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Ausgabe 17/2010

Internet: Googeln in fremden Zungen

Von Philip Bethge

Ein deutscher Forscher hat eines der ersten alltagstauglichen Übersetzungsprogramme entwickelt. Brachiale Rechenkraft verhilft der Google-Software zu verblüffend guten Ergebnissen.

Informatiker Och: Ein Affront für jeden Linguisten Zur Großansicht
Clay McLachlan / Aurora

Informatiker Och: Ein Affront für jeden Linguisten

Es ist ein gutes Zeichen, wenn der Schöpfer einer Software diese auch endlich selbst benutzt. In Japan war Franz Och jüngst auf Reisen. Im Restaurant zückte er sein Handy und entschlüsselte die Speisekarte. Auch Lokalnachrichten las er ohne Mühe. Denn die Übersetzungen erhielt er in Sekunden.

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Seit sechs Jahren entwickelt der 38-Jährige im Google-Hauptquartier im kalifornischen Mountain View das Übersetzungsprogramm "Google Translate", "und bislang habe ich es eigentlich nie wirklich selbst benutzt", räumt Och ein. Doch nun der Sinneswandel: "Ich bin sehr glücklich über das, was wir erreicht haben."

Der Deutsche ist der heimliche Star einer Software-Branche, die kein geringeres Ziel hat, als die globalen Sprachbarrieren einzureißen. Och ringt für Google mit Schachtelsätzen, Konjunktiven und Hilfsverben. Das Resultat ist ein Affront für jeden Linguisten. Denn nicht Sprach-Know-how, sondern brachiale Rechenkraft erlaubt die maschinelle Dolmetscherei.

52 Sprachen beherrscht das System bereits. Die Datenbanken für 296 weitere sind gleichsam im Rohbau. Unter ihnen finden sich Exoten wie Sardisch, Westfriesisch oder Zulu.

"Maschinelle Übersetzung ist auf einer neuen Stufe angekommen"

Komplette Internetseiten, Diplomarbeiten, selbst Liebesbriefe übersetzt "Google Translate" im Handumdrehen - und liefert dabei oftmals verblüffend brauchbare Ergebnisse. Für Google liegt der Nutzen auf der Hand: Noch mehr Internetsurfer als bislang lassen sich mit einer derart nützlichen und zudem kostenlosen Anwendung auf die Website der Firma locken.

"Maschinelle Übersetzung ist auf einer neuen Stufe angekommen", schwärmt Och, "die Leute setzen unser Programm inzwischen massiv ein; die Software hat die reale Welt erreicht."

"Was Google hier macht, ist sehr beeindruckend", bestätigt Alon Lavie von der Carnegie Mellon University in Pittsburgh. Der Informatiker sieht die gesamte Branche in Bewegung. Der Markt für Übersetzungssoftware wachse rapide: "Es sind sehr aufregende Zeiten."

Die Epoche der maschinellen Übersetzung ist angebrochen. Programme wie "Google Translate" weisen den Weg in eine Zukunft, in der jedermann auf Knopfdruck in fremden Zungen sprechen kann. Das ultimative Ziel der Sprachtüftler ist eine elektronische Version jenes Babelfischs, den der britische Autor Douglas Adams in seinem Science-Fiction-Klassiker "Per Anhalter durch die Galaxis" erfand: Ins Ohr eingesetzt, übersetzt die blutegelartige Kreatur jede Sprache simultan. Selbst die krude Poesie der Vogonen kann Romanheld Arthur Dent verstehen.

"Wörter haben häufig mehrere Bedeutungen, und die Zahl der Kombinationen ist schier unendlich"

So weit haben es die Entwickler in der Realität zwar noch nicht gebracht. Doch schon gibt es iPhone-Apps wie "Jibbigo", das gesprochenes Englisch wieselflink ins Spanische übersetzt. Schöpfer der Software ist Alex Waibel, Informatiker an der Universität Karlsruhe und an der Carnegie Mellon University. Waibel lässt bereits viele seiner Vorlesungen von Rechnern simultan übersetzen. Auch an Parlamentsdebatten testete er die Technik schon.

