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AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 21/2010

Banken: Der ehrbare Trickser

Von Beat Balzli, und Michaela Schiessl

Commerzbank-Chef Martin Blessing gilt als der Anständige und Einsichtige unter den Bankern. In Berlin ist er wohlgelitten, große Erfolge kann er jedoch bisher nicht vorweisen. Um die Staatshilfen zurückzuzahlen, forciert er jetzt ausgerechnet das Investmentbanking.

Banken: Der ehrbare Trickser Fotos
AP

Die Szene erinnert ein wenig an den berühmten Sketch von Loriot, den mit der Nudel.

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Martin Blessing, Leiter der zweitgrößten Bank Deutschlands, erscheint zur Filialvisite in Kiel. Die Mitarbeiter erwarten ihn - und erstarren: Der Boss hat einen riesigen Kaffeefleck auf dem Hemd.

Wie sollen sie jetzt reagieren?

Die meisten gehen auf Nummer sicher und tun so, als wäre nichts. Ein Ehrgeizling fragt verschwörerisch, ob er mit dem Chef schnell zu Peek & Cloppenburg gehen solle, ein frisches Hemd holen. Blessing winkt ab. Souverän reagiert der Leiter der Commerzbank-Regionalfiliale. Mit einem amüsierten Seitenblick auf den besudelten Stoff fragt er: "Mir scheint, Sie brauchen noch einen Kaffee?"

Blessing lacht. So mag er seine Leute: eher schlagfertig als in Ehrfurcht erstarrend.

Schuld an seinem Missgeschick sei ein Schlagloch, erzählt der 46-jährige Vorstandsvorsitzende. Gleich nach dem Verlassen der Frühmaschine aus Frankfurt am Main hatte er sich einen Coffee-to-go im Pappbecher gegriffen, und in der Limousine passierte dann das Malheur.

So etwas kommt vor, wenn der Staat die Straßenschäden nicht mehr reparieren kann, weil er mit Steuergeld die Milliardenlöcher maroder Banken stopfen muss. Banken wie Martin Blessings Commerzbank.

Groß und stark wollte die traditionelle Mittelstandsbank einst werden, so groß, dass niemand sie einfach übernehmen kann. Deshalb ging der damalige Vorstandssprecher Klaus-Peter Müller auf Einkaufstour. 2005 erstand er den Immobilien- und Staatsfinanzierer Eurohypo - es sollte der erste Schritt in Richtung Abgrund werden. Dann warf er ein Auge auf die Dresdner Bank, die nicht heimisch wurde unter dem Dach des Versicherungsriesen Allianz. Müller schickte seinen Lieblingsvorstand, die Übernahme vorzubereiten: Martin Blessing.

Verlieren ist nicht die Welt des Martin Blessing

Ende August 2008 war der Kauf perfekt. Für Blessing, der drei Monate zuvor die Nachfolge Müllers angetreten hatte, schien sich ein Traum zu erfüllen: Nun würde es eine zweite Großbank im Lande geben, eine, die vielleicht sogar der Deutschen Bank von Josef Ackermann im Heimatmarkt Konkurrenz machen könnte. Und mit ihm an der Spitze.

Vielleicht war der Ehrgeiz zu groß, sicherlich die Zeit zu ungünstig. Fest steht: Blessing erwischte das schlechteste Timing, das man sich für eine Übernahme nur denken kann. Und: Sein Zukauf brachte deutlich mehr Probleme, als er lösen konnte. Da mag er noch so oft beteuern, er würde es wieder tun: Seit dem Kauf der Dresdner ist Blessing praktisch nur damit beschäftigt, die Commerzbank am Leben zu erhalten. Mit aller Gewalt will er das Kapitel zu einer Erfolgsgeschichte umdichten und zieht dafür alle Register: Charme, Härte und Tricksereien. Auf keinen Fall sollen jene recht behalten, die ihn eindringlich gewarnt haben. Verlieren ist nicht die Welt des Martin Blessing.

