AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 19/2010

Kriminalität Ole und die Brandstifter

An Randale, Bandenkriminalität und Autobrände hatte man sich beinahe gewöhnt in Hamburgs Szenevierteln. Doch nun trifft es auch Bürger und deren Luxuswagen in den gediegenen Wohnlagen - Alarmstufe Rot für den schwarz-grünen Senat.

DPA

Von Bruno Schrep


Wer im feinen Hamburger Stadtteil Harvestehude wohnt, umgeben von alten Villen und gepflegten Parkanlagen, glaubte sich bis vor kurzem vor den Verwerfungen der Großstadt ziemlich sicher. Drei-Zimmer-Eigentumswohnungen werden hier schon mal für 890.000 Euro angeboten, in manchen Seitenstraßen parken mehr als ein halbes Dutzend Porsche am Straßenrand.

Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 19/2010
Wie viel Griechenland können wir uns noch leisten?

Geraubt, geprügelt, geschossen und gebrandschatzt wurde bislang immer anderswo: im brodelnden Schanzenviertel etwa, wo sich Autonome und jugendliche Gewalttäter regelmäßig Straßenschlachten mit der Polizei liefern wie jüngst um den 1. Mai, oder auf dem Kiez rund um die Reeperbahn, wo rivalisierende Banden um die Vorherrschaft im Drogen- und Sexgeschäft kämpfen und Betrunkene nächtens mit Messern aufeinander losgehen.

"Das war alles ganz weit weg", versichert Unternehmensberater Hans B., der unweit der Außenalster wohnt, "davon las man höchstens in der Zeitung." Doch nun ist das Unheil ganz nahe.

Als der Geschäftsmann kürzlich, alarmiert von einem Anruf, morgens auf die Straße rannte, war das schicke Audi-Cabrio seiner Frau nur noch ein rauchender Schrotthaufen. Auch von den Autos der Nachbarn waren kaum mehr als bizarr verbogene Metallteile, zerschmolzene Armaturen und zerborstene Scheiben übrig. In der abgelegenen Sackgasse sah es aus wie nach einem Bombenangriff.

Anwohner E. stand fassungslos vor den Trümmern seines Mercedes, fühlte sich persönlich angegriffen. Anwohnerin K. betrachtete weinend die verkohlten Reste ihres Beetle-Cabrios, das sie dereinst persönlich in Wolfsburg abgeholt hatte.

Die Brandstiftung von Harvestehude reiht sich ein in eine Serie unheimlicher Anschläge auf Privatautos, die seit Monaten die Hansestadt beunruhigt. Bislang unbekannte Täter zerstören nicht nur teures Eigentum, sie bringen, wie erst letzte Woche, auch Menschen in Lebensgefahr; wiederholt griffen die Flammen auf Carports und Häuser über. In der Stadt herrscht eine Art Ausnahmezustand.

Schwer verunsichert sind sie, die Bewohner gediegener Hamburger Wohnlagen wie Winterhude, Groß-Flottbek und Poppenbüttel, in Gegenden, in denen die Bürger vorwiegend konservativ denken und wählen. Sie fühlen sich im Stich gelassen. "Ich trage nicht unerheblich zum Fortgang unseres Gemeinwesens bei", sagt Unternehmensberater B., "ich hinterziehe keine Steuern, ich habe keine Konten in der Schweiz, ich mache alles ordentlich." Jetzt, wo er mitten in seiner Oase angegriffen wurde, erwartet er Schutz und Aufklärung.

Die CDU offenbart Hilflosigkeit in der inneren Sicherheit

Doch die Polizei tut sich schwer, die Attentäter zu fassen. Dramatische Hubschraubereinsätze blieben ebenso ergebnislos wie das Abriegeln ganzer Stadtteile. Und so gerät der Erste Bürgermeister in die Kritik: Ole von Beust (CDU).

Für viele Christdemokraten war es hart genug, Beusts Bündnis mit den Grünen zu akzeptieren. Die im Koalitionsvertrag vereinbarte Verlängerung der Grundschulzeit auf sechs Jahre stößt in der Union auf breites Unverständnis. Auch Beusts Äußerungen über Wohlhabende, die "erbarmungslos ihren Reichtum zeigen" und "immer chrombeladenere Autos fahren", haben dem einst so populären Freiherrn mächtig geschadet.

Wenn die CDU nun in einem ihrer Kompetenzfelder - der inneren Sicherheit - Hilflosigkeit offenbart, ist das ein Debakel: SPD-Oppositionsführer Olaf Scholz hat Beust, vor kurzem noch undenkbar, bei Umfragen überholt.

Ole von Beust hat deshalb eine Fahndungsoffensive starten lassen: 200 Zivilbeamte machen mittlerweile des nachts Jagd auf die Brandstifter, zu Fuß, in Einsatzwagen, auf Fahrrädern. Die Belohnung, die bei Ergreifung der Täter an Hinweisgeber gezahlt wird, wurde von 2500 auf 20.000 Euro aufgestockt.

Die Ermittler gehen davon aus, dass die neue Brandserie wenig zu tun hat mit den 185 Autobränden, die Hamburg im vergangenen Jahr zählte. Bei ihnen handelte es sich in vielen Fällen um jugendlichen Vandalismus, spontan begangen im Suff, ungezielt und planlos.

