AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 16/2010

Sportwagen Grüner rasen mit Lamborghini

Für viele sind Supersportwagen überflüssig, vor allem, weil sie zu viel Sprit verbrauchen. Der krisengebeutelte italienische Sportwagenhersteller Lamborghini strebt nach sozialer Akzeptanz - eine ebenso lobenswerte wie unerfüllbare Mission.

TMN

Von


Die Leistung einer Solarzelle ist dürftig, gemessen an der - etwa - eines Lamborghini. Der Vergleich liegt nirgends so nah wie in Sant' Agata Bolognese, wo der italienische Sportwagenhersteller seine Fahrzeuge fertigt.

Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 16/2010
Deutsche Soldaten über das Töten und Sterben in Afghanistan

Auf den schrägen Dachflächen der Fabrik schimmert es neuerdings bläulich. Auf 17.000 Quadratmetern ließ die Firmenleitung dort Silizium-Module anbringen und betreibt derzeit die größte Fotovoltaik-Anlage der Region Emilia-Romagna.

Eine digitale Anzeigetafel, wie man sie sonst etwa als Zählwerk galoppierender Staatsverschuldung kennt, dokumentiert am Haupteingang die ökosaubere Energieernte. Im Jahresmittel soll etwa ein Fünftel des Stromverbrauchs der Produktionsanlagen aus Sonnenkraft gedeckt werden.

Madonna, welch ein Wandel! Kriegen Lamborghinis jetzt ein Gütesiegel wie Biotomaten? Und wer sollte Wert darauf legen?

Die Marke mit dem angreifenden Stier im Emblem bedient traditionell eine Klientel aus der Oberschicht der Halbwelt - Menschen mithin, die eher ihre Bewährungsauflagen studieren würden, als ums Weltklima zu bibbern. Schon die Keimzelle des Unternehmens war eine Todsünde: Rachsucht.

In bestem Camillo-Peppone-Kolorit beginnt die Firmengeschichte Anfang der sechziger Jahre. Der begüterte Traktorenfabrikant Ferruccio Lamborghini hat ein Problem mit der Schaltung seines Ferrari und beklagt sich im Werk, wo ihn Enzo Ferrari prompt als Bauerntölpel beschimpft und vom Hof jagt. Der Geschmähte wirbt kurzerhand einige Ferrari-Ingenieure ab und baut eine Konkurrenzfabrik.

Lamborghini betrieb seine Sportwagenmanufaktur als Hobby. Er leistete sich den Luxus, Autos zu bauen, die immer einen Schuss wilder, verrückter und vor allem ordinärer waren als die Ferraris. Nach seinem Ausscheiden blieb die Firma ein beständiger Sanierungsfall - mal im Besitz von Chrysler, mal von indonesischen Geschäftsleuten. Nachhaltig investiert wurde nie, bis Audi kam.

Der Absturz der Finanzmärkte traf Lamborghini ins Mark

Vor zwölf Jahren kaufte die VW-Tochter das Unternehmen. Aus der Produktionsbaracke wurde eine zeitgemäße Montageanlage. Die Karosserien kommen heute lackiert aus dem Audi-Werk Neckarsulm und werden in Sant' Agata an einem modernen Fließband komplettiert. Aus alten Lamborghini-Zeiten stammt kaum mehr als der Bodenbelag aus roten Fliesen, die unter dem schweren Maschinenpark stellenweise zu Bruch gehen.

Binnen weniger Jahre verwandelte der Großkonzern seine neue Tochter in eine tadellos funktionierende Traumfabrik. Lamborghini machte operativ Gewinne und verzehnfachte seinen Jahresabsatz auf 2400 Autos. Dann kam die Krise.

Der Absturz der Finanzmärkte traf Lamborghini ins Mark. Zu schnell war die Marke gewachsen, um wie Ferrari auf eine gefestigte Stammklientel setzen zu können. 2009 rutschte die Verkaufszahl auf 1500 Autos, in diesem Jahr werden es voraussichtlich noch weniger sein. In den Bilanzen des VW-Konzerns steht Lamborghini wieder für Verluste.

Im einstigen Büro Ferruccio Lamborghinis sitzt ein beredter, akribisch durchgestylter Politologe: Stephan Winkelmann, in Rom aufgewachsen und seit fünf Jahren Lamborghini-Chef; er könnte jederzeit als Hauptdarsteller in einem Gucci-Werbespot einspringen oder in einer Premium-Talkshow mit Umberto Eco über Petrarca parlieren. Zuweilen flaniert er mit lasziv kostümierten Grazien über Messestände. Er hat alles, was den grimmen Konzerneminenzen fehlt - nur derzeit keinen Erfolg.

Winkelmann spricht über die Zukunft, also über die Zeit nach der Krise. Die Menschen werden sich dann "wieder belohnen wollen", sagt er. Und warum nicht mit einem Lamborghini?

