AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 14/2010

Eine Meldung und ihre Geschichte Verbotene Liebe

Warum eine US-Schule wegen zweier Lesben in Konflikt mit der Verfassung geriet.

Von Evelyn Runge

McMillen
AP

McMillen


Constance McMillen, 18 Jahre alt, die Wimpern schwarz getuscht, im Nasenflügel einen glitzernden Stecker, saß in ihrer Klasse, als sie die Stimme des Direktors hörte. Er sprach zu seinen Schülern über die Lautsprecher, und er ließ sie wissen, dass der Abschlussball an der Itawamba Agricultural High School in diesem Jahr ausfallen werde. Einen Grund nannte er nicht, und das war auch nicht nötig. Jeder in der Schule wusste Bescheid. Constance war schuld. Constance und ihre Freundin. Die beiden Lesben.

Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Hier geht es zum digitalen Heft
Neu:
  • Lesen Sie den vollständigen SPIEGEL auf Tablets, Smartphones oder am PC/MAC
  • Mit vielen zusätzlichen Videos, interaktiven Grafiken und Bildern
  • Lesbar über Apps oder Browser

Die Itawamba Agricultural High School liegt in Fulton, Mississippi. Knapp 4000 Menschen leben hier, die große Mehrzahl ist weiß, gläubig, wählt republikanisch und denkt sehr traditionell. Es ist nicht der beste Ort, wenn man zu einer Minderheit gehört. Es ist nicht der beste Ort, wenn man jung ist und Dinge ausprobieren will.

Die Probleme von Constance McMillen und ihrer Freundin begannen vor ein paar Wochen, als sie beschlossen, ihr Lesbischsein und ihre Liebe öffentlich zu machen und zu feiern, während des großen Abschlussballs. Weder Constance noch ihre Freundin würden sich einen Alibi-Jungen suchen, sie würden zusammen gehen, als Paar. Constance im Smoking, und auch ihre Freundin wollte kein Ballkleid tragen. Das war ihr Plan, und sie hofften auf Unterstützung, zumindest aber auf Billigung. Ihnen lag nichts an einem Skandal, sie wollten niemanden brüskieren, sie wollten einfach nur sie selbst sein.

Um den Auftritt einigermaßen vorzubereiten, bat Constance um ein Gespräch mit ihrem Schuldirektor und informierte ihn über ihr Vorhaben. Trae Wiygul ist der Chef einer Schule, die ihren Schülern und Schülerinnen das Betreten des Gebäudes in Jogginghosen, Trenchcoats oder kurzen Röcken verbietet. Wiygul ist der Meinung, dass Schüler produktiver sind in "adretter und konservativer Kleidung"; "schlampige und extreme Kleidung" sei der Bildung nicht zuträglich. Wiygul lehnte die Bitte von Constance ab.

Begründung der Absage: "Störungen des Schulbetriebs"

Constance fragte Wiyguls Stellvertreter. Er schloss sich seinem Chef an. Constance sprach in der Schulbehörde des Bezirks vor. Auch dort lautete die Antwort nein. Es solle ein "schöner, eleganter, unvergesslicher Abend" werden; jeder Schüler dürfe einen Gast mitbringen, aber dieser Gast müsse vom anderen Geschlecht sein.

Constance McMillen war wütend, aber sie gab nicht auf. Sie informierte die ACLU, die mächtige Bürgerrechtsorganisation in den USA, und ein paar Tage später erhielten Direktor Wiygul und die Schulbehörde einen Brief. Kristy Bennett und Christine Sun, Rechtsanwältinnen der ACLU, schrieben, dass es der amerikanischen Verfassung widerspreche, Schüler aufgrund ihrer sexuellen Neigungen vom Abschlussball auszuschließen.

Wiygul beriet sich mit zwei Mitarbeitern der Schulbehörde. Die Situation war nicht einfach. Wenn sie die Lesben von ihrem Ball weiterhin ausschlössen, würde es zu einem Prozess kommen, den die Schulbehörde sehr wahrscheinlich verlieren würde. Wenn sie den Lesben die Teilnahme am Ball gestatteten, würden sie zwar der Verfassung ihres Landes Genüge tun, aber ihre Überzeugungen verraten.

Was tun?

Der Krisenstab von Fulton, Mississippi, wählte eine radikale Lösung. Schulbehörde und Schuldirektor sagten den Ball ab, über die Lautsprecher der Schule und in einem Fax an die lokale Presse. Es waren vier Sätze, sieben Zeilen, ein konkreter Grund wurde nicht genannt. Es gehe, so die Verfasser des Fax, "um Störungen des Schulbetriebs".

"Was ist aus unserem bibelfesten Land geworden?"

