AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 15/2010

Fußball Das Familienduell

DPA

Von Maik Grossekathöfer

2. Teil: Man kann die unterschiedlichen Persönlichkeiten der Halbbrüder schon an ihrer Spielweise erkennen.


Martina Boateng kommt vom Zahnarzt ins Bistro, ein Backenzahn musste raus, ihr Oberkiefer ist betäubt. Sie bestellt einen Kaffee, obwohl sie noch nichts trinken soll. Jérômes Mutter sagt, sie wollte nie, dass ihr Sohn Fußballer wird. Er sollte etwas Vernünftiges lernen, etwas mit Zukunft. "Ich habe ihn mit der Frage genervt: Warum sollst ausgerechnet du es schaffen, Profi zu werden?"

Sie war auch dagegen, dass er die Jugendakademie von Hertha BSC besuchte, weil sie nichts von Gesamtschulen hält. Trotzdem ging Jérôme bis zur zehnten Klasse auf die Poelchau-Oberschule, eine "Eliteschule des Sports". Er war schlecht in Biologie, Physik und Mathematik, aber seine Mutter hat Wert gelegt auf gute Noten.

Martina Boateng trinkt vorsichtig einen Schluck Kaffee, die Spritze wirkt noch. "Damals habe ich nicht erkannt, wie geradeaus Jérôme seinen Weg gegangen ist. Heute muss ich sagen: Hut ab."

Kevin-Prince, sein Halbbruder, kam oft zu Besuch. Jérôme ging mit ihm ins Kino, sie spielten Tischtennis oder Basket-ball. Meistens Fußball. "Kevin war Jérômes Idol", sagt Martina Boateng. Sie verdreht die Augen, als würde sie nicht gern daran denken. "Ich mag Kevin wirklich. Er ist lustig, ein Clown. Er liebt es, Leute zum Lachen zu bringen. Aber er kann sich nicht unterordnen, hat eine große Klappe und hält sich nicht an Regeln. Das schlägt immer wieder durch." Sie befürchtete damals, er würde schlechten Einfluss auf ihren Sohn ausüben.

Jérôme ist heute der Phänotyp des modernen Profis

Eine Weile redete Jérôme eine Art Türksprech, er sprach in rudimentären Sätzen ohne Artikel. Mehr war da nicht. Heute ist Jérôme der Phänotyp des modernen Profis. Er trinkt keinen Alkohol und raucht nicht. Er spielt mit der Playstation. Seine Mutter sagt: "Jérôme hat von allein erkannt, dass es nicht so klasse ist, was Kevin alles abzieht."

Man kann die unterschiedlichen Persönlichkeiten der Halbbrüder schon an ihrer Spielweise erkennen. Jérôme verteidigt diszipliniert, mit Übersicht, er ist ruhig am Ball. Kevin-Prince kann dirigieren und abschließen, aber er agiert körperbetont, fast zornig. Vergangenes Jahr traf er einen Gegenspieler mit gestrecktem Bein an der Schläfe. Die Wunde musste mit sieben Stichen genäht werden.

Martina Boateng zieht ihren Mantel an. Auf dem Weg nach draußen sagt sie, sie habe erwartet, dass Jérôme für Deutschland spielt. Wie sie es findet, dass Kevin-Prince sich für Ghana entschieden hat, möchte sie nicht verraten. Nur so viel sagt sie: "Kevin kommt aus dem Wedding. Ich bewundere ihn dafür, dass er sich da rausgekämpft hat."

Der Wedding. Das Viertel wird in Berlin auch "dritter Hinterhof" genannt. Jeder Dritte, der in diesem Stadtteil lebt, ist Ausländer, die Arbeitslosenquote liegt bei mehr als 15 Prozent, 15.000 Straftaten werden im Jahr verübt, die Zahl der Hartz-IV-Empfänger ist hoch.

"Ich war ein schlechtes Vorbild für Kevin"

Kevin-Prince war anderthalb Jahre alt, als sein Vater die Familie verließ. Seine Mutter kickte bei Meteor 06, sie malochte in einer Keksfabrik, hörte auf damit, weil sie sich um die Kinder kümmern musste, sie hat zwei Jungs und drei Mädchen. Sie bekam Sozialhilfe, heute arbeitet sie als Altenpflegerin.

Ein Mann in Parka läuft durch den Nieselregen, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. "Gehen wir ein Stück", sagt er. Es ist George Boateng, der ältere Bruder von Kevin-Prince, Jérômes anderer Halbbruder. Er führt ins Hinterzimmer eines Cafés. George Boateng ist 27 und mit einer türkischen Kurdin verheiratet, sie haben zwei Kinder. Er war in der Jugend ein begabter Fußballer, zerstörte seine Karriere aber auf eigene Rechnung.

Als Teenager war er der Schrecken der Straße: "Ich habe viel Mist gebaut. Schlägereien, Bewährungsauflagen. Ich raste schnell aus, ich war ein schlechtes Vorbild für Kevin. Seinen Ruf hat er mir zu verdanken." Nachdem er seine Frau kennengelernt habe, sei er ruhiger geworden. "Seit zehn Jahren habe ich nicht mehr falsch geparkt."

Dafür wollte er vor drei Jahren mit seinem Bruder auf den damaligen Hertha-Trainer Falko Götz losgehen. Der hatte einem Journalisten gesagt, er sei mal bei Kevin-Prince zu Hause gewesen: "Er hat viele Geschwister, alle von anderen Vätern." George Boateng lehnt sich vor. Der Götz sei nicht gerade ein Held, sagt er. Hinter ihm blinken Daddelautomaten, kalter Zigarettenrauch liegt in der Luft.

