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AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 18/2010

Schule: Liberale Bildung

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Ein gemeinnütziger Verein bietet Lehrern kostenlos Unterrichtsmaterialien an. Bezahlt werden viele der Schriften aus der Wirtschaft - und am Vertrieb verdient die FDP.

Seriös und überparteilich kommt es daher, das "Arbeitsblatt" für die 9. und 10. Klasse zum "Unterrichtsthema: Atomkraft". Es gibt einen einleitenden Text zum "Schock im Januar 2009", als Russland im Streit mit der Ukraine den Gashahn zudrehte, sowie über die Sorge, ob Energie bald "unbezahlbar" werde. Und es gibt neun Zitate zur Kernkraft, darunter von RWE-Chef Jürgen Großmann, einem FDP-Wirtschaftsminister, einem Physiker, von Greenpeace und dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND).

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Die Schüler sollen "die Argumente in einer Tabelle nach ,Pro' und ,Kontra'" ordnen. Sechs Zitate, satt gefüllt mit Fakten und Zahlen, sind schnell als Beiträge pro Kernenergie identifiziert. Die drei Gegenstimmen erschöpfen sich in schlichten Feststellungen wie jener des BUND: "In Deutschland brauchen wir die Atomkraft nicht, die erneuerbaren Energien können sie spielend ersetzen."

Derart munitioniert werden die Schüler aufgefordert, die "eher schwachen" und die "überzeugenden" Argumente zu benennen. Und wer noch immer nicht vom Segen der Kerntechnik überzeugt ist, der wird sicher gleich bekehrt sein, wenn er in der folgenden Aufgabe "die Interessen der Arbeitnehmer" berücksichtigen soll. Als Denkanstoß präsentiert das Unterrichtsmaterial eine Passage aus der "Wirtschaftswoche" vom 16. Februar 2009: "Die Atomindustrie blüht und wächst. Inmitten der Wirtschaftskrise gibt es sogar neue Arbeitsplätze und Aufträge aus dem Ausland."

"Wir haben kein Problem darin gesehen"

Nein, er könne nicht nachvollziehen, was daran einseitig sei, verteidigt Michael Jäger das Arbeitsblatt, "wir haben kein Problem darin gesehen". Jäger ist Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Jugend und Bildung e. V., die auf ihrer Internetseite für das Material wirbt und es zum Download anbietet. Der Verein hat sich das hehre Ziel gesetzt, "die Bildung und Erziehung der Jugend zu fördern". Dazu gibt er Unterrichtsmaterial aller Art heraus, angeblich werden monatlich rund 50.000-mal Arbeitsblätter im Netz abgerufen.

Auf den ersten Blick scheint die Arbeitsgemeinschaft Jugend und Bildung über jeden Zweifel erhaben; sie nennt sich unabhängig und ist laut Satzung gemeinnützig. Oder ist das alles nur ein wohlgepflegter Schein? Der Unterrichtsbogen zur Kernenergie wirkt jedenfalls wie ein Propagandapapier der Atomlobby - und das ist er auch: Herausgeber ist der Informationskreis Kernenergie, der die Interessen der deutschen Betreiber von Atomkraftwerken vertritt.

Eine gemeinnützige Organisation gibt sich für Lobbying her? Die Erklärung ist so erstaunlich wie simpel. Hinter dem Verein steckt ein kommerzieller Verlag. Sein Angebot: interessierte Wirtschaftskreise in Kontakt mit Schülern zu bringen. Sein Eigentümer, zu 50 Prozent: die FDP.

Netzwerk von Lehrmittelanbieter, Verlag und Partei

Das Netzwerk von Lehrmittelanbieter, Verlag und Partei ist denkbar eng geknüpft. In Berlin-Mitte, in der Reinhardtstraße 14-16, sind sie alle unter einem Dach: Im Thomas-Dehler-Haus residieren die Bundesgeschäftsstelle der FDP, die Arbeitsgemeinschaft Jugend und Bildung und die Berlin-Dependance des Universum Verlags.

