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Ausgabe 21/2010

Tiere Beutegreifer im Wohnzimmer

Räuber, Mythos, Fabeltier - seit je schlägt der Urahn des Haushundes den Menschen in seinen Bann. Zunehmend sind Mischlinge aus Wolf und Hund gefragt.

Von

Wolfshund Noomi: "Viel intensiver und ursprünglicher als ein Rassehund"
Stefan Thomas Kroeger

Wolfshund Noomi: "Viel intensiver und ursprünglicher als ein Rassehund"


Auf dem Heimweg muss Jos de Bruin noch kurz beim Kaninchenzüchter vorbei. In dem Großbetrieb fallen immer mal ein paar Kadaver ab. De Bruin packt sie in einen schwarzen Müllsack, dann geht es nach Hause. Seine Wölfe haben Hunger.

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In Sonsbeck am Niederrhein kennen sie ihn alle, den Mann mit den wilden Tieren: Schon an der Zufahrt zu seinem Grundstück an der Schwarzen Straße hängt ein Hinweisschild mit Wolfsantlitz; das Haus des Niederländers verschwindet fast inmitten von Zäunen und Gehegen.

Im vorderen Freilauf vermelden die beiden Saarloos-Wolfhunde Ingo und Thira mit lautem Gebell, dass ein Fremdling naht; hinterm Haus verdämmert Lupi, der uralte Polarwolf, seinen Lebensabend. Nebenan hausen zwei Dingos.

Und dann sind da noch Thor, Tessy und die beiden Namenlosen: Vier Tiere in de Bruins Auffangstation sind Mischlinge - eigentümliche Halbwesen, weder Wolf noch Hund. Der Großvater der Geschwister Thor und Tessy war ein Wolf, sie sind Kreuzungen der ersten Nachkommengeneration, sogenannte F2-Hybriden. Die beiden Tiere ohne Namen sind direkte Wolfsnachkommen (F1), sie kommen aus einem niederländischen Tierheim.

Schöne, scheue Tiere sind das, die anders als die Hunde nicht den Kontakt zu Fremden suchen. "Sie sind ziemlich vorsichtig", erklärt de Bruin. Von ihrem Besitzer aber lassen sich Thor und Tessy den dichten Pelz zausen; sie lecken ihm die Hände, beschnüffeln sein Gesicht. "Thor nehme ich auch im Auto mit und gehe mit ihm spazieren", erzählt de Bruin.

Seit seiner Jugend ist der Niederländer allem verfallen, was nach Wolf aussieht; seinen ersten Mischling schaffte er Mitte der neunziger Jahre an. Seine damalige Frau war nicht begeistert vom Raubtier im Wohnzimmer und setzte das Duo vor die Tür. "Das Leben auf der Straße war nicht einfach", sagt de Bruin schlicht. Nach guter Wolfsmanier verputzte der Halbwolf ein paar Ziegen aus der Nachbarschaft; schließlich musste er eingeschläfert werden. Ein solches Schicksal will de Bruin anderen herrenlosen Halbwölfen ersparen: "Ich bin es meinem ersten Mischling schuldig, mich um diese Tiere zu kümmern", sagt er.

Ein Wolf ist ein mystisches Wesen

Über Jahrtausende mühte sich der Mensch, aus Canis lupus einen familientauglichen Gefährten zu machen, bestens angepasst an das Leben in Haus und Hof - einen Hund, der möglichst keine Schafe reißt und Herrchen als Rudelboss akzeptiert. Echte Wölfe kannten die Deutschen lange Zeit nur noch aus Tierparks und Märchenbüchern. Erst allmählich kehrt der Räuber zurück in die Wälder, in der Lausitz etwa. Rund 60 wilde Exemplare gibt es in Deutschland, nicht unbedingt zur Freude von Schäfern und Bauern. Und da sucht sich einer wie de Bruin ausgerechnet ein paar Halbwölfe als vierbeinige Freunde?

Wahre Wildnis-Fans finden das offenbar faszinierend. Regelmäßig bekommt de Bruin Anfragen von Leuten, die dringend einen Wolfsmix besitzen möchten. Und nicht nur er: Die Verhaltenswissenschaftlerin Dorit Feddersen-Petersen etwa leitete über Jahre ein Wolfsprojekt an der Kieler Uni: "Ständig riefen Halter an, die ihren Hund von einem Wolf decken lassen wollten", erinnert sie sich. Und Matthias Vogelsang, der als einer der wenigen Privatleute in Deutschland ein eigenes Wolfsrudel hält, bekommt 70 bis 80 Anfragen im Jahr.

