AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 18/2010

SPIEGEL-Gespräch: "Die Schweiz ist eine Mafia"

Der libysche Revolutionsführer Muammar al-Gaddafi, 67, über seinen erbitterten Streit mit Bern, die afrikanischen Mittelmeerflüchtlinge und den Nahost-Kurs des amerikanischen Präsidenten Barack Obama.

Selbstherrlicher Gaddafi: "Ich bin kein König" Fotos
AFP

SPIEGEL: Herr Gaddafi, Sie hatten sich über lange Zeit hinweg immer wieder mit dem ganzen Westen angelegt, bevor Sie vor vier Jahren mit Ihrem Erzfeind, den USA, Frieden geschlossen haben. Jetzt aber haben Sie ausgerechnet der kleinen Schweiz den Heiligen Krieg erklärt. Warum?

Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Hier geht es zum digitalen Heft
Neu:
  • Lesen Sie den vollständigen SPIEGEL auf Tablets, Smartphones oder am PC/MAC
  • Mit vielen zusätzlichen Videos, interaktiven Grafiken und Bildern
  • Lesbar über Apps oder Browser
Gaddafi: Die Schweiz ist ein Land unter vielen; mal hat man mit dem einen Ärger, mal mit dem anderen. Mit der Schweiz hatten wir vorher nie Schwierigkeiten, wir schätzten sie als Urlaubsland, wir schätzten ihre Firmen, ihre Armbanduhren. Aber dann begann die Schweiz, uns schlecht zu behandeln. Zum Beispiel die Geschichte mit den Minaretten oder die Veröffentlichung hässlicher Darstellungen des Propheten. Es war notwendig, den Schweizern Einhalt zu gebieten. Das habe ich in meiner Rede zum Geburtstag des Propheten in Bengasi getan.

SPIEGEL: Und nun soll für Ihren Zorn auf die Schweiz der völlig unbeteiligte Schweizer Max Göldi büßen? Ein Mann, dessen Visum angeblich abgelaufen war, der seit fast zwei Jahren Libyen nicht verlassen darf und seit Monaten im Gefängnis sitzt. Warum tun Sie nichts für ihn?

Gaddafi: Das können nur die Gerichte entscheiden.

SPIEGEL: Sie wollen uns sagen, Sie haben nicht die Macht, ihn zu begnadigen?

Gaddafi: Das ist ein Fall fürs Gesetz. Aber ich spreche jetzt über die Schweiz: Die Schweiz ist ein Staatswesen, das außerhalb der Weltgemeinschaft steht. Sie ist an keine EU-Regeln gebunden. Es ist gut, dass sie 2002 der Uno beigetreten ist. Aber die ganze Zeit vorher war sie das nicht. Warum? Sie wollte über dem internationalen Gesetz stehen. Und das hat die Schweiz zu einer Mafia gemacht.

SPIEGEL: Was immer Sie über die Schweiz behaupten mögen - früher hat Sie das doch nicht gestört. Sie haben mit ihr Geschäfte gemacht, Ihre Firma Tamoil Suisse unterhält Dutzende Tankstellen in der Schweiz.

Gaddafi: In der Schweiz wird Geldwäsche in großem Stil betrieben. Wer eine Bank ausraubt, legt das Geld nachher in der Schweiz an. Wer vor der Steuer flieht,

geht in die Schweiz. Wer sein Geld auf geheimen Konten deponiert, geht in die Schweiz. Und eine große Zahl von Besitzern solcher Geheimkonten sind unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommen.

SPIEGEL: Wie bitte?

Gaddafi: Ja, dahinter steckt die Schweiz.

SPIEGEL: Haben nicht auch Libyer Geheimkonten in der Schweiz?

Gaddafi: Ja, auch Libyer gibt es, die solche Konten haben, und auch von ihnen sind viele auf ungeklärte Weise umgekommen. Auf der ganzen Welt werden die Familien dieser Menschen gegen die Schweiz klagen. Und noch etwas anderes: Die Schweiz ist das einzige Land, das Sterbehilfe erlaubt. Warum tut das nur die Schweiz?

