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AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 16/2010

Psychologie: Programmiert auf Unheil

Von Frank Thadeusz

Warum vergewaltigen und töten manche Menschen ohne das geringste Anzeichen schlechten Gewissens? Der amerikanische Neurowissenschaftler Kent Kiehl unternimmt einen einzigartigen Feldversuch, um den rätselhaften Geisteszustand von Psychopathen zu erklären.

Mörder-Hirne: Im Kopf des Psychopathen Fotos
AP/ Geneve Police Department

Brian Dugan zählt zu den letzten Menschen, für die man ein gutes Wort einlegen wollte. Er vergewaltigte zwei Mädchen und eine junge Frau. Anschließend ermordete er seine Opfer brutal.

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Für den Mord an der zehnjährigen Jeanine Nicarico wurde Dugan im vergangenen November zum Tode verurteilt. Im Zuge des Prozesses betrat auch der Neurowissenschaftler Kent Kiehl, 40, aus Albuquerque den Zeugenstand. Er war gekommen, um zugunsten des Angeklagten auszusagen.

Kiehl besitzt die Statur eines Schwerathleten, spricht allerdings ähnlich schnell und hoch wie Kermit der Frosch. Auf einem Pappschild hatte er sich deshalb vor seiner Aussage mit großen Buchstaben das Wort "Slow" notiert. Er fürchtete, die Jury würde seinem Vortrag womöglich nicht folgen können, wenn er die komplexe Materie mit seiner hastigen Redeweise zu erläutern versuchte.

Vor allem zeigte Kiehl den Geschworenen bunte Bilder. Zu sehen waren darauf Schnitte durch Dugans Hirn, und aufgenommen wurden sie mittels funktioneller Magnetresonanztomografie (fMRT). Einige Bereiche auf den Aufnahmen waren mit Kreuzen markiert. "Dugans Gehirn sieht anders aus als das von normalen Leuten", berichtete der Wissenschaftler im Zeugenstand. "Es ist ein Gehirn, wie wir es von Psychopathen kennen."

Vermutlich gibt es auf der ganzen Welt keinen Experten, der ähnlich vielen Vertretern dieses schwer gestörten Menschenschlags gegenübergesessen hat wie Kiehl. Im Jahr 2005 erteilte ihm der Gouverneur von New Mexico, Bill Richardson, die Erlaubnis zu einem bislang einzigartigen Feldversuch.

Kiehl, Direktor des Mind Research Network in Albuquerque, hatte zweieinhalb Millionen Dollar aufgetrieben und für dieses Geld bei Siemens einen mobilen Magnetresonanztomografen gekauft. Das Gerät ist in einem 15 Meter langen Laster untergebracht, mit dem der Forscher nach und nach alle Gefängnisse des USBundesstaates ansteuern darf, um deren Insassen zu scannen.

Nur Freiwillige nehmen an den umfangreichen Tests teil. Doch über mangelnden Zuspruch kann sich Kiehl nicht beklagen: "Die Gefangenen verdienen hier einen Dollar pro Stunde, was sie auch für jede andere Arbeit bekämen. Doch bei uns ist es leichtverdientes Geld. Obendrauf bekommen sie noch eine Aufnahme ihres Gehirns geschenkt." Außerdem genießen die Häftlinge offensichtlich die Gelegenheit zum ausführlichen Gespräch mit den Psychologen.

Rund 1200 Gefängnisinsassen hat Kiehls Team inzwischen examiniert und etwa 300 von ihnen als Psychopathen identifiziert. Die massive Datenerhebung per fMRT förderte eine völlig neue Erkenntnis zutage: In den Hirnen der untersuchten psychopathischen Häftlinge ist das limbische System zum Teil deutlich reduziert - jene Hirnregion also, in der Gefühle verarbeitet werden.

