AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 21/2010

Jugend Verlust der Phantasie

Das Internet bietet freien Zugang in die Welt der Pornografie. Für Teenager gehört der Konsum zum Alltag wie Musik und Sport. Verändern die grenzenlosen Möglichkeiten das Liebesleben einer Generation?

Von Barbara Hardinghaus und Dialika Krahe


Die Liebe von Mara und Paul begann an einem Dezembertag, um 10.01 Uhr, mit einem Eintrag auf Pauls Online-Profil: "Baby du bist so PORNO", stand dort in rosafarbener Schrift auf schwarzem Untergrund, und es blinkte; daneben ein "Hihi ...", dazu drei gelbe Smileys.

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Heft 21/2010
Ringo Starr & Paul McCartney über eine unsterbliche Band

Mara hatte Paul den Satz in sein Gästebuch im Internetforum "Jappy" geschrieben, obwohl sie ihn nicht kannte. Ihre Freundin hatte ihr einmal von ihm erzählt, Mara stellte sich ihn vor als großen, blonden Jungen mit komischer Frisur, ein Angeber, der niemals treu sein würde, dachte sie. Trotzdem schrieb sie ihm, einfach so: "Baby du bist so PORNO".

Paul war das egal. Seit er seine Zahnspange los war, bekam er öfter solche Nachrichten von Mädchen geschickt, und trotzdem wollte er wissen, wer ihm schrieb, Profilname Italo-Latina.

"Cooler spruch, grins, grins", schrieb 1Tyrone1, das war Pauls Name in diesem Forum, er saß an einem kleinen Kiefernholzschreibtisch in seinem Zimmer vor dem Bildschirm und wartete auf ihre Antwort. Mara saß im Internetcafé.

Sie hätten danach miteinander reden können, sie sahen sich ja jeden Tag auf dem Pausenhof ihrer Schule, aber wenn sie sich begegneten, schwiegen sie, sie unterhielten sich nur im Netz.

Mara: "ya wenn ich bloß nen freund hätte frown ... kein freund seuftz ..."

Paul: "ich find dich voll nett smile. und ich kann gut kochen smile."

Mara: "jetz hab ich mich verliebt."

Nach 25 Tagen und vier bis zehn Nachrichten am Tag, nach vielen Smileys und Herzen, verabredeten sie sich für den Tag nach Heiligabend, am Alexanderplatz in Berlin, unter der Weltzeituhr, im echten Leben. Es war der Beginn einer Liebe aus einer neuen Zeit.

Vernetzt sind fast alle

Mara und Paul gehören zu einer Generation von Jugendlichen, die mit dem Internet aufgewachsen ist. Jugendliche, die mit elf Jahren ihren ersten Computer hatten und mit zwölf Jahren ihr erstes Online-Profil.

98 Prozent der Jungen und Mädchen zwischen 12 und 19 Jahren sind vernetzt. Das Internet begleitet sie wie ein bester Freund; sie vertrauen ihm ihre Geheimnisse an, er berät sie, er klärt sie auf, weiß alles über erste Liebe und Sexualität, und er stellt, anders als die Eltern, keine peinlichen Fragen.

Nie zuvor in der Geschichte hatten Jugendliche aber auch so ungehinderten Zugang zu pornografischen Inhalten. Wer bei Google das Stichwort "Sex" eingibt, landet mit einem Klick auf Hardcore-Seiten. Sie sind kostenlos, und die meisten von ihnen wollen auch nicht einmal wissen, wie alt die Nutzer sind. Worte wie "Gangbang" und "Analverkehr" sind unter Teenagern so geläufig wie Tokio Hotel oder "DSDS", und die Frage, wie die unzensierte Bilder- und Informationsflut ihre Liebe und Sexualität beeinflussen könnte, beschäftigt Wissenschaftler und Pädagogen.