Für das Streben nach sozialer Akzeptanz gelten Schmerzgrenzen

Es könnte ein Problem mit der sozialen Akzeptanz geben, meint Winkelmann. Deshalb die Solarzellen, deshalb die Zielsetzung, den Verbrauch durch Kohlefaser-Leichtbau um gut ein Drittel zu senken. Bei heutigen Lamborghinis schwankt er zwischen 13,5 und 21 Litern.

Sant' Agata ist gastfreundlicher geworden, seit Winkelmann regiert. Reisebusse machen halt. Es gibt ein Geschenkestübchen und ein Museum; alles nicht so majestätisch wie bei Ferrari, aber auf dem Weg dahin.

In den äußerst schlicht möblierten Hallen dokumentieren frühe Lamborghinis mitunter joviale Verarbeitungsmethoden. Manches Armaturenbrett gemahnt an Laubsägearbeiten.

Im Eck steht ein jüngeres Modell mit Blaulicht. Eine Hostess erklärt leutselig, dass der Hersteller neuerdings mit Einzelstücken die Polizei versorge. Teil der Ausstattung sei eine Kühlbox für Blut oder Spenderorgane - zur flankierenden Unterstützung von Unfallärzten.

Lamborghini im rasenden Rettungsdienst mit puckernden Humanersatzteilen unter der Haube? Auch für das Streben nach sozialer Akzeptanz gelten Schmerzgrenzen. Winkelmann mahnt zu beständiger Selbstkritik: "Wir sollten nie in das Fahrwasser kommen, dass wir etwas darstellen wollen, was wir am Ende nicht sind."



