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Ausgabe 15/2010

Hochschulen: Reich wider Willen

Von Fabian Klask und

Das neue Stipendienprogramm der Regierung stößt ausgerechnet bei denen auf Kritik, die davon profitieren: Manche Studenten wollen gar nicht mehr Geld.

Stipendiaten: "Viele von uns sind schon privilegiert" Fotos
DPA

Wenn es schlecht läuft, dann bekommt Friederike Rass bald mehr Geld. Die Bundesregierung will ihr, Monat für Monat, 300 Euro schenken.

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Rass wüsste das Geld schon auszugeben, das ist nicht das Problem, die 25-jährige Theologiestudentin lebt nicht als weltabgewandte Asketin. Das Geschenk passt ihr trotzdem nicht. Die Hamburgerin erhält derzeit 80 Euro Büchergeld im Monat vom Evangelischen Studienwerk. Das neue Stipendienprogramm der Regierung aber, das einen deutlichen Zuschlag vorsieht, findet sie ungerecht. "Das Geld kann man besser nutzen, etwa für Studenten, denen die Unterstützung aus dem Elternhaus fehlt", sagt Rass, die wie die meisten Stipendiaten aus einem Akademikerhaushalt kommt. "Viele von uns sind schon privilegiert."

Die Studentin hat eine Online-Petition mitinitiiert und bereits 2700 Unterstützer gewonnen, darunter viele Stipendiaten. Es ist der ungewöhnlichste Protest gegen ein ohnehin umstrittenes Vorhaben der Bundesregierung. In der nächsten Woche will die schwarz-gelbe Koalition, neben einer Erhöhung des Bafög, ihr Stipendienprogramm beschließen - ein Renommierprojekt der Regierung auf dem Weg in die oft beschworene "Bildungsrepublik Deutschland", wie sie unter anderem im Koalitionsvertrag ausgerufen wird.

Bundesweit sollen zehn Prozent der Studenten ein Stipendium von 300 Euro im Monat bekommen. Das wären sehr viele neue Stipendiaten, denn bisher werden nur rund zwei Prozent der Studierenden unterstützt. Viele erhalten lediglich 80 Euro Büchergeld im Monat. Damit sie nicht schlechterstehen als die neuen Stipendiaten, sollen alle künftig 300 Euro erhalten - ob sie wollen oder nicht.

"Andere brauchen das Geld dringender"

Dass nun einige Stipendiaten den Plan kritisieren, ist selbst für gewiefte Politiker eine neue Erfahrung. Sie sind es gewohnt, dass Bürger zetern, weil sie etwas abgeben sollen, oder dass Oppositionspolitiker meckern, weil sie nun mal in der Opposition oder tatsächlich anderer Meinung sind. Aber dass einer protestiert, der profitiert?

Kritik an dem Geldgeschenk gibt es mittlerweile in mehreren der zwölf großen Begabtenförderungswerke. Stipendiatenvertreter der Friedrich-Ebert-, Heinrich-Böll- und Rosa-Luxemburg-Stiftung mahnten in einer gemeinsamen Stellungnahme, mit dem Geld besser "Kindern aus einkommensschwachen Familien den Weg zur Hochschule zu erleichtern". Die drei Stiftungen stehen den Oppositionsparteien SPD, Grüne und Linke nahe, der Protest ihrer Stipendiaten schmerzt die Regierung daher vielleicht nicht zu sehr.

Doch selbst in der elitärsten aller Stiftungen formiert sich Widerstand. Einige Stipendiaten der Studienstiftung des deutschen Volkes, die sich nur der Geisteskraft und keiner Partei verbunden fühlt, wehren sich gegen das höhere Büchergeld. "Andere brauchen das Geld dringender", sagt Isabella Weber. Die 22-jährige Berlinerin findet es unfair, dass die Stipendiaten 220 Euro im Monat mehr bekommen sollen, "während das Bafög gerade mal um zwei Prozent steigen soll".

Die Spitzenstudenten diskutieren bereits ultimative Formen des Verzichts, etwa das Büchergeld in einen Fonds für arme Studenten oder für Kinder aus Migrantenfamilien umzuleiten. Dem Generalsekretär der Studienstiftung Gerhard Teufel wurde bei so viel Protest wohl etwas mulmig, in einem Brief bittet er seine Stipendiaten darum, "bei öffentlichen Äußerungen nur im eigenen Namen zu sprechen".

Profitieren nur Söhne und Töchter aus besseren Häusern?

Die Kritik der Studenten trifft die Regierung an einer empfindlichen Stelle. Die Stipendienpläne, die auf einem Modell des FDP-Ministers Andreas Pinkwart in Nordrhein-Westfalen beruhen, sind ihr sehr wichtig. Sie versprechen, was in der Bildungspolitik nur schwer zu erreichen ist: schnelle und sichtbare Effekte.

Kritiker befürchten, dass bei den neuen Stipendien diejenigen profitieren, die schon bisher im Vorteil sind: die Söhne und Töchter aus besseren Häusern. Geplant ist, dass der Staat - Bund und Länder - die eine Hälfte der Kosten übernimmt. Für die andere Hälfte müssen die Hochschulen private Förderer gewinnen.

Bei der Stipendienvergabe "sollen auch besondere soziale, familiäre oder persönliche Umstände berücksichtigt werden", heißt es aus dem Bundesbildungsministerium. Doch jede Hochschule kann frei entscheiden. Dabei mehr als nur die Note zu berücksichtigen könnte sie überfordern - zumal noch ungeklärt ist, wie die Verwaltungen die aufwendige Akquise der Sponsoren und die Auswahl der Stipendiaten stemmen sollen.