"Möglichst viel Wolf im Hund finden einige Leute schick", berichtet auch der Hundetrainer Günther Bloch. "Ein Wolf ist ein mystisches Wesen. Mit einem Mischling wollen manche der Domestikation ein Schnippchen schlagen und ein ursprüngliches, einzigartiges Tier besitzen."

In den USA sind die Mischlinge Modetiere, mindestens 100.000 von ihnen leben bei privaten Haltern. Züchter werben mit dem hohen Anteil von Wolfsblut ihrer Tiere. Allerdings: "Oft wird da auch geschummelt", erzählt Monty Sloan vom Wolf Park in Battle Ground im US-Bundesstaat Indiana: Je mehr Wildtier im Welpen, desto mehr Geld können die Züchter verlangen.

Karriere als vierbeiniges Accessoire für Individualisten

Für Wölfe gilt das Washingtoner Artenschutzübereinkommen. In Deutschland brauchen potentielle Wolfsherrchen eine Genehmigung und müssen zudem ein besonderes Interesse an der Haltung sowie eine artgerechte Unterbringung nachweisen. Das gilt auch für die Nachkommen. Erst wenn die Romanze mit Isegrim fünf Generationen zurückliegt, geht der F5-Mischling rein rechtlich als Hund durch.

Offiziell gibt es hierzulande keine Züchter für Wolfskreuzungen, nur ganz wenige Tiere sind bei den Behörden gemeldet. Doch in der regen Szene der Wolfsenthusiasten ist von etwa 50 bis 60 Exemplaren die Rede. Alle wissen: Wer eine hochprozentige Kreuzung will, holt sie sich aus Holland oder Belgien oder reist gleich in die USA. Die Tiere kommen dann formal als Hundemischlinge ins Land. Einen Test, der zweifelsfrei nachweisen könnte, wie viele Generationen die letzte Einkreuzung zurückliegt, gibt es nicht.

Auch ohne kriminelle Energie indes kann sich in Deutschland jeder einen Hund mit Einkreuzung aus der Wildnis anschaffen: Es genügt ein Ausflug zu einem der Züchter für Saarloos- oder Tschechoslowakische Wolfhunde (TWH). Beide sind anerkannte, wenn auch seltene Hunderassen.

