AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 18/2010

Fußball Aufbruch ins Establishment

Präsident Corny Littmann hat den einst notorisch klammen FC St. Pauli zu einem profitablen Unternehmen umgebaut. Sein Pragmatismus kollidiert mit dem Selbstverständnis vieler Fans - für sie ist der Hamburger Kiez-Club auch in der ersten Liga ein Symbol für Unangepasstheit.

dpa

Von und Maik Grossekathöfer


Der Mann, der die Legende begründet hat, der FC St. Pauli sei ein unkonventioneller, antikapitalistischer, ein rebellischer Verein, hat vormittags gegen halb zwölf einen schweren Kater. Er steigt aus seinem Bauwagen, das Gesicht ist zerknautscht, gestern hat er mit ein paar Kumpeln gegrillt und gebechert, auf dem Bauwagenplatz an der Gaußstraße in Hamburg. Der Mann setzt sich auf eine Bank, kramt Tabak und Papier aus der Jackentasche und rülpst.

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Heft 18/2010
Ein Kontinent auf dem Weg in die Pleite

Er nennt sich Doc Mabuse, niemand kennt ihn anders, sein richtiger Name ist in den siebziger Jahren verlorengegangen, als er in einer Punkrockband spielte, die Punkenstein hieß. In den Achtzigern wohnte er in der Hafenstraße, und wenn er dort für seine Hausbesetzergenossen Labskaus kochte, zerstampfte er die Kartoffeln mit dem Vorschlaghammer.

Mabuse zündet sich eine Zigarette an. "Der Totenkopf", sagt er und nimmt einen Zug. "Ich fand, der hat einfach gepasst zu St. Pauli. Wegen Störtebeker und so. Der hat auch gegen die ollen Pfeffersäcke gekämpft."

1981 kaufte Mabuse auf einem Volksfest neben dem Stadion eine Totenkopffahne, tackerte sie an einen Besenstiel und nahm sie mit ans Millerntor. Er war der Erste, mit ihm fing alles an. St. Pauli spielte in der Oberliga und war ein gewöhnlicher, proletarischer Stadtteil-Club ohne politisch-moralische Grundsätze. "Ich hab den Jungs im Block verklickert, dass der Totenkopf 'nen Zeichen für den Widerstand ist. Die haben dann auch alle so Fahnen mitgebracht. Wir standen immer auf der Gegengerade. Das war ganz wichtig. Gegen-Gerade. Verstehste?"

Heute ist der Totenkopf ein Symbol für die vermeintliche Unangepasstheit des Clubs, ein Element seiner Corporate Identity.

Mabuse rülpst wieder. Und erzählt, er sei neulich mit dem Fahrrad am Millerntor vorbeigefahren, an der neuen Südtribüne, die Fassade aus Glas und rotem Backstein. "Sieht aus wie 'ne Filiale von Woolworth. Und die Leute - wo du hinguckst, siehste Totenköpfe. Wenn ich das geahnt hätte damals, hätte ich jetzt 'ne Menge Knete. Was soll's? Arschlecken."

Er geht inzwischen lieber zum Oberligisten Altona 93 als zu St. Pauli. Zu viel Kommerz, zu viele Mode-Fans. "Ist nicht meine Welt, was Corny-Porny da macht."

Er meint Corny Littmann, den Präsidenten. Der Verein feiert diesen Monat seinen 100. Geburtstag, und es gibt nichts Größeres für Littmann, als die Mannschaft im Jubiläumsjahr wieder in der Bundesliga spielen zu sehen.

Littmann ist ein kleiner Mann mit Halbglatze und starrem Blick, Besitzer des Schmidt Theaters auf dem Kiez. Er hat den notorisch klammen Club in den gut sieben Jahren, in denen er im Amt ist, finanziell saniert, er lässt das Stadion umbauen, es gibt am Millerntor nun einen VIP-Raum, es gibt Business-Seats und Logen. Es ist eine neue Welt.

Der Präsident ist mit sich im Reinen, kompromisslos treibt er die Metamorphose des FC St. Pauli voran, hin zu einem durchorganisierten, kühl kalkulierenden mittelständischen Fußballunternehmen, das sich mit den Spielregeln der Unterhaltungsindustrie arrangiert. Littmanns Ziel ist es, sich mit dem Club in der ersten Liga einzurichten. Im Establishment.