Umso härter muss ihn die Kritik treffen, die im neuerdings entgegenschlägt - zuletzt auf der Hauptversammlung am vergangenen Mittwoch in Frankfurt. "Sie sind ein Totalversager", schimpfte da der Münchner Aktionär Richard Mayer. Der Aktienkurs der Commerzbank, sagte ein anderer, sei "ein Spiegelbild des unternehmerischen Versagens". Dass sie eine Dividende bekommen würden, sei so wahrscheinlich wie die Rückzahlung der Schulden der Griechen, meinte ein Anteilseigner.

Blessings Leidenszeit begann Mitte September 2008 mit dem Kollaps der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers. Im anschließenden Tornado an den Finanzmärkten brach die schöne Fassade der Commerzbank krachend zusammen. Ans Licht kamen Risiken und Ramschkredite in Milliardenhöhe.

So endete die Operation Großbank wenig glanzvoll unter dem Sauerstoffzelt des Staats: Mit gleich zwei Milliardenspritzen musste die Regierung die Commerzbank im November 2008 und im Januar 2009 vor dem Ableben bewahren. 18,2 Milliarden Euro gab der Staat insgesamt und bekam dafür ein Viertel des Geldhauses.

Aus dem talentierten Herrn Blessing war plötzlich ein Staatsbanker geworden, der Rücksicht zu nehmen hat auf die Befindlichkeiten der Politik. Dessen Gehalt auf 500 000 Euro gedeckelt wurde. Der in Berlin Abgeordneten die Kosten für seinen Dienstwagen erklären muss.

"Halbfertige Sachen liegen lassen, das geht nicht"

"Das Beste an 2009 ist, dass es vorbei ist", sagt Blessing über das wohl härteste Jahr seines Lebens. Dürr und grau war der sonst so durchtrainierte Manager zeitweilig geworden. Und dann hat er sich vor ein paar Monaten auch noch die Bänder gerissen, beim Joggen. Ob er gelegentlich ans Aufgeben gedacht habe?

"Nein", sagt Blessing, "niemals. Halbfertige Sachen liegen lassen, das geht nicht." So hat er es von seinem Vater Werner, einst Vorstand bei der Deutschen Bank, gelernt, und von seinem Großvater Karl, dem ehemaligen Bundesbank-Präsidenten. "Nur der Feige resigniert", hatte der im Frühling 1971 gerufen, in seiner letzten öffentlichen Rede.

Deshalb also ist Martin Blessing an diesem Morgen in Kiel und versucht, wie überall im Land, die Belegschaften der Commerzbank und der Dresdner Bank zu einer Einheit zu formen. Unter allen Umständen will er beweisen, dass der Kauf der Dresdner kein Fehler war. Die Integration des Geldhauses ist seine wichtigste Mission. Misslingt sie, ist die Bank erledigt. Und er irgendwie auch.

"Jetzt wollen die Mitarbeiter ihn sehen, ihn anfassen, sich sicher sein, dass er den Karren mitzieht, und zwar in die richtige Richtung", sagt Klaus-Peter Müller, der geschmeidig an die Spitze des Aufsichtsrats gerückt ist. Deshalb stellt sich Blessing im Ausbildungszentrum Königstein den Fragen der Kursteilnehmer, hört sich in München die Sorgen der Firmenkundenbetreuer an und besucht in Kiel die Filialen. Unermüdlich fragt er die Mitarbeiter, wo es hakt und was sie umtreibt. Wann immer er kann, reißt er sich das Jackett vom Leib und am liebsten auch noch die Krawatte.