Sobald Lehrer Arbeitsblätter des Vereins bestellen, treten sie mit der Universum Verlag GmbH in Kontakt. Neben der FDP gehört das Unternehmen der Media Holding von Siegfried Pabst. Pabst, ein langjähriges FDP-Mitglied, leitete früher den FDP-Bürgerfonds und sammelte im Wahlkampf 2005 eifrig Spenden. Er ist Gesellschafter und Geschäftsführer des Universum Verlags, und er sitzt im Vorstand der Arbeitsgemeinschaft Jugend und Bildung als deren Schatzmeister.

Auch der Leiter des Geschäftsbereichs für Kinder, Jugend und Schule bei Universum garantiert kurze Wege und minimale Reibungsverluste: Es ist Michael Jäger, der Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft.

Seine Doppelrolle, die gelbe Unterwanderung des Vereins, der ökonomische Nutzen für die Partei - das alles ist für Jäger kein Problem: "Das ist doch kein Geheimnis. Es ist überall nachlesbar, etwa in Rechenschaftsberichten der FDP."

Nur: Wer sucht, wenn er den Hintergrund der Arbeitsgemeinschaft Jugend und Bildung kennenlernen will, in den Rechenschaftsberichten einer Partei?

Geschickt schlägt die Universum-Verlagsgruppe aus der herrschenden Mangelwirtschaft an deutschen Schulen mit Hilfe des Vereins Kapital: Sie bieten Alternativen zu oft längst veralteten Büchern; sie sorgen dafür, die Kürzungen der Bundesländer für Lehrmittel abzufangen; und sie kommen dem Wunsch nach individualisiertem Unterricht entgegen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 98 Beiträge
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1. Oh...
prenzberger 08.05.2010
Oh, welch Skandal! Die FDP hält tatsächlich 50% an einem popligen Lehrmittelverlag. Ich sag nur: SPD-Medienbeteiligungen. Übrigens meckert hier keiner, wenn Kinder in der Schule mit Material von Greenpeace indoktriniert werden oder als Hausaufgabe Unterschriftenlisten füllen müssen, deren politische Forderungen sie nicht verstehen können. http://allesverboten.wordpress.com/2009/06/27/im-namen-des-herrn-gegen-killerspiele-und-waffen/
2. Früh übt sich....
Freifrau von Hase 08.05.2010
Ja ja, wer ein System fest verankern will, muss sich die Jugend heranziehen. Sehr clever, liebe FDP.
3. Hetze !
Sabi 08.05.2010
Der Spiegel hetzt mit Begriffen wie "verstahlt" ! Üblicherweise verwendet man solche Begriffe bei Konatmination mit Nuklearamterial und das tödlich enden ! Was bezweckt "Spiegel" mit dieser reisserischen Wortwahl ? Ich finde's verantwortungslos !
4. Morgen ab der ersten
doctor manhattan 08.05.2010
Hochrechnung müssen wir uns viel weniger Sorgen um die FDP machen…
5. Scientology kann sich bei der FDP
olicrom 08.05.2010
... und Westerwelle noch einiges abschauen. Sauberes Geschäftskonzept. 1) Wir kürzen Bildungsausgaben. Das Ersparte bekommen die Apotheker. 2) Dann machen wir auf Helden, indem wir das marode System retten. Wir stellen Bildungsmittel zur Verfügung. Dass damit Meinung manipuliert wird, versteht sich von selbst. Wir müssen doch auch sehen, wo wir bleiben. 3) Dafür, dass wir Kinder manipulieren, bekommen wir Geld von der Atomindustrie. Der lassen wird dann ihre Meiler die nächsten tausend Jahre laufen. 4)Von der erhöhten Krebsrate profitieren wiederum die Apotheker, die uns mittlerweile zu 99,9 Prozent wählen. Das wollen wir auch mit anderen Berufsgruppen so machen.
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