Offenkundig ist die graue Substanz des Zentralnervensystems bei Psychopathen wie Brian Dugan partiell regelrecht ausgedünnt. "Es ist vergleichbar mit Muskelgewebe, das bei Kraftsportlern sehr dick, bei Inaktiven dagegen eher dünn ist", erläutert Kiehl.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 83 Beiträge
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1. Trauma
Boone 24.04.2010
Ich kann mir vorstellen, dass diese Menschen ein emotionales Trauma erleiden, dessen sie sich selbst nachher nicht mehr bewußt sind und das von Außenstehenden nicht bemerkt oder fehlgedeuted wurde. Die mit diesem Trauma verbundenen Gefühle sind so schrecklich, dass sie sich vollkommen von ihren Gefühlen abschotten und über Jahrezehnte hinweg dann eine Persönlichkeit entwickeln, die keinen Zugang mehr zu ihrer eigenen Emotionalität hat. Nur noch in Extremsituationen sind sie in der Lage sich selbst zu fühlen, sich selbst als real und lebend wahrzunehmen. Sie haben einst den ultimativen emotionalen Vernichtungsschmerz erfahren und sich dann ultimativ davor geschützt und nun können sie nur noch fühlen, wenn sie den Schalter auf volle Leistung drehen. So schrecklich die Bilder auch sind, ich glaube in Wahrheit hat das mit böse nichts zu tun.
2. Falsche Frage
Arne11 24.04.2010
Zitat von sysopWarum vergewaltigen und töten manche Menschen ohne das geringste Anzeichen schlechten Gewissens? Der amerikanische Neurowissenschaftler Kent Kiehl unternimmt einen einzigartigen Feldversuch, um den rätselhaften Geisteszustand von Psychopathen zu erklären. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,690148,00.html
IMHO ist das die falsche Frage. Vergewaltigung und Mord tritt in der Natur praktisch ständig auf (Z. B. Mord unter Affen) und sowohl Vergewaltigung als auch Mord haben grosse evolutionäre Vorteile. Für mich wäre die Frage eher wieso Mitleid oder ein schlechtes Gewissen auftritt obwohl der 'Vorteil' eines unentdeckten Mordes enorm sein kann. z. B. bricht in Kriegen und Krisensituationen in denen Verfolgung unwahrscheinlich ist dieses Verhalten regelmässig durch. Rote Armee in Deutschland oder auch die Deutschen in Russland - im Angesicht dessen muss ich Advokat des Teufels spielen und sagen dass dieses Verhalten den Standard darstellt der lediglich durch Sanktionen verhindert wird. Grüsse, Arne
3. Emotionaler Hintergrund eines Autisten?
Autist 24.04.2010
"In den Vereinigten Staaten werden keine geistig Behinderten hingerichtet. Wir exekutieren auch keine Jugendlichen. Was aber ist, wenn ein Psychopath den emotionalen Hintergrund eines Autisten hat? Sollten wir ihn dann wirklich töten?" Herr Kiehl, ich vermute mal, Sie haben keine Ahnung, was sie da für ein dummes Zeug verbreiten.
4. Alles nur Illusion?
Asirdahan 24.04.2010
Ein sehr interessanter Artikel. Ich frage mich schon lange, ob wir nicht ohnehin nur einer Illusion unterliegen, wenn wir glauben, selbst für etwas verantwortlich zu sein. Kein Mensch hat sich selber gemacht. So wie ein Psychopath ein zu kleines limbisches System hat, so hat jeder Mensch ein anderes Gehirn, das ihn zu einem bestimmten Handeln veranlasst, was nur ihm zu eigen ist. Vielleicht sind Psychopathen aber nur extrem gesteigerte Egomanen, denen ihr eigenes Wohlbefinden, die Befriedigung ihrer Gelüste das Wichtigste auf Erden ist und sie darüber das Leiden der anderen nicht sehen (wollen), weil ihnen das die Lust an der Sache verderben würde. Denn was Grausamkeiten sind, das wissen sie sehr gut, das sieht man daran, dass sie diese für sich selbst gern vermeiden möchten. Auf alle Fälle müssen solche Menschen für immer weggesperrt werden, ob sie nun schuldig sind oder nicht, weil sie eben allein durch ihr Dasein eine Gefahr für andere sind.
5. Interdisziplinär
einstellung 24.04.2010
Vielleicht ein einzigartiger Feldversuch, neu ist das nicht, in der Kriminologie wird ja schon länger mit diesen Ergebnissen gearbeitet. Siehe auch Prof. Dr. Dr. Gerhard Roth, der sich eingehend mit diesem Thema beschäftigt. http://de.wikipedia.org/wiki/Gerhard_Roth_%28Biologe%29 Die scheinbare Radikalität in den Ausagen zum Thema Willensfreiheit ist natürlich für unser christlich geprägtes Menschenbild erst einmal provozierend. Wir hätten gerne alle Menschen gleich schuldfähig, sonst werden alle Regeln des Zusammenlebens außer Kraft gesetzt. Tatsächlich sollte man sich (wie im Artikel auch gesagt) darauf konzentrieren, was diese Untersuchungsergebnisse für Chancen bergen, Straftaten gefühlsarmer Menschen zu verhindern. "Unablässig fragen sich Eltern von Psychopathen, was sie falsch gemacht haben; dabei können sie wenig mehr tun, als hilflos zuzuschauen, wie ihre Kinder zielstrebig einem Pfad egozentrischer Befriedigung folgen." Ist das denn immer so? Das Problem von manchen Neurologen wie z. B. Roth (über Kiehl weiß ich nicht mehr als im Artikel steht) ist m. E. die Abkopplung ihrer Untersuchungsergebnisse von den Ergebnissen anderer (empirischen) Wissenschaften (z. B. der Psychologie). Ich bin überzeugt davon, dass genetische Veranlagung UND Umwelteinflüsse immer zusammenspielen und letzendlich den Menschen formen. Laut Roth ist der letztere Anteil gering. Darüber kann man sich sicher streiten. Ich sehe die Möglichkeiten der Psychologie mit den neurologischen Erungenschaften der letzten Jahre eher wachsen. Ich persönlich kann sowieso mit dem Gedanken besser leben, dass manche Menschen "böse" Dinge aufgrund ihrer Biografie, genetischen Anlagen und Hirnbeschaffenheiten (mir an-) tun und eben nicht aus Böswilligkeit (was ist das?).
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