AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 16/2010

Internet Im Innern des Weltwissens

Von

5. Teil: So endete die Autorenkarriere von Wladyslaw Sojka


Sie redet von der "Frühzeit", wenn sie von den Anfängen spricht, es klingt nach besseren Tagen. Die Frühzeit, das war, als die deutsche Wikipedia noch praktisch leer war. Als der Artikel zur Nordsee aus einem Satz bestand, der lautete: "Die Nordsee ist ein Mehr." Es war eine Zeit, in der die Diskussionen nicht lange dauerten, weil kaum jemand da war, der hätte diskutieren können. Sie sagt: "Wir haben oft kurzerhand Regeln festgelegt. Es mutet seltsam an zu sehen, wie sich manche Leute heute die Köpfe einschlagen wegen Dingen, die man selber einmal einfach so hingeschrieben hat."

Es gibt viele Grundsatzdebatten heute, zum Beispiel über die Frage nach der Relevanz. Ende vergangenen Jahres stritten sich Inklusionisten, die möglichst jedes Thema für Wikipedia-würdig halten, mit Exklusionisten, die stark einschränken möchten, worüber geschrieben werden soll. Der Streit entzündete sich an einem Verein "Missbrauchsopfer gegen Internet-Sperren" (Mogis), dem ein eigener Eintrag verwehrt wurde, die Debatte schaffte es bis in die Medien.

Elisabeth Bauer hält diese Debatte für künstlich. Sie sagt, es müsse eher darum gehen: Wie viele Artikel können wir auf einem vernünftigen Niveau halten? Wie können wir sie gegen Vandalen und Pressestellen verteidigen? Für sie geht es nicht um Relevanz. Es geht darum, dass man einen unvollkommenen, zu kurzen Artikel eines Neulings nicht einfach weglöscht und ihn auch noch anschnauzt. Auch das sei eine Art Vandalismus, sagt sie. Ein Neuling, der so aggressiv begrüßt werde, schreibe nie mehr. Das Projekt sei aber auf neue freiwillige Mitarbeiter angewiesen.

Das ist es, was sie meint, wenn sie sagt, für die Leser, die Informationen suchten, funktioniere Wikipedia noch sehr gut, menschlich aber nicht mehr so. Die allermeisten Wikipedianer sind junge Männer, "man ist manchmal erstaunt, wie jung die sind", sagt sie. Und vielleicht liegt da auch eine Erklärung für manches. "Viele der Leute, die sich in Diskussionen wie die größten Ekel verhalten, sind privat erschreckend nett." Für einige ist Wikipedia mehr als ein Lexikon, mehr als ein Zeitvertreib, es wird zu einem zentralen Teil ihres Lebens, zu einer Sucht.

Eine politische und architektonische Grenzüberschreitung

Sie sagt, man solle sich mal die Debatte zum Donauturm anschauen, wie da wegen eines einzelnen Satzes monatelang diskutiert worden sei. "Oder vielleicht besser doch nicht. Sonst denken die Leute, das sind alles Irre."

Man kann den weiteren Fortgang der Diskussion um den Donauturm, die hier in ihrer Aggressivität und Endlosigkeit nur unzureichend wiedergegeben werden kann, damit zusammenfassen, dass Wladyslaw Sojka sich weigerte, weitere Argumente seiner Gegner zu würdigen, die eigenen in unzähligen Varianten wiederholte, und zum Beweis Buchtitel nannte, etwa: "Der deutsche Fernsehturm: Eine politische und architektonische Grenzüberschreitung". Seine Gegner taten es ihm gleich.

In der Zwischenzeit hatte sich die Schlacht auf andere Bereiche der Wikipedia ausgeweitet, auf die einst von Sojka erstellte "Liste der höchsten Fernsehtürme", wo der Donauturm bisher auf Platz 50 gestanden hatte und nun gegen eine Löschung verteidigt werden musste.

Es war Henriette Fiebig, die den großen Schlusspunkt in diesem Streit setzte, einen sieben Megabyte großen Reader mit Fachartikeln, den sie allen Streithähnen zur Verfügung stellte und der die Aussichtsturmhaftigkeit des Donauturms in ungekannter Klarheit zu belegen schien. Sie hatte dafür zwei Wochen lang täglich in der Berliner Staatsbibliothek recherchiert. Nur Wladyslaw Sojka forderte immer noch Beweise dafür, dass es sich beim Donauturm um keinen Fernsehturm handle. Aber er hatte längst verloren.

An guten Tagen sei Wikipedia besser als jede Soap

Es zeige sich, schrieb Sojka in seiner bitteren Schlussrede, dass "nicht die Argumente und die Fachliteratur die Inhalte eines Artikels bestimmen, sondern die Gruppenbildung und persönliche Animositäten". Er schrieb: "Ich bin hier raus."

Wladyslaw Sojka sagt heute, es wäre wohl strategisch klüger gewesen, deutlich weniger zu schreiben. Er sagt das in Lörrach, in seinem Arbeitszimmer, vor seinem Computer, an dem er so viele Stunden in der Wikipedia verbracht hat.

Wikipedia gefällt ihm nicht mehr, er fühlt sich schlecht behandelt. Er sagt, es sei ein Unding, dass Leute bei allem mitreden könnten, auch bei Themen, von denen sie keine Ahnung hätten, also auch bei Fernsehtürmen.

