AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 17/2010

Energie der Zukunft Watt aus dem Meer

Die Energieversorgung in Deutschland steht vor einer entscheidenden Wende. In den nächsten Monaten und Jahren werden vor den Küsten große Offshore-Windparks entstehen, mit denen gewaltige Mengen Ökostrom produziert werden sollen. Diese Woche fällt der Startschuss.

DDP / DOTI / Matthias Ibeler

Es ist nass, kalt und unwirklich an einem Morgen unlängst im ostfriesischen Städtchen Emden. Die Nebelschwaden beginnen nur langsam aufzureißen. Das Schlimmste aber ist die Windstille.

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Heft 17/2010
Wie Apple die Welt verführt

"Hoffentlich laufen sie überhaupt", sagt Projektleiter Wilfried Hube mit einem besorgten Blick. Dann zieht er die Gurte seiner Schwimmweste fest und klettert in den Hubschrauber. Im Tiefflug geht es Richtung Küste, vorbei an den Inseln Juist und Borkum direkt auf die Nordsee.

Dort, mitten im Meer, liegt das Ziel des kurzen Flugs: Alpha Ventus, der erste und bislang einzige deutsche Offshore-Windpark. Winzig klein zunächst zeichnen sich die Konturen am Horizont ab. Doch mit jedem Kilometer, den man sich nähert, werden die gigantischen Ausmaße des Projekts deutlich.

Auf einer Fläche von etwa vier Quadratkilometern - das entspricht der Größe von ungefähr 500 Fußballfeldern - ragen insgesamt zwölf Windturbinen aus dem eisigen Wasser. Jede einzelne ist mit rund 150 Metern so hoch wie der Kölner Dom und mit 1000 Tonnen so schwer wie 25 vollbeladene Sattelschlepper.

Fotostrecke

8  Bilder
Fotostrecke: Offshore Windpark Alpha Ventus
Als der Hubschrauber sich langsam auf die nahe gelegene Versorgungsplattform senkt, drehen sich die Rotoren aller Anlagen langsam im aufgefrischten Wind.

220 Gigawattstunden Energie jährlich

Hube wirkt erleichtert. Und das nicht nur, weil ein Offshore-Park ohne Wind immer auch einen "trostlosen Eindruck bei Besuchern" hinterlässt.

Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit hat der Projektleiter vor wenigen Tagen mit Hilfe von Tauchertrupps die letzten Unterwasserkabel anschließen können. Seitdem fließt mit jeder Rotorenbewegung Strom aus der Nordsee Richtung Festland - und das in gewaltigen Mengen.

Mindestens 220 Gigawattstunden Energie wird Alpha Ventus Jahr für Jahr in das Stromnetz einspeisen. Das reicht aus, um 50.000 Haushalte zu versorgen.

Die drei Betreiber, die Stromversorger E.on, Vattenfall und EWE, haben in dieser Woche den Normalbetrieb gestartet. An diesem Dienstag wurde die Anlage gegen 13 Uhr offiziell eingeweiht - mit einem Festakt auf der Versorgungsplattform, zu dem neben den Chefs der großen Energiekonzerne auch Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) eingeflogen wurde.

Die Fertigstellung von Alpha Ventus markiert nicht nur einen Meilenstein für die drei Betreiber. Die Inbetriebnahme des Parks läutet gleichzeitig eine völlig neue Ära der Energieversorgung ein.

Es herrscht Goldgräberstimmung

In den kommenden Monaten und Jahren sollen vor den deutschen und europäischen Küsten weitere riesige Offshore-Anlagen entstehen und enorme Mengen Strom in die Netze auf dem Festland einspeisen.

Große Konzerne wie Siemens, General Electric und europäische Energieversorger wie E.on, RWE, Vattenfall oder die spanische Iberdrola stecken derzeit ihre Claims in den freigegebenen Gewässern ab. Kaum ein Monat vergeht, ohne dass neue milliardenschwere Investitionen auf den Weg gebracht werden.

