AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 15/2010

Internet Globale Enthüllung

Die Online-Plattform WikiLeaks stellt immer wieder geheime Dokumente ins Netz, zuletzt sorgte das Video mit Bildern von der Erschießung zweier Reuters-Mitarbeiter weltweit für Aufsehen. Doch über sich selbst will das Netzwerk kaum etwas preisgeben.

WikiLeaks

Von


Richtigstellung

 Daniel Schmitt von WikiLeaks
Aleks Krotoski

Daniel Schmitt von WikiLeaks

In der aktuellen Ausgabe (15/2010) des SPIEGEL wurde auf Seite 63 nicht Daniel Schmitt von WikiLeaks abgebildet.

Abgebildet ist stattdessen Alexander Schill.

Dieser steht in keiner Verbindung zu WikiLeaks.

Wir bedauern diese Verwechslung.

Am Vormittag des 12. Juli 2007 starben Namir Noor-Eldeen und Saeed Chmagh, zwei Reuters-Mitarbeiter, auf den staubigen Straßen von Bagdad. Etwa ein Dutzend Menschen wurden bei dieser Aktion getötet. Erschossen aus einem US-amerikanischen "Apache"-Helikopter, so viel war klar.

Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 15/2010
Ein kleiner Ratgeber zum Großwerden

Viel mehr sollte für lange Zeit unklar bleiben - obwohl es nicht nur Zeugen, sondern sogar ein Video des Geschehens gab, gefilmt aus einem der beiden Hubschrauber. Seit dem Vorfall bemühte sich die Nachrichtenagentur Reuters, den Tod ihrer Mitarbeiter aufzuklären. Sie stellte Anträge und bat in Washington um Herausgabe der Luftaufnahmen.

Nun, mehr als zwei Jahre später, ist das Video in der Öffentlichkeit, die Online-Plattform WikiLeaks stellte die Kriegsbilder aus Bagdad ins Netz. Mehr als fünf Millionen Mal wurden sie allein auf YouTube abgerufen, weltweit sorgten sie für Schlagzeilen und Empörung.

Das Video zeigt die Grausamkeit des Krieges. Es zeigt aber auch, wie sich im 21. Jahrhundert die Regeln verändern, nach denen Öffentlichkeit funktioniert. WikiLeaks definiert sich über die Radikalität, mit der es Regeln bricht: "In doubt we publish", heißt die Maxime der Seite - im Zweifel veröffentlichen wir.

Das heißt: im Zweifel auch gegen das Recht auf Privatsphäre, gegen Geheimhaltungsgesetze. Um auf WikiLeaks veröffentlicht zu werden, muss das brisante Dokument eine besondere Bedingung erfüllen: Jemand muss es irgendwann einmal als geheim klassifiziert haben.

Über sich selbst verraten die Aktivisten dagegen fast nichts. Wer sich alles hinter WikiLeaks verbirgt: geheim. Wie viele Server es gibt und wo sie stehen: geheim. Wer genau die eingereichten Unterlagen überprüft: geheim. Die Organisation gibt nur über sich preis, sie sei von "chinesischen Dissidenten, von Journalisten, Mathematikern und Technikern" gegründet worden. Als eine Art Herausgeber gilt allgemein der Australier Julian Assange, ehemals wohl Hacker, dann Journalist. Mit der Anonymität wolle man Beteiligte aus Ländern mit unsicherer Gesetzeslage schützen, lautet die offizielle Rechtfertigung für die Geheimniskrämerei.

Manche Kritiker halten WikiLeaks (leak: "undichte Stelle") für eine Mischung aus Verfolgungswahn und Wichtigtuerei. Tatsächlich tauchte aber vor einigen Wochen ein Bericht eines US-Geheimdienstes über WikiLeaks auf - natürlich auf WikiLeaks. Einen Zerstörungsplan witterten die Aktivisten darin, der Bericht selbst liest sich allerdings eher wie die fleißige Hausarbeit eines Studenten.

Anders als in den USA entdecken deutsche Medien WikiLeaks nur langsam. Das dürfte sich nach dem Bagdad-Video ändern. Die spendenfinanzierte Verschlusssache-Plattform kündigt bereits weitere Enthüllungen mit ähnlicher Durchschlagskraft an, etwa vergleichbare Filme aus Afghanistan. Auch will sie demnächst 37 000 E-Mails aus der internen Kommunikation der NPD komplett veröffentlichen. Der SPIEGEL zitierte daraus auszugsweise bereits 2008, ein Rechtsstreit folgte.

Mehr als 1,5 Millionen Dateien hat WikiLeaks nach eigenen Angaben seit seiner Gründung vor ungefähr drei Jahren veröffentlicht. Darunter Statistiken und Berichte, etwa über die ineffiziente wirtschaftliche Absicherung Älterer und Kranker in der deutschen privaten Krankenversicherung, Korruption in Afrika, über die Verschwendungseskapaden des thailändischen Königssohns oder E-Mails von Sarah Palin.