insgesamt 19 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
blue_plasma, 22.04.2010
1. Lobenswert, aber einfach mal nachrechnen...
Wenn man die Anzahl der Supersportwagen, ihre jährliche Laufleistung und die damit ausgestossene CO2-Menge (Schadstoffmenge) ins Verhältnis zum restlichen Verkehr setzt ist das wohl lächerlich wenig.... Aber nixdestotrotz isses lobenswert wenn Sportwagenschmieden auch solche Techniken umsetzen. Durch die höheren Belastungen, die sich zwangsläufig in Sportwagen ergeben, könnte ein Technologiegewinn entstehen, der dann wieder in die "Normalwagen" einfliesst...
MJM1605 22.04.2010
2. Optimierte Supersportwagen
Ich glaube dass diejenigen die sich einen Lamborghini kaufen und leisten können wohl nicht über soziale Akzeptanz nachdenken. Dass Lamborghini danach strebt einen Grossteil seiner zukünftigen Energieversorgung über Sonnenpaneele zu besorgen ist allerdings lobenswert. Was aber, bei so teuren Supersportwagen, den Ingenieuren ein Anliegen und gleichzeitig eine Herausforderung seien sollte, ist das Ziel zu erreichen, den Verbrauch bis zum Äußersten zu optimieren. Dies mit allen der Technologie zu Verfügung stehenden Mitteln.
einszweidrei, 22.04.2010
3. Geld und Verschmutzung
So lobenswert das Streben von Lamborghini auch ist - ein Haar in der Öko-Suppe wird bleiben, und zwar der hohe Kaufpreis der Autos. Die Geldsumme, mit der man einen Lamborghini bezahlt, muss erst erwirtschaftet werden. Letztendlich müssen aber die Rohstoffe und Energien, die man für die Erwirtschaftung der Geldsumme verbraucht, aus der Erde gewonnen werden. Je mehr Geld man erwirtschaften muss, desto höher ist auch der Verbrauch an Rohstoffen und Energie (ja, physikalisch gesehen wird Energie nicht verbraucht, sondern umgewandelt). Demnach sind teurere Wirtschaftsgüter umwelttechnisch fast immer schlechter als billigere. Ein Lamborghini mag bei guter Pflege 30 Jahre halten, doch reicht das nicht, um einen zehnmal höheren Kaufpreis gegenüber einem "normalen" Auto auszugleichen, das bei guter Pflege nur 10 Jahre hält. Die negative Ökobilanz alleine des Kaufpreises lässt sich durch eine bessere Haltbarkeit und umweltfreundlichere Produktion nicht ausgleichen. Beispiel: Wenn man den Lambo mit dem Gewinn aus Aktien-Dividenden bezahlt, dann wurden diese Dividenden unter Umständen durch eine vermehrte Verschmutzung von Flüssen in Südindien erkauft (Stichwort "Wachstum"), mit der die Dividende erwirtschaftet wurde. Oder mit der vermehrten Abholzung von Urwald in Brasilien oder Indonesien. Oder mit mehr Transporten von Paketen rund um die Welt, per Schiff und Flugzeug. Oder mit der gesteigerten Produktion von Plastik-Baggern in Hongkong. Oder mit noch tieferen Erzfördergruben irgendwo auf der Welt. Oder man schickt noch mehr Touristen in die Antarktis, die sich schmelzende Gletscher anschauen und dabei ein betroffenes Gesicht machen. Und die dann die Gletscher mit neuen, hochauflösenden Kameras aus chinesischer Produktion fotografieren und sofort bei Facebook hochladen. All das generiert Umsatz, generiert Gewinn, generiert Rohstoffverbrauch, generiert Energieverbrauch, generiert Abgase. An dieser Stelle seien auch diejenigen gewarnt, die statt einfachen Billigprodukten teure Ökoprodukte kaufen: Der Mehrpreis, den Ihr für diese Produkte ausgebt, stammt aus Umweltbelastung. Und er steht oft in einem krassen Mißverhältnis zum praktischen Mehrwert dieser Produkte. Enthaltung ist die beste Form des Umweltschutzes, nicht der Konsum. Das gilt besonders für Luxusgüter, auch wenn sie das "Öko"- oder "Bio"-Siegel tragen.
XLLP110 22.04.2010
4. hmmm
Zitat von einszweidreiSo lobenswert das Streben von Lamborghini auch ist - ein Haar in der Öko-Suppe wird bleiben, und zwar der hohe Kaufpreis der Autos. Die Geldsumme, mit der man einen Lamborghini bezahlt, muss erst erwirtschaftet werden. Letztendlich müssen aber die Rohstoffe und Energien, die man für die Erwirtschaftung der Geldsumme verbraucht, aus der Erde gewonnen werden. Je mehr Geld man erwirtschaften muss, desto höher ist auch der Verbrauch an Rohstoffen und Energie (ja, physikalisch gesehen wird Energie nicht verbraucht, sondern umgewandelt). Demnach sind teurere Wirtschaftsgüter umwelttechnisch fast immer schlechter als billigere. Ein Lamborghini mag bei guter Pflege 30 Jahre halten, doch reicht das nicht, um einen zehnmal höheren Kaufpreis gegenüber einem "normalen" Auto auszugleichen, das bei guter Pflege nur 10 Jahre hält. Die negative Ökobilanz alleine des Kaufpreises lässt sich durch eine bessere Haltbarkeit und umweltfreundlichere Produktion nicht ausgleichen. Beispiel: Wenn man den Lambo mit dem Gewinn aus Aktien-Dividenden bezahlt, dann wurden diese Dividenden unter Umständen durch eine vermehrte Verschmutzung von Flüssen in Südindien erkauft (Stichwort "Wachstum"), mit der die Dividende erwirtschaftet wurde. Oder mit der vermehrten Abholzung von Urwald in Brasilien oder Indonesien. Oder mit mehr Transporten von Paketen rund um die Welt, per Schiff und Flugzeug. Oder mit der gesteigerten Produktion von Plastik-Baggern in Hongkong. Oder mit noch tieferen Erzfördergruben irgendwo auf der Welt. Oder man schickt noch mehr Touristen in die Antarktis, die sich schmelzende Gletscher anschauen und dabei ein betroffenes Gesicht machen. Und die dann die Gletscher mit neuen, hochauflösenden Kameras aus chinesischer Produktion fotografieren und sofort bei Facebook hochladen. All das generiert Umsatz, generiert Gewinn, generiert Rohstoffverbrauch, generiert Energieverbrauch, generiert Abgase. An dieser Stelle seien auch diejenigen gewarnt, die statt einfachen Billigprodukten teure Ökoprodukte kaufen: Der Mehrpreis, den Ihr für diese Produkte ausgebt, stammt aus Umweltbelastung. Und er steht oft in einem krassen Mißverhältnis zum praktischen Mehrwert dieser Produkte. Enthaltung ist die beste Form des Umweltschutzes, nicht der Konsum. Das gilt besonders für Luxusgüter, auch wenn sie das "Öko"- oder "Bio"-Siegel tragen.
Naja, der Umwelt wird es wohl fast egal sein, ob ich mir von meinen Dividenden ein Auto kaufe, oder mein Geld anderweitig investiere. Die Dividenden inklusive möglicher Umweltbelastungen wurden ja schließlich schon erzielt.
Sabi 22.04.2010
5. Geschwätz von Neidern !
Luxusartikel waren und sind immer bedeutend teurer als Normwaren ! Ob zur Zeiten des Louis XIV (Sonnenkönig) oder am spanischen Hof ! So wie Louis Vuitton, Hermes, Dior, Breguet, Longines, etc. gibt's auf Bentleys u. Lamborghinis ! Handarbeit und Exklusivität werden immer nur Reichen und Potenten zugänglich und erschwinglich bleiben ! C'est la vie !
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© DER SPIEGEL 16/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.