Die eine schuf einst der Niederländer Leendert Saarloos. Er wollte den Deutschen Schäferhund aufpeppen, indem er ihn mit einer Wölfin paarte. Der "Tscheche" dagegen, ursprünglich eine Kreuzung aus Karpatenwolf und Deutschem Schäferhund, sollte den Gehorsam des Hundes mit den feinen Sinnen und der Ausdauer seines Urahnen vereinen und war als Grenzhund vorgesehen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 172 Beiträge
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Seite 1
Hans-Georg Pabst, 28.05.2010
1. Schlechte Erfahrung Mensch / Halbwolf
Die Tochter unserer Freunde in Langnau / Albis ging mit ihrem Blindenhund im Tierpark spazieren. Von hinten näherte sich ihnen eine Frau mit 1/2 Wolf-Deutschen Schäferhund. Der Mischling startete sofort einen Angriff auf den Blindenhund. Die Tochter riß ihren Hund hinter sich was zur Folge hatte,dass sich der Halbwolf in ihrem Bein verbiss. Fazit: ein halbes Jahr Krankenhaus mit vielen Operationen, über ein Jahr in Behandlung. Die Eigentümerin des Wolfs gewann den Prozess. Sie ist Vorsitzende des Vereins für Schäferhunde. Es gab keine Zeugen und die Richterin glaubte der lügenden Vereinsvorsitzenden mehr als der der fast blinden jungen Frau. Ein Glück das ich die Dame nicht kenne, ich hätte ihren Liebling erschlagen.
Naturhuf 28.05.2010
2. Nur mit Sondergenehmigung
Das Problem hier ist, dass viele Leute nicht wissen, worauf sie sich einlassen. Sie haben die Erfahrung nicht, mit solchen Tieren umzugehen! Es ist dann die Verantwortung des Züchters, diese Hybriden nur an Leute zu verkaufen, die genügend Erfahrung haben, aber das is ja auch leider nicht immmer der Fall wenn es um Geld geht und im Endeffekt leidet das betroffene Tier dann oft. Hier in den USA werden die Tiere dann häufig ausgesetzt oder abgegeben. Wir sehen das Problem auch mit vielen exotischen Tierarten, wie Servals zum Beispiel. Meiner Meinung nach sollte der Verkauf solcher exotischen Tieren allgemein verboten sein und nur mit Sondergenehmigung möglich sein! Wenn jemand wirklich so was Aussergewöhnliches haben will, dann würde man sich auch um eine Sondergenehmigung bemühen.
Rainer Helmbrecht 28.05.2010
3. Für einen titelfreies SpOn-Forum.
Zitat von Hans-Georg PabstDie Tochter unserer Freunde in Langnau / Albis ging mit ihrem Blindenhund im Tierpark spazieren. Von hinten näherte sich ihnen eine Frau mit 1/2 Wolf-Deutschen Schäferhund. Der Mischling startete sofort einen Angriff auf den Blindenhund. Die Tochter riß ihren Hund hinter sich was zur Folge hatte,dass sich der Halbwolf in ihrem Bein verbiss. Fazit: ein halbes Jahr Krankenhaus mit vielen Operationen, über ein Jahr in Behandlung. Die Eigentümerin des Wolfs gewann den Prozess. Sie ist Vorsitzende des Vereins für Schäferhunde. Es gab keine Zeugen und die Richterin glaubte der lügenden Vereinsvorsitzenden mehr als der der fast blinden jungen Frau. Ein Glück das ich die Dame nicht kenne, ich hätte ihren Liebling erschlagen.
In verschiedenen Tierparks ist es erlaubt Hunde mit zu nehmen. Mein Hund ist gut erzogen und bellt dort nicht rum, sondern geht unauffällig Fuß. Aber aus mehreren solcher Besuche weiss ich, dass die dort lebenden Wölfe, sich sofort geduckt haben und meinen Hund angreifen wollten. Wölfe halten Hunde nicht für nette Verwandte, sondern für eine Brotzeit. Natürlich gibt es Liebhaber und auch Käufer für solche Wölfe und Halbwölfe, aber man tut sich als Besitzer solcher Tiere keinen Gefallen. Hunde sind seit tausenden von Jahren Begleiter des Menschen, dieser Prozess hat bei diesen Tieren kaum angefangen. Ich glaube auch nicht an eine ganze Familie, die geeignet wäre, das besondere Verhältnis zu einem Wolf zu beachten. Als Hundebesitzer treffe ich öfter Menschen, die mich bitten meinen Hund ran zu nehmen, ihr Hund sei nicht ganz einfach und er gehöre dem Mann, oder dem Sohn und hätte selber Angst, vor dem Tier. Die Menschen wollen alles haben, machen sich aber keine Gedanken, dass man so ein Tier 10-12 Jahre betreuen muss. MfG. Rainer
Alzheimer, 28.05.2010
4. ...
Genau so wie normale Büroangestellte glauben, sich als Extremkletterer und -skifahrer sich profilieren zu müssen, meinen viele Hundefreunde, die nicht einmal mit einem Dackel zurecht kommen, sich als Wolfshalter versuchen zu müssen. Die Resultate können oft tödlich sein.
touri 28.05.2010
5. Wölfe und Hunde
Ich persönlich habe nichts gegen Wölfe aber ich weis auch dass diese Tiere in die Natur gehören und nicht in eine menschliche Behausung. Die Instinkte dieser Tiere sind auf das Überleben in der Natur ausgelegt, als Jäger mit einem festen Territorium in welchem keine fremden Artgenossen, zu denen Hunde nunmal auch zählen, gedulded werden. Kleinere Tiere sind im zweifelsfall Beute, also könnte man kaum jemals mit dem Tier ohne Leine rausgehen. Der Mensch hat Jahrunderte und länger gebraucht, um die Instinkte und das Verhalten der Tiere so umzuformen, dass aus ihnen nützliche Helfer und Gefährten werden konnten. Hund und Wolf unterscheiden sich in sehr viel mehr als nur im Aussehn oder Agressivität. Hunde verstehen instinktiv die Mimik und Gestik eines Menschen, sind daher sehr viel einfacher zu trainieren. Einem Wolf fehlen diese Fertigikeiten, da diese nunmal zum überleben in seiner natürlichen Umgebung nicht erforderlich sind. In kurzem, Wölfe gehören zur Natur, Hunde zum Menschen.
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