SPIEGEL: Auch in den Niederlanden ist ärztliche Sterbehilfe legal. Im Übrigen hat Libyen früher im Ausland Staatsbürger töten lassen, die als Abtrünnige galten.

Gaddafi: Wir sprechen aber jetzt über die Schweiz. Es ist möglich, dass unter den Libyern, nach denen Sie hier fragen und die im Ausland gestorben sind, auch welche sind, die deshalb starben, weil sie Geheimkonten in der Schweiz hatten.

SPIEGEL: Und Sie behaupten im Ernst, die Schweiz als Staat habe die Tötung dieser Menschen in Auftrag gegeben?

Gaddafi: Das werden die Untersuchungen zeigen. Und ich komme noch einmal auf das Phänomen der Beihilfe zum Selbstmord zurück. Eine Reihe von Leuten ist unter diesem Vorwand gezielt aus dem Weg geräumt worden. Die Schweiz behauptet, die Betreffenden hätten den Wunsch geäußert, sich das Leben zu nehmen. Dabei ging es in Wahrheit darum, an ihr Geld heranzukommen. Mehr als 7000 Menschen sind auf diese Weise gestorben. Ich rufe deshalb dazu auf, das Staatswesen der Schweiz aufzulösen. Der französische Teil sollte an Frankreich gehen, der italienische an Italien und der deutsche an Deutschland. Selbst Aiman al-Sawahiri …

SPIEGEL: … der Stellvertreter Osama Bin Ladens …

Gaddafi: … ging mit dem Geld der Qaida in die Schweiz, wo es sich noch immer befindet. Die Schweiz finanziert den Terrorismus.

SPIEGEL: Nochmals: Selbst wenn das alles so wäre, wie Sie sagen - warum hat Sie das früher nie gestört?

Gaddafi: Dass in der Schweiz Geldwäsche betrieben wird und dass Menschen auf ungeklärte Weise ums Leben kommen, haben wir schon früher bemerkt. Aber in letzter Zeit hat sich die Schweiz selbst entlarvt.

SPIEGEL: Hat Ihr Zorn auf die Schweiz nicht in Wahrheit damit zu tun, dass Ihr Sohn Hannibal im Juli 2008 von der Polizei in Genf festgenommen und beschuldigt wurde, zwei Angestellte verprügelt zu haben?

Gaddafi: Über die Sache mit Hannibal freut sich die Schweiz doch nur. Das ist eine Bande, die sich nicht um Recht und Gesetz kümmert. Wie sie mit Hannibal umgegangen ist, beweist: Die Schweiz respektiert keine Gesetze. Ein Angestellter meines Sohnes hat eine Anschuldigung gegen ihn vorgebracht, um selbst in der Schweiz bleiben zu können. Sie mögen ihn ja einsperren - aber bitte alles im Rahmen des Gesetzes. Die Polizisten traten allerdings auf wie eine Bande. Sie waren in Zivil gekleidet, sie brachen die Türen auf, legten meinen Sohn in Ketten und brachten dessen Frau ins Krankenhaus. Seine Tochter, ein oder zwei Jahre alt, ließen sie allein im Hotel zurück. Dann steckten sie ihn gefesselt mal in einen Kühlraum, mal ins Badezimmer - genau so, wie die Qaida mit ihren Opfern umgeht. Ein Akt des Terrorismus.

SPIEGEL: Den Schweizer Behörden zufolge hat sich in Genf etwas ganz anderes abgespielt. Sie sagen, Ihr Sohn habe dort zwei Menschen zusammengeschlagen.

Gaddafi: Nein, nein. So etwas hat es nicht gegeben. Das hat die Schweiz weder mir noch jemand anderem gesagt. Das höre ich jetzt zum ersten Mal.

SPIEGEL: Aber Ähnliches ist doch auch schon anderswo passiert: Auch in London, in Paris und in Deutschland sind Ihre Söhne bereits mit der Polizei in Konflikt geraten. Was sagen Sie denen, wenn so etwas passiert?

Gaddafi: Hier geht es vielfach um jugendlichen Übermut. In Frankreich etwa soll mein Sohn über eine rote Ampel gefahren sein. Das ist etwas ganz Gewöhnliches, Normales.

