Von Philip Bethge
Es ist ein gutes Zeichen, wenn der Schöpfer einer Software diese auch endlich selbst benutzt. In Japan war Franz Och jüngst auf Reisen. Im Restaurant zückte er sein Handy und entschlüsselte die Speisekarte. Auch Lokalnachrichten las er ohne Mühe. Denn die Übersetzungen erhielt er in Sekunden.
Der Deutsche ist der heimliche Star einer Software-Branche, die kein geringeres Ziel hat, als die globalen Sprachbarrieren einzureißen. Och ringt für Google mit Schachtelsätzen, Konjunktiven und Hilfsverben. Das Resultat ist ein Affront für jeden Linguisten. Denn nicht Sprach-Know-how, sondern brachiale Rechenkraft erlaubt die maschinelle Dolmetscherei.
52 Sprachen beherrscht das System bereits. Die Datenbanken für 296 weitere sind gleichsam im Rohbau. Unter ihnen finden sich Exoten wie Sardisch, Westfriesisch oder Zulu.
"Maschinelle Übersetzung ist auf einer neuen Stufe angekommen"
Komplette Internetseiten, Diplomarbeiten, selbst Liebesbriefe übersetzt "Google Translate" im Handumdrehen - und liefert dabei oftmals verblüffend brauchbare Ergebnisse. Für Google liegt der Nutzen auf der Hand: Noch mehr Internetsurfer als bislang lassen sich mit einer derart nützlichen und zudem kostenlosen Anwendung auf die Website der Firma locken.
"Maschinelle Übersetzung ist auf einer neuen Stufe angekommen", schwärmt Och, "die Leute setzen unser Programm inzwischen massiv ein; die Software hat die reale Welt erreicht."
"Was Google hier macht, ist sehr beeindruckend", bestätigt Alon Lavie von der Carnegie Mellon University in Pittsburgh. Der Informatiker sieht die gesamte Branche in Bewegung. Der Markt für Übersetzungssoftware wachse rapide: "Es sind sehr aufregende Zeiten."
Die Epoche der maschinellen Übersetzung ist angebrochen. Programme wie "Google Translate" weisen den Weg in eine Zukunft, in der jedermann auf Knopfdruck in fremden Zungen sprechen kann. Das ultimative Ziel der Sprachtüftler ist eine elektronische Version jenes Babelfischs, den der britische Autor Douglas Adams in seinem Science-Fiction-Klassiker "Per Anhalter durch die Galaxis" erfand: Ins Ohr eingesetzt, übersetzt die blutegelartige Kreatur jede Sprache simultan. Selbst die krude Poesie der Vogonen kann Romanheld Arthur Dent verstehen.
"Wörter haben häufig mehrere Bedeutungen, und die Zahl der Kombinationen ist schier unendlich"
So weit haben es die Entwickler in der Realität zwar noch nicht gebracht. Doch schon gibt es iPhone-Apps wie "Jibbigo", das gesprochenes Englisch wieselflink ins Spanische übersetzt. Schöpfer der Software ist Alex Waibel, Informatiker an der Universität Karlsruhe und an der Carnegie Mellon University. Waibel lässt bereits viele seiner Vorlesungen von Rechnern simultan übersetzen. Auch an Parlamentsdebatten testete er die Technik schon.
Dabei war der Dolmetscher aus dem Computerlabor lange ein kühner Traum. Woher etwa soll die Maschine wissen, dass beim Englischen "breaking records" keine Schallplatten zerdeppert werden? In dem Satz "wir treffen uns im Schloss" wiederum muss die Software die Vokabel "Schloss" mit "castle" übersetzen und keinesfalls mit "lock" (Türschloss), was offensichtlich ziemlicher Blödsinn wäre.
Lange Zeit versuchten die Informatiker, den Programmen derlei Weltwissen über ein komplexes Regelwerk einzubimsen. Doch selbst bei tadellos formulierten Texten geriet die Software oftmals in fröhliches Delirieren. Einen "Alptraum" nennt etwa Swamy Viswanathan von der US-Firma Language Weaver den Versuch, beispielsweise die englische Sprache mit all ihren Nuancen in Regeln zu pressen. "Wörter haben häufig mehrere Bedeutungen, und die Zahl der Kombinationen ist schier unendlich", klagt Viswanathan.
Die Experten von Language Weaver verfolgten daher schon früh ein anderes Konzept. Sie fütterten ihre Systeme mit unzähligen Texten aus dem Internet, die bereits mehrsprachig vorlagen. Der Ansatz der Spezialisten: Fast jeder Satz, jede Phrase ist längst mehrfach übersetzt worden. Reine Statistik reicht daher aus, um ein Sprachkonstrukt zu entschlüsseln.
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© DER SPIEGEL 17/2010
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