Es herrscht Goldgräberstimmung. "In der Branche wird der Offshore-Windmarkt als der wesentliche Wachstumsbereich bei den erneuerbaren Energien in unseren Regionen angesehen", sagt Frank Mastiaux, der beim Stromriesen E.on für das Aufgabenfeld zuständig ist. Auch die Politik schöpft Hoffnung.

Mit den Offshore-Windparks scheint die Vision von einer umweltschonenderen Energieversorgung mit geringerer Abhängigkeit von Kohle, Gas und Öl endlich greifbar. Die lang beschworene Wende in der deutschen Energiepolitik rückt ein Stück näher. Der Ökostrom aus dem Meer nimmt in den ambitionierten Plänen der Bundesregierung zum Klimaschutz eine zentrale Rolle ein.

Bereits im Jahr 2007 hatte sich Deutschland gegenüber der EU zu weitreichenden CO2-Senkungen verpflichtet. Eine "Vorreiterrolle" im europäischen und weltweiten Klimaschutz wolle Deutschland spielen, so hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) damals versprochen. Entsprechend ehrgeizig fielen die Ziele aus.

Der Sonderweg Deutschlands in Sache CO2-Reduzierung

So will Deutschland den Ausstoß des klimaschädlichen Kohlendioxids bis 2020 um 30 Prozent gegenüber dem Basisjahr 1990 senken. Und dabei geht die Bundesregierung in der EU eine Art Sonderweg.

Während europäische Nachbarländer bei der CO2-Reduzierung auf einen Mix aus Energiesparmaßnahmen, dem Ausbau regenerativer Energien und der CO2-armen Kernkraft setzen, hält Deutschland am Atomausstieg fest. Die schwarz-gelbe Koalition will die Laufzeiten der Meiler zwar verlängern, doch mehr als eine Brückentechnologie soll die Atomkraft auch in Zukunft nicht sein.

Um die Klimaschutzziele zu erreichen, bleibt neben Sparmaßnahmen somit nur ein massiver Ausbau der regenerativen Energien. Und tatsächlich soll deren Anteil an der Stromproduktion nach Planungen des Umweltministeriums bis zum Jahr 2020 von heute gut 16 auf dann über 30 Prozent steigen.

Zehn Jahre später könnten es sogar schon weit über 40 Prozent sein, hofft Röttgen.

Wie das im Idealfall gehen soll, hat die Bundesregierung in einem "Leitszenario" ausgerechnet. Danach wird die Photovoltaik trotz milliardenschwerer Förderung und hochsubventionierter Arbeitsplätze vergleichsweise wenig zur deutschen Stromproduktion beitragen. Und beim Ausbau von Wasserkraft und Biogasanlagen sind echte Wachstumssprünge bis zum Jahr 2020 nicht zu erwarten.

Die Windenergie muss weiter ausgebaut werden

Die größte Hoffnung basiert auf einem weiteren Ausbau der Windenergie. "Schon in den vergangenen Jahren hat die Branche einen kaum für möglich gehaltenen Aufschwung hinter sich", sagt Verbandspräsident Hermann Albers stolz.

Rund 21.000 Windmühlen sind in Deutschland installiert. Mit den Anlagen werden zwischen sechs und sieben Prozent des deutschen Strombedarfs gedeckt. An stürmischen Tagen und geringer Nachfrage reicht der Ökostrom manchmal sogar für einige Stunden aus, den gesamten Bedarf der Haushaltskunden zu befriedigen.

Möglich wurde dies durch eine konsequent betriebene Förderung. So bekam der Windstrom eine Art Vorrangregelung im Stromnetz. Zudem erhielt die Branche über das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) jahrelang milliardenschwere Zuschüsse zum Betrieb ihrer Anlagen. Doch das System stößt langsam an seine Grenzen.