SPIEGEL: Lassen Sie uns noch einmal nachfragen: Sie hören heute wirklich zum ersten Mal davon, dass Ihr Sohn zwei Menschen schwer misshandelt haben soll?

Gaddafi: Ja, ich höre das zum ersten Mal. Mir ist nur zu Ohren gekommen, dass der Angestellte darüber klagte, dass Hannibal und seine Familie ihn schlecht behandelten. Ich bin gegen solche Verhaltensweisen, ganz egal ob in der Schweiz, in Libyen oder sonst wo. Wogegen ich protestiere, ist die Art und Weise, wie gegen ihn vorgegangen wurde.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 36 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Freak
irgendwer_bln 05.05.2010
Zitat von sysop...Die Schweiz ist eine Mafia... ...Ich rufe dazu auf, das Staatswesen der Schweiz aufzulösen... ...Schweiz finanziert den Terrorismus... ...Ich glaube nach wie vor, dass es eine Verschwörung gab, libysche Kinder zu töten...
Kannste echt nur noch den Kopf schütteln... Entweder paranoid, schizophren oder größenwahnsinnig. In jedem Fall realitätsfremd. Vllt. bringt mal jemand ne SitCom über ihm raus. Wär bestimmt n Kracher!
2. 1
nurEinGast 05.05.2010
Zitat von sysopDer libysche Revolutionsführer Muammar al-Gaddafi, 67, über seinen erbitterten Streit mit Bern, die afrikanischen Mittelmeerflüchtlinge und den Nahost-Kurs des amerikanischen Präsidenten Barack Obama. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,692436,00.html
Au weia. Bei Gaddafi sitzen Genie und Wahnsinn wirklich seehr eng beeinander. Auf der einen Seite sind seine Ausführungen zur Schweiz und dem Flüchtlingsdrama purer Wahnsinn, fern jeder Realität und nicht wert darüber zu diskutieren. Auf der anderen Seite finde ich seinen Vorschlag zum Thema Israel interessant. Würde Israel die Atombombe aufgeben und dem Atomwaffensperrvertrag beitreten würde dies die Nachbarstaaten sicherlich unter Druck setzen. Iran könnte seine Atombombe dann nicht mehr begründen und die Nachbarstaaten könnten sich (zurecht) sicherer fühlen. Dabei würde die Aufgabe Israels Sicherheitsbedürfnissen keinen Abbruch tun- schliesslich haben sie ja die USA hinter sich. Und das ist ein stärkeres Argument, als es eine Terrorwaffe wie die Atombombe jemals sein könnte.
3. Comedy at its best....
KukuNgeduWazaBanga 05.05.2010
So, so...die Schweiz ist Mafia und sein bester Freund Berlusconi...
4. die genialen Einfälle von Gadaffi
Backpacker 05.05.2010
Zitat von nurEinGastAuf der anderen Seite finde ich seinen Vorschlag zum Thema Israel interessant. Würde Israel die Atombombe aufgeben und dem Atomwaffensperrvertrag beitreten würde dies die Nachbarstaaten sicherlich unter Druck setzen.
klar, nämlich unter den Druck dort sofort einzumarschieren... Die IDF ist nicht mehr so überlegen wie sie schon war, das haben sie in Gaza und Libanon die letzten paar Jahre ausdrücklich demonstriert. Das einzige was die arabische Welt davon abhält den Israelis die Tür einzutreten ist die Gewissheit, dass die dann keine Städte mehr haben, in die sie nach dem Krieg zurückkehren können. Selbe gilt für die Anfeindungen aus Teheran. Oder glaubt jemand ernsthaft, dass der Westen heute noch das Lebensrecht Israels mit kriegerischen Mitteln garantieren würde?
5. ..
PeteLustig 05.05.2010
Der Interviewer hätte ihn zum Thema Hannibal ja einmal fragen können, wie nach Meinung Gaddafis der Fall bzw. die Festnahme durch die Schweizer hätte vollzogen werden sollen.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Ausland
RSS
alles zum Thema Libyen
RSS