Es gibt Fans des FC St. Pauli, und es sind nicht wenige, die halten das für politisch daneben. Für sie ist ein Fußballspiel kein Event, sie wollen einfach nur ihr Team nach vorn grölen, dabei Bier trinken, und in der Halbzeit gibt's eine Wurst. Keine Scampi. Für diese Fans gibt es keine Alternative zum morbiden Sponti-Charme, der den FC St. Pauli so lange umweht hat. Sie meinen, Littmann verkaufe die Seele des Vereins.

Es ist ein Spannungsfeld zwischen dem Bekenntnis zum Kommerz und dem Aufruf zur Revolution, Profitstreben und alternativer Fan-Kultur, Konsensbemühen und Punk-Attitüde.



insgesamt 155 Beiträge
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Seite 1
dynamotor 01.05.2010
1.
St.Pauli ist doch schon lange der nach Bayern bestvermarktetste Verein hierzulande. Schon putzig was für Leute sich da in St.Pauli-Klamotten hüllen, in der Meinung, nun wären sie Fan eines kleinen knuffigen Kultvereins.
Dylan1941, 01.05.2010
2.
Zitat von dynamotorSt.Pauli ist doch schon lange der nach Bayern bestvermarktetste Verein hierzulande. Schon putzig was für Leute sich da in St.Pauli-Klamotten hüllen, in der Meinung, nun wären sie Fan eines kleinen knuffigen Kultvereins.
Richtig ! Ausverkauftes Merchandising und kokettieren mit dem Piratenkopf den die Hamburg hooligans (HSV) in den 80zigern als Logo hatten...... Jetzt möchte Corny L. auch noch den HSV in Sachen Logen Kunden abspenstig machen nach eigener Aussage. Nichts gegen einzuwenden - aber dann soll man nicht so tun als ob man der etwas andere Club wäre....
saul7 01.05.2010
3. ++
Zitat von dynamotorSt.Pauli ist doch schon lange der nach Bayern bestvermarktetste Verein hierzulande. Schon putzig was für Leute sich da in St.Pauli-Klamotten hüllen, in der Meinung, nun wären sie Fan eines kleinen knuffigen Kultvereins.
Stimmt! Ich bin mir allerdings nicht sicher, dass dem Verein in der nächsten Saison in der Ersten Bundesliga großer Erfolg beschieden sein wird....
Hellström 02.05.2010
4. Moin erstmal!
Zitat von sysopAller Voraussicht nach wird der Kult-Club FC St. Pauli ab nächster Saison in der ersten Fußball-Bundesliga spielen. Hochklassig soll auch das Umfeld fürs Publikum werden. Kann man heute noch lebendigen Fußball-Kult mit den Erfordernissen modernen Sport-Managements verbinden? Können Kult und Kommerz am Millerntor gut miteinander auskommen?
Nun, als alter Paulifan, der in den sechzigern von Vatern ins Stadion geschleppt, und in den späten siebzigern freiwillig dort hingetapert ist, merkt man schon einige Veränderungen in der Fanszene. Aber das ist weiss Gott nicht die erste, und sie wird auch nicht die letzte sein. Den Kommerz werde ich wohl verkraften. Ich finde es eigentlich ganz angenehm, mal nicht am Saisonende um den Klassenerhalt zu zittern, oder einen Zwangsabstieg zu erleben, weil das Geld mal wieder nicht gereicht hatte. Hier bin ich Herrn Littmann schon dankbar, der hat die Finanzen sehr gut im Griff. Kult? Ein Unwort, wie ich finde. Aber Millerntor hat eine ganz eigene Atmosphäre, da können sich die Müllis echauffieren wie sie wollen. Hamburg ist Braunweiss!
shakowsky 02.05.2010
5.
St. Pauli ist eine Marke. Wie professionell diese vermarktet wird, lässt so manchen Werbemenschen vor Neid erblassen. Mit dem Fussball Verein hat das schon lange nix mehr zu tun. Sollense machen, 100 von 100 Punkten im Bereich Zielgruppendefinition und - affinität, Kommunikation, Visualisierung, Kommunikation, Sales Strategie etc. pp. PERFEKTES MARKETING. Aber sorry - kultig ist das nicht. Sie habens halt erreicht, daß selbst Schweinehirten aus den Hochtälern Tirols St. Pauli irgendwie toll finden. Frag die bloss nicht, warum....Wissense nämlich nicht.
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