AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 20/2010

Währung "Jetzt haben wir den Salat"

Ex-Bundesbank-Chef Karl Otto Pöhl, 80, über die Rettungspakete für südeuropäische Staaten, die Rolle der Geldpolitik in der Krise und die Zukunft der Gemeinschaftswährung

Ex-Bundesbanker Pöhl: "Natürlich hätte es Alternativen gegeben"
DPA

Ex-Bundesbanker Pöhl: "Natürlich hätte es Alternativen gegeben"


SPIEGEL: Herr Pöhl, legen Sie Ihr Geld noch in Euro an, oder ist Ihnen die Gemeinschaftswährung mittlerweile zu unsicher geworden?

Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Hier geht es zum digitalen Heft
Neu:
  • Lesen Sie den vollständigen SPIEGEL auf Tablets, Smartphones oder am PC/MAC
  • Mit vielen zusätzlichen Videos, interaktiven Grafiken und Bildern
  • Lesbar über Apps oder Browser

Pöhl: Noch habe ich Geld im Euro, aber Ihre Frage ist berechtigt. Es besteht jedenfalls die Gefahr, dass der Euro eine Schwachwährung wird.

SPIEGEL: Der Kurs zum Dollar ist jedenfalls immer noch bei rund 1,25. Wo ist das Problem?

Pöhl: Die Geschäftsgrundlage des Euro hat sich fundamental verändert, nachdem sich die Regierungen der Euro-Zone zu einem gegenseitigen Haftungsverbund entschlossen haben. Das ist ein Verstoß gegen alle Regeln. Es steht ausdrücklich im Vertrag über die Arbeitsweise der EU, dass kein Staat für die Schulden eines anderen haftet. Was wir jetzt tun, ist genau dies. Dazu kommt, dass die Europäische Zentralbank entgegen allen Schwüren und gegen das ausdrückliche Verbot in ihrer Satzung nun auch noch in die Staatsfinanzierung eingestiegen ist. Auch das wird selbstverständlich Auswirkungen haben.

SPIEGEL: Was wird passieren?

Pöhl: Der Euro hat bereits gegenüber einer ganzen Reihe von Währungen an Wert verloren. Dieser Trend kann sich fortsetzen, weil wir nun quasi eine Garantie abgeben für eine ganze Reihe von Schwachwährungen, die nie im Euro hätten aufgehen dürfen.

SPIEGEL: Die Bundesregierung versichert, dass sowohl das Rettungspaket für Griechenland wie auch das für die übrigen Staaten alternativlos waren.

Pöhl: Ich glaube das nicht. Natürlich hätte es Alternativen gegeben. Zum Beispiel hätte man Griechenland nie in die Euro-Zone aufnehmen dürfen.

SPIEGEL: Das mag sein. Aber dieser Fehler ist schon vor Jahren gemacht worden.

Pöhl: Dennoch war es ein Fehler, das ist ganz eindeutig. Auch hätte ich erwartet, dass die Kommission und die EZB viel früher eingreifen. Es hätte ihnen auffallen müssen, dass ein kleines, ein winziges Land wie Griechenland, noch dazu ohne industrielle Basis, niemals in der Lage sein wird, 300 Milliarden Euro Schulden zurückzuzahlen.

SPIEGEL: Nach der sogenannten Rettung sind es sogar 350 Milliarden Euro...

Pöhl: ... die das Land noch viel weniger abbauen kann. Ohne einen "haircut", also einen teilweisen Forderungsverzicht, wird und kann das nicht gehen. Warum also nicht gleich? Das wäre auch die Alternative gewesen. Die Europäische Union hätte schon vor einem halben Jahr oder noch früher verkünden müssen, dass die Schulden Griechenlands nun restrukturiert werden.

SPIEGEL: Dann aber, so argumentiert die Bundeskanzlerin, wäre es zu Dominoeffekten gekommen.

Pöhl: Das glaube ich nicht. Ich glaube, es ging um etwas ganz anderes.

SPIEGEL: Nämlich?

Pöhl: Es ging darum, die deutschen, vor allem aber die französischen Banken vor Abschreibungen zu bewahren. Französischen Bankaktien sind am Tag, als das Paket verabschiedet wurde, um bis zu 24 Prozent gestiegen. Daran sieht man, worum es wirklich geht, nämlich um die Rettung der Banken und der reichen Griechen.

SPIEGEL: Hätte es jetzt, in dieser Krisensituation, in der Hektik der Marktturbulenzen tatsächlich eine Möglichkeit gegeben, die Gläubiger dieser Staaten an den Kosten der Rettung zu beteiligen?

Pöhl: Ich glaube schon. Man hätte die Schulden um ein Drittel zusammenstreichen können. Und die Banken hätten ihre Papiere dann eben um ein Drittel abschreiben müssen.

SPIEGEL: Die Investoren, so die Befürchtung, hätten auf Jahre keine griechischen Anleihen mehr angefasst - und möglicherweise auch keine von anderen südeuropäischen Staaten.

Pöhl: Ich glaube, das Gegenteil wäre der Fall gewesen. Die Investoren hätten schnell gesehen, dass Griechenland sein Schuldenproblem auf diese Weise in den Griff bekommt. Und deshalb hätten sie schnell wieder Vertrauen gefasst. Aber das ist ja nun vorbei. Jetzt haben wir den Salat.

SPIEGEL: Wie ist es eigentlich möglich, dass das Fundament des Euro quasi über Nacht preisgegeben wird?

Pöhl: Das ist in der Tat in einem Federstrich passiert, auch im Bundestag. Da wird nur auf die Spekulanten geschimpft, und schon scheint alles möglich.