Blessing weicht keinem unangenehmen Thema aus. Fragen, die er nicht sofort klären kann, schreibt er in ein ledergebundenes Notizbuch. Zurück in Frankfurt müssen seine Leute sofort die Antworten herausfinden, dann bekommen die Mitarbeiter ein persönliches Schreiben vom Chef: "Betreff Ihrer Frage "

Das macht Eindruck. Der Blessing hat den Laden im Griff, sagen die Mitarbeiter anerkennend, er versteht die Details - und zwar in beiden Häusern. Schließlich hat er, bevor er 2001 als Vorstand in die Commerzbank kam, ab 1997 das Privatkundengeschäft der Dresdner geleitet - und dort nach dem Abitur auch seine Banklehre gemacht. Er kennt beide Kulturen, die gelbe der Commerzbank mit ihrem latenten Minderwertigkeitskomplex, und die grüne der Dresdner mit ihrer leicht elitären Beraterbank-Attitüde.


Korrektur

Der Spiegel korrigiert seine in der ursprünglichen Version dieses Beitrags geäußerten Kritik an den Bilanzierungspraktiken der Commerzbank.

Wertpapiere wurden nicht vom sogenannten Handels- in das Bankbuch umgebucht. Es handelte sich um eine Umkategorisierung innerhalb des Bankbuchs, aus der Kategorie "Available for sale" in die Kategorie "Loans and Receivables". Dadurch wurden keine Milliardenabschreibungen vermieden, denn diese Umbuchungen haben keine Auswirkungen auf die Gewinn- und Verlustrechnung.

Da die Commerzbank im Jahr 2008 keine Abwertung auf ihre Schulden vorgenommen hat, gab es dadurch keine Ergebnisverbesserung um 3,1 Milliarden Euro. Entsprechende Hinweise im Geschäftsbericht dienten nur als Pro-forma-Rechnung. Deshalb sind auch Berechnungen, nach denen die Commerzbank einen Verlust in Höhe von sieben Milliarden Euro hätte ausweisen können, nicht richtig und somit hinfällig.

Das Kreditvolumen der fusionierten Commerzbank ging 2009 im Vergleich zu 2008 nur dann zurück, wenn man die Commerzbank und die Dresdner Bank für das Jahr 2008 zusammen betrachtet. Der vorgenommene Vergleich des Handelsbestandes und des Nominalwerts der Derivate bezog sich hingegen auf die Commerzbank von 2008 ohne Hinzurechnung der Dresdner Bank. Auch der sogenannte Value at Risk ging im Jahr 2009 zurück, wenn man die beiden Banken in der Berechnung berücksichtigt. Generell hat die Commerzbank die Risiken - seit der Übernahme der Dresdner Bank - deutlich reduziert.

