AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 21/2010

Tiere Beutegreifer im Wohnzimmer

Wolfshund Noomi: "Viel intensiver und ursprünglicher als ein Rassehund"
Stefan Thomas Kroeger

Wolfshund Noomi: "Viel intensiver und ursprünglicher als ein Rassehund"

Von

2. Teil: Dunkle, mysteriöse Aura


Die Rassen machten dann eher Karriere als vierbeiniges Accessoire für Individualisten: Anfang der achtziger Jahre wurde in der TWH-Zucht der letzte wahrhaftige Wolf mit einem Schäferhund gepaart, heutige Welpen sind mitunter gerade mal sechs oder sieben Generationen vom wilden Verwandten entfernt. Bei vielen Jagdhundrassen dürften es dagegen mehr als 500 Generationen sein.

"Manche Leute wollen so einen Hund nur wegen der Optik", berichtet TWH-Züchter Michael Eichhorn, "außerdem gelten die Tiere als unabhängig und schwer zu zähmen, sie haben eine dunkle, mysteriöse Aura - genau so wollen einige Halter selbst gern sein."

Wer sich aus reiner Romantik einen TWH ins Haus holt, sollte indes nicht allzu sehr an seiner Einrichtung hängen. "Diese Tiere sind viel erfinderischer als normale Hunde", berichtet Hundetrainer Bloch, "sie können hoch springen und sogar klettern, machen Fenster und Türen an den Griffen auf und graben Ihnen den Garten um." Für Hundeanfänger mit Etagenwohnung seien die "Tschechen" nichts.

"Meine erste TWH-Hündin hat die Sitze von drei Autos zerlegt und zu Hause alles zerbissen, was ihr zwischen die Zähne kam", berichtet Christian Berge aus Buchholz an der Aller. Auch im Haus von Jos de Bruin ist jede Tür bis tief ins Holz hinein zerkratzt: Wolfshunde sind nicht gern allein. "Man muss schon wissen, was man da am Strick hat", erklärt Halter Berge. Eigentlich ist er Anwalt, doch für den Job hat er jetzt keine Zeit mehr.

"Ehrfurcht und Glücksgefühle" bei der ersten Begegnung

Am Beispiel Berge lässt sich beobachten, wie der Mensch dem Mythos Wolf anheimfällt. Noch immer gerät er ins Schwärmen, wenn er an seine erste Begegnung mit einem der Tiere zurückdenkt: Da waren nur noch "Ehrfurcht und Glücksgefühle". Seither ist Berge hingebungsvoller Hobbyforscher, er kennt jeden Wolfswissenschaftler und so ziemlich alle Halter. Gegenwärtig verfasst er ein Buch über neue Rassen.

Über die sogenannten Amerikanischen Wolfhunde (AWH) berichtet er dort zum Beispiel, eine Rasse, die es offiziell nicht gibt. Wo sich der letzte Wolf im Stammbaum findet, ist schwer zu sagen. Einige Züchter verkaufen ihre Tiere als direkte Wolfsnachkommen.

Auch in Deutschland gibt es Züchter. Jan Schulze etwa jobbte als Schüler in einem Wildpark und zog Wölfe mit der Flasche auf; heute züchtet er im sächsischen Liebstadt AWH. "Klar wollte ich mir damit auch ein Stück Wildnis ins Haus holen", erklärt der Polizist. Für die Welpen seiner Hündin Mette meldeten sich fast 200 Interessenten.

"Ein durchgezüchteter Rassehund kam für mich nie in Frage", erklärt Schulze. "Schauen Sie sich doch zum Beispiel einen Mops an - ich finde es schlimm, was der Mensch aus dem Wolf gemacht hat." Seine Hunde, die für den Laienblick kaum von Wölfen zu unterscheiden sind, stammen von Züchtern aus England und den Niederlanden.

Der Wildnis-Faktor

Wolfsfan Berge holte seine tiefschwarze Noomi vor knapp drei Jahren aus Kanada. "Sie ist in ihrem Verhalten viel ursprünglicher und intensiver als ein Rassehund", erklärt Berge. "Sie ist freundlich und loyal, nicht so opportunistisch wie andere Hunde", schwärmt er, "sie hängt an mir, ohne dass ich ihr Leckerli geben muss."

Doch der Wildnis-Faktor, der für Halter wie Berge den Reiz der Mischlinge ausmacht, birgt auch Risiken. Denn je hochprozentiger der Wolfsmix, desto unberechenbarer das Verhalten der Tiere, etwa der schwer kontrollierbare Beutetrieb.