Es war eine konsequente, aber keine besonders kluge Entscheidung. Die Presseabteilung der ACLU machte das Fax und die Hintergründe öffentlich. Kurze Zeit später war Constance McMillen, Tochter eines Pflegeleiters und einer Kellnerin, im Frühstücksfernsehen des Senders CBS in New York zu hören. Sie klagte ihre Schule auch an der Westküste an, in Los Angeles, in der Talkshow ihres Idols, der lesbischen Star-Moderatorin Ellen DeGeneres. Über 400 000 Menschen verfolgten die Geschichte auf Constance McMillens Facebook-Seite.

Während das Mädchen sprach, ging die Schule in Deckung. Die Website war tagelang nicht zu erreichen, Anrufe und E-Mails blieben ohne Antwort. Verteidiger der Schule hängten Plakate an die Fassade des Gebäudes: "What happened to the Bible belt?", was ist aus unserem bibelfesten Land geworden? Fulton wurde mit Gomorrha verglichen. Nur ein einziges Mal meldete sich Direktor Wiygul zu Wort und beklagte den Ton seiner Gegner: "Ich wurde als bigott und homophob bezeichnet, auch mit einigen Schimpfwörtern, es ist ziemlich hart."

Ende März entschied das für den Norden Mississippis zuständige Gericht in Aberdeen, die Itawamba Agricultural High School habe Constance McMillens Grundrechte verletzt, der Ausschluss der beiden Mädchen vom Ball sei nicht rechtens. Die Absage des Balls allerdings wurde vom Gericht nicht beanstandet.

Statt des offiziellen Balls organisieren Eltern nun eine private Feier, in einem Möbelgeschäft in Fulton.

Constance McMillen und ihre Freundin haben bis jetzt keine Einladung bekommen.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 134 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Hercules Rockefeller, 10.04.2010
1. Lächerlich
Was sind das nur für Leute? Es gibt doch nur einen Abschlußball, und den sagt man ab, weil da zwei Mädchen als Paar auf den Ball wollen? Dürfen die beiden denn gemeinsam in den Supermarkt, oder nur getrennt-oder schließt man dort auch vorsorglich alle Supermärkte im Ort, um der Unmoral keine Bühne zu bieten? Und nicht zuletzt, das sind doch noch halbe Kinder! Es sagt viel, sehr viel darüber aus, wie Erwachsene ihre Jugendlichen behandeln.
sonjade 10.04.2010
2. am Ende gab es zwei proms
Die Schule hat einen "offiziellen" Ball veranstaltet, bei dem dann außer Constance sechs Schüler waren; die anderen Schüler haben einen eigenen Ball organisiert bekommen, zu dem Constance nicht eingeladen war. (http://www.huffingtonpost.com/2010/04/05/constance-mcmillen-fake-p_n_525856.html) Zum Artikel: "Es ist nicht der beste Ort, wenn man zu einer Minderheit gehört." Stimmt. Aber: "Es ist nicht der beste Ort, wenn man jung ist und Dinge ausprobieren will." Was hat das mit dem Thema zu tun? Ich hoffe, das soll nicht heißen, dass Constance das Lesbisch-Sein nur ausprobiert (oder dass sie damit nur Aufsehen erregen will, wie manche behaupten).
therude 10.04.2010
3. Eine Meldung und ihre Geschichte: Verbotene Liebe
Herrje. Vor 40 Jahren wäre das ´ne Meldung gewesen. Aber heutzutage? Schwule Mädchen, na und, wen interessierts?
tweet4fun 10.04.2010
4. Dann schauen Sie sich den Bible Belt mal an...
Zitat von therudeHerrje. Vor 40 Jahren wäre das ´ne Meldung gewesen. Aber heutzutage? Schwule Mädchen, na und, wen interessierts?
Sie würden es nicht glauben! Die Mehrheit der dort lebenden Menschen sind verbohrt, verstockt und im Denken rückständig. Da findet man auch noch richtigen Rassismus und Leute mit Pickup-Trucks und Flinte auf dem Nebensitz. Das hatte GW Bush acht Jahre lang propagiert. Und die Mehrheit in der republikanischen Partei ist nicht besser! Verglichen mit denen sind deutsche CDU-Mitglieder eher Sympathisanten der linken Szene.
abryx 10.04.2010
5. Bibelfest?
In den USA werden 90% aller Pornos aller Stilrichtungen produziert. Ein Wirtschaftszweig der - wenn er wegbricht - schlimmere Auswirkungen auf das Land haben würde als der Niedergang der Automobilindustrie. Und dann stehen da vorne die Nutznießer im Stillen und regen sich über normale Menschliche Neigungen auf ...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© DER SPIEGEL 14/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.