Immer wieder war auch brisantes Material dabei: etwa der Bericht der Bundeswehr-Feldjäger über den Tanklaster-Angriff in Afghanistan oder Richtlinien des US-Militärs für das Gefangenenlager Guantanamo. Eingereichte Dokumente werden beim Hochladen verschlüsselt, dann über verschiedene Server auf der ganzen Welt geleitet, auf Echtheit geprüft und schließlich veröffentlicht.

WikiLeaks gilt als unzensierbar, technisch wie juristisch. Um die hundert Verfahren liefen nach Angaben der Betreiber schon gegen die Seite, kein einziges war bislang nachhaltig erfolgreich.

Das musste auch Bundesnachrichtendienst-Chef Ernst Uhrlau erfahren, als der BND die Verbreitung eines Dossiers juristisch unterbinden wollte. Auf welches Gesetz in welchem Land er sich berufe, fragten nebenher für WikiLeaks arbeitende Juristen. Der BND schwieg.

Kaum mehr erreichte die Schweizer Privatbank Julius Bär. 2008 stellte WikiLeaks Unterlagen ins Netz, die die Verwicklung der Bank in die Steuerflucht etlicher ihrer Kunden nahelegten. Zwar erzwang das Bankhaus die Sperrung der WikiLeaks-Domain mit der Endung ".org" - über andere Adressen aber waren die Dokumente nach wie vor abrufbar.

WikiLeaks begnügt sich jedoch nicht mit der reinen Veröffentlichung geheimer Unterlagen, sie will diese auch journalistisch einordnen. Dem Bagdad-Video stellte WikiLeaks ein George-Orwell-Zitat voran, angekündigt werden die Bilder mit den Worten, man bekomme ein "wahlloses Töten" zu sehen. Die im Qualitätsjournalismus angestrebte Objektivität gilt für WikiLeaks ebenso wenig wie der Schutz der Privatsphäre. Die Mitgliederlisten der britischen rechtsextremen Nationalpartei wurden mit vollen Namen und Adressen veröffentlicht.

"Behörden und Politik müssen damit umgehen lernen, dass sich heute Sachen nicht mehr so leicht unter der Decke halten lassen", sagt der Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar, zugleich auch Informationsfreiheitsbeauftragter. Problematisch sieht er die Abwägung zwischen Offenheit und Datenschutz: "WikiLeaks unterliegt keinem Pressekodex oder nationalem Gesetz. Da steckt auch ein großes Risiko drin, wenn man durch eine Veröffentlichung mehr Interessen verletzt, als jemand einen Nutzen davon haben könnte."

Neben dem Australier Assange tritt in der globalen Öffentlichkeit ein Deutscher auf, der sich Daniel Schmitt nennt und weder seinen richtigen Namen noch sein Alter verraten will. Er hat die Aufgabe, seinen skeptischen Landsleuten die Angst vor den anonymen Weltverbesserern zu nehmen. Deshalb trifft er sich mit Journalisten, geht ins Fernsehen, hält Vorträge und nimmt Preise entgegen.

WikiLeaks-Mann Schmitt ist "total egal", dass mancher Informant durch die Weitergabe von vertraulichen Daten sich selbst nur einen Vorteil verschaffen will. "Im Idealfall gibt es eine Schlammschlacht mit der Wahrheit, und jeder bekommt was ab", sagt Schmitt.

"FAZ"-Mitherausgeber Frank Schirrmacher sieht noch einen anderen Grund, warum ausgerechnet WikiLeaks Dokumente zugespielt bekommt: Während Staatsanwälte weltweit immer wieder versuchten, Journalisten zur Preisgabe ihrer Quellen zu drängen, oder das Redaktionsgeheimnis nicht achteten, in Deutschland etwa bei "Cicero", genieße WikiLeaks Vertrauen, weil es unangreifbar sei. "Hier wird es keine Hausdurchsuchung geben, weil keiner weiß, wo er genau suchen soll", so Schirrmacher. "Es ist ein perfekter Geheimagentenspielplatz."

Einmal aber gab es doch eine Hausdurchsuchung - beim Besitzer der Adresse wikileaks.de. Der sollte für Internetsperrlisten verantwortlich gemacht werden, die auf WikiLeaks standen. Zwar zogen die deutschen Ermittler ohne brisantes Material wieder ab. Doch kurz darauf funktionierte die deutsche WikiLeaks-Adresse für eine Weile nicht mehr. Der Vorwurf der Zensur kam auf, bis sich dann aufklärte, dass der Besitzer wohl schlicht die Verträge nicht verlängert hatte.



© DER SPIEGEL 15/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.