AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 16/2010

Fernsehen "Ein neues Böses"

Der Regisseur Dominik Graf über seine Fernsehserie "Im Angesicht des Verbrechens", die Vitalität der Russenmafia und deutsche Krimi-Depression

ARD/Julia von Vietinghoff

SPIEGEL: Herr Graf, alle Welt schwärmt von US-Serien wie den "Sopranos", "The Wire" oder "Mad Men". Die Deutschen könnten solche klugen Stücke nicht, hieß es immer, wir könnten nur "Tatort".

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Heft 16/2010
Deutsche Soldaten über das Töten und Sterben in Afghanistan

Graf: Bei uns liefen schon Thrillerserien wie "Allein gegen die Mafia", da war Tony Soprano noch gar nicht geboren.

SPIEGEL: Nun haben Sie "Im Angesicht des Verbrechens" gedreht, eine ästhetisch aufwendige Krimi-Serie in zehn Teilen, wie es sie in Deutschland noch nie zu sehen gab: russische Großgangster, fette Hedonisten, ein Osteuropa voller Leidenschaften, West-Berlin als internationale Verbrechermetropole, kampfeslustige deutsche Polizisten. Was genau wollen Sie uns da eigentlich erzählen?

Graf: Rolf Basedow, der Autor, und ich waren davon fasziniert, wie sich Deutschland der Welt öffnen muss und wie damit viel Neues, auch ein neues Böses hineinbricht.

SPIEGEL: Worin besteht dieses neue Böse?

Graf: Vordergründig in Kriminellen von internationalem Format. Das BRD-deutsche Verbrechen war doch mit Ausnahme der RAF nie so richtig auf Weltniveau. Welcher deutsche Gangster konnte mithalten mit den Amerikanern, den Italienern und Franzosen? Negerkalle? Dagobert? Welcher Polit-Skandal? Barschel in der Badewanne? Der Glamour der großen Verbrecher und der großen Thrillerfilme schien immer im Ausland zu glänzen. In diesem etwas perversen Sinn profitieren wir jetzt sozusagen von der Einwanderung der Ost-Kriminalität.

SPIEGEL: Die italienische 'Ndrangheta im Ruhrgebiet, libanesische Clans in Neukölln, die Russenmafia in Charlottenburg: Sollen wir uns freuen, dass die da sind, weil sie uns große Erzählstoffe liefern?

Graf: Nicht wirklich. Wir sehen aber vielleicht mal, was für ein kleines beschränktes Land wir doch sind. Und ästhetisch-erzählend gibt es vielleicht die Möglichkeit zur Befreiung aus der Depressionssoße, die sich seit Jahren über den deutschen Fernsehthriller zu legen droht.

SPIEGEL: Muss man deshalb das Verbrechen als vital feiern? Eigentlich wäre doch sein Untergang wünschenswert.

Graf: Diese Frage hat sich doch längst, spätestens seit Klassikern wie "Der Pate", erledigt. Können Sie sich vorstellen, dass ein moderner Polizeithriller mit der Moral endet, dass Verbrechen sich nicht auszahlt? Die Welt erzählt einem in jeder Minute etwas anderes.

SPIEGEL: Sie schildern vordergründig den Kampf zwischen der russischen Mafia und der Polizei. Sind Sie vielleicht betört von der Allmacht des Bösen?

Graf: Nein. Ich möchte zeigen, wie sich die Fronten ineinanderschieben, bis keiner mehr weiß: Wer ist hier eigentlich böse, wer ist gut? Härte, Bösartigkeit, Verbissenheit und Dunkelheit gibt es über-all in den Seelen. Nicht nur bei den Gangstern. Auch bei den Polizisten.

SPIEGEL: Der provinzielle deutsche TV-Polizist steht meist deprimiert an einer Würstchenbude.

Graf: Nichts gegen das Provinzielle an uns, aber die Beschreibung stimmt in gewissem Sinn leider zu oft. In deutschen Thrillern von heute schleichen die Polizisten oft als sieche Wölfe durch die Straßen.

SPIEGEL: Warum eigentlich?

Graf: Das liegt auch an einem kollektiven Authentizitätsbefehl im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Seit 10 oder 15 Jahren heißt es doch: Wir sollen im Krimi nicht über die Verhältnisse leben, wir sollten uns eher mit der deutschen Alltagshölle beschäftigen. Das ist ehrenwert, nimmt aber den Thrillern die Chance zu Appeal und Größe.

SPIEGEL: Was machen Sie anders?

Graf: Basedow macht es anders, nicht ich. Er beschreibt die Kriminalität in allen seinen Drehbüchern anders, immer neu. Ich inszeniere ihm hinterher. Er stellt in der Serie ziemlich vitalen Gangstern zwei recht frohgemute Polizisten gegenüber. Man sieht zwei Jungs, die einen geradezu sportlichen Ehrgeiz in ihrem Job haben.

SPIEGEL: Ist denn das Grundgefühl der deutschen TV-Ermittler nicht zu Recht Vergeblichkeit? Weil es in der Wirklichkeit, besonders in Berlin, auch so ist?

