AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 17/2010

Afghanistan-Debatte Die schmutzige Wahrheit

Abziehen oder bleiben? In Deutschland fragen immer mehr Bürger nach dem Sinn des Afghanistan-Einsatzes der Bundeswehr. Auch in den Redaktionen von SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE ist das Engagement umstritten. Barbara Supp meint: Es ist gut, dass die Mehrheit der Deutschen diesen Krieg ablehnt.

Ehrenwache für getötete Soldaten
AFP

Ehrenwache für getötete Soldaten


Kriegsinvaliden, Kriegerwitwen, Kriegerdenkmäler, Gefallene, was für ein Wort, all das gibt es jetzt wieder. Die Wörter sind zurückgekehrt und die Bedeutung auch, etwas lange überwunden Geglaubtes, und die Regierung wünscht sich, dass das Volk nicht nur zur Kenntnis nimmt, sondern richtig findet, was in Afghanistan geschieht. Dass die Heimatfront steht.

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Kommunikationsproblem. So heißt das immer, wenn die Regierung etwas anderes will als das Volk.

Das Volk glaubt nicht, dass dieser Krieg mit den Toten und der Wut, die er schafft, die Welt sicherer macht. Die große Mehrheit der Deutschen ist gegen diesen Krieg.

Der Krieg ist fremd geworden, erfreulich fremd. Deutschland wurde zivil, nach zwei fürchterlichen Weltkriegen. Es ruft nicht mehr nach militärischen Helden, das ist das Beste, was man über dieses Land sagen kann.

Jetzt soll es seinen Pazifismus verlieren. Es soll lernen, Krieg normal zu finden, führbar, angemessen. Sich ans Töten zu gewöhnen und ans Sterben. Ein Umerziehungsprojekt, es läuft seit 20 Jahren, ernsthaft begonnen hat es unter Rot-Grün.

Als sei der Pazifismus lähmendes Gift, so arbeitete Regierung für Regierung an der "Enttabuisierung des Militärischen", das sagte Gerhard Schröder. Schleichend begann es. 1991, im ersten Irak-Krieg, zahlten die Deutschen nur, das hieß "Scheckbuchdiplomatie", man schämte sich ein bisschen dafür. Dann flogen deutsche Sanitäter nach Kambodscha, man nannte sie "die Engel von Pnom Penh".

Und dann, 1998, wollten die Grünen mitregieren, und die Militärbeauftragte Angelika Beer zog durch ihre Partei der hartnäckigen Zivildienstleister und brachte ihnen bei: Das sind jetzt eure Panzer, das sind jetzt eure Soldaten. Und dann sprach Joschka Fischer von einem neuen Auschwitz, das der Serbe Milosevic (Miloevi) plane und das nur durch Krieg zu verhindern sei. Auschwitz - das äußerste Mittel. Der Kosovo-Krieg, obwohl das Völkerrecht dagegen sprach, sei also gerecht und ohne Alternative. Er hieß "humanitäre Intervention". Wer dagegen war, würde Alliierter der serbischen Mörder sein.

Da war die Illusion, man könne sie zähmen, die Bestie Krieg, könne sich darauf verlassen, dass sie nur frisst, wen man will. Um das Recht zu haben, die Bestie von der Leine zu lassen, muss ein noch schlimmeres Monster benannt werden, mit dem sie fertig werden soll.

Auschwitz, so hieß das Monster bei Fischer im Kosovo.

Atombombe, so heißt es jetzt bei Angela Merkel in Afghanistan. Wer den Abzug will, müsse damit rechnen, dass Atomwaffen in die Hände von Islamisten fallen.

Sie muss so etwas sagen, weil es praktisch keine Erfolge gibt. Acht Jahre Krieg, 140.000 Mann aus 43 Nationen stehen in Afghanistan und werden nicht fertig mit 25.000 Taliban. Inzwischen sterben mehr als 2000 Zivilisten jährlich, die Zahl steigt.

Es ist Krieg, das ist die Wahrheit, die jetzt gesagt wird, aber die wirklich schmutzige Wahrheit über Kriege, die sagt man nicht. Kurz ist sie aufgeblitzt in jenem grauflimmernden Video aus dem Irak-Krieg, das Wikileaks kürzlich der Welt zu Gesicht brachte. Dass es im Krieg so weit kommen kann, dass Töten Spaß macht. Militärausbilder wissen es: dass der Krieg die Soldaten verändert und die Gesellschaft, in die sie zurückkehren, auch.

Der Wehrbeauftragte Reinhold Robbe verlangt, dass die deutsche Gesellschaft sich "mitnehmen" lasse auf dem Weg in den Krieg.

Zu hoffen ist, dass sie das weiterhin nicht tut.

Zu wünschen ist nicht, dass sich diese Gesellschaft an den Krieg gewöhnt, dass sie womöglich den Heroismus wiederentdeckt, den Reiz der Trommeln und Gesänge, das Pathos, jenen Patriotismus, der manchmal seinem hässlichen Bruder, dem Nationalismus, so sehr gleicht.

