Von Simone Kaiser
In seiner Phantasiewelt fühlte sich Georg R. groß und mächtig. Da saß er auf einem Thron und blickte herab auf all die "Maden", die er so verabscheute: Klassenkameraden, Lehrer, sozial Schwache. Die Menschen, denen Georg R. vertraute, konnte er an den Fingern einer Hand abzählen. Doch die Liste derer, die er für lebensunwürdig hielt, war lang. Er selbst sah sich als eine Art Gott. Jedem überlegen, gnadenlos.
Am 17. September vergangenen Jahres war der Schüler mit Molotowcocktails und einem Beil bewaffnet an seiner Schule in Ansbach Amok gelaufen. "Vom Töten im dreistelligen Bereich" hatte er geträumt. Eine 15-Jährige schwebte nach dem Attentat am Gymnasium Carolinum mehrere Tage in Lebensgefahr, zwölf weitere Schüler und eine Lehrerin wurden verletzt. Eine Pädagogin erlitt einen Schock. Zwei Polizisten attackierte R. mit einem Messer.
Erst drei Kugeln in den Oberkörper stoppten den Attentäter.
Die Narben der Brandwunden erinnern die Opfer auch sieben Monate später an die Tat, viele sind noch immer in psychologischer Behandlung. Auch deshalb hat sich die Staatsanwaltschaft Ansbach beeilt. Nur wenige Tage nachdem das psychiatrische Gutachten vorlag, erhob sie Anklage, die Verhandlungstage am Landgericht waren bereits vorgemerkt. Im Mai beginnen am Carolinum die Abiturprüfungen. Bis dahin soll der Fall Georg R. entschieden sein. "Die Schule, die ganze Stadt, soll dieses Kapitel abschließen können", hofft der Leiter der Staatsanwaltschaft, Gerhard Karl. "Die Menschen sollen endlich Antworten bekommen."
Warum? Diese Frage stellen sich Lehrer und Mitschüler, stellt sich die Gesellschaft nach jedem Amoklauf. Nach Erfurt. Nach Emsdetten. Nach Winnenden. Aber meistens gibt es auf diese Frage keine Antwort. Denn Amokläufer sind in der Regel auch Selbstmörder, Experten sprechen von "erweitertem Suizid". Die Attentäter wollen ihrem eigenen Leben ein Ende bereiten und dabei möglichst spektakulär möglichst viele Menschen mit sich in den Tod reißen. Einen erhellenden Abschiedsbrief hinterlassen wenige.
Nur in Ausnahmefällen kann man dem Täter selbst die Frage nach seinem Motiv stellen. Wie nun in Ansbach. Es ist sehr wahrscheinlich, dass sich Georg R. vor Gericht noch einmal persönlich zu seiner Tat einlassen wird. Dem erfahrenen Jugendpsychiater Götz-Erik Trott jedenfalls hat sich der junge Mann bereits während seiner Untersuchungshaft in mehreren Sitzungen offenbart. Er hat ihm ausführlich den Tatablauf aus seiner Sicht geschildert, mit ihm über seine Phantasien und sein Weltbild gesprochen.
Darüber hinaus konnte die Polizei auf dem Computer in seinem Zimmer insgesamt 86 Seiten mit tagebuchartigen Briefen rekonstruieren. Zusammen mit den weiteren polizeilichen Ermittlungsergebnissen lässt sich so ein detailliertes Bild zeichnen: Es charakterisiert den Jungen, der momentan in der geschlossenen Abteilung des Bezirksklinikums für Psychiatrie Ansbach behandelt wird, als narzisstischen Einzelkämpfer, der nicht in der Lage ist, sich in andere Menschen einzufühlen.
Gutachter Trott diagnostizierte bei Georg R. eine gravierende schizoide Persönlichkeitsstörung.
"Die ganze Schule soll bezahlen"
Georg R. stammt aus einer bürgerlichen Beamtenfamilie. Nach der Scheidung der Eltern lebten er und seine beiden Schwestern abwechselnd beim Vater und bei der Mutter. R. war weder bei der Polizei noch an seiner Schule vor der Tat negativ aufgefallen. Konkrete Hinweise etwa auf Mobbing durch seine Mitschülern gibt es bislang nicht. Den Klassenkameraden und Eltern fiel zwar auf, dass R. emotional zurückgezogen lebte, aber sie konnten sich sein Verhalten nicht erklären. Derweil fühlte sich R. einsam. Er habe mit niemandem reden können, weil ihn ja doch keiner verstehe, schilderte er in Haft seine Not.
Georg R. war in seiner egozentrischen Art geradezu besessen davon, mit einer Amoktat Aufsehen zu erregen. Sein Antrieb war "Hass", wie er wiederholt in seinen Notizen festhielt. "Wut und Hass auf die Menschen". Und auf die "Institution Schule". "Die ganze Schule soll bezahlen", schrieb er im Wahn.
Doch mittlerweile weiß man, dass weder das Carolinum als Tatort noch die Mitschüler und Lehrer als Opfer, noch der genaue Tattag von Anfang an feststanden. Anhand seiner Notizen konnten die Ermittler nachvollziehen, wie sich der psychisch kranke Jugendliche immer tiefer in Gewaltphantasien verstrickte, von Massakern in öffentlichen Einrichtungen, einmal sogar in einem Kaufhaus, fabulierte. Er war sich sicher, dass die Tat zu Beginn des Schuljahres passieren musste, vor der geplanten Leistungskursfahrt nach Rom.
Welche Schüler oder Lehrer genau sich an jenem Donnerstagmorgen in den beiden Klassenzimmern aufhielten, als er die selbstgebastelten Molotowcocktails aus 0,33-Liter-Bierflaschen durch die Türen schleuderte, interessierte den Täter offenkundig wenig. Es gibt bislang kein Indiz dafür, dass er auch nur eines seiner Opfer persönlich treffen wollte.
Den Anschlagsort im dritten Obergeschoss des Gymnasiums wählte R. den Ermittlern zufolge aus rein strategischen Gesichtspunkten. Die fünf Brandsätze transportierte er in einer blauen Umhängetasche. Das Beil, einen Hammer und drei Messer deponierte er in einem dunkelblauen Rucksack auf der Herrentoilette, direkt zwischen den beiden Klassenzimmern gelegen. Ein Messer fixierte er an seinem Bein. Für R. war wohl nur entscheidend, dass die Polizei lange brauchen würde, um ihn ganz oben im Schulgebäude zu lokalisieren. In der Zwischenzeit erhoffte sich Georg R., möglichst viele Menschen töten zu können. Dann wollte er von den "Bullen" "erschossen" werden. Eine Flucht hatte Georg R. nicht geplant.
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© DER SPIEGEL 16/2010
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