1998 hatte der SPIEGEL eine Umfrage in Auftrag gegeben, 700 repräsentativ ausgewählte Jugendliche zwischen 12 und 19 Jahren wurden gefragt, was sie über Sex wissen und woher sie ihr Wissen haben. Zu den Ergebnissen damals gehörte, dass sie viel wussten. Sie konnten erklären, wozu ein Dildo gut ist, dass eine Vagina keine griechische Liebesgöttin ist, und sie konnten beantworten, wer bei der Missionarsstellung oben und wer unten liegt. Sie waren aufgeklärt und mussten sich ihr Wissen nicht mehr, wie die Generationen zuvor, vorsichtig zusammensuchen; es gab TV-Magazine wie "peep!" oder "Liebe Sünde", an manchen Tagen liefen Sendungen wie "Sex ist mein Hobby" im Privatfernsehen. Das war damals alles gewesen.

Gibt es die "Generation Porno" wirklich?

Auf die Frage "Wo hast du am meisten über Sexualität erfahren?" sagten die meisten: "aus Zeitschriften/Büchern". Sie galten als die "Aufgeklärten", aber schon vier Jahre später, 2002, waren sie die "Unaufgeklärten". Mittlerweile hatte sie das Internet erreicht, es hatte sie nun eingeholt mit all den Bildern, die sie vorher nicht kannten.

Sie begannen, in Suchmaschinen Wörter einzugeben wie "Titten" und "Ficken", die "Abgeklärten" nannte der "Stern" sie im Februar 2004, sie waren die coolen Konsumenten vom Sex im Netz, 14-, 15-, 16-jährig. Und noch einmal drei Jahre später, Anfang 2007, hieß der neue Begriff für die Jugend "Voll Porno". Deutschland debattierte über die Pornografisierung der Jugendlichen, über ihre sexuelle Verwahrlosung, weil sie sich in der Schule Sexfilme auf ihrem Handy ansahen - und sich manchmal selbst beim Sex filmten.

Sie gehörten zur "Generation Porno", so zumindest beschrieben es Zeitungen und Zeitschriften. Ein Idol dieser Zeit ist Lady Gaga, eine Sängerin, die meistens halbnackt auftritt. Vor gut anderthalb Jahren rief ein Berliner Pastor, der Jugendliche betreut, "Deutschlands sexuelle Tragödie" aus. In einem Buch beschrieb er die schlimmsten Fälle, er kennt einen 15-Jährigen, der drei Frauen geschwängert hat, und eine Elfjährige, die dachte, sie sei hässlich, weil sie noch nie Sex gehabt hatte.

Was erzählen solche Geschichten über eine Generation? Was unterscheidet die Geschichte von Paul und Mara von den Geschichten ihrer Eltern?

In jedem Fall ist die Antwort nicht so einfach, wie es der Berliner Pastor gern hätte. So wenig wie es Allgemeingültigkeiten über eine Generation gibt, so wenig kann die Rede sein von einer "Generation Porno". Unstrittig ist, dass Pornografie das sexuelle Selbstverständnis junger Menschen beeinflusst, manchmal subtil, manchmal brachial.