Trotz teurer Förderprogramme hat die Bundesregierung vernachlässigt, die Infrastruktur an die neuen Erfordernisse anzupassen. Nach wie vor fehlen intelligente Stromnetze und vor allem Speichermöglichkeiten, um windarme Perioden auszugleichen. Auch geografisch sind die Expansionsmöglichkeiten für die Windmüller begrenzt. Gute Standorte an Land sind rar geworden. Und das sogenannte Repowering, bei dem vorhandene Windanlagen durch wesentlich leistungsstärkere und größere Turbinen ersetzt werden, kommt erst langsam in Schwung. Gegen die teilweise doppelt so hohen Anlagen regt sich vielerorts Widerstand.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 165 Beiträge
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Seite 1
gunman, 27.04.2010
1. Don Quixote neue Heimat ...
Zitat von sysopDie Energieversorgung in Deutschland steht vor einer entscheidenden Wende. In den nächsten Monaten und Jahren werden vor den Küsten große Offshore-Windparks entstehen, mit denen gewaltige Mengen Ökostrom produziert werden sollen. Diese Woche fällt der Startschuss. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,691490,00.html
Einfach toll Deutschland, der Welt wird vor Erfurcht erblasen und trotzdem weiter Kernkraftwerke bauen. Und die Wattürmer, die Schollen und Seehunde, denen geht es auch weiter gut? Nicht dass wir uns auch noch darüber hier demnächst pseudofragende Artikel durchlesen müssen. Was für eine Lachnummer und Geldverschwendung!
Jenli, 27.04.2010
2. Die Speicherungsfrage ...
Zitat von sysopDie Energieversorgung in Deutschland steht vor einer entscheidenden Wende. In den nächsten Monaten und Jahren werden vor den Küsten große Offshore-Windparks entstehen, mit denen gewaltige Mengen Ökostrom produziert werden sollen. Diese Woche fällt der Startschuss. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,691490,00.html
... ist die entscheidende bei der Windkraft, denn die oft gerade nicht benötigte Energie muss irgendwie vorgehalten werden. Die bisher vorgestellten Speicherungsmodelle beruhen in der Regel auf einer Verdichtung von Luft, die bei benötigtem Strom unter Zuführung von Erdgas expandiert und in Turbinen verbrannt wird, worüber der Strom erzeugt wird. Letztlich wird auch hierbei auf fossile und nur in endlichen Mengen vorhandene Energieträger zurückgegriffen, CO2-frei ist dieses Verfahren auch nicht, denn Gasverbrennung erzeugt CO2.
Poisen82, 27.04.2010
3. .
220 Gigawattstunden Jährlich, wenn man bedenkt das ein Kernkraftwerk um den Faktor 1000 mehr Energie im Jahr liefert ist das schon etwas Mickrig.
Stefanie Bach, 27.04.2010
4. alpha ventus
Zitat von sysopDie Energieversorgung in Deutschland steht vor einer entscheidenden Wende. In den nächsten Monaten und Jahren werden vor den Küsten große Offshore-Windparks entstehen, mit denen gewaltige Mengen Ökostrom produziert werden sollen. Diese Woche fällt der Startschuss. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,691490,00.html
Dem Offshore-Windpark alpha ventus kann man nur ein gutes Gelingen wünschen. Offshore-Anlagen müssen sehr zuverlässig sein. Die Zuverlässigkeit der Offshore-Windkraftanlagen hat entscheidende Auswirkungen auf die Wirtschaftlichkeit eines Windparks. Wartung und Reparatur sind auf See sehr stark von den Wetterbedingungen abhängig. Windenergie muss um Solarenergie ergänzt werden. 84 Prozent der Verbraucher in Deutschland sprechen sich für die Erweiterung von dezentraler Energieerzeugung aus. Viele Verbraucher wollen Strom lieber selbst produzieren (http://www.plantor.de/2010/viele-verbraucher-wollen-strom-lieber-selbst-produzieren/)
Poisen82, 27.04.2010
5. .
Mein Fehler. Habe mich in der Tabelle verlesen. Ich gebe zu, wenn 220 Gigawatt/h im Jahr geliefert werden ist das eine tolle Sache.
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