AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 19/2010

Luftfahrt Wildwest unter den Wolken

Die Sichtflüge während des Vulkanasche-Alarms waren gefährlicher als bisher bekannt. Dutzende Maschinen rasten im Tiefflug über Deutschland - trotz der Warnungen von Piloten und Lotsen.

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REUTERS

Spätestens als sie über das Steinhuder Meer hinwegflogen, war Carsten Richter* "stark beunruhigt". Der Lufthansa-Pilot saß als Passagier hinten in der Kabine und schaute aus dem Fenster.

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"Wir befanden uns noch auf geschätzten 1000 Metern über Grund", erzählt Richter. Über der norddeutschen Tiefebene ging der Airbus A321 ("Lindau"), der in Frankfurt am Main gestartet war, noch weiter hinab. "Die recht groß wirkenden Windräder haben mich etwas an der geforderten Mindesthöhe zweifeln lassen", schrieb der Erste Offizier später in einem internen Lufthansa-Piloten-Forum.

Es war Dienstagmorgen, der 20. April, als der Airbus (Kennzeichen D-AISQ) 50 Kilometer vor Hamburg im Tiefflug über Norddeutschland hinwegraste. Bei einer Flughöhe von unter 600 Metern hielt Pilot Richter besorgt nach möglichen "Kaffeefliegern" Ausschau: Cessnas, Segelfliegern, Drachenfliegern. Noch südlich der Elbe sollten sich seine Befürchtungen bestätigen: "Ich war nicht sonderlich erfreut, als ein Kleinflugzeug unter uns auftauchte", notierte er hinterher im Lufthansa-Forum.

Immerhin, um 12.17 Uhr landete die Maschine wohlbehalten in Hamburg-Fuhlsbüttel. Noch zehn weitere Maschinen waren am Morgen in Hamburg gestartet oder gelandet. Ihre Flugverläufe dürften wohl bislang einzigartig gewesen sein. Auf manche wirkte es wie Wildwest-Fliegerei am Himmel über Deutschland.

Angefangen hatte alles mit dem isländischen Vulkan Eyjafjallajökull, der seine Asche schon seit Tagen Richtung Europa spuckte. Aus Sicherheitsgründen waren das Wochenende über fast keine Flugzeuge mehr mit Passagieren gestartet. Auf massiven Druck der Fluggesellschaften fanden Bürokraten schließlich einen rechtlichen Trick, wie die Maschinen trotz Asche fliegen konnten.

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Grafiken: Tiefflieger über Deutschland:
Der sogenannte kontrollierte Sichtflug, der eigentlich für ambitionierte Hobbypiloten in ihren Cessnas gedacht ist, sollte plötzlich für Hunderte Tonnen schwere Linienflugzeuge gelten. Denn das Flugverbot bei Vulkanasche in der Luft galt nicht für Sichtflüge.

Kontrollierte Sichtflüge bedeuten: Anders als sonst erhalten die Flugkapitäne keine Anweisungen mehr von den Lotsen der Deutschen Flugsicherung (DFS) am Boden, sondern lediglich Hinweise, etwa falls sich ihr Flugzeug einem anderen gefährlich nähert. Wichtig dabei ist: Wegen der höheren Unsicherheit müssen die Piloten jeglichen Wolken ausweichen oder diese unterfliegen.

Piloten und Fluglotsen äußerten massive Bedenken

Von Montagabend bis Mittwoch früh, also an drei Tagen, "duldete" das Bundesverkehrsministerium diese Praxis. 30 Fluggesellschaften beantragten Sichtflüge; 559 solche Ausnahmeflüge hat Air Berlin, 395 die Lufthansa absolviert. Doch nun stellt sich heraus: Piloten und Fluglotsen äußerten intern massive Bedenken.

Noch heute dauern die Debatten an. Der Sicherheitspilot der Lufthansa, Jürgen Steinberg, bedauerte vorige Woche in einem Aushang, den Sichtflügen zugestimmt zu haben: "Das darf sich nicht wiederholen. Heute würde meine Empfehlung in der gleichen Situation lauten: Don't do it." So offen hat noch keiner gewagt, die Konzernentscheidung zu kritisieren. Steinberg gibt zu, dass die Situation von Piloten "als unbefriedigend oder auch als bedrohlich" empfunden wurde.

Lufthansa-Bereichsvorstand und -Chefpilot Jürgen Raps distanziert sich von seinem Sicherheitspiloten: "Das ist seine rein persönliche Einschätzung, die sich nicht mit der Auffassung des Konzerns deckt." Man habe im Übrigen "das Verfahren im Vorfeld gemeinsam mit dem Verkehrsministerium, dem Luftfahrtbundesamt sowie der DFS erarbeitet und von diesen Behörden genehmigt bekommen."