Zumindest einige Studenten werden wohl versuchen, die Entscheidung der Politiker zu korrigieren: indem sie das Geld bedürftigen Kommilitonen zur Verfügung stellen. Wie verbreitet Altruismus unter angehenden Akademikern ist, weiß niemand. Als Anhaltspunkt können Erfahrungswerte der Universität Mannheim dienen. Die Uni erlässt den Jahrgangsbesten die Studiengebühr und appelliert gleich im Glückwunschschreiben an die Spitzenstudenten, das Stipendium armen Kommilitonen zu überlassen, wenn sie es selbst nicht benötigen. Im letzten Jahr verzichteten 9 von 154 Studenten.

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insgesamt 69 Beiträge
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1. Nehmt doch das Geld und spendet es selber!
chocochip, 15.04.2010
Zitat von sysopDas neue Stipendienprogramm der Regierung stößt ausgerechnet bei denen auf Kritik, die davon profitieren: Manche Studenten wollen gar nicht mehr Geld. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,688665,00.html
Nehmt doch das Geld und spendet es selber! Dann könnt Ihr gleich noch zeigen, dass Ihr sozialverantwortlich handelt und Euch sozial Engagiert, anstatt das soziale Miteinander an den Staat zu delegieren. Mein Gott, die Studenten von heute scheinen nichts mehr selber machen zu wollen. Das war zu meiner Studienzeit noch anders, da war Sozialstaat (c) aber auch noch nicht vom Staat "geschützt".
2. Warum bewirbt man sich für ein Stipendiat?
chocochip, 15.04.2010
Zitat von sysopDas neue Stipendienprogramm der Regierung stößt ausgerechnet bei denen auf Kritik, die davon profitieren: Manche Studenten wollen gar nicht mehr Geld. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,688665,00.html
Warum hat sie sich dann überhaupt für das Stipendiat beworben und nicht einfach ihre armen Kommmilitonen sich bewerben lassen? Anscheinend will man später dann mit dem Status - Stipendiat - doch Kasse machen. Warum sonst bewirbt man sich?
3. re
marks & spencer 15.04.2010
Gute Aktion der Studenten. In der Tat sollte man das Geld denen geben, die es benötigen, und nicht denen, die es nicht brauchen. Auf so eine Schnapsidee kann nur die FDP kommen.
4. Unsinn
Odde23 15.04.2010
Das ist mal wieder typisch Deutscher bildungspolitischer Irrsinn. Ich stehe dem Kommunismus mit Sicherheit nicht nahe, aber Gelder, die zur Förderung einer besseren Hochschulausbildung bestimmt sind, sollten zum einen an die Fähigkeiten des Studenten (Noten) und dessen Bedürftigkeit (Vermögen) gekoppelt sein. Wer schon viel hat, dem braucht man nicht noch Geld hinterher schmeißen, das im Umkehrschluss an anderer Stelle einem wirklich bedürftigen fehlt. Das sind Perlen, die man vor die Säue wirft. Klüger wäre es, das Geld den Stipendiaten zu überlassen, die auch bedürftig sind, weil das Familieneinkommen der Eltern gering ist und die selbst über kein nennenswertes Vermögen verfügen. Ähnlich wie dies bei der Möglichkeit des Bafögs gehandhabt wird. Ich habe zu meiner Studienzeit auch kein Bafög erhalten, weil das Einkommen meiner Eltern so hoch war, dass ich mir den Weg zum Bafög-Amt gleich gespart habe. Ich konnte dennoch studieren ohne für das Studium arbeiten zu müssen und nebenbei habe ich nicht mal schlecht gelebt. Der Abschluss erfolgte mit magna cum laude. Andere, die weniger gut situierte Eltern haben, kommen oft gar nicht so weit. Aber nicht weil es an den Fähigkeiten oder am Fleiß fehlt, sondern weil ihnen unterwegs schlicht das Geld ausgeht. Daher halte ich eine solche Extraförderung für Stipendiaten nur dort für angebracht, wo auch tatsächlich Bedarf besteht, das Gieskannenprinzip ist wenig hilfreich und leistet einer Umverteilung von unten nach oben weiteren Vorschub.
5. Effektive Förderung
Steffi0304 15.04.2010
Zitat von chocochipWarum hat sie sich dann überhaupt für das Stipendiat beworben und nicht einfach ihre armen Kommmilitonen sich bewerben lassen? Anscheinend will man später dann mit dem Status - Stipendiat - doch Kasse machen. Warum sonst bewirbt man sich?
Es geht nicht darum, dass das Geld schlichtweg abgelehnt wird. In der Petition heißt es eindeutig: "Wir begrüßen ausdrücklich den erklärten Willen der Bundesregierung, die Begabten- und Bildungsförderung in Deutschland zu stärken. Gleichzeitig halten wir die bisher bekannt gewordenen Pläne vor dem Hintergrund der bestehenden Bildungsungerechtigkeit in Deutschland für unverhältnismäßig und den Umständen unangemessen, da sie nicht zu einem Abbau der vorhandenen Schieflage führen. " Gerade in Zusammenhang mit der aktuellen Diskussion um die sozialen Herkunft der Stipendiaten der Studienförderwerke scheint es also wichtig, auch andere - möglicherweise effektivere - Möglichkeiten der Förderung zu bedenken. Zudem geht es mit der Aktion insbesondere darum, eine breite Diskussion anzuregen. Und das scheint ja zu funktionieren.
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