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1. ..spricht doch für sich....
flower power 25.05.2010
Zitat von sysopCommerzbank-Chef Martin Blessing gilt als der Anständige und Einsichtige unter den Bankern. In Berlin ist er wohlgelitten, große Erfolge kann er jedoch bisher nicht vorweisen. Um die Staatshilfen zurückzuzahlen, forciert er jetzt ausgerechnet das Investmentbanking. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,696219,00.html
Wann lernt Ihr endlich , endlich , dass Arbeit nicht durch Zocken ersetzt werden kann. Man braucht neue innovative Produkte mit einer Marktakzeptanz und keine wundersame Geldvermehrung auf Kosten der Anständigen. Absetzen, Rente streichen ! Oder die Bürger zahlen mal wieder für so eine Niete in Nadelstreifen. Wie war das doch mit den Taliban in Nadelstreifen. Entbindet den von der Macht Unheil anrichten zu können, aber schnell..... Der sollte sich um den Mittelstand und die KMU kümmern und nicht so ein Blödsinn verzapfen. Wirft Ihn rausssssss.
2. Anständigkeit sieht anders aus….
atipic, 25.05.2010
Herr Blessing hat die Commerzbank auf den Rücken von Kleinkunden wieder in die Gewinnzone gebracht, aber weil die Gewinnmarge immer noch nicht groß genug ist, müssen jetzt die Zocker ans Werk.
3. Oh nein....
Tom_63, 25.05.2010
Zitat von sysopCommerzbank-Chef Martin Blessing gilt als der Anständige und Einsichtige unter den Bankern. In Berlin ist er wohlgelitten, große Erfolge kann er jedoch bisher nicht vorweisen. Um die Staatshilfen zurückzuzahlen, forciert er jetzt ausgerechnet das Investmentbanking. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,696219,00.html
Er sollte das zocken lassen. Gut Ding und vor allem Erfolge brauchen seine Zeit.
4. Auf den ersten Blick
Berta, 25.05.2010
sehe ich dem an, das es ein Scharlatan ist.
5. Wo bleibt die Kontrolle durch den Staat?
hcmichael 25.05.2010
Hat der Bund und damit auch der Steuerzahler nicht durch die Finanzspritze einen Anteil von 25 Prozent plus eine Aktie übernommen? Wo sind aber nun die Kontrollen durch den Staat, um den verstärkten Wiedereinstieg in das riskante Investment-Banking durch die Commerzbank zu verhindern? Nicht vorhanden und auch nicht erforderlich, da Herr Blessing in den zweifelhaften "Experten" Asmussen, Weidmann und Weber die richtigen Duz-Freunde hat, um jegliche "unnötige" Einflussnahme durch den Staat abzublocken! Inzest, wohin man auch hinsieht im Verkehr von Bankern und Politikern!!! Dass die Commerzbank davon ausgeht, auch 2010 nicht einmal mit den Zinszahlungen auf die Einlage des Bundes zu beginnen, ist doch mehr als verwunderlich, zumal sich die Bank durch heimliche Gebührenerhöhungen für Transaktionen ihrer Kleinkunden und Minimalzinsen für Festgeldkonten eine goldene Nase verdient. Als Beispiel dafür möchte ich nur die Gebühren für Überweisungen aus dem Ausland anführen. Betrug das "Bearbeitungsentgelt" noch bis Ende 2009 1 Promille vom Überweisungsbetrag, so stieg es ab Januar 2010 auf 1,5 Promille plus einen Betrag von EUR 2,50 (= Entgelt für "Standardabwicklung"). Die Prozente mögen zwar als minimal angesehen werden, aber bei der Vielzahl solcher Bankgeschäfte - Beispiel: Bezieher von Altersbezügen aus Tätigkeit im Ausland, Zahlungen ausländischer Kunden an deutsche Unternehmen - kommen doch im Laufe eines Jahres Millionen zusätzlich in die Kassen der Commerzbank. Auch hier muss der Steuerzahler "Subventionen" an die marode Zocker-Bank zahlen! Der Filz zwischen Banken und Politik schreit wirklich zum Himmel und der arme Staatsbürger bleibt in seiner Ohnmacht wieder auf sich allein gestellt!
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Neue Boni-Regeln bei der Commerzbank
In dem neuen Vergütungssystem, das die Commerzbank 2010 einführt, bekommen Mitarbeiter der ersten und der zweiten Führungsebene einen Teil ihrer variablen Bezüge erst nach drei Jahren ausbezahlt. Die Höhe der Auszahlung hängt dann von der mittelfristigen Entwicklung des Aktienkurses ab. Ansprüche können auch komplett verfallen, etwa wenn zu hohe Risiken eingegangen wurden.

In den kapitalmarktnahen Bereichen wie dem Investmentbanking ist der variable Anteil der Gesamtvergütung höher als in den anderen Geschäftsfeldern. Er wird dort deshalb zu zwei Dritteln mit zeitlicher Verzögerung ausbezahlt. Ein Drittel wird dabei vorübergehend in eine sogenannte Bonus-Bank einbezahlt. Die dort gelagerten Beträge gehen nach einem bestimmten Rechenmodell verloren, wenn übermäßige Risiken eingegangen wurden und die Ergebnisse schlecht sind.

Das neue Vergütungsmodell für die Vorstände dürfte sich an ähnlichen Kriterien orientieren.

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