Forum - Sind Teenager durch Internet-Pornos abgestumpft?
insgesamt 264 Beiträge
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Seite 1
takeo_ischi 20.05.2010
1.
Zitat von sysopPornos aus dem Internet: ständig verfügbar, oft kostenlos, Reize in bisher nie gekannter Masse. Eine kaum zu kontrollierende Informationsfülle, vor deren Auswirkungen speziell auf Jugendliche viele Kritiker seit langem warnen. Stumpfen Teenager durch die Internet-Pornos ab?
Wenn man das so schreibt verkennt man das eigentliche Problem. Es ist nicht die Verfügbarkeit von Schmuddelschmodder, die unsere Kinder abstumpft. Auch wir hatten früher als angehende Teenager immer Pornos zur freien Verfügung (Sammlungen älterer Geschwister/Väter als Magazin oder Tape), nur hatten wir damals auch noch andere Perspektiven als von der Schule ab ins Hartz. Diese Ohnmacht die eigene Zukunft betreffend lässt Menschen abstumpfen und nach Ventilen zum Frustabbau suchen. Diese Ventile sind eben Süchte nach Alk/Drogen, Porno oder Gewalt. Dazu kommt dann die Gruppendynamik. Mit einem Pornoverbot (,dass eh nicht durchsetzbar wäre) löst man dieses spätkapitalistische Grundproblem der berechtigten Zukunftsängste bestimmt nicht.
Websingularität 20.05.2010
2. hmm
Zitat von sysopPornos aus dem Internet: ständig verfügbar, oft kostenlos, Reize in bisher nie gekannter Masse. Eine kaum zu kontrollierende Informationsfülle, vor deren Auswirkungen speziell auf Jugendliche viele Kritiker seit langem warnen. Stumpfen Teenager durch die Internet-Pornos ab?
Warum ist dabei immer von Teenagern die Rede? Sind Teenager etwa die einzigen Pornokonsumenten? In Internet-Pornos sind vielleicht zunehmend Teenager zu sehen, da meistens Amateur-Filme. Das ist auch keine tolle Entwicklung. Vorallem junge Mädchen, die Kaliber wegstecken, mehr als ihnen gut tut. Es sind diese grassen, sehr deutlichen Extreme die da gezeigt werden. Wer würde da nicht abstumpfen? Ich finde es auch bedauerlich, welche geistige Entwicklung die westliche Welt genommen hat. Manchmal hat man den Verdacht, die "westliche Freiheit" besteht im Ausleben von Exzessen. Fressen in Exzessen, das ist der Sinn des Lebens. Besonders bei der Jugend, der außer Porno höchstend noch Alkohol in den Sinn kommt. Das alles erinnert eher an die Dekadenz und Untergang Roms. Allenvoran die USA mit ihrer maßlosen Pornoindustrie. Bitte nicht falsch verstehen! Ich habe nicht's gegen Pornos, aber alles in Maßen.
Websingularität 20.05.2010
3. Pardon
Zitat von WebsingularitätWarum ist dabei immer von Teenagern die Rede? Sind Teenager etwa die einzigen Pornokonsumenten? In Internet-Pornos sind vielleicht zunehmend Teenager zu sehen, da meistens Amateur-Filme. Das ist auch keine tolle Entwicklung. Vorallem junge Mädchen, die Kaliber wegstecken, mehr als ihnen gut tut. Es sind diese grassen, sehr deutlichen Extreme die da gezeigt werden. Wer würde da nicht abstumpfen? Ich finde es auch bedauerlich, welche geistige Entwicklung die westliche Welt genommen hat. Manchmal hat man den Verdacht, die "westliche Freiheit" besteht im Ausleben von Exzessen. Fressen in Exzessen, das ist der Sinn des Lebens. Besonders bei der Jugend, der außer Porno höchstend noch Alkohol in den Sinn kommt. Das alles erinnert eher an die Dekadenz und Untergang Roms. Allenvoran die USA mit ihrer maßlosen Pornoindustrie. Bitte nicht falsch verstehen! Ich habe nicht's gegen Pornos, aber alles in Maßen.
Ähm, sorry! Ich meinte, diese "krassen" Extreme. Schreibt man das mit 'g' oder mit 'k'? Ist "krass" überhaupt ein richtiges Wort? Nochmals Sorry, für meine schlechte Rechtschreibung. Ist aber auch blöd, dass man seine Beiträge nachträglich nicht mehr korrigieren kann.
Der demographische Viktor, 22.05.2010
4. Kai Diekmann'sches Pendel schlägt derzeit stark nach rechts aus
Zitat von takeo_ischiWenn man das so schreibt verkennt man das eigentliche Problem. Es ist nicht die Verfügbarkeit von Schmuddelschmodder, die unsere Kinder abstumpft. Auch wir hatten früher als angehende Teenager immer Pornos zur freien Verfügung (Sammlungen älterer Geschwister/Väter als Magazin oder Tape), nur hatten wir damals auch noch andere Perspektiven als von der Schule ab ins Hartz. Diese Ohnmacht die eigene Zukunft betreffend lässt Menschen abstumpfen und nach Ventilen zum Frustabbau suchen. Diese Ventile sind eben Süchte nach Alk/Drogen, Porno oder Gewalt. Dazu kommt dann die Gruppendynamik. Mit einem Pornoverbot (,dass eh nicht durchsetzbar wäre) löst man dieses spätkapitalistische Grundproblem der berechtigten Zukunftsängste bestimmt nicht.