© DER SPIEGEL 18/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 36 Kommentare
Zur Person
DPA
Muammar al-Gaddafi ist der dienstälteste arabische Machthaber. 40 Jahre nach der Revolution herrscht er über ein Land, das mit den klassenkämpferischen Parolen seines "Grünen Buches" nur noch wenig gemein hat.
Lesen Sie hier mehr über Gaddafi, sein Superzelt und seine Drohungen...
DPA
Muammar al-Gaddafi ist der dienstälteste arabische Machthaber. 40 Jahre nach der Revolution herrscht er über ein Land, das mit den klassenkämpferischen Parolen seines "Grünen Buches" nur noch wenig gemein hat. So äußerlich bescheiden er selbst in seinem Zelt sitzt, so feist ist der Hofstaat geworden, der ihn umgibt. Während der "Bruder Führer" gern im Auto von Stadt zu Stadt reist, wo er dann, wie einst die deutschen Kaiser auf der Pfalz, für Wochen kampiert, fliegen ihm seine Beamten im Business-Jet nach."Wir schaffen es, ohne aufzutanken, bis in die Karibik", sagt die Stewardess beim Anflug auf Sirt, 400 Kilometer östlich von Tripolis. "Die zwei weißen Zelte da unten in der Wüste: Dort ist der Führer."

Vor den Toren seiner Geburtsstadt residiert Gaddafi am liebsten. Minister und Beamte sind in einem Hotelkomplex in der Stadtmitte untergebracht und vertreiben sich die Wartezeit mit Spaziergängen und Diners. "Es ist mir eine Ehre, in der Nähe des Führers zu sein", sagt der Gaddafi-Übersetzer Muftah al-Missuri. "Es wäre mir eine Ehre, ihm auch nur die Schuhe putzen zu dürfen."

Libyens Öl sprudelt, ebenso die Petrodollars, und entsprechend gefragt sind Termine beim Revolutionsführer. Politiker empfängt er in farbenprächtiger Berbertracht im klimatisierten Superzelt, Journalisten in schlichter Militäruniform im Nomadenzelt. Libyen hat nicht nur mit Amerika, sondern auch mit dem Kapitalismus seinen Frieden gemacht. In der Hauptstadt öffnete gerade ein Luxushotel, in dessen Garten die Haute-volee von Tripolis sitzt, ein Einzelzimmer kostet 555 Dollar. "Das ist ganz natürlich", sagt Gaddafi zum SPIEGEL. "Einige können sich eben Seide und Gold leisten. Warum sollen wir ihnen die Protzerei verbieten?" Aus dem sozialistisch eingefärbten Entwicklungsland ist nach dem Ende der Uno-Sanktionen ein Boomland geworden: Hunderttausende Gastarbeiter aus Ägypten und Schwarzafrika arbeiten hier, Firmen aus Europa, Asien und Amerika investieren.

Gespräche mit Gaddafi - der SPIEGEL hat seit 1972 sechs geführt - sind noch immer ein Wechselbad zwischen dem Ernsten und dem Absurden. Während er etwa im Nahost-Konflikt gemäßigtere Positionen als Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad vertritt, versteigt er sich in seinem Zorn auf die Schweiz zu Verschwörungstheorien, die selbst über das im Nahen Osten übliche Maß weit hinausgehen.

Wie ernst ist Gaddafi zu nehmen? Frühere Drohungen, er werde dem Warschauer Pakt beitreten oder der Welt den Ölhahn zudrehen, hat er jedenfalls nie wahrgemacht.
Aus dem aktuellen SPIEGEL

Sie lesen einen Text aus dem
SPIEGEL 18/2010 - entdecken Sie
weitere Top-Themen aus dem Heft:

  • - Abschied vom Benzin: Wie Automobilkonzerne nach dem perfekten Elektroantrieb suchen
  • - Wachstumsbranche Autoklau: Die Zahl der Kfz-Diebstähle steigt rasant
  • - Russland: Wie Stalin der schwächelnden Großmacht aus der Krise helfen soll
  • - Klima: Das Kopenhagen-Protokoll - wie der Gipfel wirklich scheiterte


Fotostrecke
Libyens Gadaffi-Clan: "Heiliger Krieg gegen Nescafé und Birchermüesli"

Fotostrecke
Gaddafis Machtjubiläum: Millionenteures Spektakel