AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 15/2010

Fußball Das Familienduell

Die Halbbrüder Jérôme und Kevin-Prince Boateng sind als Söhne eines afrikanischen Einwanderers in Berlin aufgewachsen. Bei der Weltmeisterschaft in wenigen Wochen könnten sie Gegner sein: Der eine spielt für Deutschland, der andere hat sich für Ghana entschieden.

DPA

Von Maik Grossekathöfer


Jérôme Boateng hat sich vier Tätowierungen stechen lassen, eine davon in den rechten Unterarm. In Frakturschrift zieht sich das Wort "Agyenim" fast vom Handgelenk bis zum Ellenbogen. Das ist Ashanti-Twi, die Sprache seines Vaters. Es bedeutet "der Große", und so lautet sein zweiter Vorname: Jérôme Agyenim Boateng. Die Mutter aus Berlin, der Vater aus Ghana, 21 Jahre alt, Verteidiger in der deutschen Nationalelf.

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Heft 15/2010
Ein kleiner Ratgeber zum Großwerden

Ghana ist ein Land, in dem er noch nie gewesen ist, dem er sich aber verbunden fühlt, irgendwie. Genau erklären kann Jérôme sich das selbst nicht. Er hört gern Musik aus Ghana, weil sie fröhlich klingt, und er hat ein paar ghanaische Freunde. "Aber mir war früh klar, dass ich nur für Deutschland spielen will."

Kevin-Prince Boateng hat sich 13 Tätowierungen stechen lassen, eine davon in den rechten Oberarm. Sie zeigt einen Totenkopf mit vier Assen, dazu den Spruch "The world is yours", die Welt gehört dir.

Kevin-Prince ist ein Halbbruder von Jérôme, sie haben denselben Vater. Auch er ist ein guter Fußballer, er bevorzugt Lieder von Bushido, einem Rapper, der von Nutten und Analsex singt. Seine Mutter heißt Christine, über sie ist er mit Helmut Rahn verwandt. Der "Boss", der Deutschland im Finale der WM 1954 zum Titel schoss, ist sein Großonkel.

"Ich bin stolz, Afrikaner zu sein"

Kevin-Prince wurde in Berlin geboren, genau wie Jérôme. Ghana, die Heimat seines Vaters, kennt auch er vor allem aus Erzählungen. Aber er sagt: "Ich bin stolz, Afrikaner zu sein."

Kevin-Prince Boateng, 23 Jahre alt, will für die Black Stars spielen, so wird Ghanas Nationalmannschaft genannt. Er hat einen ghanaischen Pass beantragt, es ist nur noch eine Formsache, der Fußballverband Ghanas setzt alles daran, dass der Profi bei der WM in Südafrika dabei ist.

Die Halbbrüder standen zusammen für Hertha BSC auf dem Platz, in der Jugend, bei den Amateuren, den Profis. Vor drei Jahren verließen sie den Verein. Jérôme spielt jetzt beim Hamburger SV, Kevin-Prince in der englischen Premier League für Portsmouth.

Ihre Wege könnten sich am Abend des 23. Juni wieder kreuzen. Dann trifft Deutschland bei der WM im Soccer-City-Stadion von Johannesburg auf Ghana. Es ist das letzte Spiel der Gruppe D, und die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch, dass es zum Familienduell kommt: Der eine, Kevin-Prince Boateng, greift an, der andere, Jérôme, versucht, ihn daran zu hindern.

Diffuses Verhältnis zu Nationalität und Herkunft

Wie viele Einwandererkinder haben Jérôme und Kevin-Prince Boateng ein diffuses Verhältnis zu Nationalität und Herkunft, zwei Herzen schlagen in ihrer Brust. Doch welchem sollen sie folgen?

Kevin-Prince Boateng läuft durch die Lobby des Hilton-Hotels in Southampton, seine Augen sind zwei dünne Striche, die Jeans schlabbert, und die Füße stecken in klobigen Turnschuhen. Seine Schultern sind so breit, wie man es sich von einem Nationalspieler wünscht.

Für viele Beobachter stand fest, dass er früher oder später in der deutschen Auswahl landen würde. Kevin-Prince Boateng spielte 41-mal für Junioren-teams des DFB. Im Juli 2005 erzielte er das "Tor des Monats", als er in einer Partie der U19-Nationalmannschaft den Ball von der Mittellinie in die Maschen hämmerte. 2006 wählte eine Jury ihn zum besten Nachwuchsspieler seines Jahrgangs. Doch vorigen Sommer gab er bekannt, nur noch für Ghana stürmen zu wollen. Es war ein überraschender Entschluss, aber Kevin-Prince ließ sich nicht davon abbringen.

Kevin-Prince blickt sich in der Lobby um, er sucht seinen Manager. Der steht in der Ecke beim Fernseher, ein kleinerer Herr aus Köln, mit Aktentasche und schulterlangen Haaren. Er ist früher mal mit dem Rucksack durch Indien gereist, "ein Jahr lang habe ich auf der Straße gelebt, da lernste Demut", sagt er.

"Ich bin in Deutschland zu Hause"

Die beiden lassen sich in die Sessel fallen. Kevin-Prince kramt sein Handy aus der Jackentasche und guckt gedankenverloren auf das Display. Sein Manager sagt: "Wenn Ghana Weltmeister wird, brennt der ganze Kontinent. Und der Kevin wird ein Star." Das ist der Plan.

