AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 15/2010

Essay Die Kunst des Weglassens

REUTERS

Von Ferdinand von Schirach

2. Teil: Die dunklen Seiten des iPad


Das iPad wird unsere Welt verändern. Es wird sie so verändern, wie der iPod die Musikbranche verändert hat. Wenn Sie in Bangkok in einem Taxi sitzen und zu den Bewegungen auf der Straße die Goldberg-Variationen hören, während Sie aus dem Fenster sehen, ist das eine Art Glück. Wir werden bald Zeitungen und Zeitschriften auf dem iPad lesen. Stellen Sie sich vor, Sie haben nicht mehr diese Riesenblätter "Frankfurter Allgemeine" und "Zeit" mit sich rumzuschleppen. Sie bekommen sie morgens elektronisch geliefert. Einfach so. Sie lesen sie in der S-Bahn. Thomas Bernhard beschrieb, wie er eine Odyssee auf sich nehmen musste, um die "Neue Zürcher Zeitung" zu kaufen, weil es sie in Salzburg nicht gab. Der SPIEGEL hat eine App auf mein iPad geladen. Ende April ist sie für jeden erhältlich. Offen gesagt, ich lese das Heft jetzt so schon lieber als in gedruckter Form. Ich kann die Bilder vergrößern, das Heft liegt nicht mehr herum, ich kann gleich alle früheren Ausgaben mitnehmen - und vor allem: Es sieht schöner aus. Für die Zeitungsbranche ist es vermutlich die letzte Möglichkeit, das Rad, das sie durch die kostenlosen Internetseiten zu weit gedreht hat, nochmals zurückzudrehen und Geld zu verdienen.

Werden wir Bücher auf dem iPad lesen? Ja, natürlich. Ich werde noch einige Zeit brauchen, um mich daran zu gewöhnen. Ich mag Bücher in gedruckter Form. Ich mag das Papier, das Umblättern (das iPad bildet das elektronisch nach), das Leinen der Umschläge. Die zerfledderten Seiten und die Buchrücken bedeuten noch etwas. Sie stehen im Regal, und wenn ich an ihnen vorbeilaufe, erinnere ich mich an sie, an die Zeit, zu der ich sie gelesen habe. Aber es ist einfach unglaublich, dass man Hunderte schwere Bücher mitnehmen kann, ohne darüber nachzudenken. Man kann Lesezeichen eingeben, Worte im Lexikon nachschlagen und nach bestimmten Wörtern in den Büchern suchen. Vermutlich werden wir erst Lexika auf das iPad laden, den Duden vielleicht, den Brockhaus und vor allem Fachliteratur. Es ist natürlich viel einfacher, auf einem iPad nach einem Medikament zu suchen als in der Roten Liste. Und es wird wahrscheinlich viele geben, die mit dem iPad wieder zu lesen beginnen; Menschen, die sonst selten in eine Buchhandlung gehen. Im iTunes-Store, das ist die Plattform, über die Apple die Apps vertreibt, gibt es inzwischen mehr Bücher als Spiele. Und das gilt sogar für das iPhone, auf dessen kleinem Schirm man nur mühsam lange Texte lesen kann. Für das iPad hat Apple einen neuen Vertriebsweg für Bücher geschaffen. Es zeigt ein nicht sehr hübsches Kiefernregal, Bücher kann man dort mit einem Klick kaufen. Apple hat mit dem iPad geschafft, was ich nicht für möglich gehalten hätte: Die elektronischen Bücher lassen sich ausgezeichnet lesen.

Der Witz des iPad ist, dass es nur ein Bildschirm ist

Natürlich kann man auch alles andere mit dem iPad machen. Spiele, Bankgeschäfte, E-Mails, Kalender und Adressbücher - Tausende Applikationen gibt es, viele sind wunderbar gestaltet. Filme lassen sich auf dem Schirm ansehen - auch sie kauft man über den iTunes-Store, es erspart den Weg in die Videothek. Allerdings kann man all diese Sachen besser auf einem Laptop erledigen. Die Tastatur, die es als Zusatzprodukt gibt, scheint keinen rechten Sinn zu haben - der Witz des iPad ist ja, dass es nur ein Bildschirm ist. Auch ein anderer Punkt leuchtet mir nicht ein: Man muss das iPad dauernd in der Hand halten. Das ist unangenehm, wenn es länger dauert, zum Beispiel wenn man einen Film ansieht. Schreiben auf der virtuellen Tastatur bereitet mir keine Freude, ich vertippe mich dauernd, und schon eine längere E-Mail wird zur Mühsal. Und wirklich scheußlich ist: Das iPad ist nach 20 Minuten Gebrauch von Fingerabdrücken und Schlieren übersät - kein schöner Anblick. Das iPad kann einen Computer nicht ersetzen. Es will das auch gar nicht, es ist etwas anderes. Das Gerät scheint mir letztlich eine neue perfekte Vertriebsform zu sein: Das iPad ist ideal für Zeitschriften und Bücher. Und dafür ist es besser geeignet als jeder Laptop.

