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Ausgabe 20/2010

StudiVZ: Das Provinz-Netz

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StudiVZ war bislang eine der wenigen deutschen Erfolgsgeschichten im Netz. Doch der große US-Konkurrent Facebook setzt dem Netzwerk kräftig zu. Der Kampf um die Marktführerschaft scheint schon entschieden, bevor er richtig begonnen hat.

Konkurrenzkampf: StudiVZ vs. Facebook Fotos
Corbis

Einen "echten Ost-Schuppen" hatte Clemens Riedl anmieten lassen, zum Reden, Trinken und Tanzen. Der Geschäftsführer der Netz-Community StudiVZ wollte seine Leute mitreißen und "auf Kurs bringen".

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Die Stimmung jedenfalls war gut an diesem Abend in Berlin, weit besser als die Lage. Denn die VZ-Netzwerke (StudiVZ, SchülerVZ, MeinVZ) sind vom Kurs abgekommen, der sie einst innerhalb weniger Jahre zum Liebling junger deutscher Internetnutzer werden ließ.

Die Zahl der Anhänger stagniert fast, insgesamt haben die VZs in Deutschland nach eigenen Zahlen 16,6 Millionen registrierte Mitglieder. Doch der US-Rivale Facebook wächst und wächst. Mehr als 400 Millionen Mitglieder hat er inzwischen, in Deutschland sind es zwar erst geschätzte 9 Millionen, aber auch hier zeigt die Kurve steil nach oben.

Und die Facebook-Kunden tummeln sich viel länger und intensiver in ihrem Netzwerk. Die US-Community steht inzwischen für polyglotte Akademiker, StudiVZ dagegen versprüht den Charme einer Fachhochschule in den Semesterferien.

Eine eindeutige studentische Zielgruppe

Wer verstehen will, worin die Probleme bestehen, muss nur die Nachrichten lesen, die VZ-Nutzer an ihre Netzwerk-Bekanntschaften schicken, bevor sie austreten. Julia Risch, 25, zum Beispiel war einige Monate in Australien und schrieb von dort: "Ich bin nun stolze Besitzerin eines Uni-Abschluss-Zeugnisses und schon seit einer ganzen Weile kein Fan von StudiVZ mehr. Ich melde mich ab. Ihr erreicht mich übers Handy oder Facebook."

Das Netzwerk stößt inzwischen auf eine Reihe von Hindernissen:

Durch die Namensgebung spricht StudiVZ eine eindeutige studentische Zielgruppe an, das war ursprünglich Teil des Erfolgsgeheimnisses. Doch mit der Expansion in andere Nutzergruppen entstand ein Namensproblem. Mit dem Studienabschluss endet für viele auch der Drang, StudiVZ zu nutzen.

Die Technologie: VZ gilt als technisch veraltet. Kleine Zusatzprogramme kommen erheblich langsamer als bei Facebook ins Angebot, beliebte Spiele wie "Farmville" gibt es nicht.

Die fehlende Internationalität: Was bei Schülern noch ganz gut funktioniert (ein Großteil der Schüler nutzt SchülerVZ), genügt schnell nicht mehr. Internationale Bekanntschaften lassen sich per VZ nur schwer knüpfen - das Netzwerk ist und bleibt im Kern deutschsprachig. Die Expansion in andere Länder scheiterte.

Der Datenschutz

Der Datenschutz: Nach verschiedenen, VZ-intern auch mal "PR-Krisen" genannten Aufmerksamkeitswellen rund um die Änderung von Allgemeinen Geschäftsbedingungen oder Versuchen von außen, an Nutzerdaten zu kommen, legten sich viele Nutzer Pseudonyme zu. Mitglieder können so nur schwer von anderen gefunden werden. Julia Risch etwa änderte ihren Namen in "Julia R.".

Für das Markennamen-Problem haben die Betreiber eine ebenso radikale wie einfache Lösung gefunden. "Parallel zu den drei bestehenden Marken werden wir auch noch eine starke Dachmarke aufbauen", sagt Michael Brockhaus, Chef der Firma Holtzbrinck Digital, zu der StudiVZ gehört.

Auch technologisch will die Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck ("Die Zeit", Rowohlt Verlag) aufrüsten. Dieser Sprung ist überfällig, innovativ ist er nicht. Dabei will man jedoch technisch nicht zu kompliziert werden. "Wir wollen klar, übersichtlicher und einfacher zu bedienen sein", sagt VZ-Mann Riedl. So erreiche man auch Zielgruppen, denen Facebook schlicht zu komplex sei.

