Internet: Im Innern des Weltwissens
Wikipedia ist die größte Enzyklopädie der Welt und ein gigantisches Projekt: Das Menschheitswissen zusammengetragen und korrigiert von allen, die es nutzen. Doch hinter den Kulissen dieser Utopie arbeitet eine kleine, eingeweihte Schar, und sie führt erbitterte Kämpfe um die Wahrheit.
Wladyslaw Sojka hatte ein Wort geändert, ein Wort in Wikipedia. Die Schlacht, die er damit auslöste, sollte zweieinhalb Monate dauern und eine auch für ihn selbst überraschende Gehässigkeit annehmen, obwohl er daran keineswegs unschuldig war.
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Sojka, 34 Jahre alt, wohnhaft in Lörrach und Versicherungsberater, hatte sich diesen Schritt gut überlegt. Er sagt, es gebe wenige Menschen, die so viel über Fernsehtürme wüssten wie er selbst. Sie faszinieren ihn, seit er ein kleiner Junge war, er besitzt Bücher über Türme, Bildbände mit Türmen, Fotos von Türmen. Auf seiner Hochzeitsreise machten er und seine Frau einen Hubschrauberflug um den CN Tower in Toronto, seinen Lieblingsturm, in ihrem Schlafzimmer hängt davon ein Bild in Postergröße, das er selbst geschossen hat.
Wer, wenn nicht er, hatte also das Recht zu beurteilen, ob eine 252 Meter hohe Stahlbetonsäule in Wien als Fernsehturm zu bezeichnen ist?
Schon am nächsten Morgen sah er sich jäh gestoppt. Die österreichische Nutzerin "Elisabeth59" hatte seine Änderung rückgängig gemacht und notiert: "Donauturm ist definitiv kein Fernsehturm, wurde als Aussichtsturm konzipiert und gebaut."
Sojka ärgerte sich sehr, änderte den Artikel wieder und schrieb: "wenn man keine ahnung hat, einfach mal finger still halten, selbstverständlich ist der donauturm ein Fernsehturm."
Ein wahr gewordenes Utopia
So begann eine der absurdesten Auseinandersetzungen, die in Wikipedia je geführt wurden, sie füllt Seiten voller Beleidigungen und Belehrungen und erreichte eine Länge von mehr als 600.000 Zeichen, so viel wie ein Buch. Sehr bald ging es nicht mehr um den Donauturm. Es ging um die Wahrheit und darum, wer sie gepachtet hat.
Wer in Wikipedia die Wahrheit gepachtet hat, ist eine wichtige Frage. Wikipedia ist die größte Enzyklopädie der Welt, bald könnte sie die einzige verbliebene sein. Der gedruckte Brockhaus, Microsofts CD-Rom-Lexikon Encarta sind eingestellt, die Encyclopædia Britannica hat wirtschaftliche Probleme. Die Zeit der dicken Lexikonbände im Bücherregal ist vorbei, und auch die Zeit der Lexikonredaktionen, die auswählen, gewichten, einordnen. Diese Aufgabe ist an das Kollektiv der Internetnutzer übergegangen.
Wikipedia erscheint wie ein wahr gewordenes Utopia: Das Weltwissen zusammengetragen von allen, verwaltet, ergänzt und korrigiert von allen, weil Wissen keine Ware sein darf, sondern frei für alle sein muss. Mehr als eine Million Artikel stehen in der deutschen Ausgabe von Wikipedia, Tausende Nutzer greifen jede Sekunde darauf zu, jede Minute werden rund 20 Änderungen an den Artikeln vorgenommen. Es lässt sich in Echtzeit beobachten, wie Wissen produziert, wie um Wahrheit gerungen wird und wie weh das manchmal tut.
Das Wunder von Wikipedia ist, wie aus Gezänk Wissen entsteht. "Wikipedia ist keine technische Innovation, sondern eine soziale", schrieb einst Wikipedia-Gründer Jimbo Wales.
Die Wikipedia ist kein Projekt vieler, sondern ein Projekt weniger
Vom Streit um den Donauturm haben die allermeisten der Millionen Wikipedia-Nutzer nie etwas mitbekommen. Sie nutzen die Online-Enzyklopädie, um schnell etwas nachzuschlagen, sie wissen wohl auch, dass nicht alles in Wikipedia stimmen muss. Vom Leben hinter den Artikeln aber ahnen sie wenig, vom Blut, vom Schweiß, von den Tränen, die nur wenige Klicks entfernt vergossen werden, in den Hinterzimmern des Projekts.
Die Wikipedia ist kein Projekt vieler, sondern ein Projekt weniger. Es ist ein verbreiteter Irrtum, dass alle Nutzer gemeinsam und demokratisch zu ihr beitragen, dass sie ein Produkt von "Schwarm-Intelligenz" sei. Die deutsche Wikipedia hat mehrere hunderttausend angemeldete Nutzer. Aber nach einer Untersuchung des Frankfurter Soziologen Christian Stegbauer bearbeitet mehr als die Hälfte derer, die sich neu anmelden, kein einziges Mal einen Artikel. Ein halbes Prozent aller aktiv gewordenen Nutzer ist für fast zwei Drittel der Editierungen verantwortlich - ein Kreis von nicht einmal 2000 Personen.
Wikipedia könnte nicht funktionieren ohne diesen harten Kern, die Wikipedianer. Es ist eine Community, die in den Hinterzimmern des Projekts lebt, in den Diskussionsseiten. Nur ein Zehntel bis ein Hunderstel der neuen Teilnehmer verirrt sich je dorthin.
Wenige hundert Nutzer bilden den innersten Kreis, viele von ihnen kennen einander persönlich. Nicht nur aus den Diskussionsforen, nicht nur durch ihre Benutzerseiten, auf denen sie sich ausführlich vorstellen; viele nehmen an den Wikipedia-Stammtischen teil, die es im ganzen Land gibt.
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