Graf: Bestimmt. Ein älterer LKA-Mann thematisiert dieses Problem, wenn er sagt: "Wir können eigentlich gar nichts mehr machen. In zwanzig Jahren gibt es uns deutsche Polizisten vielleicht nicht mehr. Die organisierten Verbrecher nehmen uns das Gesetz des Handelns aus der Hand. Unsere Chancen werden immer kleiner, und die Tarnung der Gangster wird immer perfekter." Ein frustrierter Bulle. Aber dagegen setzen die jungen Polizisten das Gefühl: "Ich will trotzdem einige von denen kriegen. An irgendwas muss man doch glauben."

SPIEGEL: Vitale Polizisten gegen vitale Verbrecher. Nach zehn Folgen kommt ein Nullsummenspiel heraus. Keiner siegt über den anderen. Alles bleibt, wie es ist.

Graf: Als müsste man am Ende eine kaufmännische Abrechnung machen, wie viele Tote es auf der einen Seite und wie viele Tote es auf der anderen gibt. Die Polizei hier schafft es immerhin, eine illegale Zigarettenfabrik lahmzulegen. Das ist nicht nichts. Und sie enttarnt zwei Verräter in ihren eigenen Reihen.

SPIEGEL: Berlin erscheint bei Ihnen als neue Stadt. Ohne Ghetto, ohne Platte, ganz bürgerlich. Gleichsam wie unter uns.

Graf: Es spielt in einer Welt, die wir nur zu kennen glauben. Darunter kocht und brodelt es, nur wir deutschen Bürgerlein haben keine Ahnung.

SPIEGEL: Die Ostgangster halten uns für spätrömische Dekadenzlinge, fühlen sich überlegen.

Graf: Die Russen sagen zueinander immer wieder: "Denkt daran, wir sind nur Gast in diesem Land." Und dann lachen sie höhnisch. Sie haben sich einfach dort wieder niedergelassen, wo sie schon in den Zwanzigern präsent waren: in Charlottenburg, als wären die alten Stühle dort noch frei.

SPIEGEL: Und glauben nun, die Stadt nach Belieben schröpfen zu können?

Graf: Also, im kriminellen Weltbild gibt es immer nur Stärke oder Schwäche. Man kann dort nur jemanden akzeptieren, der stark ist. Eine Machowelt. Und dann gibt es in der Serie eine Figur wie den deutschen Spediteur Lenz, der mit der Russenmafia zusammenarbeitet. Er ist fett, er ist lebensfreudig. Natürlich benutzen die Gangster ihn. Er ist in gewissem Sinn dummes deutsches Geld.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 47 Beiträge
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Seite 1
christian simons 23.04.2010
1. Guter Mann!
Zitat von sysopDer Regisseur Dominik Graf über seine Fernsehserie "Im Angesicht des Verbrechens", die Vitalität der Russenmafia und deutsche Krimi-Depression http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,690147,00.html
Auch wenn ich hier meinen Ruf als notorischer Basher deutscher TV-Produktionen aufs Spiel setze: Mit Filmen und Fernsehspielen von Dominik Graf habe ich weitgehend gute Erfahrungen gemacht, und deshalb werde ich dieser Serie eine Chance geben.
marypastor 23.04.2010
2. Krimis
Zitat von sysopDer Regisseur Dominik Graf über seine Fernsehserie "Im Angesicht des Verbrechens", die Vitalität der Russenmafia und deutsche Krimi-Depression http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,690147,00.html
Die Deutschen koennen keine Krimis und "Tatort" waren tutige downturner zum Mitschreiben. Aber das kommt hier an, weil unsere Landsleute eben auch langweilige downturner sind.
gewuerzolive, 23.04.2010
3. Hört, hört!
Zitat von christian simonsAuch wenn ich hier meinen Ruf als notorischer Basher deutscher TV-Produktionen aufs Spiel setze: Mit Filmen und Fernsehspielen von Dominik Graf habe ich weitgehend gute Erfahrungen gemacht, und deshalb werde ich dieser Serie eine Chance geben.
Sensationell. Da wird Ihnen Herrn Grafs Dank sicher ewig nachschleichen.
christian simons 23.04.2010
4. ?
Zitat von gewuerzoliveSensationell. Da wird Ihnen Herrn Grafs Dank sicher ewig nachschleichen.
Während hingegen die patzige Olive was an meinem Statement genau auszusetzen hat?
takeo_ischi 23.04.2010
5. .
Zitat von christian simonsAuch wenn ich hier meinen Ruf als notorischer Basher deutscher TV-Produktionen aufs Spiel setze: Mit Filmen und Fernsehspielen von Dominik Graf habe ich weitgehend gute Erfahrungen gemacht, und deshalb werde ich dieser Serie eine Chance geben.
Sehe ich auch so. Vielleicht finde ich ja nach KDD und Polizeiruf 110 aus Rostock eine weitere sehenswerte deutsche Krimiserie. Dann kann ich wenigstens nicht mehr über die deutsche Syncro meckern... Das Making of hat einen soliden Eindruck gemacht.
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