Ein 30-Jähriger, Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr, der am Wochenende im Hamburger Stadtteil Langenhorn festgenommen wurde, nachdem dort ein Carport in Flammen aufging, hat nach Polizeiangaben nichts mit den Anschlägen zu tun, mit denen Unbekannte das gesamte Stadtgebiet überziehen. Feuer legten auch eifersüchtige Liebhaber und Versicherungsbetrüger, und rund zwei Dutzend Brandstiftungen gingen auf das Konto von Autoknackern, die ihre Spuren vernichten wollten. 31 Attacken ließen sich anhand von Selbstbezichtigungen oder Tatmerkmalen eindeutig Linksextremen zuordnen. Als etwa im November 2009 in Harvestehude der Mercedes CLS 600 des prominenten Werbers Jean-Remy von Matt in Flammen aufging, begründeten militante Öko-Aktivisten den Anschlag mit Matts Werbekampagne für den Energiekonzern RWE.



insgesamt 216 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
number12, 13.05.2010
1. Pfft ...
---Zitat--- Doch zur Schlüsselfrage, was die Brandstifter letztlich antreibt, hat die Kripo statt Antworten nur Hypothesen. Versuchen gestörte Jugendliche durch Begehung heimlicher Verbrechen ihre innere Leere zu überdröhnen, wie manche Polizeipsychologen vermuten? Suchen Pyromanen zwanghaft Nervenkitzel? Wollen militante Autogegner gegen die wachsende Motorisierung protestieren? Geht es fanatischen Rechtsradikalen darum, Angst und Schrecken zu verbreiten? Oder existiert doch eine bisher unbekannte Form linker Opposition? ---Zitatende--- Vielleicht noch eine andere Gruppe hinzurechnen. Nämlich die, die ihre Autos auf dem Gebrauchtwagenmarkt nicht losbekommt und sie versucht, „an die Versicherung zu verkaufen“. Es gibt ja nicht mehr viele Parkplätze am Fischmarkt, die bei Sturm überflutet werden (gibt auch weniger Sturmfluten als früher, oder?), und auf denen man nicht umgehend abgeschleppt wird. Und an den Abenden des 30. April und 1. Mai sind die Parkplätze am Schulterblatt auch etwas begrenzt ;-)
yomow 13.05.2010
2. Titel.
Da werden eindeutig die falschen getroffen. Ich kann es ja irgendwo noch nachvollziehen (auch wenns wirklich schwer fällt), wenn Linke Randalierer die Fassade einer Bankfiliale mit Farbbeuteln bewerfen, aber die Autos von normalen Anwohnern mit etwas gehobenem Einkommen zu zerstören...?! Sowas ist gemein, hinterhältig und vorallem sinnlos. Ich fürchte auch, dass sowas nur noch zu mehr Abschottung der Besserverdienenden führt und zu mehr Überwachung. Also bewirken die Täter genau das Gegenteil von ihren Zielen.
GerwinZwo 13.05.2010
3. Warum
Warum sollen eigentlich die Bewohner von "Problembezirken", also idR gerade die Schwächeren in unserer Gesellschaft, weniger Schutz verdienen als in "Nobelvierteln"? Oder Letztere mehr Schutz als Menschen, die es sich eben nicht leisten können, in überteuerten Bezirken zu leben? Das interessierte mich mal.... Typisch, daß die Politik so richtig erst dann aus den Puschen kommt, wenn es die "Reicheren" nun auch mal trifft. Ist ebenfalls eine Spielart der Klientelpolitik. Im Übrigen glaube ich nicht einmal, daß in den genannten Wohngebieten hauptsächlich politisch Konservative wohnen. Könnte mir gut vorstellen, daß da im Gegenteil der Anteil "Grüner" überdurchschnittlich hoch ist. Passt ins Bild, daß nun deren Aufschrei besonders laut ausfällt.
timewalk 13.05.2010
4. System Flaws
Zitat von sysopAn Randale, Bandenkriminalität und Autobrände hatte man sich beinahe gewöhnt in Hamburgs Szenevierteln. Doch nun trifft es auch Bürger und deren Luxuswagen in den gediegenen Wohnlagen - Alarmstufe Rot für den schwarz-grünen Senat. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,694099,00.html
Das ist doch eine prima Gelegenheit sich einen Elektrostromer zuzulegen. Finanziell sollte dies trotz Ausfall des Verbrenners, kein Hinderungsgrund sein. Motiv könnte unterschiedlich sein, nur finde ich sollten gerade wohlhabende Ihr Geld in vernünftige und zukunftsfähige Technologien investieren. Ich habe null Verständnis für SUV, Porsche und Co. Halter, die mit Ihren Karossen die Atemluft verpesten. Gerade Dieselabgase sind schädlich und lösen Stressreaktionen im Gehirn aus, welche die Leistungsfähigkeit herabsetzen. Das überhaupt noch Verbrenner zugelassen sind, zeigt nur wie steinzeitlich unsere Gesellschaft noch ist. Die Schere zwischen Arm und Reich wächst stetig, was Neid provoziert. Es gibt zuwenig Gerechtigkeit im Lande und unsere Regierung tut in der Hinsicht viel zu wenig. Grundsätzlich sollten alle froh darüber sein, das man körperlich unversehrt geblieben ist. Hier in Berlin werden Frauen hinterrücks bewustlos geschlagen (Schädel Hirn Trauma) und Ihrer Handtasche beraubt.
nurmeinsenf 13.05.2010
5. "Ausbaldowert"
Minutiös geplant sein muß da nichts. Solange der/die Täter es nicht auf ein bestimmtes Objekt abgesehen haben, reicht es schlicht und einfach, zu nachtschlafener Zeit mit Grillanzündern und Feuerzeug spazieren zu gehen. Oder zu radeln. Zugeschlagen wird nur dann, wenn derjenige sich für ein paar Sekunden unbeobachtet fühlt. Schwierig. In der Lage der Ermittler möchte ich nicht stecken.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© DER SPIEGEL 19/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.