Sicherheitspilot Steinberg bezieht sich in seiner Kritik wohl auf heftige Wortbeiträge in den Lufthansa-internen Piloten-Foren. Darin schreibt ein Kapitän etwa, er habe "enormes Bauchweh, mit dem Verkehrsflugzeug und 200 Seelen Sichtflug durch den deutschen Luftraum zu fliegen". Ein anderer bewertet die Sichtflüge gar als ein Zeichen für den "Verfall der Sicherheitskultur" in seinem Konzern.

Ähnlich wütend reagierten auch die Fluglotsen. "Als wir von der Betriebsanweisung unserer Führung erfuhren, waren viele von uns zunächst fassungslos", klagt ein DFS-Lotse.


* Name von der Redaktion geändert.



Forum - Vulkanausbruch - war die Sperrung des Luftraums überhaupt notwendig?
insgesamt 138 Beiträge
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Seite 1
Fackus 24.04.2010
1. eine Frage ...
Zitat von sysopNach dem europaweiten Reise-Chaos dauert die Diskussion über den Umgang mit dem Vulkanausbruch weiterhin an. Inzwischen erscheinen die Entscheidungen zweifelhaft. War die radikale Sperrung des Luftraums überhaupt notwendig?
... die in ihrer Dämlichkeit glatt aus dem ZdF Politbarometer entsprungen sein könnte. Ach - da war sie neulich sogar ? ... klaro. Als ob von uns Normalos irgendeiner das tatsächlich beantworten könnte! Keiner hat seinen Rüssel zum Schnuppern in 6000m über Grund gehängt. Kaum einer wird wissen, was da überhaupt rumgeflogen ist oder hat je einen Vulkan von innen gesehen. Na - dann wird's ja gleich wieder losgehen: Druff auf die Entscheider ! Aber mal nachdenken, was man in so einem Fall an verantwortlicher Stelle wirklich selber getan hätte.
semper fi, 24.04.2010
2.
Zitat von sysopNach dem europaweiten Reise-Chaos dauert die Diskussion über den Umgang mit dem Vulkanausbruch weiterhin an. Inzwischen erscheinen die Entscheidungen zweifelhaft. War die radikale Sperrung des Luftraums überhaupt notwendig?
Die zweideutige Antwort lautet: Jein. Die Sperrung war notwendig. Aber aufgrund des äusserst schlechten Krisenmanagements (in anderen Foren schon mehrfach ausgeführt) hat die Sperrung viel zu lange gedauert.
Haio Forler 24.04.2010
3. .
Zitat von Fackus... die in ihrer Dämlichkeit glatt aus dem ZdF Politbarometer entsprungen sein könnte. Ach - da war sie neulich sogar ? ... klaro. Als ob von uns Normalos irgendeiner das tatsächlich beantworten könnte! Keiner hat seinen Rüssel zum Schnuppern in 6000m über Grund gehängt. Kaum einer wird wissen, was da überhaupt rumgeflogen ist oder hat je einen Vulkan von innen gesehen. Na - dann wird's ja gleich wieder losgehen: Druff auf die Entscheider ! Aber mal nachdenken, was man in so einem Fall an verantwortlicher Stelle wirklich selber getan hätte.
Eben. Vermutlich dasselbe, einfach um sicher zu gehen. Ich hätte das Getöse hören wollen, wäre auch nur eine halbbesetzte Cessna wegen Asche abgestürzt.
shaman1905 24.04.2010
4.
Ich bin mir ganz sicher, was ich gemacht hätte: Gesperrt. Auch nur ein Menschenleben zu riskieren, solange vieles unklar war, hätte ich nicht verantworten wollen.
rkinfo 24.04.2010
5.
Zitat von semper fiDie zweideutige Antwort lautet: Jein. Die Sperrung war notwendig. Aber aufgrund des äusserst schlechten Krisenmanagements (in anderen Foren schon mehrfach ausgeführt) hat die Sperrung viel zu lange gedauert.
Genau ! Auch die Fluggesellschaften, Aibus & Boeing sowie die Triebwerkhersteller hatte keine Daten um die Asche zu bewerten. Ohne messbares Indiz was gefährlich und ungefährlich ist war die Sperrung unvermeidbar. Aber sowas muß nicht viele Tage dauern und vor allem nicht alle 6-10 Stunden neu geschoben werden.
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