Dabei war der Dolmetscher aus dem Computerlabor lange ein kühner Traum. Woher etwa soll die Maschine wissen, dass beim Englischen "breaking records" keine Schallplatten zerdeppert werden? In dem Satz "wir treffen uns im Schloss" wiederum muss die Software die Vokabel "Schloss" mit "castle" übersetzen und keinesfalls mit "lock" (Türschloss), was offensichtlich ziemlicher Blödsinn wäre.

Lange Zeit versuchten die Informatiker, den Programmen derlei Weltwissen über ein komplexes Regelwerk einzubimsen. Doch selbst bei tadellos formulierten Texten geriet die Software oftmals in fröhliches Delirieren. Einen "Alptraum" nennt etwa Swamy Viswanathan von der US-Firma Language Weaver den Versuch, beispielsweise die englische Sprache mit all ihren Nuancen in Regeln zu pressen. "Wörter haben häufig mehrere Bedeutungen, und die Zahl der Kombinationen ist schier unendlich", klagt Viswanathan.

Die Experten von Language Weaver verfolgten daher schon früh ein anderes Konzept. Sie fütterten ihre Systeme mit unzähligen Texten aus dem Internet, die bereits mehrsprachig vorlagen. Der Ansatz der Spezialisten: Fast jeder Satz, jede Phrase ist längst mehrfach übersetzt worden. Reine Statistik reicht daher aus, um ein Sprachkonstrukt zu entschlüsseln.

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insgesamt 93 Beiträge
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1. Verblüffende Ergebnisse: ja.
Vergil 29.04.2010
Zitat von sysopEin deutscher Forscher hat eines der ersten alltagstauglichen Übersetzungsprogramme entwickelt. Brachiale Rechenkraft verhilft der Google-Software zu verblüffend guten Ergebnissen. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,691364,00.html
Ähm... hat der Autor das mal selbst ausprobiert?
2. Also
buzzi 29.04.2010
ich habe gerade mal den Google Translator benutzt und es kommen immer noch wahre Wüsten bei der Übersetzung heraus. Was sich da nun konkret verbessert haben soll, bleibt mir bisher verborgen.
3. Naja
Hercules Rockefeller 29.04.2010
So toll sind die Ergebnisse auch wieder nicht. Und vor Schreibfehlern kapituliert sie ja auch, was also nicht zu einem Ende von Sprachbarrieren führt, wenn nur 100% korrekte Texte übersetzt werden können. Die Idee dahinter ist schön, aber vielleicht wäre es sinnvoller, an einem perfekten Sprachlernprogramm zu basteln. Wenn man effektiver eine oder alle Sprachen erlernen könnte und das auch noch kostenlos, dann wäre die Welt ein ganzes Stück weiter und wäre auch nicht abhängig von mehr oder weniger gelungenen Maschinenübersetzungen. Möchte nicht wissen, wie schnell Kriege ausbrechen würden, verließe sich die Welt irgendwann auf Maschinenübersetzungen. Alleine in der arabischen Welt wäre es ein Fiasko. Lobgesänge wie "Allah find ich geil" dürften für ein rasch vollstrecktes Todesurteil sorgen. Insofern lieber selber übersetzen und sprechen, sicher ist sicher!
4. Was für ein Mist!
jthediver 29.04.2010
Man lasse sich dochmal einen einfachen Text aus dem Englischen übersetzen und dann zurück in's Deutsche. Funktioniert doch vorne und hinten nicht. Ich übersetze häufig Texte, das einfachste ist immer noch, lesen, verstehen und in eigene Worte fassen.
5. Japanisch-Beispiel aus dem Artikel
guido.ringstorff 29.04.2010
Da ich derzeit in Japan arbeite, habe ich mich auch mit Übersetzungsdiensten beschäftigt. Google Translation gehört eindeutig zu den schlechteren. http://www.excite.co.jp/ liefert für Texte ganz brauchbare Ergebenisse. Allerdings fehlt hier dann natürlich der Reiz der "Live-Übersetzung" falls man selbst tippt. Anders gesagt: Zumindest im Bezug auf die im Artikel zitierte Sprache ist Google seit längerer Zeit kaum brauchbar. Wer allerdings einzelne Wörter schnell übersetzen möchte (und sei es die Speise-Karte auf der Web-Page eines japanischen Restaurants), der wird hier glücklich. Einzelne Wörter kann aber eigentlich jede Web-Page/Software.
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