AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 14/2010

Kino Zwischen zwei Küssen

Tom Ford hat einst Gucci glamourös wiederauferstehen lassen. Nun präsentiert sich der Showman der Mode als nachdenklicher Filmregisseur mit seinem Erstlingswerk "A Single Man".

DDP

Von Urs Jenny


Klingt der Begriff "Midlife-Crisis" nicht ein bisschen altmodisch? Nennt man das heutzutage nicht "Burnout"? So oder so, man spricht darüber ja erst, wenn man siegreich daraus hervorgegangen ist. Der Modeschöpfer Tom Ford, tonangebender Zeitgeistpfadfinder der Jahrtausendwende und erfolgreichster Narziss der Branche seit Yves Saint Laurent, nennt es heute in Interviews gepflegt altmodisch seine Midlife-Crisis, wenn er das schicksalsmäßige Ohrensausen und die Sinnkrise meint, in die er im Jahr 2004 gestürzt ist: Ein Usurpator, so darf man wohl sagen, hatte sich hinterrücks des Modereichs bemächtigt, das Ford als seine Welt betrachtete, und wollte ihm - wie auch immer - ins kreative Handwerk pfuschen. Der Legende zufolge zog Ford mit einer Abfindung von 250 Millionen Dollar von dannen.

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Heft 14/2010
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Wenig später verkündete der Arbeitslose, dass er nun Filmregisseur werden wolle. Er ließ sich jahrelang Zeit - Zeit auch, um Schritt für Schritt ein eigenes Modelabel aufzubauen -, doch vor einem guten halben Jahr nun, beim Festival in Venedig, präsentierte Tom Ford, 48, als Filmemacher ein ausgewachsener Autodidakt, sein (wesentlich aus eigener Tasche finanziertes) Erstlingswerk "A Single Man": keine gefallsüchtige Shownummer, sondern das düster grundierte Spielfilmporträt eines alternden, einsamen Homosexuellen, der seinen Selbstmord plant; ernster und tiefer gehend, als das irgendjemand dem glamourösen Oberflächenartisten Ford zugetraut hätte - nicht gerade an "Tod in Venedig" zu messen, doch, mit reichlich Cello-Melancholie, so was wie "In the Mood for Death".

Aber wie passt das eine zum anderen? Vielleicht ist ja die Midlife-Crisis auch als der Sturz eines vom Glück unverschämt verwöhnten ewigen Wunderknaben ins endliche Erwachsenwerden zu verstehen. Tom Ford war, so viel bekannt ist, keiner jener Jungen, die mit Puppen spielen, ihnen früh schon eigene Kleidchen schneidern und sich zum großen Couturier berufen fühlen. Er habe (so hat er später gesagt) selbst nicht gewusst, was er werden wolle, als er 1978 aus dem provinziellen Santa Fe zum Studium nach New York kam; so habe er zwischen Schauspielerei und Kunstgeschichte geschwankt.

Fest steht, dass seine entscheidende mondäne Sozialisation in der legendären Disco "Studio 54" stattfand - damals wohl das Beste, was einem unübersehbar attraktiven jungen Schwulen mit etwas Geld in der Tasche passieren konnte - und dass ihm ein erster Karriereschritt in die Modewelt als gefragtes Model in Werbespots gelang.

Sein Designstudium hat er dann, in Paris, als Innenarchitekt abgeschlossen. Doch die Entscheidung für die Mode war da wohl schon gefallen, und nach ein paar Jahren in amerikanischen Modehäusern, fieberte er nach Europa. Der Glücksfall hieß Gucci: ein Florentiner Luxuslabel mit fadenscheinig gewordener Glorie, heruntergewirtschaftet durch Missmanagement und Familienfehden, die in der Ermordung des Firmenerben durch einen von der Ex-Ehefrau bestellten Killer gipfelten. Tom Ford fing 1990 als Designassistent bei Gucci an und hatte schon nach ein paar Jahren den Laden im Griff. Seine Mode florierte und er mit ihr. Schmaler schwarzer Anzug, weit offenes weißes Hemd und Dreitagebart, so ließ er sich werbewirksam in lässiger Siegerpose fotografieren: Mr. Zeitgeist himself.

Er muss rasend ehrgeizig, rasend perfektionistisch und rasend wirkungsbesessen gewesen sein. Vielleicht war er kein grandioser Schöpfer, gewiss aber ein genialer Verkäufer. Er hatte einen raubtierhaften Instinkt für die unerhörte Nuance; er verstand es, ein Paar Stilettos auf einem Hochglanzfoto mit elektrisierender Verheißung aufzuladen; er servierte die Koketterie mit dem Pornografischen als äußersten Snobismus. Hinter all dem brillanten Kalkül aber war ein letztes Ungenügen zu spüren, eine dauernde Suche, eine ewige Jagd nach der perfekten Form, ein nie zu erfüllendes Verlangen nach Vollkommenheit.

In einem knappen Jahrzehnt hat Fords kreatives Feuerwerk den Gucci-Umsatz verzehnfacht und die Firma stark genug gemacht, dass sie sich das Erbe von Yves Saint Laurent einverleiben konnte. Doch aller Erfolg vermochte nicht zu verhindern, dass ein Luxusmulti mit noch mächtigerem Appetit, François-Henri Pinaults PPR, das Ganze verschlang.

Heute meint ein sehr abgeklärter Ford, Mode, wie er sie damals verstanden und produziert habe, sei doch immer nur Saisonware gewesen, nichts von bleibendem Wert und keine wahre Kunst.



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