Jérôme Boateng sitzt bei Salentino, einem Italiener in Hamburg-Winterhude, ein Platz am Fenster, draußen wird es gerade dunkel, Regen prasselt gegen die Scheibe. Er duftet dezent nach Parfum, in beiden Ohren trägt er einen Brillanten. Er bestellt Rucolasalat und eine Flasche stilles Wasser. Jérôme Boateng ist für einen Nationalspieler schmaler, als man denkt. Er redet leise, wirkt fast schon schüchtern. "Ich habe nie daran gedacht, für Ghana zu spielen", sagt er.

Warum nicht?

"Weil es keinen Sinn macht. Ich bin in Deutschland zu Hause. Ich mag die Menschen hier, die Mentalität", sagt er. "Dass Kevin eine andere Wahl getroffen hat, ist seine Sache. Aber er ist mein Halbbruder, ich freue mich für ihn."

Jérôme Boateng ist in Berlin-Wilmersdorf aufgewachsen, in einer Wohnung mit drei Zimmern, nicht weit entfernt vom Kurfürstendamm. Sein Vater zog aus, als Jérôme fünf war. Seine Mutter war Stewardess bei British Airways, inzwischen fertigt sie im Schichtdienst Passagiere für die Lufthansa ab.



insgesamt 6 Beiträge
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hausmeister hempel 13.04.2010
1. Wie, ohne ausgegrenzt zu werden?
Zitat von sysopDie Halbbrüder Jérôme und Kevin-Prince Boateng sind als Söhne eines afrikanischen Einwanderers in Berlin aufgewachsen. Bei der Weltmeisterschaft in wenigen Wochen könnten sie Gegner sein: Der eine spielt für Deutschland, der andere hat sich für Ghana entschieden. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,688708,00.html
Wie soll man diskutieren? Das wird doch sofort "rassistisch" ausgelegt. Obwohl es ja lt. politisch-Korrekten gar keine Rassen gibt.. .alles nur Erziehung. Der Eine wurde korrekt und der andere nicht-korrekt deutsch erzogen ,so einfach ist das *zynismus aus* "Blut ist dicker, als Wasser" sagte meine Oma immer... und recht hatte sie....
siawo 13.04.2010
2. Intention des Artikels?
Ich will dem Autor nix unterstellen, aber vereinfacht gesagt hoert sich der Artikel so an, als waere der eine Bruder (Jérôme) ein Deutscher und der ander (Kevin) nicht. Sorry, aber das ist nicht richtig! Beide sind "Made In Germany". Dass Kevin sich in Deutschland nicht zuhause fuehlt aber Jérôme schon, das hat was mit der Erziehung zu tun, wie hier richtig hervorgehoben wurde. Auch, wenn in diesem Artikel der Eindruck entsteht, dass "der Besser" der beiden Halbbrueder sich als Deutscher fuehlt und wir daher nix verloren haben, ist dies nicht die Regel. Daher sollten wir uns bewusst darueber sein, dass wir hier viele Deutsche mit Migrationshintergund haben, die sich nicht Deutsch fuehlen und dass das nicht gut fuer Deutschland ist...
Franky W. 13.04.2010
3. Ganz klare Sache
Also wenn ich die Wahl hätte für Deutschland zu spielen, wo ich nur einer von vielen bin und eventuell auf der Bank sitze, oder für Burkina-Faso, wo ich der Top-Star wäre, dann wäre die Wahl doch ganz einfach. Genau das sagt auch Kevins Manager. Außerdem hätte ich eh keine Lust in einer Mannschaft zu spielen in der Klose und Podolski den Sturm bilden.
shokaku 13.04.2010
4. .
Zitat von Franky W.Also wenn ich die Wahl hätte für Deutschland zu spielen, wo ich nur einer von vielen bin und eventuell auf der Bank sitze, oder für Burkina-Faso, wo ich der Top-Star wäre, dann wäre die Wahl doch ganz einfach. Genau das sagt auch Kevins Manager. Außerdem hätte ich eh keine Lust in einer Mannschaft zu spielen in der Klose und Podolski den Sturm bilden.
Au weia. Wirkliche Topstars wie Best oder Weah haben sich gerne bei den WMs immer nur zugeschaut statt mitzuwirken. Und Ghana hat ja dann doch noch den ein oder anderen Kicker im Team, der noch "topstariger" als der Käwin-Prinz ist. Das ist kein Problem, welches ein paar Blutgrätschen im Training nicht lösen könnten.
unkaputtbar 13.04.2010
5. Kevin eigtl gar nicht so böse...
.. Als treuer Fan des BVB habe ich eigentlich nur positives zu vermelden. Kevin wurde in der letzten Saison mit einer klaren Aufgabe zu uns geholt, um den Kehler zu ersetzen. Durch seinen Siegeswillen, seinen Ehrgeiz und auch durch die Disziplin, die er im Training an den Tag legte, fand er schnell in Jürgen Klopp einen Förderer. Mit ein bisschen mehr Fingerspitzengefühl seitens des DfB wäre Kevin Prince heute auch eine wertvolle alternative auf der "sechs" für die deutsche Nationalmannschaft. Denn wenn man ihm die Richtlinien aufzeigt, vermag man einen wirklich guten Kämpfer mit Torgefahr in seinem Team zu halten. Aber über die Menschenkenntnis mancher Funktionäre im DfB muss wohl nicht geredet werden.
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