Zu bedauern ist, dass jene Worte ausgestorben sind, die Lehren waren aus dem letzten Weltkrieg: Kultur der Zurückhaltung. So hieß das mal.

Zu wünschen ist Ehrlichkeit von einer Regierung, einer Parlamentsmehrheit, die gesteht: Das ist Krieg, aber auch: Der Krieg ist nicht sauber, auch gerecht ist er nicht. Er produziert Zerfetzte, Verstümmelte, es wird vergebens gestorben, es ist ein Krieg, der nichts erreicht, der militärisch nicht gewonnen werden kann. Wir dachten damals, er wäre eine gute Sache, aber das ist er nicht. Also gehen wir raus.

Das Volk ist klüger als seine Regenten. Es will nicht, was die Regierung will, ein Kommunikationsproblem, so wird es wohl weiter heißen.

Aber alle Kommunikation wird nichts daran ändern, dass die Toten tot sind und getrocknetes Blut nicht mehr fließt.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 266 Beiträge
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Seite 1
sysiphus, 27.04.2010
1. Danke
Danke an Frau Supp für diese klaren Worte. Ich kann mich da jedem Satz anschließen. Einer der besten Artikel, die in letzter Zeit bei SPON zu lesen waren. Bitte mehr davon.
PeterPen 27.04.2010
2. Entweder richtigen Krieg, oder nach Hause
Ein amerkikanischer Offizier in Afghanistan hat es neulich auf den Punkt gebracht: die Leute dort müssen mehr Angst haben vor den NATO und Regierungssoldaten, als vor den Taliban. Nur so wäre dieser Krieg zu gewinnen. Dh entweder mit aller Brutalität Krieg führen, oder mit eingekniffenem Schwanz abziehen. Die zweite Option ist die realistische, denn es ist einfach nicht vorstellbar, dass unsere Menschenrechtskrieger und Mädchenschulenbauer dort irgendjemandem einen Schreck einjagen. Die Taliban werden den Krieg gewinnen, denn sei haben den Willen dazu, und die nötige Skrupellosigkeit. Unsere Politik sollte ihre Unfähigkeit und Feigheit eingestehen und abziehen. Das würde endlich mal etwas Ehrlichkeit in die Angelegenheit bringen.
coniferia, 27.04.2010
3. Egal, ob die Wahrheit schmutzig ist
Zitat von sysophttp://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,691318,00.html
Schoen, wenn jemand ueberhaupt noch die Wahrheit erkennt. Dann ists auch egal ob sie schmutzig ist. 100% Zustimmung zu dem Artikel.
ecce homo 27.04.2010
4. Danke
Ein guter und ehrlicher Kommentar. Selten so etwas. Danke dafür!
eurocarlos 27.04.2010
5. wenn es denn so einfach wäre...
Ach ja, "irgendwie" nimmt mich Frau Supp mit auf eine Zeitreise. Ich habe die Debatten als (damaliges, aktives) Mitglied der Bündnisgrünen miterlebt. Ich fand und finde es richtig, was Joschka damals gesagt und getan hat. Vielleicht ist der Afghanistan-Einsatz ein Fehlschlag. Auch bei mir wachsen Zweifel. Aber der Einsatz im früheren Jugoslawien war gerechtfertigt. Das friedliebende Europa hat in Srebrenica bewiesen, wozu es gut war. Tausende Unschuldige Menschen wurden wegen ihrer ethnischen bzw. Religionszugehörigkeit abgeschlachtet, Europa sah zu. Milosevic und Mladic wären heute noch an der Macht, wenn es den von Fischer damals befürworteten Einsatz nicht gegeben hätte. Das Jugoslawien-Tribunal hat Schwächen, aber es ist vorhanden. Ich bin wie Frau Supp froh darüber, nicht in einem bellizistischen Land zu wohnen, sondern einem in mehrfacher Hinsicht friedliebenden. Kein Zweifel. Aber Frau Supp bleibt die Antworten auf unbequeme Fragen schuldig. Will sie, dass alle Truppen Afghanistan (und bei der Gelegenheit auch den Irak) sofort verlassen? Ist sie gewillt, es dann eben hinzunehmen, dass wieder Rückzugsräume entstehen, in denen Terroristen frei schalten und walten können? Vielleicht ist die derzeitige Strategie gegen den Terror falsch. Auch ich halte sie an zahlreichen Stellen für verbesserungswürdig. Aber welche Strategie gegen den Terror hat Frau Supp? Mit der derzeitigen Situation ist wahrscheinlich niemand so richtig glücklich. Auch ich nicht. Aber Frau Supp macht es sich zu einfach. Es gibt einen Grund, warum wir eine Parlaments-Armee haben und warum in diesem Parlament die Mehrheit zugunsten dieses Einsatzes weit über die (jeweilige) Regierung hinaus reicht. Mit dem Kommunikationsproblem hat Frau Supp allerdings recht. Ich wünsche mir auch, dass deutlicher gemacht wird, warum "wir" in Afghanistan sind.
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