Er hat die Wikipedia nach dem Streit verlassen, inzwischen hat die Wikipedia-Community ihn ausgeschlossen. Sie wies ihm nach, dass er sogenannte Sockenpuppen benutzt hatte, verschiedene Benutzeridentitäten, um seine Position in Diskussionen zu stärken. Es ist ein Vergehen, das schon prominente Opfer forderte in Wikipedia.

So endete die Autorenkarriere von Wladyslaw Sojka. Aber nur vorläufig. Er ist weiterhin dabei, unter einem neuen Benutzernamen.

Henriette Fiebig sagt, dieser Editierkrieg um den Donauturm zeige, wie ernst die Wikipedianer es nähmen mit dem belegten Wissen. Zwar wolle sie manchmal nichts mehr wissen von dem ganzen Zeug, von den Rechthabereien. "Und dann will ich trotzdem erfahren, wie es weitergeht."

An guten Tagen sei Wikipedia besser als jede Soap.



insgesamt 167 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
DJ Doena 23.04.2010
1. Irrelevant.
Zitat von sysopWikipedia ist die größte Enzyklopädie der Welt und ein gigantisches Projekt: Das Menschheitswissen zusammengetragen und korrigiert von allen, die es nutzen. Doch hinter den Kulissen dieser Utopie arbeitet eine kleine, eingeweihte Schar, und sie führt erbitterte Kämpfe um die Wahrheit. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,689588,00.html
Nicht nur um die Wahrheit™, sondern viel wichtiger: um die Relevanz!
Peter Kunze 23.04.2010
2. Am deutschen Wesen...
Zitat von sysopWikipedia ist die größte Enzyklopädie der Welt und ein gigantisches Projekt: Das Menschheitswissen zusammengetragen und korrigiert von allen, die es nutzen. Doch hinter den Kulissen dieser Utopie arbeitet eine kleine, eingeweihte Schar, und sie führt erbitterte Kämpfe um die Wahrheit. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,689588,00.html
Tach, ...wird die deutsche Wikipedia wohl verkümmern. Wahrheit ist nicht relevant, und die Doppeldeutigkeit dieses simplen Satzes kommt in der deutsche Wikipedia voll zur Geltung. Relevanz nämlich ist es, welches über das Schicksal eines Wikipedia-Artikels im Jahre 2010 entscheidet. Was dabei Relevanz ist liegt in den Grauzonen von WP:-Texten, Administratorengutdünken und Schnellöschfreaks. Persönlich habe ich mich schon lange von de.wikipedia zugunsten seines englischen und besonders auch lateinischen (dort wird jeder gut in Latein geschrieben Artikel mit handkuss genommen...)Pendants verabschiedet. Bye Peter
katzenjäger 23.04.2010
3. Kleiner Tip!
Stellen Sie mal ein Bild in die wiki ein, was Sie selber fotografiert haben, verehrte Nutzer und Leser - z.B von einem Kraftfahrzeug, das aufgrund kurzer Produktionsdauer und Verwechselbarkeit mit anderen, wesentlich häufiger produzierten Produkteinheiten identischen Aussehens vom gleichen Unternehmen in den Verkehr gebracht wurde. Die Debatte um sogenannte Lizenzen kann absurd werden. Am Ende können empfindsame Gemüter sich fragen, ob sie a) das Bild wirklich selber gemacht haben und b) das Fahrzeug wirklich in aller schonungsloser Realität in ihrer eigenen Garage steht... . Die Wiki ist ein Buerokratenhaufen geworden.... .
cyberdrop 23.04.2010
4. ...
Wenn man genau hin schaut kann man in vielen Artikeln erkennen wie die Wahrheit verdreht wird. Man kann sogar manchmal erkennen das gezielt Falschinformationen verbreitet werden. Bei manchen Artikeln fällt sowas auf bei vielen, besonders bei unscheinbaren Artikeln, fällt es oft nicht auf. Ich gehe davon aus das dieses Problem mit der Zeit eher schlimmer wird. Man sollte, leider, langsam mal überlegen ob Wikipedia nicht verboten werden sollte.
nurEinGast 23.04.2010
5.
Zitat von sysopWikipedia ist die größte Enzyklopädie der Welt und ein gigantisches Projekt: Das Menschheitswissen zusammengetragen und korrigiert von allen, die es nutzen. Doch hinter den Kulissen dieser Utopie arbeitet eine kleine, eingeweihte Schar, und sie führt erbitterte Kämpfe um die Wahrheit. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,689588,00.html
Wikipedia ist für mich das am meisten überschätzte Projekt im I-net. Wikipedia hat zwar viele Informationen, ist aber bei sehr vielen Themen höher als Schulniveau bestenfalls oberflächlich, der Informationsgehalt eher rudimentär und als Informationsquelle deswegen zumeist völlig unbrauchbar (es gibt zwar durchaus Ausnahmen- aber sie sind halt auch nur Ausnahmen). Und deswegen ist es mir, ehrlich gesagt, auch völlig egal wer dort gerade seine Profilneurosen auslebt oder auch nicht.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© DER SPIEGEL 16/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.