chef Frank Briegmann, der mächtigste Musikmanager Deutschlands. "Man kann einen Rahmen abstecken, indem man sagt, wir wollen Künstler, die authentisch sind, die ihre eigenen Vorstellungen haben, die nicht in ein Korsett passen. Das kommuniziert man und hofft, dass diese Künstler dann auch kommen. Danach wollen wir sie begleiten."



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 289 Beiträge
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Seite 1
W. Robert 02.04.2010
1. Germany Zero Points
Es würde mich ja interessieren, mit welchen Verkaufszahlen man heutzutage in die "Charts" kommt. Aus England wird berichtet, dass manche Blogger im Alleingang einen Nr 1 Hit verursachen können. Da wird die geballte Medienpower von ARD und Pro7 doch genügen, bei uns ähnliche Phänomene loszutreten. Ich habe mir jetzt tatsächlich einen Song der Dame angehört. Und hier nun mein Geheimtipp für Oslo: Germany 0 Points :) Nix, gar nix, noch weniger.
BigRedOne 02.04.2010
2. Charts
Zitat von W. RobertEs würde mich ja interessieren, mit welchen Verkaufszahlen man heutzutage in die "Charts" kommt. Aus England wird berichtet, dass manche Blogger im Alleingang einen Nr 1 Hit verursachen können. Da wird die geballte Medienpower von ARD und Pro7 doch genügen, bei uns ähnliche Phänomene loszutreten. Ich habe mir jetzt tatsächlich einen Song der Dame angehört. Und hier nun mein Geheimtipp für Oslo: Germany 0 Points :) Nix, gar nix, noch weniger.
Ihre Skepsis in allen Ehren, aber es wäre schön, wenn sie zugeben werden, dass nur weil es ihnen nicht gefällt, das nicht heißen muss, dass großer Erfolg nur durch Betrug zu erreichen wäre. Das Lied hat sich in der ersten Woche 150.000 Mal verkauft, die meisten davon als Downloads am Wochenende direkt nach dem Finale der Sendung. Um ihre Frage zu beantworten, reicht es teilweise, dreistellig zu verkaufen, um in die TOP 100 einzusteigen. Für einen Nr. 1 Hit geht es schon in die Zehntausende. War früher natürlich anders. Die 150.000 wie bei Satellite in der ersten Woche sind inzwischen eher selten.
unente, 02.04.2010
3. selbsterfüllende Prophezeiung
Zitat von W. RobertEs würde mich ja interessieren, mit welchen Verkaufszahlen man heutzutage in die "Charts" kommt. Aus England wird berichtet, dass manche Blogger im Alleingang einen Nr 1 Hit verursachen können. Da wird die geballte Medienpower von ARD und Pro7 doch genügen, bei uns ähnliche Phänomene loszutreten. Ich habe mir jetzt tatsächlich einen Song der Dame angehört. Und hier nun mein Geheimtipp für Oslo: Germany 0 Points :) Nix, gar nix, noch weniger.
Das würde ich auch so sehen. Milli Vanilli haben nicht selbst gesungen und den "Verkaufszahlen" der Castingshow-Tussi liegen keine adäquaten Verkäufe zugrunde. Das alles ist nur ein aufgeblasener Werberummel, gestützt durch GEZ-Gebühren und Werbegelder von "BRAINPOOL". Demnächst können von denen massenweise CD´s an "glückliche" Gewinner verschenkt werden. X-D
saul7 03.04.2010
4. +++
Zitat von sysopNachdem die 18-jährige Abiturientin Lena Meyer-Landrut die Castingshow "Unser Star für Oslo" gewonnen hat, steht sie nun mit gleich drei Stücken in den deutschen Top Five. Das gab es noch nie. Die Geschichte eines bürgerlichen Pop-Wunders. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,687013,00.html
Ich frage mich dauernd, was diese junge Sängerin als "bürgerliches Popwunder" auszeichnet??
medienquadrat, 06.04.2010
5. ...
Zitat von saul7Ich frage mich dauernd, was diese junge Sängerin als "bürgerliches Popwunder" auszeichnet??
Keine Sorge, das Problem erledigt sich vonh selbst. Sie wäre nicht die erste auf der Welt, die öffentlich zerliebt wurde.
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