In Deutschland sind offiziell keine Angriffe von Wolfsmischlingen auf Menschen gemeldet; in den USA rangieren die Tiere in der Beißstatistik gleich hinter Pitbull-Terrier und Rottweiler - auch tödliche Attacken kommen vor.

"Haushunde haben sich in mehr als 15.000 Jahren dem Menschen und seinen Lebensbedingungen angepasst", kritisiert Hundeforscherin Feddersen-Petersen, "einen Wolf einzukreuzen ist immer ein Rückschritt." Am Institut für Haustierkunde der Kieler Uni hat die Wissenschaftlerin selbst bis Mitte der achtziger Jahre sogenannte Puwos erforscht, eine experimentelle Kreuzung aus Königspudel und Wolf. "Diese Tiere und ihre Nachkommen waren zeitlebens scheu und schreckhaft", sagt Feddersen-Petersen.

In den ersten Jahren, sagt auch Wolfsfreund Vogelsang, kommen die meisten Halter noch gut mit ihren Tieren zurecht: "Ein Hund kann ohne seinen Menschen nicht leben, er bleibt zeitlebens in einem infantilen Stadium", erklärt er. "Ein Wolf aber wird erwachsen, und dann kommen die Probleme."

"Kein vernünftiger Grund, einen Wolfsmischling als Haustier zu halten"

In seiner Küche im niedersächsischen Einbeck hat Vogelsang gerade für einen Wildpark bei Hannover vier graue Wolfsbabys mit der Flasche großgezogen. Die Handaufzucht soll ihnen die Scheu vor den Menschen nehmen. Für den Streichelzoo taugen die flauschigen Welpen dennoch nicht: "Die bleiben eben immer Beutegreifer", betont Vogelsang, "und alles, was Hunde können, können sie hundertmal besser."

Vogelsang warnt vor dem Trend zum Mischling - ein Wolfsverrückter ist er aber trotzdem. Neben seinem Haus, auf einer malerischen Anhöhe, hat er ein 5000-Quadratmeter-Gehege errichten lassen. Dort leben seine Wölfe, acht an der Zahl.

"Ich bin ein Teil meines Rudels", sagt Vogelsang. Fast jede Nacht geht er durch die Sicherheitstür ins Gehege, mit Vorliebe bettet er sich mit seinen pelzigen Gefährten zur Nacht. Einmal ging er mit einem frischkurierten Hexenschuss zu den Wölfen: Sofort witterte einer die Chance, die Rangordnung neu zu sortieren und sprang den Wolfshalter an: "Ich habe nur noch Zähne gesehen", erzählt Vogelsang. Seither mischt er sich nur noch unter sein Rudel, wenn er sich vollkommen fit fühlt.

"Für mich gibt es keinen vernünftigen Grund, einen Wolfsmischling als Haustier zu halten", sagt Vogelsang. Der Haushund der Familie ist da auch ganz unverdächtig: Es ist ein Beagle.