Sehr guter Beitrag!!! Treffender könnte ich es nicht formulieren. Die Menschen bemerken nicht, dass wir - unsere Gesellschaft - nach dem starken Rechtsausschlag des Kai Diekmann'schen Pendelds durch die Nazis und dem darauf folgenden starken Linksausschlag des Kai Diekmann'schen Pendels durch die Gutmenschen uns erneut und bereits mitten in einem starken Rechtsausschlag des Kai Diekmann'schen Pendels befinden.
roadcrew 22.05.2010
5. Porno? Ist doch bloß die Spitze des Eisberges an gesellschaftlicher Kälte
In der Wissenschaft reduziert man ja ein Problem oft so lange, bis es lösbar wird. Das Problem bei der Reduktion der Komplexität ist, dass schnell falsch reduziert wird. Genauso das Phänomen kann man in der Fragestellung trefflich beobachten. Wir bemerken: Jugendliche stumpfen ab. Und fragen uns, ob das an Internet-Pornos liegt. Das ist entschieden zu sehr reduziert. Etliche Zwischenstufen wurden ausgelassen. * Zunächst ist es einfach so, dass der Nachwuchs irgendwann Sexualität kennenlernen darf/soll/muss. Im Gegensatz zu meiner Jugendzeit (80er Jahre) ist schon die banale Umwelt mit sexuellen Symbolen überladen. Guckt bloß die normalen Web-Portalen an. Halbnackte, aber massiv geschönte Körper Brüste quellen, Muskeln schwellen. Sex sells. * Die Pubertät ist überdies eine Phase der Wegfindung. Des Protzens, der Gockelei. Normal ist uncool, hart ist herrlich. Der Bub, der vorsichtig die Welt erforscht, ist ein Waschlappen, das Mädel, das eher vorschlossen ist, ein scheues Reh. ** Mischt man beides, so folgt über neue Technik Internet schnell der Griff in die Pornokiste. Normal ist uncool, was reizen also die posierten Räkeleien von Models? Härte ist gefragt. Ergo Porno. Es entsteh eine Jugendgesellschaft, die total oversexed und underfucked ist. Denn die Lümmel können ja oft der Stand der Dinge nicht halten, die Maiden sind nicht so willenlos, wie vorgegeben. * Der Stand der Dinge... genau, der schon ewähnten Jammerlappen Dieckmann, Kai, fällt mir ein. Der und seine Schnecke Dr. Katja Kessler haben ja in der BILD-ungsferne diese Nackedeitexte auf Seite 1 hoffähig gemacht (quellene Brüste!). Das sollte Humor zeigen. Wie humorlos der Kai aber ist, zeigte sich, als ihm die TAZ eine Penisverlängerung andichtete. Da musste Kai gleich vor Gericht weinen... Das ist ein ideales Beispiel für ein gespaltenes Verhältnis zur Sexualität. Da stellt das nackte Mädchen (23, Studentin) in dümmlich gekesslerten Texten Feuchtigkeit im Paterre fest und hofft, dass der Klempner bald kommt, um ein Rohr zu verlegen. Aber kaum wird dem Kai das Rohr verlängert, klagt der. Da sollen Jugendliche noch normal aufwachsen?? *** Das gesamte hartherzige gesellschaftliche Umfeld wird in der pornofixierten Betrachtung der Jugend ebenfalls außen vor gelassen. Und wieder taugt der BILDerbuch Verlag, Springer, als idealtypisches Beispiel. Mit der Grünen Post wollte der Verlag reüssieren. Dabei störte freilich von vornherein die Idee eines Mindestlohnes im Postsektor. Dagegen kämpfte der Axel-Springer-Wiedergänger Matthias Döpfner mit allen Mitteln. Der Typ wollte, dass seine Breifträger noch Almosen bei der Arbeitsagentur abholen sollten, um überleben zu können. Die Gehälter der Chefetage waren davon nicht betroffen. Aber den Lohn anderer wollte er in die Würdelosigkeit drücken. Und damit ein Geschäftsmodell erzeugen, dass auf Kosten der Allgemeinheit nach oben Gewinn abwerfen sollte. Darf ich das assozial nennen? Das ist eiskalte Härte. In so einer Umwelt werden Jugendliche groß. Härte zählt, Würdelosigkeit, Unterdrückung, kalte Dominanz, Ausbeutung. Das nehmen sie auf, das kriegen sie zu spüren. Porno? Ist doch bloß die Spitze des Eisberges an gesellschaftlicher Kälte, den Erwachsene vor der Jugend auftürmen - und noch dran verdienen!.
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