Bei Holtzbrinck sieht man eher zwangsläufig die Zukunft des Netzes im Lokalen: Schüler und Studenten sollen durch Veranstaltungskalender oder virtuelle Stundenpläne an das Netzwerk gebunden werden. Regionalzeitungen oder Vereine können "Edelprofile" kaufen und auf eigene Angebote verweisen, regionale Konzertveranstalter Tourdaten kommunizieren.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 74 Beiträge
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1. Re
dent42 21.05.2010
Macht Sinn, lieber das schlechte Original als die noch viel schlechtere Kopie.
2. Ich würde
smartie2004 21.05.2010
..StudiVZ trotzdem nicht abschreiben. Eine Plattform für ASCII Bildchen hat auch ihren Nutzen.
3. Internationalität
Daniele 21.05.2010
Also einer meiner Hauptgründe, aus VZ auszutreten, oder es zumindest auf Eis zu legen, war tatsächlich die fehlende Internationalität. Ich wollte nie zu FB, da bin ich ehrlich. Aber seit über 1,5 Jahren lebe ich nun im Ausland und habe viele Menschen kennengelernt, zu denen ich immer wieder Kontakt finde über FB. Studivz kennen nur die Deutschen, die ich hier treffe, und von denen wiederrum ist, aus dem gleichen Grund wie oben genannt, kaum noch einer bei VZ. Zum anderen ist es aber wirklich irgendwie tot. Der sog. "Buschfunk", von VZ eingeführt um die ständig durchlaufende und sich aktualisierende Hauptseite von FB zu kopieren, läuft nur nebenher und ist quasi tot. Es ist ein bischen, wie wenn man von einer tobenden Hauptstadt in ein Provinznestchen geht, wo man zwar immer noch einige Bekannte trifft, die dann aber meist gerade schlafen oder mit sich selbst in irgendeiner Form beschäftigt sind. Mir tut es leid für VZ, auch da sie dies wohl ihrer zumindest stärkeren Korrektheit im Bezug auf Datenschutz zu verdanken haben, dass sie bald nur noch eine Erinnerung sein werden wie der Walkmann: damals revolutionär, heute vollkommen überholt.
4. southpark
shatreng 21.05.2010
Passend zu dem Thema social networks eine treffende southparkfolge (völlig legal): http://www.southpark.de/alleEpisoden/1404/?lang=
5. Einfach cool....
kaba06, 21.05.2010
...2010 ist man im Internet mit 24 Millionen Euro Umsatz im Jahr schon wieder eine nationaler Champion. Und die höchst zweifelhaften Nutzerzahlen und Aktivitätsindices von Facebook werden auch begeistert wiedergekäut. Jeder zehnte Deutsche ist also Facebook Nutzer?! Und jeden Tag stundenlang aktiv?! Selbst mit den dort vorhandenen Online Spielen ist das doch einfach physikalisch nicht möglich....
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StudiVZ: Erfolge und Probleme des Studi-Netzwerks
Ehssan Dariani hat die Studenten-Community StudiVZ 2005 gegründet. Zuerst investierten Lukasz Gadowski und Matthias Spiess, später wurde StudiVZ vor allem von den Gebrüdern Samwer finanziert - bekannt für die Klingeltonfirma Jamba - und vom Venture-Capital-Arm des Holtzbrinck-Verlags ("Die Zeit", "Handelsblatt"). Im Januar 2007 übernahm Holtzbrinck StudiVZ. Derzeit haben die Plattformen studiVZ.net, schuelerVZ.net und meinVZ.net nach eigenen Angaben mehr als 15 Millionen Nutzer, (6 Millionen studiVZ, 5,5 Millionen Schüler im schülerVZ, 4 Millionen Nutzer bei meinVZ; Stand: April 2010).
Während die Mitgliederzahl rasant wuchs, kam StudiVZ nicht immer mit der Kontrolle der Inhalte hinterher. Betroffene warfen StudiVZ vor, zu lax gegen die organisierte Belästigung von weiblichen Mitgliedern und antisemitische, links- sowie rechtsextreme Propaganda vorzugehen.
Facebook wächst in Deutschland sehr schnell. Laut einer Auswertung der Facebook-Werbedaten ist die Plattform seit Anfang 2010 um 56 Prozent auf gut neun Millionen deutsche Mitglieder gewachsen - sprich: jeder zehnte Deutsche wäre demnach rein statistisch Facebook-Mitglied.
Facebook: Das Weltnetz
Mitglieder
Facebook
Facebook ging Anfang 2004 als soziales Netzwerk für Harvard-Studenten online. Zunächst konnten nur Menschen mit E-Mail-Adressen ausgewählter US-Hochschulen Mitglieder werden, seit 2006 ist die Seite für alle Über-13-Jährigen offen. Nach Angaben von Goldman Sachs hatte Facebook Anfang 2011 600 Millionen Mitglieder weltweit, nach eigenen Angaben loggt sich jeden Tag die Hälfte von ihnen auf der Seite ein (Stand: Januar 2011).
Plattform
Seit Mai 2007 können externe Entwickler auf Nutzerdaten zugreifen, wenn die Facebook-Mitglieder dem zustimmen. Seit die Plattform für externe Entwickler geöffnet wurde, wächst das Angebot des einstigen Studentennetzwerk rasant – die Nutzer können aus mehreren tausend kostenloser Anwendungen wählen – Spielen, Fotoverwaltern, Programmen zum Abgleich von Lese-, Film- und Musikvorlieben zum Beispiel.
"Mir gefällt das"
Facebook überall: Die "Mir gefällt das"-Funktion können Website-Betreiber auf ihren eigenen Seiten einbauen. Mit einem Klick teilen Facebook-Nutzer ihren Freunden mit, was ihnen gefällt. Im Gegenzug kann Facebook Werbung gezielter schalten - und weiß, welche Seiten die Mitglieder ansurfen.
Geschäft
Der Umsatz von Facebook lag 2009 schätzungsweise bei 800 Millionen Dollar. Als Facebook-Gründer Mark Zuckerberg im November 2007 bei einer Präsentation in New York 250 Werbekunden ein "Interface, um Erkenntnisse über die Facebook-Aktivitäten von Mitgliedern zu sammeln, die fürs Marketing relevant sind", versprach, brach ein Proteststurm los.
Firmenwert
Facebook hat Google 2010 als meistbesuchte Website in den USA überholt. Anfang 2011 investierten die US-Großbank Goldman Sachs und die russische Beteiligungsgruppe Digital Sky Technologies 500 Millionen Dollar in das US-Unternehmen. Der Wert des Netzwerks klettert auf 50 Milliarden Dollar.
Hollywood
Der Film zum Phänomen: Die Gründungsgeschichte von Facebook wurde 2010 von David Fincher mit Jesse Eisenberg in der Hauptrolle verfilmt. "The Social Network" zeigt Zuckerberg als soziopathischen Nerd, der Facebook aus enttäuschter Liebe gründet.

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