insgesamt 172 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Hans-Georg Pabst, 28.05.2010
1. Schlechte Erfahrung Mensch / Halbwolf
Die Tochter unserer Freunde in Langnau / Albis ging mit ihrem Blindenhund im Tierpark spazieren. Von hinten näherte sich ihnen eine Frau mit 1/2 Wolf-Deutschen Schäferhund. Der Mischling startete sofort einen Angriff auf den Blindenhund. Die Tochter riß ihren Hund hinter sich was zur Folge hatte,dass sich der Halbwolf in ihrem Bein verbiss. Fazit: ein halbes Jahr Krankenhaus mit vielen Operationen, über ein Jahr in Behandlung. Die Eigentümerin des Wolfs gewann den Prozess. Sie ist Vorsitzende des Vereins für Schäferhunde. Es gab keine Zeugen und die Richterin glaubte der lügenden Vereinsvorsitzenden mehr als der der fast blinden jungen Frau. Ein Glück das ich die Dame nicht kenne, ich hätte ihren Liebling erschlagen.
Naturhuf 28.05.2010
2. Nur mit Sondergenehmigung
Das Problem hier ist, dass viele Leute nicht wissen, worauf sie sich einlassen. Sie haben die Erfahrung nicht, mit solchen Tieren umzugehen! Es ist dann die Verantwortung des Züchters, diese Hybriden nur an Leute zu verkaufen, die genügend Erfahrung haben, aber das is ja auch leider nicht immmer der Fall wenn es um Geld geht und im Endeffekt leidet das betroffene Tier dann oft. Hier in den USA werden die Tiere dann häufig ausgesetzt oder abgegeben. Wir sehen das Problem auch mit vielen exotischen Tierarten, wie Servals zum Beispiel. Meiner Meinung nach sollte der Verkauf solcher exotischen Tieren allgemein verboten sein und nur mit Sondergenehmigung möglich sein! Wenn jemand wirklich so was Aussergewöhnliches haben will, dann würde man sich auch um eine Sondergenehmigung bemühen.
Rainer Helmbrecht 28.05.2010
3. Für einen titelfreies SpOn-Forum.
Zitat von Hans-Georg PabstDie Tochter unserer Freunde in Langnau / Albis ging mit ihrem Blindenhund im Tierpark spazieren. Von hinten näherte sich ihnen eine Frau mit 1/2 Wolf-Deutschen Schäferhund. Der Mischling startete sofort einen Angriff auf den Blindenhund. Die Tochter riß ihren Hund hinter sich was zur Folge hatte,dass sich der Halbwolf in ihrem Bein verbiss. Fazit: ein halbes Jahr Krankenhaus mit vielen Operationen, über ein Jahr in Behandlung. Die Eigentümerin des Wolfs gewann den Prozess. Sie ist Vorsitzende des Vereins für Schäferhunde. Es gab keine Zeugen und die Richterin glaubte der lügenden Vereinsvorsitzenden mehr als der der fast blinden jungen Frau. Ein Glück das ich die Dame nicht kenne, ich hätte ihren Liebling erschlagen.
In verschiedenen Tierparks ist es erlaubt Hunde mit zu nehmen. Mein Hund ist gut erzogen und bellt dort nicht rum, sondern geht unauffällig Fuß. Aber aus mehreren solcher Besuche weiss ich, dass die dort lebenden Wölfe, sich sofort geduckt haben und meinen Hund angreifen wollten. Wölfe halten Hunde nicht für nette Verwandte, sondern für eine Brotzeit. Natürlich gibt es Liebhaber und auch Käufer für solche Wölfe und Halbwölfe, aber man tut sich als Besitzer solcher Tiere keinen Gefallen. Hunde sind seit tausenden von Jahren Begleiter des Menschen, dieser Prozess hat bei diesen Tieren kaum angefangen. Ich glaube auch nicht an eine ganze Familie, die geeignet wäre, das besondere Verhältnis zu einem Wolf zu beachten. Als Hundebesitzer treffe ich öfter Menschen, die mich bitten meinen Hund ran zu nehmen, ihr Hund sei nicht ganz einfach und er gehöre dem Mann, oder dem Sohn und hätte selber Angst, vor dem Tier. Die Menschen wollen alles haben, machen sich aber keine Gedanken, dass man so ein Tier 10-12 Jahre betreuen muss. MfG. Rainer
Alzheimer, 28.05.2010
4. ...
Genau so wie normale Büroangestellte glauben, sich als Extremkletterer und -skifahrer sich profilieren zu müssen, meinen viele Hundefreunde, die nicht einmal mit einem Dackel zurecht kommen, sich als Wolfshalter versuchen zu müssen. Die Resultate können oft tödlich sein.
touri 28.05.2010
5. Wölfe und Hunde
Ich persönlich habe nichts gegen Wölfe aber ich weis auch dass diese Tiere in die Natur gehören und nicht in eine menschliche Behausung. Die Instinkte dieser Tiere sind auf das Überleben in der Natur ausgelegt, als Jäger mit einem festen Territorium in welchem keine fremden Artgenossen, zu denen Hunde nunmal auch zählen, gedulded werden. Kleinere Tiere sind im zweifelsfall Beute, also könnte man kaum jemals mit dem Tier ohne Leine rausgehen. Der Mensch hat Jahrunderte und länger gebraucht, um die Instinkte und das Verhalten der Tiere so umzuformen, dass aus ihnen nützliche Helfer und Gefährten werden konnten. Hund und Wolf unterscheiden sich in sehr viel mehr als nur im Aussehn oder Agressivität. Hunde verstehen instinktiv die Mimik und Gestik eines Menschen, sind daher sehr viel einfacher zu trainieren. Einem Wolf fehlen diese Fertigikeiten, da diese nunmal zum überleben in seiner natürlichen Umgebung nicht erforderlich sind. In kurzem, Wölfe gehören zur Natur, Hunde zum Menschen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© DER SPIEGEL 21/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.