Aber es gibt auch dunkle Seiten des iPad: Apple zensiert. Die "Bild"-Zeitung darf kein nacktes Mädchen abbilden, überhaupt ist jede Form von Sex tabu. Natürlich ist das eine sehr milde Form von Zensur, und für uns Europäer hat das eher etwas Kindisches. Aber es ist Zensur, und sie zeigt, was der Konzern alles tun könnte. Schlimmer noch ist: Apple wird bald ein Monopol besitzen, die Firma wird mächtiger sein, als es Microsoft jemals war. An jeder kostenpflichtigen App verdient Apple 30 Prozent. Zeitungs- und Buchverlage werden sich darauf einlassen müssen, genauso wie es vor ihnen die Musikbranche tat und zurzeit die Filmindustrie tut. Wenn es keine Konkurrenz mehr für das iPad gibt, werden alle in einer neuen Abhängigkeit sein. Es gibt Apple-Aktionäre, die Steve Jobs, den Konzernchef in schwarzem Rollkragenpulli, Jeans und mit randloser Brille, "iGod" nennen. Vielleicht nicht zu Unrecht: Apple hat nach dem letzten Geschäftsbericht fast 40 Milliarden Dollar Rücklagen; die Firma hat einen Börsenwert, der weit höher ist als der von Daimler-Benz und Deutscher Bank zusammen.

Manchmal vermisse ich die analoge Zeit. Ich erinnere mich daran, wie uns der Wind am Strand die Zeitungen aus der Hand riss und wie wir in Italien im Café saßen und versuchten, den "Corriere della Sera" zu lesen. Eine Wohnung ohne Bücher möchte ich mir nicht vorstellen. Wir können die Dinge nicht aufhalten, sie sind schneller als wir. Trotzdem werde ich die schweren Bücher weiter auf Reisen mitnehmen, solange es geht - sie würden mir einfach zu sehr fehlen.



insgesamt 6472 Beiträge
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Seite 1
TheBenne 27.01.2010
1.
Auch wenn man vielerorts Gemecker vernimmt, erfüllt das iPad genau meine Erwartungen. Schon lange bevor es vorgestellt wurde, habe ich mir ein Gerät gewünscht, welches ein Zwischending zwischen MacBook und iPhone darstellt. Ich fahre jede 2. Woche täglich 5 Stunden mit dem Zug und auf Dauer ist das iPhone einfach zu klein. Und dem MacBook will ich gammlige Regionalzüge nicht zumuten, einen Tisch sollte man schon darunter stellen. Ich werde also auf jeden Fall zuschlagen. Ich denke, damit kann man viel Spaß haben. Ich sehe mich auch schon mit meiner Freundin gemütlich im Bett den ein oder anderen Film anzuschauen und vor dem einschlafen dann noch ein bisschen lesen. Und für ein Apple Produkt ist der Preis der Hammer. Was ich auch gut finde, ist, dass man immer noch einen PC braucht. Wenn irgendwas damit ist, kann man es immer einfach wiederherstellen, ein Backup einspielen und hat das gleiche Gerät wie vorher. Das ist bei einem OS X Mac nicht ganz so einfach. Also, in mir hat Apple einen Käufer. 64 GB UMTS höchstwahrscheinlich.
das_schwampel 27.01.2010
2.
Na ja. Hat man ja in etwa erwarten können. Eigentlich ein iPhone für Rentner und Grobmotoriker. Dass es kein Flash kann, finde ich enttäuschend. Ansonsten ein innovatives Gerät, aber nicht revolutionär.
Mo2 27.01.2010
3. Wer`s braucht...
Ich bleibe lieber bei meinem kleinen, leichten, smarten Netbook. Finde ich irgendwie praktischer und es kann eh schon mehr als ich brauche.
Hagbard-Celine 27.01.2010
4. welche erwartungen ?
Zitat von sysopApple feiert den neuen iPad: einen buchgroßen Computer zum Berühren, angeblich perfekt für Bücher und Magazine, außerdem Spielkonsole, Multimediaplayer und abgespeckter Heimcomputer. Wird das Gerät den Erwartungen gerecht?
die erwartungen wurden "erschaffen". es ist ein technologieprodukt wie alle andere auch. achne, "apple" ist ja keine firma, es ist "lifestyle"... mögen die zielgruppen den rotz kaufen und sich (kurzzeitig) wohl dabei fühlen. apps´t mal schön
Hagbard-Celine 27.01.2010
5.
Zitat von TheBenneAuch wenn man vielerorts Gemecker vernimmt, erfüllt das iPad genau meine Erwartungen. Schon lange bevor es vorgestellt wurde, habe ich mir ein Gerät gewünscht, welches ein Zwischending zwischen MacBook und iPhone darstellt. Ich fahre jede 2. Woche täglich 5 Stunden mit dem Zug und auf Dauer ist das iPhone einfach zu klein. Und dem MacBook will ich gammlige Regionalzüge nicht zumuten, einen Tisch sollte man schon darunter stellen. Ich werde also auf jeden Fall zuschlagen. Ich denke, damit kann man viel Spaß haben. Ich sehe mich auch schon mit meiner Freundin gemütlich im Bett den ein oder anderen Film anzuschauen und vor dem einschlafen dann noch ein bisschen lesen. Und für ein Apple Produkt ist der Preis der Hammer. Was ich auch gut finde, ist, dass man immer noch einen PC braucht. Wenn irgendwas damit ist, kann man es immer einfach wiederherstellen, ein Backup einspielen und hat das gleiche Gerät wie vorher. Das ist bei einem OS X Mac nicht ganz so einfach. Also, in mir hat Apple einen Käufer. 64 GB UMTS höchstwahrscheinlich.
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