Mehr zum Thema


Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 57 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Gebetsmühle 18.05.2010
1. kein tittel
Zitat von sysopWie geht es weiter mit dem Euro? Der frühere Bundesbank-Chef Karl Otto Pöhl spricht im Interview mit dem SPIEGEL über die unsichere Zukunft der Gemeinschaftswährung - und widerspricht der Ansicht, dass die milliardenschweren Rettungspakete ohne Alternative waren. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,695153,00.html
der euro ist nur der erste schritt zum globo. wenn wir erst den globo haben, dann können die spekulanten noch so viel spekulieren es wird ihnen nix nützen.
derweise 18.05.2010
2. Pöhl meint
Pöhl meint, daß die milliardenschweren Pakete von Merkel und Schäuble durchaus eine Alternative gehabt hätten. Dies sollte einmal bedacht werden.
mattbarna 18.05.2010
3. Angemeldet als mattbarna
...Und es wird wieder gejammert, angeklagt und bessergewusst! Ja, man hat über seine Verhältnisse gelebt und ja, die Milliardenausgaben der EU sind wahnwitzig, aber ich kann das Gejammer, "Was wird es die Deutschen wieder kosten?!" nicht mehr hören. Dass die grossen Konzerne alle Vorteile der EU abschöpfen (Bsp. gezwungene Waffendeals mit Griechenland und Spanien auf Basis des EU-Rechts) und die Bürger nichts davon sehen, ist doch viel eher das Problem. Ich glaube die SPD geht mit dem EU-weitem Volksbegehren den richtigen Schritt. Das ist für mich auch die Zukunft der Demokratie. Sollen die Bürger doch direkt mit entscheiden! Leider trauen die Politiker das keinem zu. Die Spekulanten, die es ja auch nicht erst seit gestern gibt und die viel mehr über Ihre Verhältnisse leben als jeder Staat in Europa können nicht weiter ungezügelt auf dem Rücken von Menschen und Staaten irrsinnige Geschäfte machen. Von wegen, das sind alles hochseriöse Unternehmen.. Es wäre ein historischer Schritt, wenn ein Volksbegehren all dem einen Riegel vorschieben würde. Ich hoffe ich klinge nicht zu rot, aber die Fronten sollten mal wieder etwas gerade gerückt werden, auch wenn das den Finanzsektor als Wachstumsmotor schadet - haben doch ohnenhin nur sehr Wenige etwas davon.
baba2 18.05.2010
4. Follow the money
Zitat Pöhl: " ... Griechenland, niemals in der Lage sein wird, 300 Milliarden Euro Schulden zurückzuzahlen." Oha! Nun brauchen wir langsam Redeverbot in D., nachdem schon Joe von der FTD und Fr Künast usw. aufgefordert wurde mal die Klappe zu halten. Redefreiheit gilt halt nur, wenn die "richtige " Meinung vertreten wird Pöhl: .... Daran sieht man, worum es wirklich geht, nämlich um die Rettung der Banken und der reichen Griechen. Das stimmt zwar auch , ist aber IMMER noch zu kurz gesprungen, also “Follow the money” sagte schon „deep throat“ die Quelle bei Watergate. Also folgen wir einmal dem GANZ GROßEN GELD, um zu erkennen, was wirklich abläuft. Niemals war Griechenland das eigentliche Ziel der „Rettungsmaßnahmen“ - für die Bürger (!) wäre es selbstverständlich besser, sich durch Umschuldung von 50% der Schuldenlast zu befreien und auch von der faktischen Fremdherrschaft durch IWF u Brüssel. - So aber haben sie halt nach ein paar Jahren statt 300 Mrd Schulden dann noch ausweglosere 350 Mrd Schulden und noch mehr Fremdherrschaft. Cui bono? Niemals waren die französischen und deutschen Banken das eigentliche Ziel der „Rettungen“ - Klar freuen sich die über die Nichtbeteiligung (die so genannte Banken-„Beteiligung“ war nur eine „Beteiligungs-Simulation“, zur Beruhigung der aufgebrachten Wähler. - Klar freuen sich die, dass sie für ihren angekauften Schrott trotzdem wieder den Neupreis von der EZB erhalten. Das EIGENTLICHE Ziel der „Rettungen“ waren jedoch fast alle Staaten dieser Welt, inkl. Deutschland, die Vermeidung eines kompletten Finanz-Kollaps. - Würde Griechenland nämlich umschulden, dann wüssten die Banken im gleichen Moment, dass es ab sofort ein ECHTES Risiko gibt und sofort den Zins für ALLE Länder auf einen ECHTEN Risiko-Zins anheben. - All die überschuldeten Länder überleben aber nur noch durch künstliche Niedrig-Zins-„Beatmung“. Eine z.B. Verdoppelung der Zinsen würde sehr schnell den Staatsbankrott vieler Länder herbeiführen. - Falls sich jemand schon einmal gewundert hat, wo die Dummen saßen, die z.B. den PIGS immer Geld sooo günstig geliehen haben, obwohl alle (auch Politiker, die sagten es nur nie) schon IMMER wussten, dass diese selbstverständlich NIE zurückzahlen werden: den Banken wurde immer schon unausgesprochen der „bailout“ garantiert,
therealstevemcqueen 18.05.2010
5. endlich
Endlich mal ein Mitglied der Finanzindustrie, der Klartext redet und dem Blödsinn Fakten und Vorschläge entgegensetzt. Nur zu dumm, dass solche Menschen nicht gefragt werden, bevor Merkel und Schäuble zu "alternativlosen Kraftakten" zu Lasten der Bundesbürger greifen
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© DER SPIEGEL 20/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.