"Kevin ist kein Engel. Aber er ist ein guter Mensch"

Wenn man ihn auf die Affären seines Bruders anspricht, richtet er sich im Stuhl auf. "Ich bin der Letzte, der behauptet, Kevin ist ein Engel. Aber er ist ein guter Mensch. Ich bin das nicht. Ich bin aggressiv. Ich habe ihm gesagt, er soll nicht so werden wie ich." Mehr möchte er dazu nicht sagen.

Er will lieber über Jérôme sprechen, seinen Halbbruder. "Jérôme ist mein Ruhepol, wenn er den Raum betritt, pegeln alle runter. Kevin ist ehrgeizig, Jérôme ein Perfektionist. Er lebt für den Erfolg."

George ist Jérômes schärfster Kritiker und größter Fan. Sie telefonieren täglich, diskutieren über das letzte Training, analysieren Spielzüge. "Jérôme ist wie ein Schwamm, er saugt alles auf." In ihrem Leben zählen Fußball und Familie. In dieser Reihenfolge. Hin und wieder unterhalten sie sich auch über ihren Vater.

Prince Boateng wartet in einer Kneipe am Adenauerplatz, er hockt am Tresen, trägt eine elegante Weste, zwei Armreife und drei Ringe. Eine Narbe auf der Wange kennzeichnet ihn als Kind vom Stamm der Aduana.



insgesamt 6 Beiträge
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hausmeister hempel 13.04.2010
1. Wie, ohne ausgegrenzt zu werden?
Zitat von sysopDie Halbbrüder Jérôme und Kevin-Prince Boateng sind als Söhne eines afrikanischen Einwanderers in Berlin aufgewachsen. Bei der Weltmeisterschaft in wenigen Wochen könnten sie Gegner sein: Der eine spielt für Deutschland, der andere hat sich für Ghana entschieden. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,688708,00.html
Wie soll man diskutieren? Das wird doch sofort "rassistisch" ausgelegt. Obwohl es ja lt. politisch-Korrekten gar keine Rassen gibt.. .alles nur Erziehung. Der Eine wurde korrekt und der andere nicht-korrekt deutsch erzogen ,so einfach ist das *zynismus aus* "Blut ist dicker, als Wasser" sagte meine Oma immer... und recht hatte sie....
siawo 13.04.2010
2. Intention des Artikels?
Ich will dem Autor nix unterstellen, aber vereinfacht gesagt hoert sich der Artikel so an, als waere der eine Bruder (Jérôme) ein Deutscher und der ander (Kevin) nicht. Sorry, aber das ist nicht richtig! Beide sind "Made In Germany". Dass Kevin sich in Deutschland nicht zuhause fuehlt aber Jérôme schon, das hat was mit der Erziehung zu tun, wie hier richtig hervorgehoben wurde. Auch, wenn in diesem Artikel der Eindruck entsteht, dass "der Besser" der beiden Halbbrueder sich als Deutscher fuehlt und wir daher nix verloren haben, ist dies nicht die Regel. Daher sollten wir uns bewusst darueber sein, dass wir hier viele Deutsche mit Migrationshintergund haben, die sich nicht Deutsch fuehlen und dass das nicht gut fuer Deutschland ist...
Franky W. 13.04.2010
3. Ganz klare Sache
Also wenn ich die Wahl hätte für Deutschland zu spielen, wo ich nur einer von vielen bin und eventuell auf der Bank sitze, oder für Burkina-Faso, wo ich der Top-Star wäre, dann wäre die Wahl doch ganz einfach. Genau das sagt auch Kevins Manager. Außerdem hätte ich eh keine Lust in einer Mannschaft zu spielen in der Klose und Podolski den Sturm bilden.
shokaku 13.04.2010
4. .
Zitat von Franky W.Also wenn ich die Wahl hätte für Deutschland zu spielen, wo ich nur einer von vielen bin und eventuell auf der Bank sitze, oder für Burkina-Faso, wo ich der Top-Star wäre, dann wäre die Wahl doch ganz einfach. Genau das sagt auch Kevins Manager. Außerdem hätte ich eh keine Lust in einer Mannschaft zu spielen in der Klose und Podolski den Sturm bilden.
Au weia. Wirkliche Topstars wie Best oder Weah haben sich gerne bei den WMs immer nur zugeschaut statt mitzuwirken. Und Ghana hat ja dann doch noch den ein oder anderen Kicker im Team, der noch "topstariger" als der Käwin-Prinz ist. Das ist kein Problem, welches ein paar Blutgrätschen im Training nicht lösen könnten.
unkaputtbar 13.04.2010
5. Kevin eigtl gar nicht so böse...
.. Als treuer Fan des BVB habe ich eigentlich nur positives zu vermelden. Kevin wurde in der letzten Saison mit einer klaren Aufgabe zu uns geholt, um den Kehler zu ersetzen. Durch seinen Siegeswillen, seinen Ehrgeiz und auch durch die Disziplin, die er im Training an den Tag legte, fand er schnell in Jürgen Klopp einen Förderer. Mit ein bisschen mehr Fingerspitzengefühl seitens des DfB wäre Kevin Prince heute auch eine wertvolle alternative auf der "sechs" für die deutsche Nationalmannschaft. Denn wenn man ihm die Richtlinien aufzeigt, vermag man einen wirklich guten Kämpfer mit Torgefahr in seinem Team zu halten. Aber über die Menschenkenntnis mancher Funktionäre im DfB muss wohl nicht geredet werden.
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