Der SPIEGEL

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26. April 2010, 00:00 Uhr

Afghanistan-Debatte

Die schmutzige Wahrheit

Abziehen oder bleiben? In Deutschland fragen immer mehr Bürger nach dem Sinn des Afghanistan-Einsatzes der Bundeswehr. Auch in den Redaktionen von SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE ist das Engagement umstritten. Barbara Supp meint: Es ist gut, dass die Mehrheit der Deutschen diesen Krieg ablehnt.

Kriegsinvaliden, Kriegerwitwen, Kriegerdenkmäler, Gefallene, was für ein Wort, all das gibt es jetzt wieder. Die Wörter sind zurückgekehrt und die Bedeutung auch, etwas lange überwunden Geglaubtes, und die Regierung wünscht sich, dass das Volk nicht nur zur Kenntnis nimmt, sondern richtig findet, was in Afghanistan geschieht. Dass die Heimatfront steht.

Kommunikationsproblem. So heißt das immer, wenn die Regierung etwas anderes will als das Volk.

Das Volk glaubt nicht, dass dieser Krieg mit den Toten und der Wut, die er schafft, die Welt sicherer macht. Die große Mehrheit der Deutschen ist gegen diesen Krieg.

Der Krieg ist fremd geworden, erfreulich fremd. Deutschland wurde zivil, nach zwei fürchterlichen Weltkriegen. Es ruft nicht mehr nach militärischen Helden, das ist das Beste, was man über dieses Land sagen kann.

Jetzt soll es seinen Pazifismus verlieren. Es soll lernen, Krieg normal zu finden, führbar, angemessen. Sich ans Töten zu gewöhnen und ans Sterben. Ein Umerziehungsprojekt, es läuft seit 20 Jahren, ernsthaft begonnen hat es unter Rot-Grün.

Als sei der Pazifismus lähmendes Gift, so arbeitete Regierung für Regierung an der "Enttabuisierung des Militärischen", das sagte Gerhard Schröder. Schleichend begann es. 1991, im ersten Irak-Krieg, zahlten die Deutschen nur, das hieß "Scheckbuchdiplomatie", man schämte sich ein bisschen dafür. Dann flogen deutsche Sanitäter nach Kambodscha, man nannte sie "die Engel von Pnom Penh".

Und dann, 1998, wollten die Grünen mitregieren, und die Militärbeauftragte Angelika Beer zog durch ihre Partei der hartnäckigen Zivildienstleister und brachte ihnen bei: Das sind jetzt eure Panzer, das sind jetzt eure Soldaten. Und dann sprach Joschka Fischer von einem neuen Auschwitz, das der Serbe Milosevic (Miloevi) plane und das nur durch Krieg zu verhindern sei. Auschwitz - das äußerste Mittel. Der Kosovo-Krieg, obwohl das Völkerrecht dagegen sprach, sei also gerecht und ohne Alternative. Er hieß "humanitäre Intervention". Wer dagegen war, würde Alliierter der serbischen Mörder sein.

Da war die Illusion, man könne sie zähmen, die Bestie Krieg, könne sich darauf verlassen, dass sie nur frisst, wen man will. Um das Recht zu haben, die Bestie von der Leine zu lassen, muss ein noch schlimmeres Monster benannt werden, mit dem sie fertig werden soll.

Auschwitz, so hieß das Monster bei Fischer im Kosovo.

Atombombe, so heißt es jetzt bei Angela Merkel in Afghanistan. Wer den Abzug will, müsse damit rechnen, dass Atomwaffen in die Hände von Islamisten fallen.

Sie muss so etwas sagen, weil es praktisch keine Erfolge gibt. Acht Jahre Krieg, 140.000 Mann aus 43 Nationen stehen in Afghanistan und werden nicht fertig mit 25.000 Taliban. Inzwischen sterben mehr als 2000 Zivilisten jährlich, die Zahl steigt.

Es ist Krieg, das ist die Wahrheit, die jetzt gesagt wird, aber die wirklich schmutzige Wahrheit über Kriege, die sagt man nicht. Kurz ist sie aufgeblitzt in jenem grauflimmernden Video aus dem Irak-Krieg, das Wikileaks kürzlich der Welt zu Gesicht brachte. Dass es im Krieg so weit kommen kann, dass Töten Spaß macht. Militärausbilder wissen es: dass der Krieg die Soldaten verändert und die Gesellschaft, in die sie zurückkehren, auch.

Der Wehrbeauftragte Reinhold Robbe verlangt, dass die deutsche Gesellschaft sich "mitnehmen" lasse auf dem Weg in den Krieg.

Zu hoffen ist, dass sie das weiterhin nicht tut.

Zu wünschen ist nicht, dass sich diese Gesellschaft an den Krieg gewöhnt, dass sie womöglich den Heroismus wiederentdeckt, den Reiz der Trommeln und Gesänge, das Pathos, jenen Patriotismus, der manchmal seinem hässlichen Bruder, dem Nationalismus, so sehr gleicht.

Zu bedauern ist, dass jene Worte ausgestorben sind, die Lehren waren aus dem letzten Weltkrieg: Kultur der Zurückhaltung. So hieß das mal.

Zu wünschen ist Ehrlichkeit von einer Regierung, einer Parlamentsmehrheit, die gesteht: Das ist Krieg, aber auch: Der Krieg ist nicht sauber, auch gerecht ist er nicht. Er produziert Zerfetzte, Verstümmelte, es wird vergebens gestorben, es ist ein Krieg, der nichts erreicht, der militärisch nicht gewonnen werden kann. Wir dachten damals, er wäre eine gute Sache, aber das ist er nicht. Also gehen wir raus.

Das Volk ist klüger als seine Regenten. Es will nicht, was die Regierung will, ein Kommunikationsproblem, so wird es wohl weiter heißen.

Aber alle Kommunikation wird nichts daran ändern, dass die Toten tot sind und getrocknetes Blut nicht mehr fließt.

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